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My heart will go on ... Mein Herz wird weiterschlagen



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Alles okay?!

 

Teil 1

 

 

 

Vorwort

 

Hallo, liebe Leser!

 

Auf dieser Seite möchte ich Ihnen einen kleinen Einblick in mein Buch/meine Veröffentlichung verschaffen. Zwar ist es kein frei erfundener Riesenroman, jedoch meine kleine, wahre Lebensgeschichte.

 

Meine Erzählung beinhaltet meine Herzfehler, meine Operationen, meine Erlebnisse als Herzkranke, bis hin zu den Geburten meiner beiden Kinder.

 

Ich hoffe, die Geschichte dieses Buches ist für jedermann interessant. Ganz besonders möchte ich damit herzkranken Menschen – oder Eltern, die ein herzkrankes Kind haben – ein wenig helfen, über ihre Ängste und Sorgen hinwegzukommen.

 

Ihre Angelika Kozickyj-Frieß

 

 

 

Inhalt

 

I.      Das Licht der Welt

 

II.    Glück im Unglück

 

III.   Ein großer Schritt

 

IV.            Hoffnungsvoll

 

V.     Ein neuer Anfang

 

 

 

*

 

 

I.                Das Licht der Welt

 

Meine Lebensgeschichte, wie ich es hier einmal nennen möchte, begann eigentlich damit, als meine Mutter zum zweiten Mal schwanger wurde. Ich war das so genannte Wunschkind. Ihre Schwangerschaft verlief normal. Damals 1965 war es noch nicht üblich, jeden Monat eine ärztliche Früherkennungsunterschung durchführen zu lassen. Das es meiner Mutter recht gut ging, ließ sie sich nur ab und zu von ihrem Hausarzt untersuchen.

 

Am 01.05.1965 wurde es jedoch für alle werdenden Mütter Pflicht, sich ihr Blut untersuchen zu lassen, um die Blutgruppen festzustellen. Daraufhin stellte der Hausarzt meiner Mutter, H. W. Höhn, die Blutunverträglichkeit meiner Eltern fest. Meine Vater hatte die Blutgruppe 0 Rhesus positiv, meine Mutter hatte dagegen 0 Rhesus negativ. H. W. Höhn riet deshalb meiner Mutter in Würzburg zu entbinden, da möglicherweise ein sofortiger Blutaustausch bei ihrem Kind nach der Geburt nötig wäre.

 

Vierzehn Tage vor dem errechneten Geburtstermin wurde meine Mutter in der Universitäts-Frauenklinik stationär aufgenommen und endlich, am 27.07.1965 um 14.30 Uhr kam ich nach langem Warten und komplikationslosem Geburtsverlauf zur Welt. Meine Geburtsgewicht betrug 3.050 g, die Körpergröße maß 49 cm. Trotz des normalen Geburtsgewichts und der normalen Größe befand ich mich in einem beeinträchtigten Allgemeinzustand und machte einen schlaffen Eindruck. Meine Haut war auffallend blass. Wie befürchtet hatte ich die Blutgruppe meines Vaters, nämlich 0 Rhesus positiv. Deshalb hielten die Ärzte einen Blutaustausch für nötig und ich wurde meiner Mutter sofort weggenommen. Heute kann ich mir vorstellen, wie schmerzlich dieser Moment für meine Mutter und natürlich auch für meinen Vater war, als sie mich so kurz nach der Geburt den Ärzten überlassen mussten.

 

Nach einer sofort durchgeführten Blutaustauchtransfusion und einer anschließenden Infusionsbehandlung erholte ich mich zunächst recht gut, jedoch meine Durchblutung blieb auffallend schlecht. An meinem vierten Lebenstag erlitt ich einen Kreislaufzusammenbruch, der Herzmedikamente erforderlich machte. Auch wurde ich sofort notgetauft. Nach weiteren Untersuchungen stellte man eine Verengung der Aorta, eine Erweiterung der Lungenschlagader, sowie eine Loch in der Herzscheidewand fest. Am gleichen Tag noch gaben die Ärzte das Ergebnis der Untersuchungen meinen Eltern bekannt. Es war für sie sicher die schlechteste Nachricht, welches sie in ihrem Leben bekamen. Erst am zehnten Tag nach meiner Geburt bekamen sie mich wieder zu sehen und erschraken, denn ich war total abgemagert, sozusagen ein „kleines Häufchen Elend.“

 

In der dritten Lebenswoche wurde zum ersten Mal ein Geräusch in meinem Herzen hörbar. Die Ärzte machten meinen Eltern keine Hoffnung auf eine Überlebenschance, ein Arzt sagte sogar: „Frau Endlich, sie sind ja noch jung, mit 26 können sie noch genug Kinder bekommen.“ Meine Mutter traf fast der Schlag. In diesem Moment schossen ihr alle möglichen und unmöglichen Gedanken durch den Kopf. Was war das nur für ein Arzt, der so gefühllos und eiskalt sein konnte? Durch viele Herzmedikamente erholte ich mich allmählich. Meine Nahrung wurde stufenweise mit Eledon aufgebaut und nach der dritten Lebenswoche auf Aletosal (vergleichbar mit der heutigen Aletemilch) umgestellt. Mit sechs Flaschenmahlzeiten am Tag, Gesamttrinkmenge 550 g, kam es zu einem langsamen Gewichtsanstieg. Im Vergleich zu gesunden Kindern trank ich die Hälfte. Sechs Wochen nach meiner Geburt am 01.09.1965 wurde ich von meinen Eltern nach Hause geholt. Mein Entlassungsgewicht betrug 3.010 g.

 

 

 

II.            Glück im Unglück

 

In sechswöchigen Abständen wurde ich immer wieder in der Poliklinik in Würzburg wegen meines Herzfehlers untersucht. Mit Herzmedikamenten und Eisen-Multivitaminsaft ging es mir einigermaßen gut, meine bläulich gefärbten Lippen waren jedoch auffallend. Leider war ich auch in meiner körperlichen Entwicklung um Monate zurück gegenüber gleichaltrigen Kindern. Im Alter von neun Monaten war ich 67 cm groß und hatte ein Gewicht von 5.250 g. Als ich meine ersten Zähne bekam, wurde ich Nacht für Nacht von meiner Mutter und Oma herumgetragen, damit ich nicht weinte, denn ich durfte mich nicht überanstrengen.

 

Mit vierzehn Monaten, wo andere Kinder schon laufen, war ich 73 cm groß, wog 6.630 g und konnte gerade frei sitzen. Krabbeln konnte ich schneller als manches Kind laufen. Mit zwanzig Monaten machte ich meine ersten Gehversuche, konnte jedoch erst mit drei Jahren alleine laufen.

 

 

Trotz all der negativen Umstände fing ich sehr früh zu reden an. Schin mit 1 ½ Jahren sprach ich ganze Sätze. Meine geistige Entwicklung war in keinem Fall beeinträchtigt. Da ich sehr zierlich und schwach war, wurde ich viel jünger geschätzt, als ich wirklich war. Deshalb wunderten sich alle Leute, wenn sie meine Mutter etwas fragten und ich ihnen prompt darauf eine Antwort gab.

 

Als ich drei Jahre alt war, es war der 16.08.1968, erhielten meine Eltern ein Schreiben von einem Arzt aus der Klinik in Würzburg, in dem geschrieben stand:

 

„Sehr geehrter Herr Endlich,

 

bei der letzen Untersuchung Ihrer Tochter Angelika in unserer Poliklinik, wurde Ihnen bereits gesagt, dass die Kleine wieder Herztropfen einnehmen soll. Beiliegend schicke ich Ihnen ein Rezept für die entsprechenden Tropfen und bitte Sie, sofort mit der Tropfeneinnahme zu beginnen.

 

Im Übrigen möchten wir Angelika so bald wie möglich stationär aufnehmen, damit alle Untersuchungen zur Klärung des Herzfehlers durchgeführt werden können. Leider ist der Herzbefund bei Ihrem Kind nicht erfreulich. Ich bitte Sie, selbst dafür Sorge zu tragen, dass Angelika jetzt möglichst bald hier untersucht wird.“

 

Aufgrund dieses Schreibens wurde ich am 02.10.1968 in der Poliklinik Würzburg stationär aufgenommen. Bei der Aufnahme befand ich mich in einem deutlich reduzierten Allgemeinzustand. Mit meinen 3,2 Jahren hatte ich eine Körpergröße von 89 cm und ein Gewicht von 11 kg. Damit lag ich in meiner Entwicklung in der Größe ca. 10 cm und im Gewicht ca. 6 kg zurück. Außerdem war ich immer noch sehr blass.

 

Gleich in den ersten Tagen wurde eine Herzkatheterisierung durchgeführt, das heißt es wurde eine Sonder unterhalb des rechten Armes in die Hauptschlagader eingeführt. Die Ärzte wollten sich damit einen Einblick über das gesamte Herz verschaffen. Da ich für diesen Eingriff zu schwach war, traten Komplikationen auf: Ich hatte minutenlang einen Herzstillstand. Obwohl das Ärzteteam in diesen Minuten alle Hoffnung aufgab, holten sie mich mit Wiederbelebungsversuchen und Herzmassagen wieder ins Leben zurück.

 

Am 29.10.1968 erfolgte die Verlegung in die Chirurgische Universitäts-Kinderklinik, wo einige Tage später die so genannte „Banding-Operation“ durchgeführt wurde. Da meine Lungenschlagader zu weit war, ergab sich somit die Notwendigkeit einer Palliativ-Operation, das heißt mit Hilfe einer künstlichen Einengung(Band) der Lungenschlagader wurde die Lungenstrombahn und somit das gesamte Herz vor einer zu hohen Belastung bewahrt. Die Operation wurde mit Erfolg durchgeführt. Die Ärzte rieten meinen Eltern, dass eine Totalkorrektur meines Herzfehlers erst bei einem Körpergewicht von etwa 20-25 kg relativ gefahrlos durchzuführen sei.

 

Drei Wochen später, am 21.11.1968, wurde ich wieder in die Poliklinik zurückverlegt. Zwar war ich von den Anstrengungen der Operation deutlich mitgenommen, befand mich jedoch in einem guten Allgemeinzustand. Obwohl es sich beinahe unglaubwürdig anhört, kann ich mich noch an viele Situationen meines Klinikaufenthaltes erinnern.

 

Ich lag mit einigen Kindern in einem Zimmer. Wir waren alles so geschwächt, dass wir bei der kleinsten Anstrengung gestorben wären. Deshalb waren die Fenster immer geschlossen. Dahinter war ein Balkon. Wie gerne wäre ich auf den Balkon gegangen! Aber leider durfte ich nicht aufstehen, da ich noch Infusionen bekam. In meinem Gitterbett kam ich mir richtig eingesperrt vor.

 

Mit der Zeit knüpfte ich Kontakt mit einem Mädchen, das neben mit im Bett lag. Ich erzählte von meinem neuen Ring, den ich kurz vor der Operation von meiner Mutter geschenkt bekommen hatte. Ich war so stolz darauf, dass ich das Nachbarsmädchen so neugierig machte und sie ihn unbedingt sehen wollte. Sie bat mich, den Ring zu ihr ins Bett zu werfen, was ich auch sogleich tat. Aber der Schrecken war groß, denn dieser landete nicht im Bett des Mädchens, sondern irgendwo auf dem Fußboden. Ich hatte mich mit der Entfernung zwischen unseren Betten verschätzt. Leider bekam ich ihn nie wieder, denn ich traute mich nicht, den Ärzten und Krankenschwestern etwas von meinem Missgeschick zu erzählen.

 

Die Enttäuschung über den Verlust meines Ringes endete erst, als ich eine tolle Überraschung erlebte. Es war an einem Nachmittag. Ich war bereits elf Wochen in der Klinik, draußen lag Schnee, als plötzlich meine Mutter auf dem Balkon an meinem Zimmer auftauchte. Sie durfte mich vorher nicht besuchen, denn die Ärzte befürchteten, ich würde mich beim Abschiede zu sehr aufregen. Da an diesem Tag Nikolaus war und ich mich recht gut eingelebt hatte, machten die Schwestern eine Ausnahme.

 

Meine Mutter winkte mir durchs Fenster zu. Da dieses geschlossen war, sprach sie in ein Mikrofon, das auf dem Balkon stand: „Hallo Kleines, wie geht es dir?“ Ich hörte ihre Stimme durch einen Lautsprecher in meinem Zimmer. Eine Krankenschwester gab mir auch ein Mikrofon. Sofort rief ich hinein: „Hallo Mama, ich freue mich, dass du da bist. Komm doch bitte herein, mir geht es gut!“ Meine Mutter antwortete mir darauf: „Ich darf leider noch nicht zu dir kommen. Aber dafür habe ich noch jemanden mitgebracht!“ Plötzlich kamen zuerst mein Vater, dann meine Oma und zu meiner größten Freude auch noch meine Opa zum Vorschein. Sie hatten sich alle versteckt und amüsierten sich, da ich mir schon den bayerischen Dialekt angeeignet hatte. Ich erzählte ihnen: „Der Herr Professor hat mir’n Bauch aufgeschnitten“ und zeigte ihnen meine 15 cm lange Narbe.

 

Eine Schwester stellte mein Bett an das Fenster, so dass ich nahe bei meiner Familie war. Dabei konnte ich auch die Klinikanlage überblicken und sah zu meiner großen Freude, wie mein Bruder Patric unten im Hof auf einem steinernen Löwen saß und zu mir hoch winkte. Als sich alle von mir verabschiedeten, hoffte ich auf ein baldiges Widersehen. Dies war der schönste Tag meines Klinikaufenthaltes.

 

Es gab viele nette Schwestern und Ärzte im Krankenhaus. Besonders über zwei Ärzte freute ich mich immer sehr, wenn sie auf unser Zimmer kamen. Noch heute weiß ich ihre Namen. Der eine hieß Dr. Hering, der andere hieß Dr. Blomberg. Wegen ihrer freundlichen Ausstrahlung fühlten wir uns bei ihnen richtig wohl. Sie erzählten uns immer Geschichten und machten Witze dabei. Wir hatten auch Spitznamen für sie: „Dr. Fischlein“ und „Dr. Brummbär“. Diese Anrede gefiel ihnen. „Dr. Brummbär“ brachte sogar eines Tages einen braunen Teddybären mit und erzählte uns über ihn eine Geschichte. Das war schon ein toller „Dr. Brummbär“!

