Zum zweiten Mal in diesem Jahr konnten wir nach der langen Corona-Pause wieder einen Vortrag in unserem neuen Domizil, St. Hedwig in Bayreuth, anbieten. Und zum fünften Mal war einer der prägendsten Persönlichkeiten in der deutschen und internationalen Homöopathie zu Gast, Dr. med. Klaus Roman Hör, Allgemeinarzt und Zahnarzt aus Waldmünchen. Mit seinem Vortragsthema „Behandlung von Entzündungen – worin sich die Homöopathie von der Schulmedizin unterscheidet“ bekräftigte er seine Verbundenheit mit unserem Homöopathieverein.
Entzündungen jeglicher Art sind alltägliche Vorkommnisse in der ärztlichen Praxis. Dr. Hör charakterisierte sie zunächst in grundsätzlicher Hinsicht, und zwar als Abwehrreaktionen des Körpers auf Erreger (Bakterien, Viren) oder auf interne bzw. externe Reize. Das jeweilige Reaktionsmuster ist äußerst komplex. Nach einem Überblick über die verschiedenen Formen von Entzündungen ging Dr. Hör näher auf die Herangehensweise der Schulmedizin bei Entzündungen ein. Sie besteht darin, die Erreger zu identifizieren und die Entzündung zu hemmen, meist durch Eliminierung der Erreger mittels Antibiotika. In diesem Zusammenhang ging Dr. Hör auf zwei spezielle Aspekte ein. Zum einen das Fieber, zum anderen den Einsatz von Breitbandantibiotika.
Fieber ist aus der Sicht der Schulmedizin eine belastende Erscheinung, die durch entsprechende fiebersenkende allopathische Medikamente kurzfristig bekämpft werden kann. Anhand der Reaktionen des Immunsystems verdeutlichte Dr. Hör, dass die Verhinderung von Fieber dem Körper jedoch seine allgemeine Waffe gegen eine Entzündung nimmt. Deswegen sollte man sich von dem Grundsatz leiten zu lassen: Fieber stehen lassen!
Breitbandantibiotika werden zunehmend routinemäßig verordnet, selbst gegen relativ harmlose Bakterien. Die Gefahr liegt darin, dass sich Resistenzen gegen die Antibiotika ausbilden und diese unwirksam werden.
Wie geht nun die Homöopathie bei Entzündungen vor? Kurz gesagt: über das körpereigene Immunsystem. Zunächst ist eine klare Diagnose der Erkrankung unabdingbar, Ort und Art der Entzündung müssen eindeutig festgestellt werden. Die Mittelwahl erfolgt aber nicht durch die Diagnose, sondern über die individuelle Symptomatik des Patienten. Diese zu eruieren, ist die Hauptaufgabe des homöopathischen Therapeuten. Das gegebene Mittel muss jedoch 100%ig auf die Situation „passen“, sonst tritt keine Wirkung ein. An mehreren Fallbeispielen verdeutlichte Dr. Hör, welche Probleme mit diesem Vorgehen verbunden sein können.
Fall 1: Nagelbettentzündung an allen Fingern bei einem 11jährigen Mädchen
Zunächst wird Silicea verordnet, aber die Wirkung bleibt nicht befriedigend. Dann berichtet das Kind von einem „Klopfen“ unter den Nägeln, ein Symptom, das erfolgreich von Belladonna abgedeckt wird.
Fall 2: Nach einer Zahnextraktion, die nicht sauber ausgeführt wurde, erleidet ein junger Mann eine Streptokokken-Infektion mit anschließender rheumatischer Arthritis. Heilung erfährt er jedoch nur die Schilderung eines authentischen Traums, nämlich der Angst vor einem Examen wegen mangelnder Vorbereitung. Dieses psychisch-emotionale Symptom kann durch Phytolacca abgedeckt werden.
Fall 3: Ein 55jähriger Patient klagt über Halsschmerzen rechts, die zum Ohr ziehen. Die Verordnung von Lycopodium bleibt wirkungslos, ebenso, nachdem von entsprechenden Schmerzen links berichtet wird. Erst ein neues Symptom, nämlich Halsschmerzen beim Niesen, leitet Heilung ein, und zwar durch die Verordnung von Phosphor.
Diese und weitere von Dr. Hör vorgestellten Beispiele zeigen, worauf es bei der homöopathischen Therapie ankommt: entscheidend ist nicht die Diagnose, sondern die Symptomatik und ihre Entwicklung während der Erkrankung. Der Arzneischatz von etwa 3500 Mitteln ist ein nahezu unerschöpfliches Reservoir, um dieser Realität gerecht zu werden.
Dr. Hör wurde mit großem Beifall für sein beeindruckendes, lebendiges Referat gedankt.