Horst Schwebel
 An einem Ort erkennbar sein


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"An einem Ort erkennbar sein". Im Gespräch: Professor Horst Schwebel
 
[Aus: Deutsches Sonntagsblatt, 1996, Nr. 17]

 

Für manche Gemeinden ist die eigene Kirche ein Problem. Ihre Erhaltung verschlingt einen großen Teil des Etats, während sie wenig genutzt wird.

Horst Schwebel: Es führt zu Unzufriedenheit, wenn man Gebäude für 500 Personen hat und Gottesdienste mit 30 oder 40 Personen feiert. Man möchte sich wohl fühlen, eine überschaubare Einheit haben. Um dies zu erreichen, ist die einfachste Möglichkeit, den Raum zu teilen. Das bedeutet, die Kirche in ein Gemeindezentrum umzuwandeln.

Gibt es einen Trend, alles unter dem Kirchendach zu vereinen?

Schwebel: Noch gibt es wenige solcher Beispiele, Ulm und die Dresdner Dreikönigskirche kann ich nennen. Sie sind zu richtigen Häusern der Kirche geworden, sie setzen Zeichen. Dort ist Kirche an einem Ort erkennbar, worauf man heute wieder Wert legt - anders als in den siebziger Jahren, wo kirchlich Engagierte versucht haben, in vielen Initiativen an verschiedenen Orten mitzuwirken.

Sollten die Gemeinden sich von anderem Besitz trennen, um ihre Kirchen zu erhalten?

Schwebel: Wenn in Frankfurt gesagt wird, ein Drittel des Baubestands sei nicht zu halten, sage ich: Man soll die Gemeindehäuser verkaufen. Das hat den Vorteil, daß jeder weiß, wo kirchliche Dienste zu finden sind: in der Kirche.

Eine Hamburger Gemeinde will wochentags ihren Raum vermieten und ihn nur sonntags nutzen.

Schwebel: Rechtlich ist nichts dagegen zu sagen. Aber die Bevölkerung reagiert auf außerkirchliche Nutzung meist sehr negativ. Wichtig ist, daß ein abgetrennter Bereich nur für den Gottesdienst bleibt. Mehrzweckräume haben sich nicht bewährt. Sie sind in den siebziger Jahren gebaut worden, und man hat sie größtenteils inzwischen resakralisiert.

Droht die Kirche mancherorts zu einer Institution zu verkommen, die sich hauptsächlich um die Erhaltung von Gebäuden kümmert?

Schwebel: Die Kirche kann ihre Gelder nicht vorrangig für Gebäude ausgeben. Wo eine Erhaltung nicht möglich ist, sollte man eine andere Nutzungsmöglichkeit
suchen, die etwas mit Geist zu tun hat. Schwierig wird es bei rein gewerblicher Nutzung, wenn Bürohäuser reinkommen, Diskotheken, Tanzstudios oder Restaurants.

In der Gesellschaft wachsen religiöse Bedürfnisse. Sollten die Gemeinden neue Formen von Religiosität in die Kirchen hereinholen? Ein Versuch waren die Techno-Partys, die abgebrochen wurden.

Schwebel: Bei den Techno-Partys ging es meines Erachtens nicht um Religiosität. Der Widerstand dagegen war berechtigt. Außerdem ist zu befürchten, daß durch den Lärm Schäden am Gebäude entstehen. Andere Religionsformen würde ich dagegen in den Kirchen begrüßen, neben christlichen Andachten auch buddhistische oder hinduistische Meditationen. Ich wünschte, daß Menschen, die nach Religion fragen, in die Kirchen kommen. Man sollte in den Innenstädten Zentren schaffen, von denen jeder weiß: Hier geht es um Religion und Glauben. In den Landeskirchen bestehen gegenüber der sogenannten diffusen Religiosität jedoch die größten Berührungsängste.

Verständliche Bedenken, sich auf dem Esoterik-Markt zu tummeln . . .

Schwebel: Viele jüngere Leute zimmern sich ihre eigene Religiosität. Man spricht ja von der Patchwork-Identität, die sich aus verschiedensten Einflüssen zusammensetzt. Wenn in Frankfurt zu der christlichen Meditation auch eine buddhistische hinzukäme, brächte das der evangelischen Kirche keinerlei Schaden. Wer im Bereich des Spirituellen etwas zu bieten hat, braucht keine Konkurrenz zu scheuen.

Ist es ratsam, die Konkurrenz in die eigene Kirche zu holen?

Schwebel: Unter den Architekturstudenten gibt es Klassen, die Kirchenbauten entwerfen. Was tun die Studenten? Sie entwerfen eine Meditationskapelle für mehrere Religionen. Doch genau das würde kein Bischof akzeptieren. Was für jüngere Leute das naheliegendste ist, ist für unsere Kirche das fernliegendste. Man befürchtet, die Leute würden in andere Richtungen abwandern. Vermutlich würde aber das Gegenteil passieren. Sie würden sich verstärkt für die religiösen Fragen des Christentums interessieren.

Das Gespräch führte Hedwig Gafga