 

So verging die Zeit in der Poliklinik. Bald bekam ich keine Infusionen mehr und durfte auch das Bett wieder verlassen. Nun rückte auch der Tag meiner Entlassung aus der Klinik näher. Als es dann endlich so weit war, war ich ganz aufgeregt. Während meine Eltern den Koffer packten, lief ich auf dem Flur der Klinik hin und her. Er kam mir sehr lange vor. Am Ende des Ganges war eine große Tür. Dort stand auf einmal meine Oma und winkte mir zu. Das war eine Überraschung! Ich lief ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen. Es war einfach ein Freudentag, als ich mit meinen Eltern und meiner Oma die Klinik verließ. So klein ich auch war, aber ich wusste, jetzt darf ich heim. Es war der 16.12.1968. Nach zweieinhalb Monaten Aufenthalt endlich wieder zu hause, das gibt ein Weihnachtsfest!

 

Obwohl es mir zu hause recht gut ging, fiel meinen Eltern das Wackeln meines Körpers bzw. eine erhebliche Zielunsicherheit meiner Hände auf. Deshalb wurde ich neun Monate später, mit 4,2 Jahren in die psychiatrische Klinik in Würzburg zur Klärung einer Hirnschädigung aufgenommen. Ich hatte große Gleichgewichtsstörungen und einen „wedelnden“ Gang. Den Aufenthalt in dieser Klinik möchte ich am liebsten verdrängen. Da alle Kinder eine schwere geistige Behinderung hatten, konnte ich mich mit ihnen nicht verständigen. Nacht für Nacht lag ich völlig verzweifelt in meinem Bett und weinte.

 

Da lernte ich einen Jungen kennen, dessen Behinderung nicht ganz so schwerwiegend war. Dadurch, dass ich nun jemanden hatte, mit dem ich mich verständigen konnte, war ich nicht ganz so verzweifelt. Liebevoll nannte er mich „Zwiebele“.

 

Mit den anderen Kindern hatte ich gar keinen Kontakt. Die Ärzte führten viele Tests mit mir durch. Sie stellten fest, dass ich ein aufgeschlossenes, freundliches Mädchen war, das sich jeder Test-Situation gut anpasst. Ich erzählte spontan von mir und meinen Eltern. Meine Sprache und mein Sprachverständnis waren überdurchschnittlich entwickelt. Ich war sehr eifrig und interessiert. Gelang mir eine Aufgabe nicht auf Anhieb, gab ich nicht auf, sondern versuchte es noch mal und sagte immer: „Das geht aber gleich.“ Im Entwicklungstest errechnete sich ein IQ von 142. Mein intellektueller Entwicklungsstand entsprach etwa dem eine 5- bis 6-jährigen Kindes.

 

Für meine verzögerte motorische Entwicklung und für meine Gleichgewichtsstörungen wurde deshalb mein minutenlanger Herzstillstand, bei dem einige Gehirnzellen abgestorben sind, verantwortlich gemacht. Nach vierwöchigem Aufenthalt und großem Heimweh wurde ich am 13.10.1969 von meinen Eltern auf ihr Drängen hin nach hause geholt. Sie hatte Angst, ich würde geistig und seelisch verkümmern.

 

 

III.        Ein großer Schritt

 

Meine erste Herzoperation in Würzburg war zwar mit Erfolg durchgeführt worden, jedoch blieb ich in den folgenden Monaten sehr zart und schwach. Mit meinem Gewicht ging es nicht aufwärts, mit 4 ½ Jahren wog ich nur 13 kg. Das entspricht einem ungefähren Gewicht eines Kindes mit 2 ½ Jahren. Es bestand keine Aussicht auf eine Besserung. Da die Totalkorrektur meines Herzfehlers erst bei einem Körpergewicht von 20-25 kg gefahrlos durchzuführen ist, waren meine Eltern sehr verzweifelt. Unter diesen Umständen war eine zweite Operation in Deutschland nicht durchführbar.

 

Im Januar 1970 hörte meine Mutter von einem evangelischen Pfarrer Fritz Anke, wohnhaft in Coburg. Er war der Gründer der so genannten „Mayo-Hilfe“. Vielen Kindern, die dem Herztod ausgeliefert waren, ermöglichte er durch Spenden eine Operation in der Mayo-Klinik in Rochester, USA. Angefangen hat er mit seiner Rettungsaktion im Jahre 1965.

 

In ihrer Verzweiflung schrieb meine Mutter Herrn Pfarrer Anke einen Brief, in dem sie ihm meine Situation schilderte. Sie schickte ihm auch alle Unterlagen der Würzburger Uni-Klinik.

 

Noch in der gleichen Woche meldete sich Herr Pfarrer Anke telefonisch bei meinen Eltern und bot ihnen seine Hilfe an. Er versprach, sich sofort mit den Ärzten der Mayo-Klinik in Verbindung zu setzen, um eine baldige Operation zu ermöglichen.

 

Ich glaube, viele Eltern, die ein krankes Kind haben, können sich gut vorstellen, wie meinen Eltern nach diesem Anruf zumute war. Herr Pfarrer Anke hielt sein Versprechen und schickte meine Unterlagen den Ärzten in der Mayo-Klinik, sowie folgenden Brief:

 

„Hochverehrter Herr Doktor!

 

Die Eltern dieses Kindes, Angelika Endlich, sind in schwerer Sorge um ihr sehr schwer herzkrankes Kind, das nach Auskunft der behandelnden Fachärzte erst dann operiert werden kann, wenn es ein Mindestgewicht von 20-25 kg hat. Angelika wiegt jetzt 13 kg bei einer Größe von 98 cm. Ihr Beine sind derzeit so schwach, dass sie kaum gehen kann.

 

Ich bitte sie hiermit höflichst, die beiliegenden fachärztlichen Befunde daraufhin zu überprüfen, ob nicht eine Operation angezeigt erscheint. Für diesen Fall wäre ich Ihnen dankbar für eine Anberaumung eines Operationstermins.

 

Ich versichere Sie meiner steten Dankbarkeit für Ihre unermüdliche Hilfe und bin mit ergebensten Grüßen allezeit

 

Ihr Fritz Anke“

 

Auf eine positive Rückantwort musste Herr Pfarrer Anke glücklicherweise nicht lange warten. Schon am 13. Februar bekam er folgendes Schreiben:

 

„Sehr geehrter Herr Anke,

 

Dr. DU Shane hat mir die Unterlagen von Angelika Endlich gegeben. Wir haben die Angaben sehr eingehend geprüft und glauben, dass wir jetzt zur Operation raten können.

 

Dr. Danielson hat den Mittwoch, 15. April 1970 reserviert. Wir möchten, dass Angelika hier am Montag, 06. April 1970 eintrifft, um die notwendigen Erstuntersuchungen zu machen.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

                                                               Robert H. Feldt       Dr. med.“

 

Originalbrief

 

Diesen Brief reichte Herr Pfarrer Anke sofort weiter an meine Eltern. Nach dieser Neuigkeit ging es bei meinen Eltern drunter und drüber. Meinen Eltern konnten den hohen Geldbetrag für den Flug und die Operation nicht alleine aufbringen. Die Kosten wurden damals schon auf rund 25.000 DM geschätzt. Daraufhin wurde durch eine Spendenaktion ein ansehnlicher Geldbetrag aufgebracht. Herr Pfarrer Anke erklärte sich bereit, einen Teil der Kosten von der Mayo-Hilfe vorzustrecken.

 

Zu all der Aufregung bekam meine Mutter auch noch eine schlechte Nachricht. Sie war zur gleichen Zeit an Krebs erkrankt und musste sofort in Würzburg operiert werden. Leider konnte sie deshalb auch nicht mit mir nach Amerika fliegen. Meine Oma Anna – sie war bereits 66 Jahr alt – erklärte sich spontan bereit, diese große Reise mit mir anzutreten.

 

Der 04. April 1970 war unser Abreisetag. Während meine Oma sich schweren Herzens von der Familie verabschiedete, freute ich mich auf den langen Flug. Ich verstand ja in dem Alter noch nicht, was mich in Amerika erwartete, aber ich glaube, das war auch gut so. Mein Onkel Walter fuhr uns nach Frankfurt an den Flughafen. Um 13 Uhr startete unser Flugzeug in Richtung Chicago. An den Flug kann ich mich heute noch gut erinnern. Ich war damals ganz begeistert von den Wolken, die unter uns schwebten. Oma Anna erzählte mir währende des Fluges Geschichten. Frohgelaunt sang ich ihr einige Kinderlieder vor, woran sich auch die Leute, die neben uns saßen, erfreuten. Was wohl meiner Oma während des Fluges alles durch den Kopf ging?

 

Als wir in Chicago landeten, wurden wir von drei ehemaligen Buchenern (Werner und Gertrud Gehrig sowie Waltraud Weicker), die in Chicago lebten, freundlich empfangen. Nach zwei Stunden Aufenthalt verabschiedeten sie sich mit dem Versprechen, uns beim Zwischenaufenthalt auf dem Rückflug zu einer Kaffeetafel einzuladen.

 

Aus einem Zeitungsausschnitt vom 06.04.1970:

 

Angelika wird heute in Rochester erwartet

Kind aus Buchen muss wegen eines Loches in der Herzscheidewand in die Mayo Klinik

 

Buchen. Am Samstag hat die kleine Angelika Endlich aus Buchen mit ihrer Oma eine große Reise angetreten. Vom Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt flogen die beiden mit einer Boeing 727 in die Vereinigten Staaten. Ziel ist nach einer Zwischenlandung in Chicago die weltberühmte Mayo-Klinik in Rochester/Minnesota. Dort muss Angelika wegen eines Loches in der Herzscheidewand operiert werden.

 

Da die Mutter des kleinen Mädchens zurzeit erkrankt ist und ihre Tochter nicht begleiten konnte, erklärte sich die Oma bereit, das viereinhalbjährige Kind während des sechs- bis achtwöchigen Aufenthaltes in der Mayo-Klinik zu betreuen.

 

Die Vermittlung für die Operation in der Mayo-Klinik besorgte Pfarrer Fritz Anke aus Oeslau bei Coburg, dem man sehr dankbar für seine Hilfe ist. Die hohen Kosten, die sich aus Hinflug, Operation und Rückflug ergeben, belaufen sich auf rund 25.000 DM, die von Spendern aus Buchen, unter ihnen bekannte Persönlichkeiten und Geschäftsleute, aufgebracht und vorfinanziert wurden, bis die endgültige Abrechung vorliegt. Ein Spendenkonto unter der Nummer 330 bei der Bezirkssparkasse Buchen eingerichtet, soll weitere Hilfe und Entlastung bringen.

 

Die kleine Angelika begleiten die besten Wünsche. Man nimmt hier Anteil an dem Geschick des Mädchens und hofft, dass es nach der Operation und Wiedergenesung ebenso herumtollen und spielen kann, wie alle anderen Kinder dieses Alters.

 

 

Nach der Landung in Rochester wurden meine Oma und ich von einer freundlichen Dame empfangen. Sie stellte sich mit dem Namen Wohlfahrt als unsere Dolmetscherin bzw. Betreuerin vor. Wir fuhren mit ihrem Wagen ins „Miller-House“. Das ist eine Pension für die Angehörigen jener Kinder, die im St. Marys Hospital am Herzen operiert werden. Dieses ist ein Teil der bekannten Mayo-Klinik und befindet sich gegenüber des „Miller-Houses“.

 

Die Besitzer des „Miller-Houses“ hießen mit Nachnamen Horst. Mister Horst begrüßte uns freundlich und führte uns auf unser Zimmer. Im Haus wohnten viele Väter und Mütter mit Kindern aus Deutschland, sehr zu unserer Freude. Da war zum Beispiel ein Mädchen namens Petra, die in Begleitung ihrer Mutter nach Rochester kam. Ein dreijähriger Junge mit Namen Harald war mit seinem Vater gekommen. Ich kann mich noch gut an ihn erinnern. Er spielte einmal mit mir im „Miller-House“ Verstecken. Dabei schloss er mich zum Spaß in seinem Zimmer ein. Ich bekam schreckliche Angst, schrie und fing an zu weinen. Harald lachte, er hatte seinen Spaß. Haralds Vater schloss die Tür sofort auf. Oma Anna tröstete mich. Sie war froh, mich gefunden zu haben, denn sie hatte mich schon überall gesucht. Harald wurde von seinem Vater ausgeschimpft. Am allerbesten aber kann ich mich an Heike Knoblauch erinnern. Sie war damals acht Jahre alt und kam aus Kornwestheim. Meine Oma verstand sich mit Heikes Mutter sehr gut.

 

Angelika mit Petra und Heike

 

Am 06. April ging ich das erste Mal in die Mayo-Klinik, um dort von den Ärzten untersucht zu werden. Anfangs durfte ich am Abend wieder zu Oma Anna ins „Miller-House“ zurück. Am 08. April musste ich mich verschiedenen Untersuchungen im St. Marys Hospital unterziehen und durfte deshalb an diesem Abend das Hospital nicht verlassen. Diese Nacht werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Mein Abendessen war roter Pudding, dessen Geschmack furchtbar war. Mein Körper war mit etwas Rotem eingeschmiert, das sei Jod, sagte meine Oma. Ich lag mit einem Mädchen namens Ronda in einem Zimmer. Nachdem Oma Anna sich abends von mir verabschiedete und ich einschlafen wollte, fing Ronda an zu schreien und weinen. Sie rief die ganze Nacht nach ihrer Mama. Ich konnte nicht einschlafen. Wenn wenigstens eine Krankenschwester einmal nach Ronda geschaut hätte, ab es kümmerte sich niemand um sie. Sie beruhigte sich erst, als ihre Mutter am nächsten Morgen kam. Ich erzählte meiner Oma, wie ich die Nacht verbracht hatte. Sogleich verständigte sie einen Arzt und brachte ihn sogar dazu, mich sofort in ein anderes Zimmer zu verlegen. Recht erstaunlich, wie sie meine Verlegung mit ihren wenigen Englischkenntnissen zustande brachte. Ich war sehr froh darüber, endlich weg von dieser Ronda zu sein. Nun konnte ich mich ausschlafen.

 

Das "Miller House"                                   St. Mary's Krankenhaus

 

Am Abend durfte ich das Hospital schon wieder verlassen. In der Zeit von 09. bis 14. April wohnte ich bei Oma Anna im „Miller-House“. In der Nähe war ein Park, in dem viele Eichhörnchen herum sprangen. Ich hätte sie gerne fotografiert, doch Oma hatte die Kamera im Haus vergessen. Wie schade!

 

Nicht weit entfernt war ein großes Kaufhaus, die „Rote Eule“. Die Eingangstür gefiel mir sehr, denn sie war rot und hatte die Form einer Eule. Dort kauften wir mit Heike Knoblauch und deren Mutter oft ein. Hier entdeckte ich ein kleines Plüschtier, es war ein roter Fuchs. Auf mein Bitten hin kaufte mir ihn mir meine Oma. Ich nannte ihn „Fax“.

