Homöopathisch körperliche und seelische Traumata behandeln

veröffentlicht um 22.09.2019, 02:11 von Forum Homöopathieverein Bayreuth

Zahlreiche Zuhörer hatten sich im Gemeindehaus St. Georgen eingefunden, um am 06. April 2019 zwei der angesehensten und erfahrensten homöopathischen Therapeuten in Deutschland, Herrn Dr. med. Klaus Roman Hör aus Waldmünchen und Frau Dr. v. d. Planitz aus Bayreuth, zu hören. Sie  waren die Referenten eines Doppelvortrags zur Thematik „Homöopathische Behandlung körperlicher und seelischer Traumata“. Herr Dr. Hör übernahm unter dem Titel „Akute und chronische körperliche Traumata – Behandlungsstrategien der Homöopathie“ die körperlichen Aspekte, während sich Frau Dr. v. d. Planitz dem Thema „Homöopathische Begleitbehandlung bei seelischen Traumata“ widmete.

Dr. Hör betonte eingangs, dass eine Verletzung alle Ebenen des Menschen erfassen kann. Dementsprechend erfordere sie auch eine Heilweise, die die Komplexität der Verletzung berücksichtigt. Dies könne die Homöopathie leisten. Dr, Hör belegte diese Aussage an den Arzneibildern wichtiger Verletzungs- und Wundmittel, getreu dem Prinzip der homöopathischen Therapie „Gleiches wird mit Gleichem geheilt“. Er begann mit Arnica, das als bedeutendstes Wundheilmittel gilt. Arnica hilft aber nur unter bestimmten Voraussetzungen, nämlich bei Patienten, die sich „gut drauf“ fühlen, ja sogar die Arznei nur widerspenstig einnehmen (ganz im Gegensatz zu solchen, die ihr Leiden betonen und deshalb Coffea benötigen). In körperlicher Hinsicht ist der Bluterguss  (Hämatom) ein wichtiges Symptom für Arnica. Sein Einsatzbereich ist vielfältig: er reicht von stumpfen Gewebeverletzungen über Zerrungen und  Verstauchungen bis hin postoperativen Zuständen, auch nach zahnärztlichen Eingriffen. 

Bellis perennis, das Gänsblümchen, hat die gleiche Wirkung wie Arnica, hat sich aber eher bei Verletzungen bewährt, die in der Tiefe des Gewebes empfunden werden, z. B. nach Verletzung der Gebärmutter. Auch die Gemütssymptome sind ähnlich wie bei Arnica. Es handelt sich um reizbare Patienten, die spät zum Arzt kommen.

Calendula, die Ringel- oder Studentenblume, gilt als Heilmittel für offene Wunden, also Schürf-, Riss – oder Quetschwunden, bei denen die Wundränder auseinander klaffen. So wird ein Dammriss mit warmer Calendula-Lösung behandelt. In mentaler Hinsicht handelt es sich um selbstbewusste, oft diktatorisch auftretende Menschen.

Millefolium (von Achillea millefolium, die Schafgarbe)-Patienten ähneln denen, die Arnica benötigen, was die Haltung gegenüber der Verletzung betrifft. Sie empfinden sich als „Helden“ (man zeigt keine Schwäche) oder fordern Respekt ein. Als wichtiges körperliches Symptom gilt eine hellrote Blutung, z. B. bei der Mensis oder nach einer Zahnextraktion.

Interessant ist, dass sich alle bisher erwähnten Mittel von den Korbblütlern ableiten. In ihren Arzneibildern spielt „Kampf“ eine besondere Rolle.

Ledum (der Sumpfporst) ist ein wichtiges Mittel bei Stichwunden, wie sie durch Nadeln (auch Injektionsnadeln) Nägel oder Splitter verursacht werden. Die Wunde fühlt sich kalt an, und der Patient verlangt auch nach Kälte.

Hypericum (das Johanniskraut) ist das Mittel der Wahl bei Nervenverletzungen, z. B. an Zahnnerven oder an den Nerven der Fingerspitzen.

Bei Verrenkungen und Verstauchungen, Zerrungen der Sehnen und Bänder hat sich Ruta (die Gartenrauke) bewährt. Was die Psychostruktur von Ruta-Patienten betrifft, so handelt es sich um ehrgeizige Menschen, die auch dazu neigen, sich übernehmen. 

Rhus toxicodendrum (der „Giftsumach“ aus Nordamerika) wirkt ähnlich wie Ruta, sein Arzneibild unterscheidet sich aber davon, dass die Patienten ein ausgesprochenes Bedürfnis nach Bewegung haben.

Als wichtiges „Knochenmittel“ gilt Symphytum (der Beinwell). Es wird bevorzugt eingesetzt, wenn sich nach Knochenbrüchen die Wundheilung verzögert.

Von den Verbrennungsmitteln sei Cantharis (aus dem Sekret des Käfers  Cantharis vesicatoria /„Spanische Fliege“) hervorgehoben. Das wichtigste Merkmal seines Arzneibildes ist die Blasenbildung der Brandwunde.


Die für viele überraschende Erkenntnis, dass für die erfolgreiche Behandlung körperlicher Traumata auch die Psychostruktur eine wichtige Rolle spielt, dass also Homöopathie immer die Einheit von Körper, Seele und Geist sieht, zog sich auch wie ein roter Faden durch die Ausführungen von Frau Dr. v. d. Planitz.

