Horst Schwebel
 Evangelischer Kirchenbau


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Evangelischer Kirchenbau aus theologisch-liturgischer Sicht

Die Zentrierung auf Deutschland bei der Behandlung des Evangelischen Kirchenbaus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hängt mit dem kaum vorstellbaren Ausmaß der Zerstörungen nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Die Nullpunkt-Situation barg die Chance eines Neuanfangs. Man traf sich zunächst in Baracken und behelfsmäßigen Gebäuden. Eine gewisse Berühmtheit erhielten die 48 Notkirchen von Otto Bartning (1947-1949). Bartning hatte vier Typen von Notkirchen entworfen. Durch die Stiftung des Weltrats der Kirchen und vor allem amerikanischer Kirchen wurden Holzbinder mit einer Dachkonstruktion aufgestellt, deren Umschließung durch Mauerwerk von den Gemeinden selbst bewerkstelligt wurde; Steine gab es ohnehin genug. Bartning sprach von der „gültigen Gestalt aus der Kraft der Not heraus“. 

1947 lud Gerhard Kunze zum ersten Kirchbautag nach Hannover ein, dem dann unter dem neuen Vorsitzenden Oskar Söhngen 1948 der Evangelische Kirchbautag in Berlin und bis Leipzig (2002) 23 weitere Kirchbautage folgten. Anhand der Publikation der Vorträge und Diskussionen der Kirchbautage und der 1957 gegründeten Zeitschrift „Kunst und Kirche“ lässt sich die Kirchbauentwicklung verfolgen. 1951 verabschiedete der Evangelische Kirchbautag in Rummelsberg das „Rummelsberger Programm“.  Ein wichtiger Programmpunkt ist die Ablehnung eines sogenannten christlichen Baustils. Man wendet sich gegen das Eisenacher Regulativ, worin es heißt: „Die Würde des christlichen Kirchenbaues fordert Anschluß an einen der geschichtlich entwickelten christlichen Baustile und empfiehlt in der Grundform des länglichen Vierecks neben der altchristlichen Basilika und der sogenannten romanischen (vorgothischen) Bauart vorzugsweise den sogenannten germanischen (gothischen) Styl.“ 

Eine solche Stilpräferenz kann es nach Meinung von Rummelsberg nicht mehr geben. Vielmehr gilt, dass jede Zeit ihre eigenen Formen finden muss, in denen der christliche Gehalt zum Ausdruck gebracht werden soll. Die innere Orientierung des Kirchengebäudes ist auf den Gottesdienst ausgerichtet: „Der gottesdienstliche Bau und Raum soll sich um seines Zweckes willen klar unterscheiden von Bauten und Räumen, die profanen Aufgaben dienen. Aber zugleich wächst er über jede rationale Zweckbestimmung hinaus, da er mit seiner Gestalt gleichnishaft Zeugnis von dem geben soll, was sich in und unter der gottesdienstlich versammelten Gemeinde begibt: nämlich die Begegnung mit dem gnadenhaft in Wort und Sakrament gegenwärtigen heiligen Gott.“ (ebd.) Dadurch erfolgt eine Abgrenzung gegenüber einem ausschließlich profanen Raum. Mit dem Bezug auf den Gottesdienst knüpft man an Cornelius Gurlitt an, der 1906 auf dem 2. Kirchbaukongress in Dresden den Kirchenbau als „gebaute Liturgie“ verstand. Otto Bartning forderte, dass die architektonische Spannung des Raumes der liturgischen Spannung entsprechen solle. Der Raum selbst, den Rummelsberg 1951 vorsah, ist ein gerichteter Raum mit einer Altarbühne, an deren Übergang zum Hauptraum die Kanzel als Ort der Predigt seitlich ihren Platz findet. Die Baustoffe sollen natürliche Materialien sein, Kunststoffe werden abgelehnt, darunter Eternit, Sperrholz und Beton.