 

Am 14. April wurde ich wieder ins St. Marys Hospital eingewiesen. Oma Anna begleitet mich. Ich kann mich noch gut an die Eingangshalle, die sehr dunkel war, erinnern. Links und rechts waren Schalter, an denen Ordensschwestern saßen. Mir war richtig unheimlich zumute.

 

Am nächsten Morgen, es war der 15. April 1970 wurde ich am offenen Herzen von Dr. Danielson operiert, wobei mein gesamtes linkes Schulterblatt unterhalb des Brustkorbes freigelegt und auf die rechte Seite geschlagen wurde. Da meine Aorta an einer Stelle zu eng war, ergab sich die Notwendigkeit den Engpass zu beseitigen. Wie man uns erklärte, wurde das enge Stück der Aorta herausgeschnitten, und die Enden wieder zusammengenäht. Die Ärzte sagen: Eine „end to end“-Operation.

 

Die Operation verlief, Gott sei Dank, ohne Zwischenfälle. Dr. Danielson stellte während des Eingriffs fest, dass das Loch in der Herzscheidewand nicht gravierend war. Er brauchte es nicht zu schließen, da es nur einen Durchmesser von 3 mm hatte. Ein Loch von dieser minimalen Größe würde sich im Lauf der Jahre sehr wahrscheinlich von selbst schließen.

 

Nach meiner 7 ½ - stündigen Operation wurde ich sogleich unter ein Sauerstoffzelt gelegt. Als ich aus der Narkose erwachte, saß meine Oma neben mir am Bett und hielt meine Hand. Das war ein schönes Gefühl, nicht alleine zu sein! Auch meinen „Fax“ hatte sie mitgebracht und legte ihn zu mir unter das Sauerstoffzelt. Am diesem Tag lernte ich Schwester Marie-Paula kennen. Sie war eine deutsche Ordensschwester, die im St. Marys Hospital arbeitete. Auf Anhieb mochte ich diese Schwester. Ganz besonders froh war meine Oma darüber, Schwester Marie-Paula kennen gelernt zu haben. Mit ihr konnte sie sich während dieser schweren Zeit auf Deutsch unterhalten. Was musste Oma Anna durchgemacht haben in diesen Tagen?

 

Oma saß während der folgenden Tage von morgens 8 Uhr bis abends 20 Uhr an meinem Bett, hielt meine Hand und erzählte mir Geschichten. Sie lernte mir auch das Liede „So nimm denn meine Hände“ und betete viel mit mir. Mein „Fax“ färbte unter dem Sauerstoffzelt ganz ab. Das Bett war voller roter Farbe. Wenn sich Oma abends von mir verabschiedete, kümmerte sich Schwester Marie-Paula rührend um mich. Meine Oma wurde abends meist von unseren Betreuern, Herr und Frau Wohlfahrt, eingeladen. Das brachte sie vielleicht doch auf andere Gedanken.

 

Schwester Marie Paula

 

Die Tage vergingen und ich brauchte bald kein Sauerstoffzelt mehr. Mein Zustand stabilisierte sich. Am 24.04.1970 wurde mir noch einmal ein Herzkatheter gelegt. Es hieß: „Alles O. K. !“

 

Ein paar Tage vor meiner Entlassung geschah etwas Unvorhergesehenes. Eine Schwester fuhr mich mit meinem Bett auf dem Flur in Richtung Untersuchungszimmer. Da kam uns meine Oma entgegen, die mich gerade besuchen wollte. Als ich sie sah, sprang ich von meinem Bett und klammerte mich an Oma fest. Die Schwester jedoch war sehr gefühlskalt und riss mich von ihr weg. Dabei platzte mir ein Teil meiner Narbe am Rücken wieder auf. Während ich vor Schmerzen schrie, wurde meine Wunde von einem Arzt wieder zugenäht. Oma Anna regte sich sehr darüber auf.

 

 

IV.         Hoffnungsvoll

 

Am 29.04.1970 wurde ich aus dem St. Marys Hospital nach einer gelungenen Herzoperation entlassen. Genau 15 Tage hatte ich darin verbracht. Heute sage ich, es waren die schwersten meines bisherigen Lebens.

 

Zwar noch ein bisschen schwach, aber frohgelaunt „Bey Bey“ rufend, verließ ich mit Oma Anna das Hospital. Vorher verabschiedete wir uns von Schwester Marie-Paula, was uns doch sehr schwer fiel, denn wir hatten sie in den wenigen Tagen sehr lieb gewonnen. Meine Oma tauschte mit ihr die Adressen aus und versprach ihr, so bald wie möglich zu schreiben.

 

 

Nun hatten wir noch genau vier Tage bis zu unserem Nachhauseflug. Vie Tage an denen wir unseren Amerikaaufenthalt so richtig genießen konnten. Jetzt endlich war es nicht mehr so nervenaufreibend als vor der Operation. Mir war aufgefallen, dass Oma Anna in allen Situationen jetzt viel gelöster reagierte. Das wirkte sich natürlich auch auf mich aus. Obwohl ich damals mit meinen 4 ¾ Jahren den Sinn der Operation noch nicht richtig verstand, spürte ich nun doch, dass etwas sehr ernsthaftes hinter mir lag.

 

Unsere Betreuer und Dolmetscher, Herr und Frau Wohlfahrt, begrüßten mich und luden uns zu  sich nach Haus ein. Sie hatten eine Tochter, die mich gleich mit ihren Barbie-Puppen bekannt machte. Da es zu dieser Zeit in Deutschland keine vergleichbaren Puppen gab, war ich doch sehr erstaunt. Von diesem Mädchen lernte ich auch meine ersten englischen Worte, wie „Thank you“ und das Zählen von 1 bis 10. Mit von der Partie war natürlich auch mein „Fax“. Es war ein sehr schöner Nachmittag.

 

Am nächsten Morgen gingen wir alle mit Frau Wohlfahrt und ihrer Tochter, sowie mit Heike Knoblauch und deren Mutter in die „Rote Eule“ zum Einkaufen. Oma kaufte mir viele Spielsachen, worüber ich mich natürlich besonders freute. Darunter war zum Beispiel ein Spielzeugfotoapparat, durch diesen man schon fertige Bilder von Amerika anschauen konnte. Ich brauchte nur eine Scheibe mir Dias einzuschieben. Etwas Neues zum Anziehen bekam ich auch, es war ein grünes Kleidchen mit weißen Tupfen darauf. Als wir aus der „Roten Eule“ kamen, waren Frau Wohlfahrt, Frau Knoblauch und Oma Anna voll beladen mit großen, braunen Papiertüten. Da entdeckte ich ein elektrisches Pferdchen, auf dem man reiten konnte. Man musste nur ein Geldstück hineinwerfen, was meine Oma auf meine Bitte hin auch tat. Aber das Pferdchen rührte sich nicht. Frau Wohlfahrt sah, dass der Stecker nicht in der Steckdose war und bückte sich, um das Pferdchen anzuschließen. In diesem Moment fing es an, sich zu bewegen, und Frau Wohlfahrt bekam einen Tritt in ihr „Hinterteil“. Sie stolperte und konnte sich gerade noch auffangen. Wir mussten in diesem Moment alle miteinander herzhaft lachen. Frau Wohlfahrt war zuerst erschrocken, stimmte dann aber in unser Gelächter mit ein. Ich lachte noch, als wir schon längst wieder im „Miller-House“ waren. Das war wirklich eine lustige Situation!

 

Vor der roten "Eule"

 

An diesem Mittag wollten wir noch mit Familie Wohlfahrt an den Mississippi fahren. Ich freute mich schon riesig darauf, aber leider wurde nichts daraus. Mir wurde während der Autofahrt übel. Um kein Risiko einzugehen, fuhren wir wieder ins „Miller-House“ zurück. Diese Fahrt wäre doch noch ein bisschen viel zu viel für mich gewesen.

 

Ohne es vorher zu ahnen, lernten wir Herrn Pfarrer Anke und seine Tochter Sigrid noch in Amerika kennen. Zufällig ließ er sich in diesen Tagen in der Mayo-Klinik selbst untersuchen. Deshalb ließ er es sich nicht nehmen, alle „Mayo-Kinder“ persönlich kennen zu lernen. Es war für uns alle eine freudige Überraschung. Viele Erinnerungsfotos wurden gemacht.

 

Pfarrer Anke und seine "Mayo-Kinder" vor dem St. Mary's Hospital

 

Zwei Tage vor unserem Nachhauseflug verabschiedeten sich Heike Knoblauch und deren Mutter von uns. Der Abschied fiel uns allen schwer. Wir versprachen einander, uns sobald wie möglich zu besuchen. Froh gelaunt flogen beide nach erfolgreicher Herzoperation nach Hause.

 

Am letzen Tag vor unserer Abreise stellte meine Oma voller Entsetzen fest, dass wir viel zu viele Sachen eingekauft hatten, die gar nicht alle in unserem Koffer Platz hatten. Deshalb machten wir uns sofort auf den Weg, einen neuen Koffer für meine ganzen Spielsachen zu kaufen. Wir betraten ein Geschäft, in dem uns ein Verkäufer sofort auf amerikanisch ansprach. Wir konnten ihn leider nicht verstehen. Oma Anna sagte nur: „Ich hätte gerne einen Koffer!“. Doch der Verkäufer verstand sie nicht, deshalb stellte ihm meine Oma mit Handbewegungen einen Koffer dar. „Einen Koffer, Koffer“, sagte sie. Zuerst brachte der Verkäufer uns eine Tasche. Als wir verneinten und eine große Handbewegung machten, brachte er uns tatsächlich einen kleinen, hellbraunen Koffer. Erleichtert atmete Oma auf. Er gefiel uns, wir bezahlten und verließen so schnell wie möglich den Laden. Draußen fingen wir an, herzhaft über uns selbst zu lachen. So ergeht es einem, wenn man die Sprache nicht beherrscht!

 

Aber das war nur die erste Blamage. In eine ähnliche Situation kam Oma Anna gleich danach. Nachdem wir unseren Koffer ins „Miller-House“ gebracht hatten, gingen wir ein letztes Mal in die „Rote Eule“. Oma hatte Appetit auf Schinken bekommen. In der Lebensmittelabteilung sagte sie zu einem Verkäufer: „Ich hätte gerne ein Stück Schinken!“. Der Verkäufer verstand natürlich nichts. Da klopfte meine Oma plötzlich mit der Hand auf ihr „Hinterteil“ und sagte „Schinken!“. Daraufhin fing der Verkäufer an zu lachen und sagte: „Oh, yes!“ Er zeigte uns sofort ein schönes Stück, worauf wir in sein Lachen einstimmten. So kamen wir doch noch zu einem schönen Stück Schinken!

 

Der nächste Morgen, der 04. Mai 1970, war der Tag unseres Nachhausefluges. Wir verabschiedeten uns von Familie Horst, den Besitzern des „Miller-House“ und bedankten uns für deren Gastfreundschaft. Von Familie Wohlfahrt wurden wir zum Flughafen gebracht. Den Weg zum Flugzeug verbrachte ich in einem Rollstuhl, da mir das Gedränge doch noch zu anstrengend war.

 

Nachdem wir uns von Familie Wohlfahrt verabschiedet hatten, saßen wir auch schon bald in unserem Flugzeug, das in Richtung Chicago flog. Wir konnten es gar nicht fassen, wie schnell der vierwöchige Aufenthalt in Rochester vorbei war. Aber ich glaube, dass Oma sehr froh war, als die ganze Aufregung ein Ende hatte.

 

In Chicago angekommen, erwarteten uns Familie Gehrig und Waltraud Weicker. Wie versprochen, luden sie uns zu Kaffee, Tee und Kuchen ein. Sie freuten sich mit uns, dass ich die schwere Operation so gut überstanden hatte. Zum Abschied bekam ich von Frau Weicker und Frau Gehrig zwei Puppen geschenkt, über die ich mich natürlich sehr freute.

 

Mit beiden Puppen im Arm flog ich mit Oma Anna nach unserem Zwischenaufenthalt mit der Lufthansa glücklich in Richtung Frankfurt. Während des Fluges überlegte ich mir auch schon Namen für meine Puppen: Ich nannte sie Waltraud und Gertrud!

 

In Frankfurt angekommen, wurden wir mit lautem „Hallo“ von meinem Onkel Walter begrüßt. Auf dem Heimweg gab es so viel zu erzählen, wir merkten nicht einmal, wie schnell die Zeit verging. Schon bald kamen wir in Buchen an und wurden von vielen Freunden und Bekannten, ganz besonders von unserer Familie empfangen. Leider war meine Mutter nicht zu hause, sie lag noch in der Uni-Klinik in Würzburg.

 

Aus einem Zeitungsausschnitt vom 06. Mai 1970:

 

Hilfsbereitschaft ermöglicht schwere Herzoperation

Die fünfjährige Angelika Endlich wieder in Buchen / Operation in Rochester ohne Komplikationen

 

Verständliche Freude herrschte am Dienstag im Hause Endlich / Jaegle in der Franz-Fertig-Straße in Buchen: Die fünfjährige Angelika Endlich war nach erfolgreicher schwerer Herzoperation in Rochester in den USA mit ihrer Oma, Frau Jaegle, in die Heimat zurückgekehrt, herzlich empfangen von Angehörigen und Bekannten, die sich zusammen mit vielen hilfsbereiten Bürgern um das Schicksal und das Leben der kleinen Angelika gesorgt und bemüht hatten. Diese Hilfsbereitschaft ist im Hause Endlich / Jaegle mit besonderer Dankbarkeit vermerkt worden, denn die Kosten von rund 26.000 DM konnten von der Familie nicht allein aufgebracht werden, zumal sich Frau Endlich selbst seit einem Vierteljahr in Klinikbehandlung befindet.

 

Munter und frisch wirkt Angelika, die die ersten Gäste, unter ihnen Bürgermeister Braun und Geistlicher Rat Pfarrer Schneider mit einem freundlichen „Guten Tag“ begrüßte und versicherte, dass es ihr wieder gut gehe. Und ein Spiel mit Brüderchen Patric ist nach vierwöchiger Abwesenheit für beide Seiten besonders interessant.

 

Inzwischen erzählt uns Frau Jaegle von der Tatkraft und Standhaftigkeit ihres kleinen Enkelkindes, dessen zuliebe die die Reise am 04. April angetreten hatte. Die bereits in ihrer Heimat erkennbare Hilfsbereitschaft fand Frau Jaegle auch in Amerika, wo sie von Mitarbeitern der „Mayo-Hilfe“ betreut wurde, ob es das Abholen am Flughafen, das Dolmetschen in der Klinik, abendliche Einladungen oder die freundliche Unterstützung durch eine deutsche Ordensschwester im St. Marys Hospital in Rochester war.

