Horst Schwebel
 Von der Kraft der Stille


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Von der Kraft der Stille. Lässt sich Stille inszenieren?

Vortrag gehalten auf der Tagung „Räume der Stille. Zuflucht im Lärm der Zeit“
am 21. März 2003 in der Katholischen Akademie in Bayern

I.

Es ist bekannt, dass es seitens der beiden großen Kirchen in der Bundesrepublik nur noch vereinzelt zu Kirchenneubauten kommt. Anlass zu einem Neubau sind beispielsweise ein Brand, der Zuzug von Russlanddeutschen in eine Region, spezielle Industrieansiedlungen, die etwa in einem vormals katholischen Gebiet eine evangelische Kirche erforderlich machen – also keine Normalfälle, sondern immer spezielle Situationen, die zu einem Kirchenneubau führen.

Weitaus häufiger begegnet man dem Fall, dass es in einer Stadt oder in einer ländlichen Region – hier meist in Ostdeutschland – zu viele Kirchen gibt, die nicht mehr gottesdienstlich genutzt werden und die umgenutzt und eventuell sogar aufgegeben werden müssen, weil das Geld für die Instandhaltung des Gebäudes nicht mehr vorhanden ist. Dieses Problem wurde zunächst in Großstädten virulent, deren Zentren sich auf Grund der Abwanderung der Bevölkerung in die Außenbezirke entleerten, deren Zahl innerstädtischer Kirchen gleichwohl konstant blieb. Denn selbst wenn die Zahl der Kirchenmitglieder schwindet und damit das Steueraufkommen – dies aber auch auf Grund neuerer Gesetzgebung - , bleibt der Gebäudebestand der Kirchen zunächst einmal auf gleicher Höhe erhalten. - Nach der Wiedervereinigung hat sich gezeigt, dass dies nicht allein ein Stadtproblem ist.

In Ostdeutschland lassen sich längst nicht mehr alle Kirche erhalten. In einer der ostdeutschen evangelischen Landeskirchen kommen beispielsweise auf ca. 700000 Mitglieder ca. 2200 Kirchen. Statistisch gesehen müssten ca. 315 Kirchenmitglieder eine Kirche erhalten, unabhängig von allen sonstigen für eine Kirchengemeinde anfallenden Kosten: Pfarrerbesoldung, Küster, Organist, Kindergarten usw. Für die für den Kirchenbau Verantwortlichen ist darum die Frage vordringlich, wie man mit den zu groß gewordenen oder nicht mehr gottesdienstlich zu nutzenden Kirchenräumen umgeht. Soll man beispielsweise in die Kirchenräume kirchliche Gemeinschaftsräume einbauen, um andere Gebäude – etwa das Gemeindehaus - abzustoßen? Lassen sich Finanzierungsmodelle mit Fremdnutzern finden? Wie weit kann man kirchlicherseits eine Umnutzung tolerieren? - Die Kirche als Ausstellungsraum für Kunstausstellungen wird man akzeptieren können. Aber eine Kirche als Kneipe oder eine Kirche als Moschee?

Man möchte hierzulande verhindern, dass Zustände eintreten wie in England und in den Niederlanden, wo die eine Kirche zum Nobelrestaurant, die andere zum Hotel, eine andere zum Tanzstudio, eine andere zur Radiostation, einige zu Diskotheken und gar zu Kaufhäusern geworden sind. Soweit ist man in Deutschland noch nicht, obgleich es auch schon einige Umnutzungen von Kirchen in Gaststätten gibt und man mit Sicherheit sagen kann, dass vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, in Brandenburg und in Sachsen viele Kirche – unabhängig von der Konfession – in ihrem Bestand nicht mehr erhalten werden können.

Angesichts dieser Situation mag es überraschen, dass es gleichwohl in einem nicht unbeträchtlichen Maße zu der Bau- und Gestaltungsaufgabe von Räumen der Stille kommt, bei der die Kirchen institutionell in unterschiedlicher Weise mitwirken. Bei dem zu behandelnden Feld geht es um Kirchen, Kapellen und Meditationsräume, die außerhalb der Arbeit der Kirchengemeinden angesiedelt sind. Dazu gehören beispielsweise die Krankenhauskapellen und in den Krankenhäusern zusätzlich spezielle Abschiedsräume, in denen die Angehörigen in Würde von dem Verstorbenen Abschied nehmen können. Bei diesen Räumen – ebenso wie bei Friedhofskapellen - handelt es sich um Räume, bei denen zu beachten ist, dass auch Personen anderer Religionen diese Räume in Anspruch nehmen. Die Interreligiosität bezieht sich auch auf Meditationsräume in Flughäfen, Bahnhöfen und bei Messeanlagen. So gibt es eine Kapelle bei der UNESCO in Paris, eine andere im Bundestag in Berlin und sogar eine im neuen Fußballstadion von Schalke 04. Einer großen Resonanz erfreuen sich die Autobahnkirchen. Kirchen als Institutionen beteiligen sich meist an der Planung und Ausgestaltung, oft oder zumindest zum Teil an der Finanzierung und meist an der personalen Betreuung und Pflege der entsprechenden Einrichtungen.