Nach der Zeit der Provisorien wollte man eine richtige Kirche mit moderner Ausstattung haben. Einen nicht unbeträchtlichen Einfluss auf die Kirchenraumgestaltung hatte dabei auch die liturgische Bewegung in Gestalt der aus der Berneuchner Bewegung hervorgegangenen Michaelsbruderschaft. Ihr Ziel war die Schaffung einer symbolisch-liturgischen Kultur mit einer Orientierung an der katholischen Messfeier. Zu den Forderungen gehört die Ostung des Kirchenraums, ebenfalls wie der räumlich hervorgehobene Altar als „Grenzstein der irdischen Welt“ (Karl Bernhard Ritter); dahinter ist der Bereich der Eschatologie, des wiederkommenden Christus.  Für die Taufe ist ein eigener Taufort (Taufkapelle) am Eingang des Kirchenraums vorgesehen, so dass der Gläubige symbolisch den Weg von der Taufe zum Altar als Grenze zur Ewigkeit geht. Der Idealtyp dieses Modells ist in Sankt Michael in Nienburg (1957) von Peter Hübotter verwirklicht. Obgleich die Michaelsbruderschaft in Bezug auf die Innenraumgestaltung des evangelischen Kirchenraums großen Einfluss hatte, vermochte sich das Konzept, die Taufe im Eingangsbereich anzusiedeln, nicht durchzusetzen. Da in den Agendenreformen die Taufe als gemeindliche Kasualhandlung aufgewertet und in den Hauptgottesdienst aufgenommen wurde, wurde der Taufstein neben Altar und Kanzel zum dritten Prinzipalstück, das in die Sichtweite des Gottesdienstbesuchers tritt. In der Johanneskirche in Taufkirchen von Andreas Olaf Gulbransson steht der Taufstein sogar im Zentrum des Raumes, fächerförmig umgeben von drei Bankblöcken und in Korrespondenz zur Altar-Kanzel-Zone.

Bis auf wenige Ausnahmen - etwa die Kirchen von Gulbransson - sind evangelische Kirchen der fünfziger Jahre auf die Prinzipalstücke Altar, Kanzel, Taufe orientierte, längsgerichtete Räume. Sofern man nicht an der reformierten Bildlosigkeit festhält, gibt es Kruzifixe, Glasfenster, Paramente mit christlicher Symbolik. Während in der europäischen Kunstszene die abstrakte Malerei auf dem Vormarsch ist, bleiben die Glasfenster und die vereinzelten Deckenmalereien bibelbezogen. Helle klare Flächen und der Verzicht auf zusätzliches Ornament lassen die Kirchenräume puristisch erscheinen. Werden historische Kirchen renoviert, werden sie gemäß dem Geist der Moderne von Zierrat und Ornamentik befreit, mit neuem Gestühl und Prinzipalstücken ausgestattet, so dass sie - obzwar alt - im Innenraum nahezu wie eine moderne Kirche wirken. Einem solchen Modernitätswunsch sind in manchen Regionen sogar Kanzelaltäre und Emporen zum Opfer gefallen.

In den sechziger Jahren werden die Grundrisse reicher, insofern man sich von den Möglichkeiten der Geometrie anregen lässt; der Turm steht meist frei neben dem Kirchenschiff.

Ein wichtiger Impuls, der den Kirchenbau und die in der Kirche anzutreffende Kunst nachhaltig veränderte, ging von Frankreich aus. Dort hatte der Dominikanerpater Alain Couturier prominente Künstler aufgefordert, in der Kirche tätig zu werden. Matisse, Chagall, Rouault, Bonnard und andere waren seinem Ruf gefolgt. In der Kirche Sacré Cœur in Audincourt hatte Fernand Leger ein umlaufendes Glasband aus Betonglas geschaffen, Bazaine hatte den Zylinder einer Taufkapelle ebenfalls mit Betonglas umhüllt. Von Manessier kann man in der Dorfkirche von Les Bréseux (Jura) abstrakte Glasfenster bewundern und Le Corbusier hatte in Ronchamp die aufsehenerregende Wallfahrtskirche Notre Dame du Haut geschaffen. Für Künstler und Architekten wurden diese nah an der deutschen Grenze gelegenen Orte zu „Wallfahrtsorten“. Das betraf das Betonglas, dessen Leuchtkraft einen jeglichen Raum in ein Lichterlebnis zu verwandeln vermochte, ebenso wie die abstrakte Malerei, die - vor allem in ihrer geometrischen Spielart - mit der Architektur korrespondiert und vor allem den Beton, ein Baustoff, mit dem sich auch plastisch formen ließ. In der Christuskirche in Bochum und bei anderen Kirchen von Dieter Oesterlen schuf Helmut Lander expressiv-dynamische Betonglaswände mit den Farben Gelb, Weiß, Blau. In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin von Egon Eiermann wurde das Oktogon von einem Vorhang aus Betonformsteinen ummantelt, in deren Inneren kleinteilige Betonglasteile auf dem Grundton Blau eingelegt sind. Im Kirchenraum, im Inneren des Oktogons, ist der Besucher allseitig von blauem Licht umgeben, das unter Beibehaltung dieses Grundtons violette, rote, gelbe und grüne Farbnester bildet. Eiermanns am Breitscheidplatz nahe dem Kurfürstendamm gelegene Kirche ist eine Citykirche, die Gelegenheit gibt, dem Großstadtlärm zu entweichen und Einkehr und Stille zu finden.