Ein seelisches Trauma ist eine tiefe seelische Verletzung, mit schwer wiegenden Folgen für das Leben. Es gibt kaum ein seelisches Trauma, das sich nicht auch körperlich auswirkt. Angesichts der Ohnmacht und Hilflosigkeit, die das traumatisierende Ereignis auslöst, suchen die Betroffenen nach einem Ausweg, damit umzugehen: sie verdrängen das belastende Erlebnis, so z. B. die Menschen der Kriegsgenerationen, bei denen es nur ums nackte Überleben ging.

In der psychotherapeutischen Behandlung Traumatisierter wird versucht, das „abgespaltene“ Traumagedächtnis in das Leben zu integrieren, so dass das traumatische Ereignis als Teil der Biographie verstanden werden kann. Die Homöopathie kann auf die seelische Struktur bei der Traumabewältigung reagieren und diesen Prozess beschleunigen.

Traumaerfahrungen sind sehr vielfältig: Naturkatastrophen, Kriege und Folter, der Verlust geliebter Personen, sexuelle Gewalt. Chronische Traumatisierung äußert sich in dem Gefühl von Kränkung, Vernachlässigung,  existentiellem Verlassensein.

Anhand bestimmter homöopathischen Arzneimittelbilder differenzierte dann Frau Dr. v. d. Planitz seelische und körperliche Auswirkungen traumatischer Ereignisse.

Sie begann mit Aconitum napellus (dem „Sturmhut“), der bei körperlichem und seelischem Schock angezeigt ist. Betroffene sind zu keiner Abwehr des traumatischen Erlebnisses fähig, und die Erinnerung  meldet sich aus nichtigen Ursachen immer wieder, z. B. in Form von Todesangst.

Ganz anders reagieren Menschen, die bei einem schweren Unfall in Schockstarre verfallen und dann wie betäubt wirken. Man muss sie schützen, da sie in diesem Zustand - wie in einem Traum -  nicht mehr auf weitere Gefahren reagieren können. Homöopathisch kann man sie mit einigen Gaben Opium relativ rasch wieder in die Realität holen. 

Auch Arnica wirkt gegen seelischen Schock, jedoch vorwiegend bei solchen Menschen, die die Schwere ihrer Verletzung bagatellisieren oder verleugnen, dazu Angst haben, behandelt oder nur berührt zu werden. Auf Ärzte und Helfer reagieren sie grantig und mit Abwehr,

Das Gefühl von tiefer seelischer Zerstörung (etwa nach sexueller Gewalt), Ohnmacht und Hilflosigkeit, innerer Wut trotz äußerer Liebenswürdigkeit, oder auch das Gefühl „geschnitten“  worden zu sein, sind Symptome für den Einsatz von Staphisagria, eines südeuropäischen Hahnenfußgewächses, das ebenso bei Schnittverletzungen am Körper, z.B. infolge einer Operation, ein wichtiges Mittel darstellt.

Ignatia (aus den Samen der Ignazbohne) ist ein großes Mittel  bei Kummer als Folge einer seelischen Verletzung. Die Patienten sind erstarrt im Leid (z. B. bei Verlust eines Kindes). Der seelische Zustand ist  in manchen Bereichen mit den Symptomen von Nux vomica (aus der gleichen Pflanzenfamilie) verwandt: Gedankenkreisen, Unfähigkeit zum Loslassen. Auf körperlicher Ebene sind beide extrem sensibel gegenüber Genussmitteln (Kaffee, Alkohol, oft sogar gegen Kamillentee und andere pflanzliche Drogen).

Natrium muriaticum (Kochsalz) kommt bei Folgen von tiefem Kummer (enttäuschter Liebe) in Frage. Die Menschen verbergen ihren Kummer und wirken unnahbar (aus Furcht vor erneuter Verletzung). Oft sind sie Opfer von sexuellem Missbrauch und Gewalt oder chronischer emotionaler Vernachlässigung.

Eine besondere Rolle in der homöopathischen Traumabehandlung spielen die Nachtschattengewächse Belladonna (Tollkirsche), Hyoscyamus (Bilsenkraut) und Stramonium (Stechapfel). Sie sind dann angezeigt, wenn die traumatischen Erlebisse besonders heftig gewesen sind und der ehemalige Schrecken aus geringsten Anlässen (z.B. ein bestimmter Geruch, eine bestimmte Geste, ein bestimmtes Bild etc.) wieder wie ein flash back erlebt wird. 

Im Falle von Belladonna sind es oft beängstigende Bilder, die sie verfolgen (z. B. verstümmelte Lebewesen etc.) Hyoscyamus passt u.a. zu kriegstraumatisierten Menschen, die sich ihr Leben  lang weiterhin wie im Krieg fühlen,   Stramonium zu solchen, deren Grundgefühl ähnlich wie das „Alleinsein in der Wildnis“ erlebt wird, die sich den Schrecken vollkommen hilflos ausgeliefert fühlen, sich vor dem Bösen fürchten oder auch nur davor, durch einen dunklen Tunnel fahren zu müssen. 

Alle diese Mittel, aber noch viele andere, können dazu verhelfen, die Ängste mit ihren körperlichen Begleiterscheinungen zu verlieren oder sie in schweren Fällen in einer Traumatherapie viel schneller zu bearbeiten und zu integrieren.


Wir sind mit dem Gefühl auseinander gegangen, eine Sternstunde der Homöopathie erlebt zu haben, dank unserer Referenten! 

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