Added: October 3, 2015 – Last updated: October 3, 2015

TITLE INFORMATION


Author: Tamara Braun

Title: „Befreier oder Besatzer?“

Subtitle: Nationalsozialismus und Einmarsch der sowjetischen Truppen im nördlichen Weinviertel unter besonderer Berücksichtigung der Alltagsgeschichte

Thesis: Diplomarbeit, Universität Wien

Advisor: Bertrand Perz

Year: 2010

Pages: 130pp.

Language: German

Keywords: 20th Century | European History: Austrian History, Russian History | Types: Wartime Rape / Second World War



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Link: E-Theses: Hochschulschriften-Service der Universität Wien (Free Access)



ADDITIONAL INFORMATION


Abstract:

»In der vorliegenden Diplomarbeit wurde versucht, das Alltagsleben der Bevölkerung des nördlichen Weinviertels während und nach der Zeit des Nationalsozialismus, also jener des Einmarsches der sowjetischen Truppen, näher zu beleuchten. Der Fokus wurde auf die einfachen Menschen, demnach auf die ländliche Bevölkerung und ihre Handlungen und Denkweisen während jener Zeit des „Umbruches“ und nicht auf die elitäre Oberschicht, gerichtet. Die Frage nach einer „Stunde Null“, einem Bruch oder einer Kontinuität und die des Gefühls einer Befreiung oder einer Besatzung, standen als zentrale Fragestellungen im Mittelpunkt des Interesses. Diese sollten in der Retrospektive durch die ZeitzeugInnen beantwortet und mit wissenschaftlicher Literatur, Chroniken und Protokollen zusammengeführt und wiedergegeben werden.
Festzustellen ist, dass im „subjektiven Geschichtsbild der Kriegsgeneration die positiv besetzten Elemente aus dem ´friedlichen` Abschnitt der NS-Zeit überwiegen“ und Greueltaten, Propagandamaschinerie und Restriktionen nur Randerscheinungen waren, vor allem dann, wenn sie die eigene Person nicht betrafen. Selbst als die Kriegshandlungen schließlich das eigene Leben bedrohten, führte man dies eher auf die Kriegsumstände zurück und nicht auf Auswirkungen der NS-Herrschaft. Es erfolgte demnach eine Trennung von Krieg und dessen Folgen und den „positiven“ Begleiterscheinungen des NS-Systems. Im offiziellen Geschichtsbild Österreichs wird die Gegenseite mit all ihren Schrecken hervorgehoben und Österreich als erstes Opfer der Aggressionspolitik dargestellt. Dass jedoch viele Menschen gerne Teil eines Großdeutschen Reiches geworden sind, wurde und wird „tabuisiert und als unaufgearbeitetes Element im kollektiven Gedächtnis eingekapselt konserviert“.
Der Einmarsch der sowjetischen Truppen brachte den Krieg und dessen Schrecken schließlich in die einzelnen Häuser des nördlichen Weinviertels. Die Menschen erwarteten das Ende der Kampfhandlungen zwar mit größter Freude, die Unsicherheit über den Fortgang der Dinge überwog jedoch die Gefühle. Da Kampfhandlungen bisweilen weit weg vom Heimatgeschehen waren, die eigene Person noch nicht zu Schaden gekommen war und die Propaganda über die herannahenden Truppen ihr übriges tat, wurde der Einmarsch der Roten Armee keineswegs als „Befreiung“ angesehen. Vielmehr bestätigten sich die Bilder über „stehlende und mordende Horden“, die den Einwohnern des Deutschen Reiches zuvor vermitteln wurden. Gewalttätige Übergriffe, Plünderungen, wahllose Requirierungen und die endlosen Flüchtlingsströme sowie deren Einquartierung prägten seit dem Einmarsch der Truppen den Alltag der einfachen Bevölkerung. Durch diese chaotischen Verhältnisse, durch die mangelhafte Versorgung mit Nahrungsmittel, Kleidung und Brennstoffe und das Fehlen von geordneten Sicherheitsverhältnissen, trat das Gefühl der Befreiung in den Hintergrund und das der Besatzung setzte sich in den Köpfen der breiten Masse fest. Diese Erinnerungen sind heute noch so präsent, selbst wenn sie nicht am eigenen Körper erfahren wurden, und führten zu einer „Kontinuität des während des Nationalsozialismus eingeübten rassistischen Vorurteils gegen die russischen ´Untermenschen` und die ´mongolischen Horden`“. Vergessen wird hierbei die Rolle, welche die Sowjetunion bezüglich der Befreiung Österreichs spielte, ebenso wie die Mithilfe bei der „Etablierung demokratischer Strukturen und die kurzfristige Nahrungsmittelhilfe“.« (Source: Thesis)

