Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und Homöopathie

veröffentlicht um 12.07.2018, 12:39 von Forum Homöopathieverein Bayreuth   [ aktualisiert: 05.08.2018, 03:49 ]
Die mehr als 2500 Jahre alte Heilkunst der Chinesischen Medizin und die aus einem ganz anderen Kulturkreis stammende klassische Homöopathie: Was haben sie gemeinsam, was unterscheidet sie und wie können beide Heilsysteme zum Wohle des Patienten genutzt werden?
Das waren die wesentlichen Fragen, mit denen sich Dr. med. Wolfgang Dittmar, Facharzt für Allgemeinmedizin, TCM-Therapeut und klassischer Homöopath aus Bayreuth, in seinem Vortrag „Traditionelle Chinesische Medizin und Homöopathie – Berührungspunkte“ am 22. März 2018 im Gemeindehaus St. Georgen beschäftigte. Um es grundsätzlich zu sagen: die Berührungspunkte sind vielfältig. Beide Heilmethoden betrachten den Menschen als Ganzheit, also als Einheit von Körper, Seele und Geist. Beide behandeln nicht eine Krankheit, sondern das Individuum. Dies verdeutlichte Dr. Dittmar eingangs an einem Beispiel. Bei verschiedenen Personen wird die einheitliche schulmedizinische Diagnose „Magengeschwür“ gestellt. Doch der TCM-Arzt erkennt bei ihnen völlig unterschiedliche „Disharmoniemuster“ und leitet daraus unterschiedliche Verordnungen ab. Auch der Homöopath gelangt auf der Basis individueller Anamnese zu verschiedenen Mitteln.
Beiden Methoden geht es weiter darum, die Selbstheilungskräfte des Organismus im Krankheitsfall zu mobilisieren. In der Homöopathie bedeutet dies, die immaterielle Lebenskraft, die durch den Krankheitsprozess verstimmt ist, zurückzugewinnen. Auch die TCM verfolgt das Ziel, Lebensenergie bzw. ein harmonisches Gleichgewicht wieder herzustellen. Doch um zu verstehen, wie letzteres geschieht, muss man die Grundlagen der TCM kennen. So war es unumgänglich, dass Dr. Dittmar ausführlich darauf einging.

Zentrale Begriffe der TCM sind das Yin-Yang-System und das Qi (sprich „tschi“). Ersteres beschreibt die Gegensätzlichkeit aller Erscheinungen und Lebensvorgänge. Das Verhältnis dieser Gegensätze ist fließend und nicht starr, was folgende Grafik veranschaulicht:



Gesundheit lässt sich als harmonisches Zusammenspiel beider Aspekte beschreiben, bei Krankheit ist dieses dynamische Gleichgewicht gestört. Ziel jeder Therapie muss es deshalb sein, die Harmonie von Yin und Yang wieder herzustellen.
Qi dagegen ist das, was in der westlichen Medizin als „Lebensenergie“ gelten kann. Es hat vielfältige Funktionen und zirkuliert in Bahnen, den Meridianen. Über Akupunkturpunkte, die auf diesen Energiebahnen liegen, ist es möglich, das Qi zu beeinflussen.
Ein ebenso bedeutsamer Bestandteil der TCM ist die Lehre von den 5 Elementen oder Wandlungsphasen. Darin wird der Zyklus der Naturelemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser dargestellt, ein Modell, das auf Abläufe im menschlichen Körper übertragen wird. Jeder Wandlungsphase ist ein bestimmter Funktionskreis zugeordnet, welcher mit einem Organnamen bezeichnet wird. Während in der westlichen Schulmedizin der Organbegriff auf die rein physiologisch-biochemischen Prozesse bezogen wird, charakterisiert er in der TCM die vitalen Funktionen, die dem Organ zugeschrieben werden, sowie die Yin/Yang-Eigenschaften. So besteht die Bedeutung des Funktionskreises Lunge/Yin)-Dickdarm(Yang) darin, dass die Lunge über das Qi und die Atmung herrscht. Die völlig andere Denkweise als in der Schulmedizin zeigt sich auch beim Funktionskreis Herz-Dünndarm. In der TCM regiert das Herz das Blut und hat großen Einfluss auf das Aussehen der Zunge. Diese ist gleichsam ein Sichtfenster auf den Zustand von Herz und Blut.
Einen weiteren Schwerpunkt in Dr. Dittmars Vortrag bildete die Fallaufnahme und die Diagnostik in der TCM. Wie in der Homöopathie charakterisieren die jeweiligen Krankheitssymptome die Einzigartigkeit  des Individuums. Steht bei der homöopathischen Anamnese die Befragung des Patienten im Vordergrund, so  erfasst die TCM auch die Funktionen der Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Tasten). Eine besondere Stellung in der TCM-Diagnostik haben der Zustand der Zunge sowie die Eigenschaften des Pulses, zwei Methoden, die in der Homöopathie eine untergeordnete Rolle spielen. Dennoch können sich beide Heilmethoden bei der Fallaufnahme wechselseitig ergänzen.
Berührungspunkte zwischen beiden Naturheilmethoden gibt es auch bei der Miasmenlehre Hahnemanns, also seiner Theorie der Entstehung chronischer Krankheiten. Dr. Dittmar erläuterte kurz die drei miasmatischen Grundformen, aus denen sich die Vielfalt der Erscheinungsformen chronischer Krankheiten ableitet: Psora, Sykosis und Syphilis. Besonderes Augenmerk widmete er dem Phänomen, dass die (allopathische) Unterdrückung von Symptomen, z. B. bei der Neurodermitis, einen „Etagenwechsel“ der Erkrankung nach sich zieht, etwa als Asthma. 
Wenn man nach diesem Vortrag ein Résumé ziehen soll, dann dieses: Dr. Dittmar hat uns eine Denkwelt von Gesund- und Kranksein, aber auch Heilung von Krankheiten nahe gebracht, die den meisten von uns fremd war,  für die wir ihm aber dankbar sind. Sein von profundem ärztlichen Können geprägter Vortrag hat wieder einmal deutlich gemacht, was komplementäre Heilmethoden neben der westlich- akademischen Medizin zu leisten vermögen.

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