 

Nach verschiedenen Untersuchungen durch Ärzteteams in der Mayo-Klinik war die mehrstündige schwere Herzoperation am 15. April im St. Mary Hospital durchgeführt worden. Nachdem sich Angelika die ersten Tage unter einem Sauerstoffzelt befand, machte die Genesung dann rasche Fortschritte.

 

Die erste Gewichtszunahme wurde mit Genugtuung vermerkt. Das frohe Lachen und die Lebensfreude der kleinen Angelika werden allen, die mit ihrer Initiative und Hilfe die Operation ermöglichten, schönster Dank sein.

 

 

Am Samstag, den 09. Mai, kurz nach meiner Rückkehr aus Amerika, bekamen Oma und ich eine schlechte Nachricht. Harald Lutz, der in Begleitung seines Vaters mit uns im „Miller-House“ wohnte, war tot. Ich konnte es gar nicht glauben. Jetzt war ich ihm auf einmal nicht mehr böse, weil er mich in seinem Zimmer eingesperrt hatte.

 

Aus einem Zeitungsausschnitt vom 09. Mai 1970:

 

Auch Mayo-Klinik operierte nicht

 

Der herzkranke dreijährige Harald Lutz aus dem Landkreis Bayreuth, dem die AOK eine Operation in der Mayo-Klinik in Rochester (USA) ermöglichen wollte, ist nach der Rückkehr aus den Staaten gestorben. Die Geschäftsführung der Krankenkasse hatte am Montag bestätigt, dass die Ärzte der Mayo-Klinik nach einer zehnstündigen Untersuchung des Jungen seine Operation abgelehnt hätten. Damit hatte sich die Diagnose der Ärzte an der Universitätsklinik in Erlangen bestätigt, die das Herzleiden des Dreijährigen für inoperabel erklärt hatten.

 

Auch das Mädchen Petra, das zur gleichen Zeit mit ihrer Mutter in Rochester war, überlebte die Operation nicht. Petra starb noch während der Operation.

 

 

V.             Ein neuer Anfang

 

Nach meiner Operation in Amerika ging es mit meinem Gesundheitszustand aufwärts. Zwar hatte ich durch den Eingriff 2 kg an Gewicht verloren, nahm jedoch während meiner Genesung wieder zu. Meine Familie freute sich besonders über meine Fortschritte!

 

Ein Jahr später wog ich schon 19 kg. Im April ging mein Bruder Patric zur Erstkommunion. An diesem Sonntagmorgen spielte ich vor unserem Haus, als plötzlich ein Herr und eine Dame auf mich zukamen und mich fragten, ob hier Familie Endlich wohne. Ich bejahte diese Frage und rannte sofort ins Haus, denn dieser Mann kam mir irgendwie bekannt vor. Als ich in der Küche ankam, rief ich laut: „Mama, Mama, da kommt jemand, ich glaube, das ist der Herr Pfarrer Anke!“ Meine Mutter konnte es zuerst gar nicht glauben, ging aber trotzdem an die Haustüre, um nachzuschauen. Da standen wirklich die beiden Leute, die sich als Herr und Frau Anke vorstellten. Nun kam auch Oma Anna an die Tür und begrüßte die beiden recht herzlich. Der Besuch war für uns alle eine große Freude. Natürlich luden wie sie zu Patrics Kommunion ein, worüber sie sich auch sehr freuten. Da beider gerade auf der Durchreise waren und uns deshalb mit ihrem Besuch überraschen wollten, hatten sie natürlich vorher keine Ahnung, welch schöne Überraschung ihnen selbst bevorstand. Das war wirklich ein schöner Tag! Meine ganze Verwandtschaft freute sich darüber, Herrn Pfarrer Anke und dessen Frau nun einmal persönlich kennen zu lernen. Aber die größte Freude war, als Patric plötzlich Herrn Pfarrer Anke ein Kuvert überreichte und sagte: „Herr Pfarrer, hier habe einen Teil meines Kommuniongeldes, das schenke ich ihnen für die herzkranken Kinder!“ Ich glaube, Herr Pfarrer Anke war sehr gerührt, denn dies war doch ein unerwarteter Moment. Er bedankte sich recht herzlich für Patrics großzügige Spende.

 

Am Abend verabschiedeten sich Herr und Frau Anke mit einem herzlichen Dankeschön für die nette Einladung und versprachen uns, bald wieder einmal vorbeizuschauen. Auch für meine Familie und mich wird dieser Tag eine schöne Erinnerung bleiben.

 

 

" PFARRER FRITZ ANKE, der im Vorjahr der kleinen herzkranken Angelika einen Aufenthalt in Amerika zu einer Herzoperation ermöglichte, besuchte das geheilte Kind und die Eltern am Weißen Sonntag. Angelikas Bruder Patrick, der Erstkommunion feiern konnte, überreichte Pfarrer Anke für seine Aktion "Mayo-Hilfe" eine ansehnliche Geldspende. ..."

 

 

An Patric's Erstkommunion im April 1971

Fam. Anke, meine Eltern, mein Bruder, meine Oma und ich

Aus einem Brief vom Mai 1971:

 

Liebe Familie Endlich und Jaegle,

 

nun sind wir schon acht Tage zuhause und so komme ich erst heute dazu, Ihnen im Namen meiner Frau auf das herzlichste für die liebevolle Aufnahme zu danken. Immer wieder haben wir an die besonders eindruckvollen Stunden gedacht, die Sie uns bereitet haben. Zunächst hat es uns gefreut, die ganze Familie kennen zu lernen. Der Tag der Erstkommunion war ja dazu besonders geeignet. Wir hatten das Empfinden, dass uns alle eine große Herzlichkeit verbindet. Besonders erfreut waren wir über Angelika und wünschen ihr, dass sie sich weiter gut entwickelt. Sehr beeindruckt waren wir von Patric und der großen Überraschung, der er mir, das heißt anderen Mayo-Kindern durch seine spontane Gabe bereitet hat. Ich kann mir denken, wie froh er über das Geldgeschenk war, das er von Verwandten und Bekannten zuvor erhalten hatte. Es ist bewundernswert, dass er wie selbstverständlich in diesem Augenblick an die hilfsbedürftigen Kinder gedacht hat. Das hat auf uns einen ganz großen Eindruck gemacht und zugleich auf alle, die davon durch uns erfuhren. Dir, lieber Patric, danke ich von ganzem Herzen für die großzügige Gabe und bin stolz auf Deine edle Gesinnung. Du konntest zu dem Tag Deiner Erstkommunion kaum ein besseres Zeugnis Deiner Nächstenliebe ablegen als durch die Tat, von der Du nicht einmal Aufhebens gemacht hast.

 

Es war für mich besonders schön, dass ich die Eltern von Angelika, den Großvater, die Verwandtschaft kennen lernen konnte. Und das Wiedersehen mit der lieben Oma Jaegle, an die ich oft mit großem Respekt gedacht habe. Vor allem den Großeltern wünsche ich von Herzen alles Gute.

 

Haben Sie nochmals herzlichsten Dank von meiner Frau und mir. Wie werden immer gern an die schönen Stunden mit Ihnen zurückdenken … .

 

Alle guten Wünsche auch an die Großeltern Jaegle.

 

In herzlicher Verbundenheit

                                                                       Ihr Fritz Anke

 

 

Kurz nach Patrics Erstkommunion fuhren meine Eltern, meine Oma sowie mein Bruder mit mir nach Kornwestheim, um Heike Knoblauch und deren Eltern zu besuchen.

 

Die Wiedersehensfreude war groß. Wir tauschten stundenlang Erinnerungen von Amerika aus. Heike hatte sich, genauso wie ich, prima von der Operation erholt und freute sich nun, meine ganze Familie kennen gelernt zu haben. Leider ging dieser schöne Tag viel zu schnell zu Ende und wir mussten uns schon bald von Familie Knoblauch verabschieden. Ich hoffte, Heike einmal in Buchen wieder zu sehen.

 

Im Alter von sieben Jahren wurde ich im August 1972 in der Grundschule in Buchen eingeschult. Das Lernen machte mir sehr viele Spaß. Im Sportunterricht jedoch hielt ich mich ein wenig zurück, das heißt wenn mir das Turnen zu anstrengend wurde, setzte ich mich „abseits“.

 

Machte unser Klassenlehrer mit uns einen Ausflug oder eine Wanderung, erklärte sich meine Mutter bereit, als Begleitperson mitzugehen. So konnte sie sich ein wenig um mich kümmern.

 

Als ich knapp dreizehn Jahre alt war, starb meine über Alles geliebte Oma Anna im Alter von 74 Jahren. Sie hatte Bronchial-Krebs und wurde am 20.05.1978 von ihrem Leiden erlöst. Ich konnte es einfach nicht fassen, meine Oma verloren zu haben. Ihr Tod war besonders für mich ein schwerer Schicksalsschlag. Omas größter Wunsch, 80 Jahre alt zu werden, ging leider nicht in Erfüllung. Ich hatte es ihr so gewünscht! Jetzt konnte ich sie leider auch nicht mehr nach ihren Gedanken von damals fragen.

 

Drei Jahre nach Omas Tod, im Jahre 1981, stellte ich mich noch einmal in Würzburg in der Uni-Klinik zu einer routinemäßigen Kontrolle vor. Das Ergebnis der Untersuchung war positiv. Da sich das Band an der Lungenschlagader gelockert hatte, brauchte ich nicht mehr operiert zu werden. Die Ärzte rieten mir jedoch, mich in den nächsten Jahren einem Herzkatheder zu unterziehen, um eine konkretes Ergebnis zu erzielen.

 

Wie viele andere Kinder in meinem Alter besuchte ich die Hauptschule und hatte vor, eine Lehre als Verkäuferin in einem Buchener Fachgeschäft zu beginnen. Leider bekam ich aufgrund meiner früheren Krankheit eine Absage. Der Beruf als Verkäuferin wäre für mich zu anstrengend, wurde mir als Entschuldigung mitgeteilt.

 

Nicht nur beim Suchen einer Lehrstelle hatte ich Nachteile wegen meines Herzfehlers, auch privat bekam ich es zu spüren. Fragte mich jemand nach meinem Namen und ich stellte mich mit Endlich vor, dann hieß es sofort: „Ach, bist du das Mädchen, das in Amerika operiert wurde?“ So ging es jahrelang. Einerseits verstand ich die Reaktion der Leute. Sie freuten sich, dass alles so gut verlaufen war, aber andererseits konnte ich diese Frage nicht mehr hören.

 

Da ich nach Beendigung der Hauptschule keine Lehrstelle bekam, machte ich zwei Jahre Schulausbildung und erlernte den Beruf einer Kinderpflegerin. Noch während meines Anerkennungsjahres im Kindergarten lernte ich im Oktober 1983 einen jungen Mann namens Lothar Frieß kennen, der mir sofort sehr nahe stand und bei dem ich mich geborgen fühlte.

 

Ich hatte die ganzen Jahre über mit Herrn Pfarrer Anke immer Kontakt. Aller er noch in Coburg wohnte, besuchte er mich oft. Inzwischen war er umgezogen und wohnte mit seiner Familie in Höchberg bei Würzburg. Da Höchberg keine große Entfernung ist, stand ich oft unverhofft bei Familie Anke vor der Wohnungstür.

 

Mein letzter Besuch war ein Jahr vor meiner Hochzeit. Diesmal begleitete mich neben Lothar noch meine Mutter. Familie Anke freute sich – wie jedes Mal – sehr über unseren Besuch. Wie redeten über vergangenen Zeiten. Herr Pfarrer Anke erzählte mir, dass das Einkaufszentrum „Rote Eule“, in dem wir oft eingekauft hatten, abgebrannt ist. Ich erfuhr auch, dass Familie Wohlfahrt, meine damaligen Betreuer in Rochester, vor ein paar Jahren in Rothenburg ob der Tauber den in der ganzen Welt bekannten „Weihnachts- und Chriskindlmarkt“ eröffnet hatten.

 

Zum Abschied schenkte er mir ein Buch von Rochester, in dem hauptsächlich die Mayo-Klinik und das St. Mary Hospital abgebildet waren. Ich freute mich riesig über das Geschenk. Herr Pfarrer Anke sah an diesem Tag gar nicht gut aus. Auch sein Augenlicht konnte man nicht mehr als gesund bezeichnen. Wir erfuhren es an diesem Tag, er hatte Krebs.

 

Wenige Wochen vor meiner Hochzeit, als ich die Einladungen schrieb, dachte ich natürlich auch an Herrn Pfarrer Anke. Sofort wählte ich seine Telefonnummer, um ihn persönlich zu meinem Freudentag einzuladen. Es meldete sich seine Frau. Nachdem ich mich vorgestellt hatte, fragte ich sie, ob ich ihren Mann sprechen könnte. Daraufhin sagte sie: „Es tut mir leid, Angelika, aber mein Mann ist vor ein paar Monaten von uns gegangen. Gott hat in von seinem Leiden erlöst!“ Die Nachricht traf mich wie ein Schlag. Wieder hatte ich einen Freund verloren. Schade, dass Herr Pfarrer Anke meine Hochzeit nicht mehr erleben konnte!

 

Der 11.07.1987 war unser Hochzeitstag. Es war wirklich einer der schönsten Tage meines Lebens. Wir heirateten in einer kleinen Kirche im Ortsteil Hollerbach. Zu meiner Überraschung sang uns ein Mitglied des Männergesangsvereins Buchen vier Lieder vor, darunter war auch das Lied: „So nimm denn meine Hände“! Dieses Lied wurde gerade in dem Moment angestimmt, als Lothar und ich uns das Jawort gaben. Als ich den Anfang des Liedes hörte, musste ich sofort an Oma Anna denken, die mir das Lied in Amerika beibrachte. So sehr ich auch gegen meine Tränen ankämpfte, liefen sie mir doch über das Gesicht. Die ganze Trauung wurde auf Video aufgenommen, und somit auch die Tränen. Keiner konnte sich vorstellen, was mir in dieser Stunde alles durch den Kopf ging. Wie schön wäre es gewesen, wenn Oma Anna diesen Tag noch erlebt hätte!

 

Meine Oma hatte bis zu ihrem Tod noch schriftlichen Kontakt mit Schwester Maria-Paula. Heute möchte ich zu gern wissen, wo diese sich aufhält, um mit ihr wieder Kontakt aufzunehmen, falls sie noch am Leben ist. Sicher würde sich Schwester Marie-Paula auch über einen Brief oder sogar über ein Treffen mit mir freuen.

 

Leider hatte ich auch denk Kontakt zu Heike Knoblauch verloren. Bis vor fünf Jahren, als sich Heike telefonisch bei mir meldete. Es war für mich eine große Überraschung. Wir tauschten Erinnerungen aus und sie erzählte mir, dass sie in Karlsruhe wohne und als Fotografin arbeite. Heike versprach mir, mich sobald wie möglich zu besuchen. Jedoch warte ich noch bis heute vergeblich auf ihr „Auftauchen“.