Die Möglichkeit, mit Beton plastische Körper zu formen, wurde auch von evangelischen Baumeistern - trotz des Verdikts von Rummelsberg - wahrgenommen. Helmut Striffler schuf mit der Gedächtniskapelle auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau ein eindrucksvolles elementares Raumgebilde, bei welchem er den rechten Winkel - typisch für die KZ-Architektur - bewusst vermied. Lothar Kallmeyer sprach in diesem Zusammenhang von „neuer Plastizität“ und davon, „dass die Architektur derzeit eine vorher nicht ausgetragene Stilform nachholt: nämlich den Expressionismus.“ 

Finnland nimmt in der Kirchenarchitektur des 20. Jahrhunderts einen Spitzenplatz ein. Die wichtigste Person ist dabei Alvar Aalto mit seiner Organik, den Schalendächern und die jeden Sonnenstrahl einfangende Lichtführung. Die Kapelle von Otaniemi von Kaija und Heikki Siren (1957) war das erste Kirchengebäude mit einer Altarwand aus Glas, die den Blick über ein freistehendes Kreuz hinweg in den Tannenwald bot. Dieser Blick nach Draußen wurden von Peter Lehrecke in der Kirche „Zur Heimat“ in Berlin und von Paul G. R. Baumgarten in der „Kirche am Lietzensee“ mit dem Blick auf den See übernommen. In der Pfingstbergkirche von Carlfried Mutschler in Mannheim-Reinau sind sogar alle vier Wände in Glas aufgelöst. Für Finnland ist mit dem Blick in die Natur eine Art Schöpfungstheologie verbunden, wobei auch bewusst Pflanzen und Bäume in den Kirchenraum einbezogen werden. Dass man die Tempelkirche in Helsinki in einen „Steinbruch“ eingrub, entspricht ebenfalls dem theologisch begründeten Schöpfungsbezug.

Zu den Bauten der reformierten Kirche war im Rummelsberger Programm zu lesen: „Der Versammlungsraum soll die einfache und schlichte Gestalt der ‚nach Gottes Wort reformierten‘ Gemeinde sein. Seine Schönheit liegt nicht im Schmuck, sondern im reinen Verhältnis der Maße, des Lichtes und der Tönung“.  Eine Gleichnishaftigkeit des Raums zum gottesdienstlichen Geschehen wird von dem reformierten Architekten und Theoretiker Otto Senn  eigens abgelehnt. Senns Modellentwürfe für die christliche Gemeinde wurden nur zum Teil verwirklicht. In der Thomaskirche in Basel (1956) sind fünf Bankblöcke (der fünf Seiten des Pentagons) auf den fast zentral stehenden Tisch und Kanzel ausgerichtet. Auch die um Tisch und Kanzel im Winkel angeordneten Bankreihen der Tituskirche von Benedikt Huber (1964) zeigen ein Gemeinschaftsmodell, das sich gegenüber dem auf den Altarbezirk ausgerichteten Raum positiv abhebt. Senn knüpft bewusst an den Zentralraumgedanken an, an den reformierten „Tempel“ von Lyon (1564-67), die Idealentwürfe von Leonhardt Christoph Sturm (1712) und vor allem an Bartnings Sternkirche (1922).