In den Krankenhauskapellen und in den Autobahnkirchen finden zwar Gottesdienste statt; trotzdem ist die Räumlichkeit auf die Belange von Einzelpersonen ausgerichtet: bei der Krankenhauskapelle auf Patienten, im Ernstfall auf eine Person, die einen negativen medizinischen Befund erhalten hat oder eine Person vor einer Operation. In der Autobahnkapelle geht es um Einzelne und Familien, die im Gästebuch für persönliche Belange, für ihre Angehörigen oder schlicht um einen guten Ausgang der angetretenen Reise bitten.

Die Ausrichtung auf Einzelpersonen ist den Kirchen nicht unbekannt. Die Krypten der Romanik, die Seitenkapellen und Nischen in der Zeit danach waren der privaten Andacht vorbehalten. Bemerkenswert ist, dass im Kirchenbau des 20. Jahrhunderts die Privatandacht des Einzelnen zugunsten der Feier der versammelten Gemeinde zurückgedrängt wurde. Das betrifft bereits Johannes von Ackens Idee von der „Messopferkirche“ aus dem Jahr 1922, ebenfalls die Raumvorstellungen von Rudolf Schwarz, die Circumstantes-Vorstellung von Dominikus Böhm und Martin Weber bis hin zum 2. Vatikanischen Konzil. Auch für den protestantischen Architekten Otto Bartning ging es beim Kirchenbau primär um die Verwirklichung einer Gemeinschaftsidee, weshalb er für seinen Entwurf der Sternkirche (1922) von der Theologischen Fakultät der Universität Königsberg bereits zwei Jahre danach mit dem theologischen Ehrendoktor ausgezeichnet wurde. Die katholischen wie die evangelischen Kirchbaumeister, aber auch die Theoretiker von Romano Guardini bis Klemens Richter und Albert Gerhards auf katholischer Seite, Gerhard Kunze, Oskar Söhngen und Rainer Volp auf evangelischer Seite waren oder sind am „Volk Gottes“, an der „versammelten Gemeinde“ interessiert, was einen Einheitsraum (mit einer oft halbkreisförmigen) Ausrichtung auf den Tisch des Herrn bzw. auf die Zone der Prinzipalstücke zur Folge hat. – Bei den „Räumen der Stille“ spielt das Gemeinschaftsmoment indes keine primäre Rolle. Die Krankenhauskapelle, die Autobahnkirche, die Meditationsräume im Flughafen oder im Messegelände haben in der Regel keine Gemeinde als Hintergrund. Die Personen, um derentwillen die Räume errichtet und gestaltet wurden, sind Kranke, Flughafengäste, Messebesucher, Autofahrer, wenn nicht gar Flaneure. Ihre Motivation, einen Raum der Stille zu besuchen, ist uns weitgehend verborgen. Ihren konfessionellen oder allgemein-religiösen Hintergrund kennen wir nicht; wir wissen noch nicht einmal, ob es immer einen solchen gibt. Nicht auszuschließen ist allerdings, dass dem Besuch eines Raumes der Stille ein Anliegen, eine Sorge, eine Krankheit, äußere wie innere Not zugrunde liegen. (Das mag die Errichtung von Räumen der Stille rechtfertigen. Das Bedürfnis nach einem Raum der Stille innerhalb von Alltagssituationen bedeutet ebenfalls, dass evangelische Kirchengemeinden, die bisher keine Angebote zum Stillewerden hatten,  sich neuerdings darum bemühen, in ihrem Kirchenraum einen Teilbereich hierfür einzurichten, wobei sich zusätzlich das Problem stellt, wie sich eine solche Gebets- oder Meditationsecke fixieren lässt, weil im Unterschied zur katholischen Kirche eine Marienstatue oder die Statue eines Heiligen nicht in Frage kommt. Vielfach wird auf evangelischer Seite die Zentrierung der Gebets- oder Meditationsecke daher durch einen Kerzenbaum vorgenommen, weil das Anzünden einer Kerze konnotationsoffen ist.)