 

Im Herbst 1987, etwa ein Vierteljahr nach meiner Hochzeit, hatte ich gesundheitliche Probleme, das heißt ich konnte nicht mehr richtig durchatmen. Zuerst dachte ich, es wäre nur Einbildung. Als meine Atemnot jedoch von Tag zu Tag schlimmer wurde, bekam ich es doch mit der Angst zu tun. Immer wenn ich einatmete, dachte ich, ich hätte einen Kloß in der Lunge. Natürlich kam das der Gedanke des Bandes an der Lungenschlagader, das sich noch seit meiner ersten Operation dort befindet. Nach langem Grübeln rief ich meine Mutter an und erzählte ihr von meiner Atemnot. Daraufhin sagte sie zu mir: „Da gehst du gleich morgen früh zu Herrn Höhn, deine Beschwerden kommen bestimmt von der Lungenschlagader, das Band muss vielleicht herausoperiert werden!“ Ich glaube, niemand kann sich vorstellen, wie mir in dieser Nacht zumute war. Vor lauter Aufregung konnte ich kein Auge zumachen.

 

Total übernächtigt und mit den Nerven am Ende saß ich am nächsten Tag im Sprechzimmer von meinem Hausarzt. Ängstlicherzählte ich ihm von meiner Atemnot, woraufhin er mich anschaute und sagte: „Angelika, du bist gesund, es gibt keine Probleme mehr mit deinem Herzen. Aber warum hast du solche Angst?“ Nachdem Herr Höhn mir diese Frage gestellt hatte, erzählte ich ihm meine Befürchtungen. Nun kam alles wie ein Wasserfall aus mir heraus. Die ganzen Ängste vor einer Operation, vor einem erneuten Herzkatheder sowie davor, keine Kinder bekommen zu können. Herr Höhn hörte mir wortlos zu, bis ich ihm mein „Herz ausgeschüttet“ hatte. Noch während ich meinen Tränen freien Lauf ließ, versicherte er mir, dass ich weder eine Operation, noch einen Herzkatheder nötig hätte. Ich sei eine gesunde, junge Frau und solle mir nicht selbst einreden, noch schwer krank zu sein. Auch Kinder könne ich ohne Risiko bekommen!

 

Nachdem Herr Höhn mir meine Ängste ausgeredet hatte, fühlt eich doch eine große Erleichterung in mir. Er verschrieb mir noch ein paar pflanzliche Beruhigungstropfen, bevor ich mich dankend von ihm verabschiedete. Auf dem Nachhauseweg spürte ich den „Kloß“ auf meiner Lunge kleiner werden. Noch am selben Tag konnte ich wieder richtig durchatmen. Am liebsten wäre ich vor Freude an die Decke gesprungen!

 

Seit diesem Tag, an welchem mir meine unnötigen Angstzustände bewusst wurden, sehe ich mein Leben mehr von der positiven Seite. Am 31.10.1988 brachte ich einen kleinen Jungen zur Welt. Es war eine Geburt ohne Komplikationen. Mein Sohn Manuel wog 2.650 Gramm und war 49 cm groß.

 

Im Sommer 1990 wurde ich zum zweiten Mal schwanger. Vor dieser Geburt hatte ich jedoch Bedenken, es könnte Schwierigkeiten geben, denn die Ärzte sahen auf dem Ultraschall ein größeres und schwereres Kind, als Manuel es war. Aber meine Ängste waren wieder umsonst. Nach einer normalen, jedoch sehr anstrengenden Geburt, brachte ich am 23.02.1991 ein kleines Mädchen zur Welt. Diana wog 3.430 Gramm und war 52 cm groß.

 

Trotz meiner schweren Krankheit in meiner Kinderzeit bin ich heute mit meinen zwei gesunden Kindern und meinem lieben Mann eine glückliche Frau geworden.

 

 

Ich erinnere mich an viele Leute, die mir in den schwersten Tagen meines bisherigen Lebens zur Seite gestanden haben und möchte ihnen mit diesen Zeilen meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen!

 

 

Ich danke meiner Familie, ganz besonders meinen Eltern, die ihr todkrankes Kind nicht dem Schicksal überließen, sondern die die Kraft und den Mut dazu hatten, fest an meine Gesundheit zu glauben.

 

Ich danke hiermit auch all den Menschen, die mit ihrer Spende meine Operation in der Mayo-Klinik ermöglicht haben.

 

Ein ganz besonderer Dank geht an meine Oma, die mir bewiesen hat, dass man mit Glauben und Hoffnung die Herzen der Menschen erobern kann und die mir in Amerika sehr nahe stand.

 

Sehr herzlich danken möchte ich natürlich auch Herrn Pfarrer Anke für seine Einsatzbereitschaft, der Mayo-Hilfe und den Ärzten besonders Dr. Danielson.

Mein Schicksal lag in seinen Händen!

 

 

 

Nachwort

 

Dieses Veröffentlichung ist auch als Buch (nicht in der Buchhandlung) erhältlich. Es kann ausschließloch über folgende Adresse bezogen werden:

 

Angelika Kozickyj-Frieß

B. v. Hennebergstr. 10

74722 Buchen

 

Tel. 0 62 81 / 9 76 54

 

Natürlich nur solange der Vorrat reicht.

 

Alles Rechte dieses Buches/dieser Veröffentlichung liegen bei der Autorin.

 

 

...  Alles okay?!

 

Teil 2

 

Als ich den ersten Teil meines Buches " Alles Okay " beendete, hätte ich niemals daran gedacht, daß sich soviel in meinem Leben noch ereignen würde. Die Zeit danach kam mir oft vor, als befände ich mich in einem Alptraum. Deshalb denke ich, dies ist eine Fortsetzung wert:

 

Leider hielt meine Ehe nicht lange. Sie ging schon 1992 , anderthalb Jahre nach der Geburt meiner kleinen Tochter Diana in die Brüche. Ab diesem Zeitpunkt war ich für meine beiden Kinder alleine verantwortlich. Anfangs fiel mir das Alleinsein schwer, ich gewöhnte mich jedoch daran und meisterte meine Situation recht gut.

 

Im Sommer 1994 lernte ich einen netten Mann kennen, der - wie ich - auch geschieden ist und eine Tochter hat. Michael und ich wußten vom ersten Tag an, daß wir uns gegenseitig vertrauen konnten und dass jeder für den anderen da sein würde. Ich erlebte mit Michael und den Kindern ein glückliches Jahr. Mir ging es so gut, wie schon lange nicht mehr.

 

Da ich mich so wohl fühlte, fiel mir anfangs das starke Herzklopfen im Sommer 1995 überhaupt nicht auf. Besonders wenn es schwül war, hatte ich richtiges Herzklopfen, das ich jedoch nicht wahrhaben wollte.

 

Ich glaube, man kann es als Zufall bezeichnen, als ich wegen einer Erkältung meiner Tochter bei meinem Hausarzt Dr. König ( Dr. Höhn's Nachfolger )saß, dieser fragte mich, ob ich denn nicht wieder mal ein "E.K.G." machen lassen würde.  Überrascht antwortete ich: "Ja, warum  denn nicht, mir geht es ja gut! " Sogleich wurde das E.K.G. gemacht, bei dem mir Gummipropfen in der Herzgegend auf meiner Haut befestigt wurden. Somit konnte man meine Herzschläge aufzeichnen. Diese Untersuchung dauerte etwa zwei Minuten. Danach hörte Dr. König noch selbst mein Herz ab. Er sagte mir, auf dem E.K.G. wäre alles in Ordnung, jedoch ein starkes Geräusch an meinem Herzen wäre nicht normal.

 

Ich sagte ihm, daß es mir nicht schlecht ginge und daß ich nur ab und zu ein starkes Herzklopfen hätte. Dr. König meinte, es sollte doch zur Kontrolle ein "Herzecho " durchgeführt werden und überwies mich sofort zum Kardiologen. Da ich in Buchen keinen sofortigen Termin bekam, meldete ich mich in Adelsheim an.

 

Am 12.07.95. fuhr ich dorthin, wo das " Herzecho " ( Echokardiographie ) gemacht werden sollte. Diese Untersuchung kann man sich vorstellen wie eine Ultraschalluntersuchung. Schon auf dem Weg nach Adelsheim hatte ich so ein mulmiges Gefühl im Bauch, redete mir aber selbst alle schlechte Befürchtungen aus. Ich sagte zu mir selbst: " An deinem Herzen ist alles in Ordnung, da kann nichts passieren, du hattest ja schon immer ein Geräusch am Herzen, und das starke Herzklopfen käme sicher vom Wetter!" Gott sei Dank mußte ich nicht lange im Wartezimmer sitzen. Am Anfang der Untersuchung war ich ganz ruhig. Aber irgendwie ahnte ich doch, daß etwas schlimmes auf mich zukam. Der Arzt sagte während der Untersuchung kein Wort. Als er die Echokardiographie beendete, schaute er mich plötzlich an und fragte mich, ob ich bei Anstrengung überhaupt noch Luft bekäme?! Ich erschrak und antwortete: " Ja, wieso denn nicht ?" Daraufhin antwortete er :"Weil bei Ihnen ein Engpaß an der Lungenschlagader besteht, der einen viel zu hohen Blutdruck in der rechten Herzkammer verursacht! " In diesem Moment fiel mir wieder das Band an der Lungenschlagader ein. In Panik geraten rief ich:" Das Band muß also doch entfernt werden, jetzt muß ich doch noch mal operiert werden !" Ich war in diesem Moment total geschockt. Der Arzt wollte mich zwar beruhigen, doch an seiner bedrückten Stimme merkte ich, daß meine Situation ziemlich ernst war. Er riet mir, mich sofort in einem Krankenhaus untersuchen zu lassen, jedoch erst, nachdem ich mich mit meinem Hausarzt in Verbindung gesetzt habe. Über weiteres wollte er mir keine Auskunft geben.

 

Total durcheinander fuhr ich nach Hause. Ich weiß gar nicht, wie ich nach Hause gekommen bin, denn in Gedanken sah ich mich schon auf dem Operationstisch liegen. Zuhause versuchte ich , trotz allem einen klaren Kopf zu behalten. Ich redete mir ein, daß alles nur halb so schlimm sei.

 

Michael gegenüber erwähnte ich, daß mir der Arzt nur eine genauere Kontrolle in einem Krankenhaus empfohlen hat.

 

Am nächsten Morgen saß ich im Sprechzimmer von Dr. König. Als ich ihn fragte ob er das Ergebnis meiner Untersuchung schon bekommen hätte, antwortete er in einem ernsten Ton:" Ja, ich bekam das Ergebnis der Untersuchung telefonisch mitgeteilt. Ich rate Ihnen, sich sobald wie möglich in einer Klinik untersuchen zu lassen. Auch ein Herzkatheter wird Ihnen leider nicht erspart bleiben !" Immer noch gefaßt sagte ich zu Dr. König:" Mir geht es doch gut, ich gehe nicht mehr in einer Klinik, ich lasse mir keinen Herzkatheter legen und lasse mich auch nicht mehr operieren !" Daraufhin antwortete er :" Frau Frieß, ich muß Ihnen leider sagen, eine

Operation ist nicht ausgeschlossen. Wenn Sie nichts unternehmen, kann ich Ihnen garantieren, daß sie nicht alt werden. Sie müssen damit rechnen, jung zu sterben !"

 

Die Antwort traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich saß da wie versteinert . Meine Tochter saß auf meinem Schoß und sah mich an. Ich hielt sie krampfhaft fest. Im selben Moment standen mir die Tränen in den Augen. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, ich hatte einen Schock und sah mich schon unter der Erde liegen. Nein, das wollte ich nicht, das durfte nicht sein! Ich möchte doch meine Kinder aufwachsen sehen! Und diese Nachricht erfuhr ich auch vierzehn Tagen vor meinem

dreißigsten Geburtstag. Dr. König meinte, ich sollte zuerst einmal Zuhause über alles nachdenken. Wie in Trance verabschiedete ich mich von ihm und fuhr nach Hause.

 

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich den Tag herumgebracht habe. Jedenfalls dachte ich nur an die Untersuchungen und an die Operation. Es war schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, noch einmal operiert zu werden, aber es blieb mir keine andere Wahl, denn sterben wollte ich noch nicht. Abends als Michael zu mir kam, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Er nahm mich in die Armen und ich erzählte ihm, was mir Dr. König gesagt hatte. Michael war im ersten Moment auch ziemlich geschockt, daß sah ich ihm an, jedoch reagierte er sehr gefaßt.

 

Er riet mir, mich sofort im Klinikum München / Großhadern untersuchen zu lassen. Ich fragte ihn erstaunt, warum ich mich gerade in München untersuchen lassen sollte, es gibt doch sicher auch andere gute Kliniken bei uns in der Nähe. Daraufhin meinte Michael, die Ludwig Maximilians Universität München habe einen sehr guten Ruf und mehr Erfahrung im Bereich der Herzchirurgie, als die Kliniken in unserer Nähe. Da Michaels Schwester in Hohenlinden bei München wohnt, ließ ich mich doch dazu überreden, mir einen Untersuchungstermin in Großhadern geben zu lassen.

 

In den darauffolgenden Tagen und Nächten dachte ich, ich befände mich in einem Alptraum, der hoffentlich bald ein Ende hat. Aber es war leider kein Alptraum, es war die Realität. Auch meine Eltern wußten inzwischen Bescheid, sie waren wie vor den Kopf gestoßen und wollten es auch nicht wahrhaben. Ich gab Dr. König die Telefonnummer des Klinikums Großhadern, die mir Michaels Schwester Rosi telefonisch durchgegeben hatte, und bat ihn, für mich einen Untersuchungstermin zu vereinbaren. Ganz erstaunt fragte er mich, ob ich mir das mit München sehr gut überlegt hätte. Schließlich wäre es eine sehr weite Strecke und in unsere Nähe wären auch gute Kliniken. Als ich ihm meine Gründe sagte, weshalb ich nach Großhadern wollte, da stimmte mir Dr. König zu . Er verstand mich, denn ich wollte zu Herzspezialisten, denen ich vertrauen konnte, es ging ja schließlich um mein Leben.