In den Niederlanden konnte der Architekt Karel L. Sijmons dank der Zusammenarbeit mit dem Theologen W. G. Overbosch neue Raumvorstellungen verwirklichen. Bereits in der Adventskirche in Den Haag (1957) hatte Sijmons den Predigtraum klar vom Abendmahlsraum, in dem an Tischen Abendmahl gefeiert wird, abgetrennt. Die Thomaskirche in Amsterdam-Süd (1967) stellt ein geschachteltes Raumkonglomerat mit deutlicher Trennung verschiedener Funktionen dar. Von dem mehrfach gewinkelten Predigtraum schreitet man in einer Prozession in den angrenzenden Abendmahlsraum, um dort stehend das Mahl in Empfang zu nehmen. Es handelt sich um einen angewinkelten Betonbau mit vielen anregenden „Raumbildern“. - Von den Niederlanden kam auch der Agora-Gedanke in die Bundesrepublik. Die in den neuen Stadtgründungen des Flevoland-Polders geschaffenen überdachten „Marktplätze“ (die „Agoren“ in Dronten und Lelystadt) gewannen symbolische Funktion. „Kirche als Agora“ bedeutet, dass die Kirche in den neu gebauten Stadtvierteln ein Raumangebot für zwischenmenschliche Kommunikation anbietet, ein Stück „Freiraum“ in einer technokratisch verwalteten Welt.

Bereits Mitte der sechziger Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt auf das kirchliche Gemeindezentrum. Stand bisher das Kirchengebäude im Mittelpunkt des Interesses, so wird beim Begriff „Gemeindezentrum“ deutlich, dass kirchliches Handeln vielgestaltig ist und die gottesdienstliche Funktion lediglich eine unter mehreren Formen kirchlicher Präsenz darstellt. Mit der Betonung auf „Gemeindezentrum“ wurde auf die Dominanz des Kirchencharakters zugunsten der Gesamtanlage mit ihren vielfältigen Funktionen bewusst verzichtet. Ein Grundgedanke war der, dass sich Kirche nicht allein im sonntäglichen Gottesdienst manifestiert, sondern dass hierzu eine Vielfalt an Dienstleistungen und sonstigen Angeboten gehört.

Mit diesem Programm verbunden war der Abbau von „Schwellenangst“, die Betonung des Foyers als Einladung an alle, die Bereitstellung vielfach zu nutzender Räume für mannigfache Kommunikation und damit der Verzicht auf eine betont kirchliche Präsentationsweise. Dem letztgenannten Grund sind als erstes die Türme zum Opfer gefallen. Umstritten blieb, inwieweit der dem Gottesdienst vorbehaltene Raum - früher der eigentliche Kirchenraum - sich dem Stil des Gemeindezentrums anpassen oder ob er ein eigenes, im traditionellen Sinn „kirchliches Gepräge“ beibehalten solle. Beispiel für eine solche konsequente Lösung ist das Gemeindezentrum der Ev.-luth. St. Paulus-Gemeinde in Burgdorf von Paul Posenenske (1973). Es handelt sich um ein Gemeindezentrum unter einem Dach, dessen Mittelpunkt ein zentraler, den übrigen Räumen gegenüber überhöhter Raum ist. Für einen großen Gottesdienst lassen sich alle Räume zusammenschließen, während aufgrund eines Schiebewandsystems das Ensemble in sieben Räume aufgegliedert werden kann, die freilich auch miteinander verbunden werden können. Jeder Raum ist mit dem angrenzenden kombinierbar. Das trifft auch auf den zentralen, für den Gottesdienst vorgesehenen Raum zu, dessen Prinzipalstücke (Altar, Kanzel, Taufe) verändert aufgestellt oder weggenommen werden können.