Doch nicht die Räume der Stille innerhalb bereits vorhandener Kirchenräume stehen im Zentrum unserer Fragestellung, sondern Räume der Stille, die eigens gestaltet und gebaut werden und deren Nutzung unabhängig von bestehenden Kirchengemeinden erfolgt. Selbst wenn die Kirchenleitungen und verwandte Institutionen an der Planung und Gestaltung mitbeteiligt sind (wie bei Krankenhauskapellen und Autobahnkirchen), ist der Adressat primär nicht eine Kirchengemeinde, sondern immer ist es die Einzelperson in einer je spezifischen Situation.

(Vor Ort ist jede Planung, ist jede Gestaltungsaufgabe freilich anders. Bekommt man im Krankenhaus, im Flughafen oder auf dem Messegelände einen Bereich zugewiesen, den man als Kapelle oder Meditationsraum ausgestalten kann, so ist dies etwas anderes, als wenn man eine Friedhofskapelle oder eine Autobahnkirche, also ein eigenständiges Gebäude errichtet. Gleichwohl sind bei all diesen Planungsprozessen vielfache geographische, soziologische und religiöse Besonderheiten zu berücksichtigen, die von der Planung eines Kirchenbaus in wichtigen Punkten abweichen.)

II.

Welche Mittel haben Architekten und Künstler eingesetzt, um Stille bewusst zu machen?

Beim Neubau der Kaiser – Wilhelm - Gedächtniskirche in Berlin nahe dem Kurfürstendamm gab der Architekt, Egon Eiermann, dem Oktogon eine Ummantelung aus Formbetonsteinen, die mit blauem Glas gefüllt wurden. Der Glaskünstler war Gabriel Loire aus Chartres. Kommt man in den Raum, ist man von allen Seiten umgeben von blauem Licht. Die Binnenstruktur der Glasflächen ist so angelegt, dass in einigen Bereichen rote, gelbe oder grüne Netze in das Blau als Grundton verwoben sind. Die Ummantelung ist zweischalig. Der eine Glasmantel ist dem Innenraum zugewandt, der andere ist nach draußen gerichtet, und im Zwischenraum sind Leuchtkörper angebracht, die tagsüber die innere Ummantelung beleuchten, und nachts die äußere. Während der Breitscheidplatz, der zugleich Schnittpunkt mehrerer Straßen ist, zu den am meisten belebten Plätzen Berlins gehört, erfährt man im Inneren dieses Raumes eine große Stille. Die architektonische und künstlerische Gestaltung bewirkt ein Enthobensein aus dem lauten Getriebe draußen zugunsten einer der Mystik nahen Versenkung.

Bei der Autobahnkirche San Giovanni Baptista auf der Autostrada del Sole nahe Florenz schuf Michelucci ein von Außen wie Innen auffälliges Gebilde. Eigene Zeichnungen des Appenin im Hintergrund dienten ihm für die Außengestaltung als Vorbild. Der Innenraum wird beherrscht von unregelmäßigen Betonstützen und einem ausgefalteten Hängedach. Alles in diesem Raum ist unregelmäßig, der Lichteinfall erfolgt über das Altarfenster und Lichtschlitze. Es gibt Nischen und Verweilzonen. Die Empfindung lässt Assoziationen an Wald und Höhle aufkommen. Wer hier sitzt und ein Gebet spricht, bleibt geschützt im Halbdunkel. Michelucci meinte, durch eine abenteuerliche Konstruktion des Außenbaus die Autofahrer dazu anzulocken, Halt zu machen, um sich das Gebäude anzusehen. Das optische Angebot im Inneren erweist sich trotz seiner Vielgestaltigkeit als eine im Halbdunkel gelegene geheimnisvolle Welt, das genaue Gegenstück zu dem, was der Autofahrer auf seiner Fahrt zwischen Bologna und Rom in seinem Auto erlebt.

Micheluccis Autobahnkirche lässt an die Kapelle im Park Güell in Barcelona denken, die Antoni Gaudí um die Jahrhundertwende errichtet hat. Nichts an dieser Krypta ist gerade. Man steigt hinab in einen dunklen Raum mit unregelmäßigem Grundriss, dessen Stützen aus Granit staksig gegeneinander gesetzt sind. Alles ist krumm und verwinkelt. Aus Fenstern, deren Form an Blütenblätter denken lässt, werden einige Partien dieses dunklen Raumes aufgelichtet. Die Krypta ist in einem stark frequentierten öffentlichen Park gelegen, bevölkert von vielen Menschen und mit Kindergeschrei. Wer die Krypta betritt, verlässt die helle Welt des Parks und steigt hinab in ein dunkles höhlenartiges Gebilde.