 

Am 26.07., genau einen Tag vor meinem dreißigsten Geburtstag bekam ich den Untersuchungstermin. Es war der 11.09. um 9.00 Uhr. Am liebsten hätte ich meine Geburtstagsfeier abgesagt. Zum Feiern war mir wirklich nicht zumute, es könnte ja mein letzter sein. Michael jedoch überredete mich, nicht darauf zu verzichten. Er meinte, ich sollte mich gerade jetzt nicht hängen lassen, sondern sollte feiern, denn das würde mich doch auf andere Gedanken bringen. Also fand mein Grillfest statt. Jeder, der gekommen war, versuchte mich aufzuheitern. Zwar lachte ich und zeigte gute Laune, mit meinen Gedanken jedoch war ich nicht bei meinem Geburtstag. Als ich auch noch um 22.00 Uhr sehr starke Kopfschmerzen bekam, war für mich mein  Geburtstag zu Ende. Ich entschuldigte mich bei meine Gästen und war froh, endlich um 23.00 Uhr in meinem Bett zu liegen. Es war schlimm für mich, daß mein Geburtstag so überschattet war, und ausgerechnet mein dreißigster. Nach den Aufräumungsarbeiten von meiner Grillfeier fuhren Michael und ich am nächsten Tag

mit unseren Kindern nach Hohenlinden bei München, zu Michaels Schwester und ihrem Mann Hans. Von dort aus gings für ein paar Tage nach Österreich auf eine Almhütte. Es war eine herrliche Gegend mitten in den Bergen zwischen den Kühen. Man hätte sich fühlen können wie im Paradies, wenn nicht immer die Gedanken an eine Herzoperation gewesen wären. Einmal stiegen wir auf einen Berg hoch bis zum Gipfelkreuz. Die frische Luft war herrlich, jedoch kam ich mir vor, als wäre ich eine Achtzigjährige, denn es war für mich sehr anstrengend. Obwohl ich viele Pausen einlegte, klopfte mein Herz bis zum Hals und das Atmen fiel mir schwer. Trotz all den Umständen fand ich es schade, als wir wieder nach Hause fuhren. Nun rückte der 11.09. immer näher und ich wurde immer nervöser. Am 10.09. fuhren wir wieder zur Rosi und Hans und übernachteten bei ihnen.

 

Am nächsten Morgen fuhren wir mit der S+U-Bahn zum erstenmal in Richtung Klinikum Großhadern. Als wir aus der U-Bahn stiegen, sahen wir schon die Klinik. Es war ein riesengroßen Komplex. Bei diesem Anblick war mir richtig unheimlich  zumute. So groß hatte ich mir die Klinik nicht vorgestellt!

 

BILD KLINIKUM GROSSHADERN

 

Pünktlich um 9.00 Uhr saßen wir an der Anmeldung in der Eingangshalle. Sie war riesengroß und sah aus wie ein Warteraum auf einem Flughafen. Mein Herz klopfte vor Aufregung wieder mal bis zum Hals. Nachdem ich mich angemeldet hatte, mußten wir eine Rolltreppe hochfahren, wo es zur Kardiologischen Ambulanz ging. Dort angekommen, wurde ich ein paar Minuten später schon aufgerufen. Ein netter Arzt bat uns, in seinem Sprechzimmer Platz zu nehmen. Dank seine ruhigen Art ließ meine Aufregung nach. Ich erzählte dem Arzt den Grund meines Kommens und gab ihm die Ergebnisse meiner Untersuchung in Adelsheim. Daraufhin mußte ich mich nochmals einem Herzecho unterziehen. Noch während der Untersuchung wurden noch zwei andere Ärzte hinzugerufen. Ich wußte sofort, daß die Ärzte mit dem Ergebnis meiner Untersuchung nicht zufrieden waren. Sie meinten, ich solle mich so bald wie möglich in Stationäre Behandlung begeben, da doch einige Untersuchungen nötig wären, unter anderem ein großer Herzkatheter.

 

Ich war geschockt ! Auch Michael stand der Schreck im Gesicht. Ich bekam sofort einen Termin für eine Woche später zu stationären Untersuchungen. Als ich die Ärzte fragte, wie lange denn diese Untersuchungen dauern würden, wurde mir gesagt, daß ich mit ca. zwei Wochen rechnen sollte. Mir wurde ganz schlecht vor lauter Schreck ! Obwohl ich es die ganze Zeit geahnt hatte, daß etwas Schlimmes auf mich zukommen würde, war ich nun doch nicht darauf gefaßt. Total durcheinander und wieder mal mit den Nerven am Ende fuhr ich mit Michael noch am selben Tag nach Buchen zurück. Zuhause angekommen, war ich fix und fertig.

 

Alle versuchten mich zu trösten, doch niemand außer Michael konnte mir helfen. Jetzt spürte ich erst richtig, wieviel er mir bedeutete. Die darauffolgenden Tage erlebte ich wie in Trance. Meine selbst an Krebs erkrankte Freundin Heidi kam in dieser Woche gerade aus der Kur zurück, nahm mich in den Arm und wünschte mir viel Glück. In diesem Moment liefen mir die Tränen übers Gesicht.

 

Am Donnerstag, dem 21.09. wurde ich von Michael in die Klinik gebracht. Er hatte sich über die Zeit meiner Untersuchungen Urlaub genommen, um - mich besonders am Tag meines Herzkatheters - ein bisschen aufzumuntern. Auf der Station F 4 angekommen, erwartete mich eine nette Schwester. Da im Moment alle Zimmer auf der Station belegt waren, bekam ich für die ersten Tage ein Einbettzimmer zur Verfügung gestellt. Dieses erschien mir anfangs sehr kalt und unheimlich. Als ich mit Michael alleine im Zimmer war, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Alles kam mir vor wie in einem bösen Traum. Michael nahm mich in den Arm und tröstete mich. Ich glaube, ohne ihn hätte ich das alles nicht geschafft.

 

Nach etwa zehn Minuten kamen zwei Ärzte zu uns und stellten sich mit den Namen Dr. Steinbigler und Dr. Heimerl vor. Beide merkten mir an, daß ich ganz schön nervlich angeschlagen war. Sie beruhigten mich, indem sie sagten, daß ich doch nur wegen den Untersuchungen stationär aufgenommen wurde und nicht wegen der Herzoperation. Ob überhaupt eine Operation in Frage käme, stelle sich erst heraus, wenn alle Untersuchungsergebnisse vorliegen würden. Durch die ruhige Ausstrahlung der beiden Ärzten ließ meine Aufregung doch ein wenig nach. Kurze Zeit später packte ich meinen Koffer aus und stellte zwei Fotos von meinen Kindern auf das Nachtschränkchen. Natürlich hatte ich meinen " Fax " auch dabei und setzte ihn auf mein Bett.

 

" Fax " ist ein Plüschfuchs, den mir meine Oma Anna im Jahre 1970 kurz vor meiner Herzoperation in Amerika schenkte. Ich bezeichne ihn als meinen Glücksbringer.

 

Nachdem ich meine Sachen in dem Schrank eingeräumt hatte, ging ich mit Michael in die " Besucherstraße " des Klinikums um zu schauen, was sich dort alles befindet. Da gibt es ein Lebensmittelgeschäft, ein Bekleidungsgeschäft, ein Laden mit Zeitschriften und Büchern, ein Friseurgeschäft und sogar eine Bank. Ganz am Ende der Besucherstraße ist eine Kirche. Daneben befindet sich eine Bibliothek. Inmitten der Besucherstraße ist eine Cafeteria, in der wir nach unserem Erkundungsmarsch einen Kaffee tranken. Danach fuhren wir mit dem Aufzug wieder auf meiner Station, von der aus ich sofort zum E.K.G. und zur Herzecho geschickt wurde.

 

Das Herzecho führte Dr. Steinbigler zusammen mit Dr. Heimerl durch. Auch eine junge Ärztin kam dazu.  Sie stellte sich mir mit dem Namen Palivatucal vor. Ich fühlte mich während des Herzechos ganz mulmig , obwohl es ja nur eine Ultraschalluntersuchung war. Nach ungefähr 40 Minuten ging ich wieder auf mein Zimmer, wo Fr. Palivatucal mich untersuchte und ich ihr einige Fragen über meine Krankheit beantworten mußte. Wir kamen ein wenig ins Gespräch und sie erzählte mir das sie noch in der Ausbildung ist und somit noch keinen Doktortitel hat.

 

Irgendwie fand ich diese junge Frau sehr sympathisch. Während sie mit mir erzählte, nahm mir eine ganze Menge Blut ab, ohne dass ich viel davon merkte. Schon erstaunlich, was man mit Ablenkung alles erreichen kann. Abends um 18.00 Uhr verabschiedete ich mich von Michael. Er mußte mit der U- und S-Bahn noch über eine Stunde zu seiner Schwester nach Hohenlinden fahren. Als ich so allein in meinem Zimmer war, merkte ich zu meinem Erstaunen, daß ich mich doch ein wenig gefaßt hatte. Das Zimmer kam mir auf einmal nicht mehr so kalt vor. Ich blickte auf die Bilder meiner Kinder und wünschte ihnen eine gute Nacht. Nach einigen Telefonaten - ich hatte ja ein eigenes Telefon - schlief ich mit einem unruhigen Gefühl ein, denn ich wußte ja nicht, was mich am nächsten Tag erwartete.

 

Am nächsten Morgen um 10.15 Uhr klopfte Michael schon an meiner Tür, daß war mir   natürlich sehr angenehm . In seiner Nähe fühlte ich mich nicht mehr allein und ich hörte auf, vor mir hin zu grübeln. Ich erzählte ihm, daß ich heute kein Frühstück bekommen habe, da ich einen Schlauch schlucken muß, zur Untersuchung meines Herzens von der Speiseröhre aus. Statt einem Frühstück bekam ich fünf große Antibiotikatabletten, zur Abwehr von Bakterien. Leider fiel auch mein Mittagessen aus, da ich immer noch auf die Untersuchung wartete. Um 12.00 Uhr kam Herr Dr. Steinbigler und sagte mir, daß ich um 14.00 Uhr den Termin habe. Herr Dr. Heimerl legte mir kurz zuvor eine Kanüle, da ich während der Untersuchung ein Kontrastmittel gespritzt bekomme.

 

Pünktlich um 14.00 Uhr wurde ich ins Herzechozimmer gebracht. Herr Dr. Steinbigler sprühte mir ein Spray in den Mund, worauf ich gleich danach kein Gefühl mehr darin hatte. Dann holte er den Schlauch, der aussah wie ein Gartenschlauch. Im selben Moment spritzte mir Herr Dr. Heimerl das Kontrastmittel, worauf ich sofort etwas müde wurde. Jetzt machte mir das Schlauchschlucken nichts mehr aus. Ich schluckte den Schlauch ohne Probleme und die Ärzte konnten mit der Untersuchung beginnen. Einmal verschluckte ich mich heftig und atmete danach durch die Nase ein und aus. Durch das Kontrastmittel wurden die Adern in meinem Herzen besser sichtbar. Da ich von der Speiseröhre aus untersucht wurde, konnten die Ärzte feststellen, daß sich das Loch wahrscheinlich nicht mehr in der Herzscheidewand befindet. Es hat sich also im Laufe der Jahre verkleinert oder war ganz zugewachsen. Das war schon mal ein gutes Zeichen. Nach ungefähr zehn Minuten wurde der Schlauch herausgezogen und ich wurde wieder auf mein Zimmer gebracht. Michael wartete vor dem Untersuchungsraum und begleitete mich. Nun hatte ich schrecklichen Hunger, durfte aber bis zum Abendessen nichts zu mir nehmen, solange die Betäubung nicht nachgelassen hatte. Als das Abendessen endlich kam, stürzte ich mich regelrecht darauf. Da mir die zwei Brote nicht reichten, ging ich mit Michael anschließend in die Cafeteria und aß noch eine Pizza.

 

Nach langem Hin- und Her schlendern in der Klinik war es auch schon wieder Zeit, sich vom Michael zu verabschieden. In meinem Zimmer angekommen, blätterte ich belanglos in ein paar Zeitschriften, die ich mir in der Klinik gekauft hatte.Ich war froh, daß der zweite Untersuchungstag hinter mir lag.

 

 

Der nächste Tag wurde für uns sehr langweilig, denn es war Samstag. Immer wieder fuhren wir in die Besucherstaße , setzten uns in die Cafeteria oder schauten uns die Schaufenster der Geschäfte an. Die Stunden krochen nur so dahin. Als es endlich Abend war, holte ich mir von Dr. Steinbigler die Erlaubnis, einen Tag später, am Sonntag in die Innenstadt von München mit der U-Bahn fahren zu dürfen. Ich mußte nur einen Zettel wegen der Krankenkasse ausfüllen, da ich auf Eigenverantwortung die Klinik verließe. Am nächsten Tag freute ich mich doch ein wenig auf die andere Umgebung, wenn's auch nur für ein paar Stunden war. Wir fuhren zusammen mit Michaels Schwester Rosi und deren Mann Hans an den Marienplatz und aßen beim  "Donisel"   zu Mittag. Dann schlenderten wir durch die Fußgängerzone. Die Zeit verging wie im Flug. Es dauerte nicht lange und ich mußte schon wieder in die Klinik zurück.

 

Am nächsten Morgen, es war inzwischen Montag, der 25.09. wurde ich zum Röntgen geschickt. Danach bekam ich ein Langzeit-E.K.G. . Die Ärzten konnten damit meine Herzschläge über 24 Stunden überwachen.

 

Nachdem Dienstag das Langzeit-E.K.G. beendet war, wurde ich zur Lungenfunktion geschickt. Dort mußte ich " Radfahren " und mußte in einer kleinen Kabine einatmen und sekundenlang die Luft anhalten. Dabei wurde der Sauerstoffgehalt in der Lunge getestet. Zu guter Letzt wurde ich an diesem Abend in ein Drei-Bett-Zimmer verlegt, da am selben Tag ein Bett frei geworden war. Ich bekam den Platz am Fenster. Links neben mir lag eine Frau mittleren Alters, sie stellte sich mit dem Namen Rosi vor. Im ersten Bett, in der Nähe der Tür, lag eine alte Dame namens Dalary. Beide waren sehr nett und fingen gleich an, sich mit mir zu unterhalten.

 

In dieser Nacht konnte ich nur mit einer Schlaftablette einschlafen, denn für den nächsten Tag war der Herzkatheter geplant. Ich hatte schreckliche Angst, mir würde etwas dabei passieren, denn ich hatte ja als Kind einmal dabei einen Herzstillstand.

 

Nach einer unruhiger Nacht freute ich mich am Morgen, Michael zu sehen. Er beruhigte mich und sagte, es wird sicher alles gut gehen. Auch meine Bettnachbarin -Rosi - ,eine Augsburgerin die in München wohnt, wollte mir die Angst nehmen, indem sie mir noch mal genau den Vorgang einer Herzkatheteruntersuchung schilderte. Sie wußte es genau, denn sie hatte schon sehr viele dieser Untersuchungen hinter sich.