Eine solche multifunktionale Nutzung des Gemeindezentrums hat freilich auch Probleme. Das Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart, ein EKD-Institut an der Marburger Universität, konnte in einer mehrjährigen Untersuchung  von 17 Gemeindezentren mit Mehrzweckraum feststellen, dass sich in allen Gemeindezentren die Tendenz bemerkbar machte, den zentralen Mehrzweckraum auf eine Funktion - nämlich den sonntäglichen Gottesdienst - zu reduzieren und den Raum formal zu „resakralisieren“: durch ein Kruzifix oder andere Kunstwerke, durch die nachträgliche Fixierung von Altar, Kanzel und Taufe, durch das Einbeziehen kostbarer Materialien und durch eine strenge Benutzungsordnung.

Der Verzicht auf Selbstdarstellung wurde theologisch mit dem "Kirche-Sein für andere" begründet, wobei für den Abbau der „Schwellenangst“, die wertneutrale Erscheinungsform von Kirche und die Mobilität von Gestühl und Prinzipalstücken ethisch argumentiert wurde. Auf der Kirchbautagung von Bad Boll (1965), die anlässlich des Kapellenbaus dieser Akademie durchgeführt wurde, ging es in einer ersten Argumentationsreihe um die Erweiterung des Gottesdienstbegriffs im Anschluss an Röm 12,1.2 (ff) und 1. Petr 2,8 - 3,9, wobei der Begriff „Gottesdienst“ mit dem Begriff „Alltag“ eng verbunden wurde.
„Nichts ist im Neuen Testament heilig im Gegensatz zu einem profanen Bezirk bzw. besser gesagt, alles ist heilig, nichts ist mehr profan, weil Gott die Welt gehört und weil die Welt der Ort ist, an dem man Gott preisen und Gott Dank erweisen soll“. (Eduard Schweizer)

Die zweite Argumentationsreihe verläuft vom Auftrag als „Teilnahme an der Mission Gottes“ als „dienende Präsenz (serving presence)“ (ebd.). Werner Simpfendörfer forderte das „bauliche Provisorium“ (ebd.).

Der Begriff „Gottesdienst“ wird in Richtung auf die Welt erweitert, ohne dass er in seiner Tiefendimension erschlossen würde. Das Warum und Wozu dieses Dienstes wird von den jeweiligen Bedürfnissen, Nöten und Erwartungshaltungen der Menschen abgeleitet. Funktionsfähige Räume zu bauen, um den vielfältigen konkreten Anforderungen zu genügen, war die Aufgabe, der Raum wurde als „Instrument“ begriffen.

Auf dem Kirchbautag in Darmstadt (1969), mitten in den Studentenunruhen, forderte die Evangelische Jugend Darmstadts, das „Ende des Kirchenbaus“ zugunsten der Verwendung der finanziellen Mittel für Sozialleistungen und für die Dritte Welt.  

Die Herausforderung solcher Gedanken, deren ethischer Ernst nach wie vor unbestritten ist, wirkte sich auf das Schaffen von Räumen und das künstlerische Gestalten ausgesprochen negativ aus. Kreativität und künstlerische Gestaltung standen unter dem Verdacht des Verrats an sozialer Verantwortung für das Ganze. Der Mehrzeckraum-Gedanke scheiterte nicht an mangelnder theologischer Reflexion, sondern an einer falschen Einschätzung anthropologischer Gegebenheiten. Bei dem Gebäude, das als Kirche angesprochen werden soll, in dem man Gottesdienst feiert und betet, besteht offensichtlich ein Bedürfnis nach Identifikation, das sich durch einen Mehrzweckraum nicht befriedigen lässt.

Seit den achtziger Jahren hat sich das Problem dahingehend verlagert, dass nicht mehr Kirchenneubauten im Zentrum des Interesses stehen, sondern dass man danach fragt, wie die überkommene Bausubstanz genutzt und erhalten werden kann. Die Abwanderung der Bevölkerung von der Innenstadt in die Randbezirke reduzierte die Zahl der Gemeindeglieder der Städte in drastischer Weise, während der Gebäudebestand gleich blieb. In Frankfurt am Main ist die Zahl der Evangelischen von 400.000 Anfang der sechziger Jahre bis auf 155.000 geschrumpft. Berechnungen haben ergeben, dass sich die evangelische Kirche in Frankfurt von 40 % ihres Baubestandes trennen müsste. Da man eher ein Gemeindehaus als eine Kirche aufgibt, müssten über den Gottesdienst hinausgehende gemeindliche Funktionen in die bisherige Kirche verlagert werden. In der Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin wurde beispielhaft demonstriert, wie durch räumliche Veränderungen und Einbauten auf verschiedenen Ebenen ein attraktives Gemeindezentrum geschaffen werden konnte.