Contents:

  1. Begriffe und Definitionen (p. 8)
    1.1.Die Stunde Null (p. 8)
    1.2. Alltagsgeschichte (p. 10)
    1.3. Oral History (p. 12)
    1.4. Erinnerte Geschichte (p. 13)
    1.5. Das kollektive Gedächtnis (p. 15)
  2. Oral History in der Praxis (p. 17)
    2.1. Vorbereitung (p. 17)
    2.2. Die InterviewpartnerInnen (p. 17)
    2.3. Die Interviewführung (p. 17)
    2.4. Die Transkribtion (p. 19)
    2.5. Die Interpretation und Auswertung (p. 19)
    2.6. Vorgehensweise (p. 20)
  3. Das „Russlandbild“ zur Zeit des Nationalsozialismus (p. 21)
    3.1. Die „asiatischen Horden“ (p. 21)
    3.2. „Sowjetische Soldaten“ oder „die Russen“ (p. 23)
  4. Geographische Lage und Historischer Exkurs über das nördliche Weinviertel (p. 24)
    4.1. Geographische Lage (p. 24)
    4.2. Bevölkerung und Wirtschaft (p. 25)
    4.2. Historischer Exkurs über das nördliche Weinviertel (p. 25)
  5. Nationalsozialisten an der Macht (p. 33)
    5.1. Der Anschluss Österreichs (p. 33)
      5.1.1. Definition (p. 33)
      5.1.2. Erste Konsequenzen (p. 34)
    5.2. Das Leben der ländliche Bevölkerung während des Zweiten Weltkrieges (p. 37)
      5.2.1. Alltagsleben (p. 37)
      5.2.2. Bauern (p. 44)
      5.2.3. ZwangsarbeiterInnen (p. 49)
      5.2.4. Schule (p. 54)
      5.2.5. Kirche (p. 59)
  6. Das Kriegsende und der Einmarsch der sowjetischen Truppen im nördlichen Weinviertel (p. 61)
    6.1. Das Ende naht (p. 61)
    6.2. Chaos im Alltag (p. 64)
    6.3. Der Vormarsch der sowjetischen Truppen (p. 65)
    6.4. Flüchten oder Verstecken (p. 66)
    6.5. Die sowjetischen Truppen nähern sich Retz (p. 68)
    6.6. Die letzten Tage und die Kapitulation des Deutschen Reiches (p. 70)
    6.7. Der Einmarsch der sowjetischen Truppen (p. 74)
      6.7.1. Kapitulation und Einzug (p. 74)
      6.7.2. Erster Kontakt (p. 75)
    6.8. Die ersten Tage nach der „Befreiung“ (p. 76)
  7. Die ersten Nachkriegsmonate (p. 79)
    7.1. Die Errichtung von Kommandanturen (p. 79)
    7.2. Die Installierung von Verwaltungsbehörden (p. 81)
    7.3. Die ersten Wahlen vom November 1945 (p. 82)
    7.4. Entnazifizierung (p. 83)
    7.5. Wirtschaft (p. 85)
    7.6. Strom, Post und Verkehr (p. 87)
  8. Das (Er)Leben sowjetischer Besatzung im nördlichen Weinviertel (p. 89)
    8.1. Truppeneinquartierungen (p. 89)
    8.2. Requirierungen und Plünderungen (p. 90)
    8.3. Vergewaltigungen und Abwehrstrategien (p. 92)
    8.4. Verrat innerhalb der Ortsgemeinschaft (p. 99)
    8.5. Sicherheitsverhältnisse (p. 99)
    8.6. Flüchtlinge (p. 102)
    8.7. Lebensmittelversorgung und Hamsterei (p. 104)
    8.8. Gesundheitswesen (p. 107)
    8.9. Schule (p. 109)
    8.10. Kirche (p. 112)
  9. „Wos glaum sie..“. (p. 114)
    9.1. Das „Russenbild“ unter der Bevölkerung (p. 114)
    9.2. Befreier oder Besatzer? (p. 116)
  Schlussbetrachtung (p. 118)
  Literaturverzeichnis (p. 123)
  Zusammenfassung (p. 127)
  Lebenslauf (p. 129)

Wikipedia: Wartime sexual violence: Allied-occupied Austria, Soviet war crimes, World War II