 

Kurz nach 10.00 Uhr wurde ich vor den Herzkatheterraum gebracht. Michael war dabei und hielt meine Hand. Um 10.30 Uhr war es dann soweit. Ich verabschiedete mich von Michael. Er nahm mich in den Arm und wünschte mir viel Glück. Dann wurde ich in den Herzkatheterraum gebeten. Mit klopfendem Herzen stand ich nun da und schaute mich um. Ein wenig war ich überrascht, denn ich hatte mir diesen Raum ganz anders vorgestellt. Inmitten des Zimmers stand ein großes Bett und rechts daneben waren Bildschirme angebracht. Ich dachte immer, dieser Raum gleiche einem Operationsraum, jedoch gleicht er eher einem " Fernsehraum " . Eine nette Schwester bat mich, mich auf das Bett zu legen, was ich sogleich auch tat.

 

Dr. Steinbigler kam herein und begrüßte mich. Als er merkte, daß ich sehr aufgeregt war, versuchte er mich zu beruhigen. Ich erzählte ihm von meiner furchtbaren Angst, da ich als Kind dabei einen Herzstillstand hatte. Daraufhin meinte Dr. Steinbigler, daß dieser jetzige Herzkatheter sicher ohne Komplikationen

verlaufen wird, da die Medizin inzwischen bald dreißig Jahre vergangenen Zeit, einen großen Fortschritt gemacht habe. Als ich mich ein bisschen beruhigt hatte, erklärte mir Dr. Steinbigler, daß er mir jetzt den Bereich in der rechten Leiste betäuben wird, da von dort aus der Katheter in die Venen eingeschoben wird. Noch ehe ich mir den Vorgang bildlich vorstellen konnte, machte es auch schon einen gewaltigen Stich an meiner Leiste. Ich wurde gleich von einem anderen Arzt, der den Eingriff überwachte, beruhigt. Danach wurde mir ein großes Tuch bzw. ein Vorhang über meine Beine gehängt, so daß ich nicht sehen konnte, wie Dr. Steinbigler mir den Katheter an der Leiste in die Vene einführte. Das war auch gut so, denn mir war es lieber, den Vorgang  auf dem Bildschirm mit zu beobachten. Es war schon ein komisches Gefühl, als ich den Katheter ( zu vergleichen mit einem Draht ) in meiner Hauptschlagader auf dem Bildschirm sah. Der Draht wurde durch meine Vene geschoben, bis in eine Herzkammer. Nun sah ich den Draht in meinem Herzen. Wenn er die Herzwand berührte, hatte ich Herzstolpern. Dr. Steinbigler sagte mir nach einer Weile, ich solle nicht erschrecken, da er jetzt ein Kontrast-mittel spritzt, um das Herz und die Venen besser sehen zu können. Als das Kontrastmittel in meinem Körper floß, wurde es mir plötzlich heiß. Mir war, als ob ich eine Flasche Schnaps auf ex getrunken hätte. Dieser Zustand hielt Gott sei Dank nicht lange an. Dr. Steinbigler hatte nun bessere  " Sicht " in meinem Herzen.

 

Nachdem er den Katheter aus meiner Vene gezogen hatte, dachte ich schon, ich hätte alles überstanden. Doch ich täuschte mich. Der Katheter mußte noch in eine andere Vene eingeführt werden, um in die zweite Herzkammer zu gelangen. Ich sah, wie der Draht wieder in Richtung meines Herzens " wanderte" und bekam dann nochmals dieses Kontrastmittel gespritzt. Ich dachte wirklich, mir wird eine Flasche Schnaps in meinem Körper gespritzt. Mir wurde wieder heiß und mir war, als löse sich mein Körper in Wasser auf. Dieses Gefühl ist anders nicht zu beschreiben. Nachdem dieser Zustand nach kurzer Zeit ein Ende hatte, dauerte es auch nicht mehr lange, bis alles beendet war. Zwar hatte ich während des gesamten Eingriffes keine Schmerzen, jedoch war es ein unangenehmes Gefühl. Danach zitterte und fror ich am ganzen Körper. Ich dachte zuerst, ich hätte Kreislaufbeschwerden, jedoch Dr. Steinbigler meinte, das wären meine Nerven. Sofort wurde ich in eine Decke eingewickelt. Während er mir einen Druckverband an die Leiste anbrachte, fragte ich ihn, was er denn nun bei meinem Herzkatheter festgestellt habe. Nach langem Zögern antwortete er mir :" Frau Frieß, es tut mir leid, aber um eine Operation kommen Sie leider nicht mehr herum. Das Band an der Lungenschlagader( Pulmonalarterie ) muß unbedingt entfernt werden, da dort ein sehr großer Engpaß im Laufe der Jahre entstanden ist. Durch diesen Engpaß sind die Druckwerte im Herzen viel zu hoch, so daß auf jeden Fall eine Operation erforderlich ist ." Zwar war ich auf so eine Antwort gefaßt, aber in diesem Moment hatte ich trotzdem einen Schock. Immer wieder hatte ich mir eingeredet, daß vielleicht alles doch halb so schlimm sei und mir eine Operation erspart bleiben würde. Doch in diesem Augenblick war all meine Hoffnung dahin. Zu meinem eigenen Erstaunen immer noch ruhig, fragte ich Dr. Steinbigler, wie lange die Operation ungefähr dauern würde. Leider konnte er mir darauf keine genaue Antwort geben.

 

Immer noch zitternd wurde ich aus dem Herzkatheterzimmer geschoben. Es war inzwischen   12.45 Uhr . Über zwei Stunden hatte die Untersuchung gedauert. Zu meiner Erleichterung sah ich Michael auf dem Gang stehen. Er hatte die ganze Zeit dort auf mich gewartet. Als er mich sah fragte er mich sofort , ob ich alles gut überstanden habe. Daraufhin antwortete ich :" Den Herzkatheter habe ich gut überstanden, aber die Operation steht mir noch bevor !" In diesem Augenblick konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich merkte, daß Michael auch geschockt war, jedoch versuchte er , mich zu beruhigen. Er hielt meine Hand und immer wieder sagte er :" Das schaffen wir schon, das stehen wir durch !"

 

Ich wurde von einem Krankenpfleger wieder zurück auf mein Zimmer gebracht. Sogleich stand auch  das Essen an meinem Bett. Zwar  hatte ich den ganzen Tag noch nichts gegessen, hatte jedoch aufgrund des Herzkatheterergebnisses überhaupt keinen Appetit. Ich war völlig in Tränen aufgelöst. Jeder versuchte mich zu trösten. Michael überlegte nicht lange, er nahm den Löffel und fing an mich zu füttern. Als dann die Schwester hereinkam und sagte :" Das ist Liebe ", da mußte ich doch ein wenig lachen.

 

Abends hatte ich mich ein wenig beruhigt. Irgendwie hatte ich es die ganze Zeit gewußt, daß ich operiert werden mußte, jedoch hatte ich es immer verdrängt. Ich war froh , daß ich den Herzkatheter gut überstanden hatte. Im nachhinein empfand ich ihn gar nicht mehr so schlimm. Ich hatte mich nur vorher so verrückt gemacht. Am nächsten Tag wurde mir nachmittags der Druckverband an meiner Leiste entfernt. Jetzt endlich konnte ich mein Bett wieder verlassen. Beim ersten Aufstehen hatte ich zwar Kreislaufbeschwerden, jedoch freute ich mich ein paar Schritte  gehen zu dürfen.

 

Am nächsten Tag, es war bereits Freitag, erklärte mir Dr. Steinbigler, daß in der Konferenz nur 50% der Ärzte meiner Operation zugestimmt haben, da dieser Eingriff bisher nur an Kindern durchgeführt wurde. Er erklärte mir noch, daß viele Leute, denen als Kind das Band nicht herausoperiert wurde, gestorben sind . Das war wieder ein großer Schock für mich. Dr. Steinbigler beruhigte mich gleich und sagte, daß die Ärzte mit der Kinderklinik schon Kontakt aufgenommen hätten, um Erkundungen einzuholen. Er bat mich , den Ärzten zu vertrauen. Nachdem ich mich von den Strapazen der letzten Tage erholt hatte, fuhr Michael mit mir Samstags mit der U-Bahn zum Oktoberfest. Ich unterschrieb beim verlassen der Klinik wieder einen Zettel für die Krankenkasse, da ich noch mal auf Eigenverantwortung die Klinik verließ.

 

Zwar war mir einerseits nicht wohl dabei, andererseits aber war ich froh, mich ein wenig ablenken zu können. Lange blieben wir nicht auf der "Wiesen " , denn ich hatte alles andere als eine Feststimmung. Wir entdeckten in der Nähe des Festes ein kleines Café, indem wir gemütlich eine Tasse Kaffee tranken. Der Nachmittag verging sehr schnell und ehe ich mich versah, waren wir schon wieder auf dem Weg zur Klinik. Nachdem Michael sich abends von mir verabschiedet hatte, unterhielt ich mich noch lange mit meiner Bettnachbarin Rosi, mit der ich mich inzwischen ein wenig angefreundet hatte.

 

Am nächsten Tag besuchten mich meine Eltern und meine Kinder. Wir freuten uns alle auf das Wiedersehen, besonders Manuel und Diana wichen mir an diesem Tag nicht von der Seite. Leider konnten sie nicht allzu lange bleiben, denn sie mußten ja an diesem Tag noch nach Hause fahren. Auch Michael verabschiedete sich abends von mir, denn er mußte sich ebenso auf den Heimweg nach Buchen machen, da er am nächsten Tag wieder arbeiten mußte. Obwohl ich wußte, daß ich auch bald die Klinik verlassen durfte, viel mir der Abschied von meiner Familie sehr schwer. Ich war Michael sehr dankbar, daß er sich in den vergangenen Tagen so um mich gekümmert hatte. Bevor Michael nach Hause fuhr, schenkte er mir und meinen "Zimmergenossinen" je eine rote Rose. Rosi war total überrascht . Frau Dalary freute sich wahnsinnig darüber. Sie konnte es zuerst gar nicht glauben, daß ein so junger Mann einer so alten Dame eine Rose schenkte. Sie nannte Michael sogleich ihr " Rosenkavalier ". Sie schwärmte noch davon , als Michael aus Buchen anrief und sagte, daß er gut angekommen ist.

 

Montags morgens hatte ich einen Termin zur Kernspintomographie . Vor dieser Untersuchung hatte ich auch ein komisches Gefühl im Magen, da ich mich in einer Röhre legen mußte. Ich bekam einen Kopfhörer aufgesetzt , damit sich der Arzt mit mir verständigen konnte. Für den Fall, daß es mir schlecht ginge, bekam ich einen Notknopf in die Hand. Dann legte der Arzt noch eine dicke Schutzweste auf meinem Oberkörper.  Nun wurde ich in die Röhre geschoben. Zuerst hatte ich die Augen geschlossen, doch nach kurzer Zeit öffnete ich sie vorsichtig und sah, daß die Röhre innen hell erleuchtet war. Sogleich fragte mich der Arzt, ob es mir gut geht, worauf

ich mit "ja" antwortete. Es war ein ganz mulmiges Gefühl in diesem engen Raum zu liegen, ich verglich es mit einem Sarg. Zwischendurch mußte ich öfters einatmen und die Luft zwölf Sekunden lang anhalten. Dies fiel mir sehr schwer. Manchmal ratterte und rumpelte es in diesem Apparat wie in einer Geisterbahn. Nach fast einer Stunde wurde ich endlich aus der Röhre geschoben. Ich war froh als diese Untersuchung beendet war !

 

An diesem Tag unterhielt ich mich noch lange mit meiner Bettnachbarin Rosi und deren Mann. Ohne Michael kam mir der Tag unendlich lang vor. Inzwischen bekam ich auch Krankengymnastik, da ich jetzt doch schon zwischendurch Atembeschwerden hatte. Dr. Steinbigler sagte mir an diesem Tag, daß nun doch meine Operation innerhalb der nächsten drei Monaten geplant wird.

Ein Herr Professor Kreuzer wird mich dann operieren! Nach einer unruhigen Nacht ging ich am nächsten Morgen im Patientenpark spazieren. Es war inzwischen Dienstag, der 3. Oktober, ein Feiertag. Wie gerne wäre ich jetzt Zuhause bei Michael und den Kindern. Aber bald hatte ich esja mit den Untersuchungen geschafft, es fehlte nur noch das Spiral-CT, dann darf ich nach Hause.

 

Mittwochs kam der Professor Reichhart, der Direktor der Herzchirurgie zur Visite. Als die Ärzte an meinem Bett standen, sprach Professor Reichhart sehr ernst über meinen Zustand. Ich verstand zwar die Ärztesprache nicht, merkte jedoch, daß sie sich bei mir , mit einem nicht alltäglichen Fall auseinandersetzten. Noch während ihres Gespräches bekam ich es mit der Angst zu tun. Prof. Reichhart versuchte mich zu beruhigen und sagte mir : " Bitte vertrauen Sie uns, wir brauchten Zeit zum Planen !"

 

Nachdem das Ärzteteam sich von mir verabschiedet hatte, war ich ganz durcheinander. Dr. Heimerl merkte mir meine innere Unruhe an und kam noch mal ins Zimmer zurück. Er versuchte mir zu erklären, daß sich Fachausdrücke immer schlimmer anhörten, als sie in Wirklichkeit sind. Als der Tag vorüber war, bekam ich unheimliches Heimweh nach meinen Kindern. Zwar telefonierten sie jeden Abend mit mir, doch wollte ich sie mal wieder in den Armen nehmen, mit ihnen spielen und erzählen. Den ganzen Donnerstag ging ich in der Klinik hin und her und wartete auf den Termin zur Spiral-CT. Mir fiel die Decke auf den Kopf. Dr. Heimerl gab mir den Tip, mich selbst mal an Ort und Stelle zu erkundigen, warum ich immer noch nicht aufgerufen wurde. Sofort machte ich mich auf den Weg zur Anmeldung. Diese befand sich in einem der untersten Stockwerke des Klinikums. Dort angekommen, klopfte ich an der Tür. Nachdem eine nette Stimme "herein bitte " rief, trat ich ein, begrüßte die Sekretärin und fragte nach meinem Termin.

 

Die Dame schaute auf den Terminkalender und sagte zu mir :" Da unser Gerät defekt war, mußten wir alle Terminen verschieben. Ihr Termin ist leider erst am Montag." Bestürzt erklärte ich ihr meine Situation, daß ich nun schon die ganze Woche auf das Spiral-CT. warte und danach nach Hause dürfe. Ich wollte nicht noch mal ein ganzes Wochenende in der Klinik verbringen, denn schließlich habe ich zwei Kinder die mich brauchen. Sofort entschuldigte sich die Dame bei mir und versprach, mich am nächsten Morgen um 7.00 Uhr einzuschieben. Da freute ich mich wie ein " Schneekönig ". Morgen darf ich endlich nach Hause!! Abends als meine Eltern und Michael anriefen, erzählte ich ihnen gleich die freudige Nachricht.