Das Problem zu großer und zum Teil leerstehender Kirchen begegnet in allen europäischen Großstädten. Sofern es gelingt, eine Kirche zur Ausstellungs- oder zur Konzertkirche umzuwidmen, wird man eine solche Umwidmung begrüßen. Aus den Niederlanden und Großbritannien sind allerdings Umwidmungen bekannt, die den Kirchencharakter des Gebäudes nicht mehr erkennen lassen: die Kirche als Restaurant, Diskothek, Wohnhaus, Kaufhaus, Parkhaus, Hotel, Tanzstudio, Radiostation. In den ostdeutschen Landeskirchen ist der Bestand an Bauten schwerlich zu halten. In Mecklenburg sind über 40 Kirchen akut in ihrem Bestand bedroht. In der Kirchenprovinz Sachsen entfallen auf knapp 600.000 Evangelische mehr als 2.200 historische Kirchen.

Obgleich die Bauetats der Landeskirchen vor allem durch die Erhaltung der Bausubstanz belastet sind, kommt es gelegentlich zu Neubauten. Im ländlichen Raum wurden Kirchen vergrößert und durch Gemeindesäle und Gruppenräume ergänzt. In ehemals katholischen Gebieten, in denen der Anteil der Evangelischen angestiegen ist, wurden neue Kirchen gebaut. Auch Betriebsansiedlungen, der Bau eines Flughafens oder die Ansiedlung von Russlanddeutschen machte Kirchenneubauten erforderlich. Kommt es zu Neubauten, wollen die Gemeinden richtige Kirchen haben und keine Mehrzweckräume. Die Prinzipalstücke - Altar, Kanzel, Taufe - werden wieder fixiert, statt losem Gestühl werden Bänke bevorzugt. Anstelle des langgestreckten Rechtecks findet man oft Grundrissformen, die die Gemeinde um eine reale oder gedachte Mitte kreisen lassen (Friedrich Kurrent, Evangelische Segenskirche Aschheim bei München, 1996). Über das Kirchengemeindliche hinaus zählen zu neuen Bauaufgaben Kapellen in Krankenhäusern, Haftanstalten, Friedhöfen, aber auch Flughafen- und Autobahnkapellen; es gibt sogar eine Kapelle im Fußballstadion von Schalke 04.

Einer der wichtigsten Beiträge kirchlichen Bauens war der Christuspavillon von Meinhard von Gerkan auf der EXPO 2000 in Hannover. An der Plaza der EXPO gelegen, wurde der Expobesucher über ein Gewässer, ein Atrium und einen Kreuzgang in einen würfelförmigen Raum geführt, der über weiße Marmorwände und neun Lichtluken - an der Verbindungsstelle der Stahlsäulen mit dem Dach - sein Licht empfängt. Dieser Raum, dem Expobetrieb bewusst entgegengestellt, strahlte Stille und Geborgenheit aus und erwies sich gleichwohl als Ort von Feier, Gottesdienst und Kommunikation. Eine Krypta mit Sandfußboden und Meditationsbild ermöglichte private Andacht und innere Einkehr. - Ob die Nachnutzung im Kloster Volkenroda (Thüringen) sinnvoll war, wird sich erweisen müssen.

Im Unterschied zum katholischen Kirchenbau ist der evangelische Kirchenbau weniger spektakulär. Das liegt an einer gewissen Scheu vor dem imperialen Gestus, der Betonung der theologia crucis vor der theologia gloriae. Für einige sind Bartnings Notkirchen das heimliche protestantische Ideal geblieben. Angesichts der Mehrzweckraum-Diskussion konnte man feststellen, wie ernst es der Kirche war, bis hin zur Preisgabe ihres Kirche-Seins. Um so stärker ist seitdem das Bedürfnis nach einem künstlerisch gestalteten Raum, einem Ort der gottesdienstlichen Feier, der Stille und der Identifikation.