Beim Meditationsraum bei der UNESCO (1994/95) in Paris wählte Tadao Ando Beton als Material. Der Raum hat die Form eines Zylinders. Das Dach wird durch eine Kreisscheibe gebildet, die so frei eingehängt ist, dass an ihrem Rand – ähnlich wie bei einer Sonnenfinsternis – eine Korona entsteht. Der Meditierende verlässt das Hauptgebäude, überschreitet eine kleine Brücke, die ihn über einen Wassergraben führt, kommt zu einer Plattform, macht eine Drehung von 180 Grad, um durch die offene Tür in den Meditationsraum zu gelangen. Dort erfährt er die Elementarität des Raumzylinders mit der Lichtkorona.


Die Kapelle in Houston/Texas wurde 1971 auf Betreiben des Ehepaars de Menil von Philipp Johnson eigens für die großformatigen Bilder von Mark Rothko errichtet. Bei den Kunstwerken handelt es sich um große Flächen, die von Rot, Violett bis Schwarz changieren. Während im Normalfall erst die Kapelle gebaut wird, danach die Kunstwerke hinzukommen, war es hier umgekehrt. Schon zu Lebzeiten wurden von einer beachtlichen Anzahl von Menschen Rothkos Gemälde religiös gedeutet, nämlich als Ausdruck einer sprachlosen Mystik, hin zum Unsagbaren, zum Arrheton. In diesem Fall sind es die Kunstwerke, die die Besucher veranlassen, die Rothko-Kapelle aufzusuchen, um die für diese Bilder spezifische Erfahrung zu machen.

Auch im Meditationsraum der Universität Pompeú Fabra in Barcelona steht das Werk eines Künstlers im Zentrum. Der Raum wurde in seinen Proportionen bis hin zu dem horizontalen Eisenträger auf das Gemälde von Antoni Tàpies hin ausgerichtet, dessen Komposition von einer Klammerform geprägt ist, die Kräfte bündelt und konzentriert.

Als Beitrag der beiden Großkirchen auf der EXPO ging Meinhard von Gerkan als Sieger eines Wettbewerbs für den christlichen EXPO-Pavillon hervor. Das Werk, das dabei herauskam, basierend auf den Materialien Stahl und Glas, übersteigt in seinem Erscheinungsbild einen Messepavillon und wurde von vielen als EXPO-Kirche wahrgenommen. Die Frage war, wie sich Kirche auf einer Weltausstellung präsentieren sollte. Sollte man beim Jahrmarkt der Eitelkeiten mitmachen? Sollte man in den Medienrummel einsteigen? Von Gerkan wählte den Kontrast.

Der Standort unmittelbar an der EXPO-Plaza, dem zentralen Platz und Austragungsort vieler Freilichtveranstaltungen, war eine zusätzliche Herausforderung. Mit einer Stahlkonstruktion im Stil einer Portikus-Kolonnade, in der blaue Fahnen aneinander gereiht waren, erfolgte gegenüber der Plaza gleichzeitig eine Abgrenzung, als auch ein visueller Anreiz. Eine Schwelle bildete ein Wassergraben, den der Eintretende über eine Brücke überschritt, um in den artriumartigen Innenhof zu kommen.

Turm, Kreuzgang und die würfelartige Halle sind die drei architektonischen Hauptelemente. Die Halle ruht auf neun 18 m hohen Stahlstützen, an deren Schnittstelle mit dem Dach über je vier Lichtluken Licht einfällt. Ummantelt wird der Würfel von weißem griechischen Marmor. Dadurch erhalten die Wände eine helle verschwommene Farbigkeit, die sich je nach der Witterung – ob Regen oder Sonnenlicht – ändert. Betritt ein Besucher diesen Raum, erfährt er auf Grund der Raumhöhe, dem Rhythmus der hohen schwarzen Stahlstützen und vor allem auf Grund der Marmorwände ein Gefühl des Erhabenen. Selbst wenn der Raum gut frequentiert ist, wenn eine Andacht oder ein Gottesdienst darin stattfinden, dominiert seine Stille und Würde. Im ca. 7 m hohen Kreuzgang werden die Wände durch Doppelglasscheiben gebildet, deren Zwischenraum von Gegenständen aufgefüllt ist: Hobelspäne, Federn, Elektrobirnen, Einwegspritzen, Mohnkapseln usw. Der Weg entlang dieser gefüllten Gläser ist ein meditativer Entdeckungsweg zum Thema „Mensch-Natur-Technik“; darüber hinaus kam es zu Lichterlebnissen, wenn das Sonnenlicht durch diese Materialien hindurchging.

Im Kontext einer Weltausstellung und dort in unmittelbarer Nähe zur Plaza, zum Deutschen Pavillon und zum Medienpavillon des Bertelsmann-Konzerns ist der von von Gerkan vorgeschlagene Weg in mehrfacher Hinsicht beachtenswert. Über eine Grenzziehung, eine Schwelle, betritt man den Innenhof. Von dort gelangt man in einen Raum großer Erhabenheit, der wiederum flankiert wird mit einem Kreuzgang mit den vielfältigen Materialfüllungen und dem eindrucksvollen Lichtspiel. Hinzu kommt, dass der EXPO-Pavillon noch eigens eine Krypta hat, ein kleiner Raum mit einer organischen Grundrissform mit Betonwänden, den nach unten verlängerten Stahlstützen des oberen Raums, dazu Lichtbänder und vor allem ein Sandfußboden. Ein historischer Taufstein und ein byzantinisches Christusmosaik ergänzen diesen Raum, der aber auch ohne diese Historizismen ausgekommen wäre, allein auf Grund seines Zuschnitts und seiner Materialien, beispielsweise der Assoziationskraft eines Bodens aus Sand.

Beim EXPO-Pavillon lassen sich im Unterschied zu den zuvor genannten Beispielen mehrere Strategien der Stille aufzeigen, wobei die Gestaltung des würfelförmigen Hauptraums mit den Stahlstützen und den weißen Marmorwänden womöglich die bedeutsamste „Strategie“ darstellt. (Der EXPO-Pavillon ist inzwischen nach Volkenroda, in der Nähe von Mühlhausen gelegen, transloziert, wo die Jesusbruderschaft von Gnadenthal  auf dem Gelände eines ehemaligen Zisterzienserklosters eine internationale Tagungs- und Begegnungsstätte aufbaut. Meinhard von Gerkan bekam im November 2002 vom Fachbereich Evangelische Theologie in Marburg den theologischen Ehrendoktor für dieses Projekt verliehen.)

III.

In den vorliegenden Beispielen wurde Stille bewusst inszeniert. Sonst wäre eine nachhaltige Wirkung auf die Besucher auch gar nicht vorstellbar gewesen. Entscheidet man sich bei der EXPO angesichts des dortigen Getriebes auf die Strategie der Stille, so hätte es nämlich ebenfalls der Fall sein können, dass ein solcher Beitrag gar nicht erst zur Kenntnis genommen worden wäre. Auch bei der Stille ist eine Inszenierung, ein Gestaltungswille erforderlich. Bei Eiermann/Loire war es das Oktogon mit der blauen Glasummantelung, bei Ando die strenge Geometrie mit dem an eine Korona erinnernden Lichteinfall, bei Rothko waren es die violett bis schwarzen Bildflächen als Ausdruck des Unaussprechlichen, die den Betrachter in ihren Sog hineinziehen. Bei Michelucci und Gaudí wurde Stille über höhlenähnliche Räume mit einem Wald von Stützen und Streben vermittelt.

Im Etymologischen Wörterbuch wird „still“ mit den Begriffen „ohne Bewegung“, „lautlos“, „ruhig“, „leise“ in Verbindung gebracht. Gemeint ist ein statisches Verständnis von Stille. Zugleich ist von dem Verbum „stillen“ die Rede im Sinne von „beruhigen“, „zum Schweigen bringen“, „befriedigen“. An diese zweite, aktive Bedeutung von Stillen denkt man, wenn die Mutter mit ihrer Brust den Säugling stillt. Von Christus heißt es bei der „Sturmstillung“, dass er die Gewalten des Windes und des Wassers „stillt“. Auch für den Einzelnen mag gelten, dass er zur Stille erst findet, wenn die innere Erregung abklingt bzw. gebändigt wird. Allen ausgeführten Raum-Beispielen ist gemeinsam, dass das Umfeld dieser Räume von vielfältigen und zum Teil hektischen Aktivitäten geprägt ist, aber manchmal auch von Monotonie (wie beim Autofahren oder in der UNESCO-Verwaltung ). Um in einem solchen Umfeld wirksam sein zu können, bedarf es der Stille als Kraftstrom, der ein Zur-Stille-Kommen erst ermöglicht. Um der Menschen Willen, die eine solche Stille benötigen, ist es richtig, dass sich die Kirche für deren Verwirklichung, für Räume der Stille, einsetzt.