 

Nachdem ich am nächsten Morgen um 7.00 Uhr pünktlich aufgerufen wurde zum Spiral-CT., wurde mir eine Kanüle gelegt, da ich während der Untersuchung Kontrastmittel gespritzt bekomme. Ich mußte mich auf eine Liege legen und die Augen schließen. Langsam bewegte sich die Liege rückwärts durch einen runden Bogen mit vielen winzigen, kleinen Kameras, die sich hin und her bewegten. Beim zweiten Durchgang wurde mir das Kontrastmittel gespritzt. Ähnlich, jedoch nicht so stark als beim Herzkatheter wurde es mir wieder heiß und kalt zugleich.

 

Ich mußte wieder sekundenlang die Luft anhalten, was mir sehr schwer fiel. Das Gerät gab auch recht seltsame Laute von sich. Als die Untersuchung - etwa nach zehn Minuten- beendet war, wurde ich von meiner Kanüle befreit und ging auf mein Zimmer zurück. Jetzt bekam ich seit langem wieder mal so richtig gute Laune und packte gleich meinen Koffer. Ich konnte es kaum erwarten, bis meine Papieren fertig waren ! Um die Mittagszeit, als ich endlich meine Papieren bekam, verabschiedete ich mich von den netten Schwestern und Krankenpflegern, ganz besonders aber von den unheimlich netten Ärzten. Jeder wünschte mir alles Gute für die bevorstehende Operation. Als Michaels Schwester Rosi kam, um mich abzuholen, verabschiedete ich mich von meinen Bettnachbarinnen. Frau Dalary sagte zu mir :"Nur Mut, es geht alles vorbei ! Viele Grüße an den Rosenkavalier ."

 

Ich tauschte mit Rosi noch die Adressen aus, dann versprachen wir uns, auf jedenfall in Briefkontakt zu bleiben. Endlich war es soweit und ich durfte fürs erste das Krankenhaus verlassen. Es war Freitag, der  06.10.1995. An diesem Tag war ich so richtig frohgelaunt und verdrängte die bevorstehende Operation. Ich freute mich auf meine Kinder, meine Eltern und natürlich auf Michael. Leider konnte er mich erst am nächsten Tag bei Rosi und Hans in Hohenlinden abholen, da er an diesem Tag arbeiten mußte. Als er abends bei uns anrief, erzählte ich ihm, daß wir gerade dabei sind, in eine Pizzeria zu fahren. Ich mußte unbedingt mal wieder Pizza essen! Michael sagte mir, daß er am nächsten Tag so um die Mittagszeit bei uns wäre. Ich freute mich schon riesig auf ihm . Als ich mit Rosi und Hans in der Pizzeria saß, ging plötzlich die Tür auf und Michael stand da! Im ersten Moment schauten wir ihn ganz entgeistert an, doch dann fingen wir alle an zu lachen. Das war wirklich eine gelungene Überraschung! Er nahm mich sofort in die Arme und erzählte uns, daß er gleich nach der Arbeit losgefahren sei und an einer Raststätte bei uns angerufen hatte. Er konnte es nicht mehr erwarten, mich wiederzusehen!

Es wurde ein sehr schöner, lustiger Abend in der Pizzeria. Am nächsten Tag fuhren wir guter Laune nach Hause. Dort angekommen, wurde ich stürmisch von meinen Kindern begrüßt. Sie waren froh mich endlich wiederzuhaben, obwohl es ihnen bei meinen Eltern recht gut ging.

 

Die folgenden Wochen vergingen wie im Flug, jedoch konnte ich mich überhaupt nicht richtig konzentrieren. Die ganzen Tage und Nächte hatte ich meine bevorstehende Operation im Hinterkopf. Ich versuchte mich zwar abzulenken, aber es gelang mir nie. Auch gesundheitlich ging es immer weiter bergab, ich konnte nur noch schwer Treppensteigen und hatte oft Atemnot. Ende Oktober rief mich Dr. Heimerl an und sagte mir, daß ich am 10.01.1996. in der Klinik aufgenommen werde. Den genauen Operationstermin konnte er mir noch nicht sagen. Nach diesem Anruf war es mir ganz mulmig. Einerseits war ich froh, den Termin zu wissen, denn ich konnte mich so langsam darauf einstellen. Andererseits hatte ich überhaupt keine Vorfreude auf Weihnachten. Ich versuchte, Plätzchen zu backen, aber es gelang mir in diesem Jahr nicht. Auch nur mit Mühe konnte ich mit meinen Kindern Weihnachtsschmuck basteln.

 

Ich hatte überhaupt keine Weihnachtsstimmung, konnte aber meine Gleichgültigkeit den Kindern gegenüber nicht anmerken lassen. Das war für mich besonders schwer. In dieser Zeit war ich sehr gereizt. Wenn jemand mich was fragte, reagierte ich oft launisch und genervt, obwohl ich es gar nicht wollte. Oft hoffte ich, im Schlaf alles zu vergessen, aber dann träumte ich auch noch von der Operation. Schweren Herzes feierte ich mit meiner Familie das Weihnachtsfest. Für die Kinder war Weihnachten so schön wie jedes Jahr, sie konnten ja meine Situation Gott sei Dank noch nicht abschätzen. Dem Rest der Familie jedoch merkte ich die angespannte Situation an.

 

Auch an Silvester hatte ich keine gute Laune. Zwar hatte ich eine Silvesterparty, konnte mich jedoch nicht auf das Jahr 1996 freuen.

 

Am 9. Januar war es dann soweit. Ich war froh, daß die Warterei ein Ende hatte. Am allerschlimmsten für mich war, als ich mich von meinen Kindern verabschieden mußte. Morgens um 7.15 Uhr fuhr Manuel mit dem Bus zur Schule. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich ihn zum letztenmal in den Arm nahm und er sich an mich drückte. " Sei schön brav bei Oma und Opa, ich komme bald wieder " sagte ich zu ihm und kämpfte gegen meine Tränen. " Tschüs Mama , ich hab Dich lieb ", gab Manuel mir zu Antwort. Ich konnte nichts mehr zu ihm sagen, denn er war schon auf dem Weg zum Bus. Irgendwie war ich erleichtert, meine Tränen jetzt freien Lauf zu geben, denn lange hätte ich sie nicht mehr zurückhalten können. Ähnlich ging es mir bei Diana. Als ich sie zum letztenmal in den Arm nahm, bevor sie in den Kindergarten ging, entdeckte sie, wie mir eine Träne herunterlief. Sie sagte zu mir :" Mama , Du brauchst nicht weinen. Ich weiß, Du hast Angst, aber Du brauchst keine Angst zu haben, es geht alles gut. " In diesem Moment drückte sie mich fest an sich und wir fingen beide an zu weinen. Ich spürte, wie Diana die ganze Sache nachging. Sie gab mir in diesem Moment sehr viel Kraft. Als wir uns am Kindergarten verabschiedete, winkte sie mir kräftig zu und rief :" Mama, mach's gut und weine nicht mehr, ich hab Dich ganz arg lieb!" Ich winkte ihr schweren Herzes zurück und versprach ihr, bald wiederzukommen. Als  Diana im Kindergarteneingang verschwand, gingen mir viele Gedanken durch den Kopf. Werde ich meine Kinder je wiedersehen? Ich wußte es nicht!

 

Dieses herzzerreißendes Gefühl kann ich nicht beschreiben. Auch der Abschied von meinen Eltern fiel mir wahnsinnig schwer. Ich kämpfte mit den Tränen, als ich sie das letzte mal umarmte. Auch meine Mutter war den Tränen nahe. Mein Vater versuchte mich zu trösten, indem er sagte: "Das schaffst Du schon, Du hast schon so viel in deinem Leben geschafft, da geht die Operation auch noch gut." Ich merkte, die tröstenden Worte kamen ihm auch schwer über die Lippen. Ich kann mir gut vorstellen, wie ihm zumute war. Als ich bei Michael im Auto saß, winkten sie mir auch noch mal zu und wünschten uns viel Glück. Nach ca. 500 Metern Fahrt mußte Michael anhalten, denn ich mußte wahnsinnig weinen. Er nahm mich in den Arm und sagte :" Ich weiß, wie Dir zumute ist, weine Dich erst mal aus, bevor wir weiterfahren." Sein Verständnis tat mir unheimlich gut. Am Nachmittag kamen wir bei Michaels Schwester und deren Mann in München an. Sie freuten sich, daß wir gut angekommen waren, aber man merkte ihnen die gedrückte Stimmung auch an. Jeder versuchte mich aufzuheitern, was ihnen aber nicht so recht gelang.

 

Am nächsten Morgen war es dann wieder mal soweit. Es war Mittwoch, den 10 Januar 1996. Mir war richtig mulmig zumute, als ich mit Michael die Klinik betrat. Schon bei der Anmeldung hatte ich ein komisches Gefühl im Magen. Während ich in mein Zimmer geführt wurde, hoffte ich insgeheim, nette " Zimmergenossinnen " zu bekommen, mit denen ich mich unterhalten könnte. Ich bekam das erste Bett, gleich neben der Tür. In der Mitte saß eine ältere Dame, etwa Anfang - Mitte 60, neben dem Bett am Fenster stand eine junge Frau, ich schätzte sie Mitte 20. Beide

begrüßten mich freundlich, als ich das Zimmer betrat. Sie stellten sich mit den Namen Anna und Simone vor. Ich merkte ihnen an, das sie in der selben gedrückten Verfassung waren wie ich. Sicher sind sie in einer ähnlichen Lage, dachte ich mir.

 

Simone und ich

 

Michael ging drei Etagen tiefer in die Cafeteria, während ich meine Sachen auspackte und im Schrank verstaute. Ich hatte dabei ein richtig komisches Gefühl im Magen. Als ich meinen " Fax " und die Bilder meiner Kinder auf den Nachttisch stellte, kamen mir schon wieder die Tränen. Ich setzte mich aufs Bett und betrachtete nur meine Kinder. Simone, die jüngere der beiden Frauen schien meine Situation zu verstehen. Sofort setzte sie sich zu mir aufs Bett, gab mir ein Taschentuch für meine Tränen, nahm mich in den Arm und versuchte mich zu trösten. Sie erzählte mir, daß ihr am nächsten Tag auch eine Herzoperation bevorsteht, deshalb könne sie sich sehr gut in mich hineinversetzen. Ich fand das toll von Simone, daß sie sich so um mich kümmerte. Da sie mich ja überhaupt nicht kannte und sie sogar selbst operiert wird, fand ich ihre Handlung schon bewundernswert. Auch Anna erzählte mir von ihrer bevorstehenden Herzoperation. Allmählich beruhigte ich mich wieder. Trotz all der schweren Umstände kamen wir drei sofort ins Gespräch. Mir tat es gut, mit Menschen zu reden, die sich in derselben Situation befanden als ich. Als Michael ins Zimmer kam, waren wir in einem Gespräch vertieft und ich merkte, daß meine Aufregung sich ein wenig gelegt hatte.

 

Auch Michael fand Simone und Anna sympathisch. Wir mußten sogar alle über Annas Bemerkung : " Wenn's nur schon Ostern wäre " lachen. Wie sich aus unserem Gespräch herausstellte, kam Anna aus Böblingen und Simone aus Karlsruhe. Simone wohnte aber derzeit in München. Ihre Eltern lerntenwir auch noch kennen, denn sie wollten sie vor und nach der Operation unterstützen. Am Nachmittag wurde Simone vom Oberarzt Dr. Schiller über ihre Operation aufgeklärt. Dann kam auch noch der Narkosearzt dazu, um sie zu informieren. Ich wollte bei diesem Gespräch gar nicht zuhören, sonst hätte ich mich vielleicht noch mehr verrückt gemacht. Später kam ein junger Arzt zu mir und nahm mir eine ganze Menge Blut ab. Währenddessen erzählte er von den Bergen. Er sagte, sein größtes Hobby seien  Bergtouren. Jedes freie Wochenende verbrachte er damit. Da er einen sehr komischen Namen hatte, den wir uns nicht merken konnten, nannte Anna ihn sofort den " Bergdoktor ".

 

Der "Bergdoktor"

 

In dieser Nacht kam ich nur wenig zu Ruhe. Dauernd mußte ich an meine Operation denken. Am nächsten Morgen wußte ich noch immer nicht wann mein O.P.-Tag war. Ich dachte mir, sicher am Montag, denn die Ärzte hatten mich noch nicht über die Operation informiert. Einerseits beneidete ich Simone, denn sie wußte, daß sie heute operiert wird. Für sie gab es kein Warten mehr. Aber wie lange mußte ich noch mit der Ungewißheit leben, ob alles gut gehen würde?

 

Simone wurde um die Mittagszeit zur Vorbereitung der Operation aus unserem Zimmer abgeholt. Wir wünschten ihr recht viel Glück. Da sie eine Stunde zuvor eine starke Beruhigungstablette bekommen hatte, war sie schon ein wenig "benebelt" und winkte uns zum Abschied zu.

 

So gegen 14.00 Uhr wurde ich zur Krankengymnastik gerufen. Dort waren noch andere Herzpatienten versammelt. Uns wurde erklärt und gezeigt, wie wir uns in der ersten Zeit nach der Operation bewegen müssen, damit die Schmerzen ein wenig gelindert werden. Jeder mußte sich auf ein Bett legen, die Arme auf der Brust überkreuzen und sich auf die linke Seite drehen. Dann mußte man die Beine zuerst aus dem Bett hängen, und den Oberkörper ohne Abstützen hochziehen. Das war gar nicht so einfach. Ich übte es danach in meinem Zimmer noch ein paar Mal.

 

Am späten Nachmittag ging plötzlich die Tür auf und der Stationsarzt Dr. Lindemeier sagte mir, daß ich Morgen, am Freitag operiert werde. Das war im ersten Moment ein Schock für mich. Obwohl ich darauf vorbereitet war und auf diesen Moment gewartet hatte, brach ich jetzt in aus. Das war die Anspannung meiner Nerven. Dr. Lindemeier verstand meine Situation, und gab mir sofort ein Beruhigungsmittel. Michael tröstete mich, er sagte :" Jetzt haben wir bald alles überstanden!" Irgendwie war es schon seltsam, denn der nächste Tag, mein Operationstag war der Geburtstag meiner verstorbenen Oma Anna. Ich mußte gleich wieder an sie denken.Es dauerte nicht lange, da kam der Oberarzt Dr. Schiller ins Zimmer und begann mit dem Aufklärungsgespräch über meine Operation. Er berichtete mir, daß der Herr Professor Kreuzer versuchen wird, das Band, das sich an der Lungenschlagader ( Pulmonalarterie ) befindet, zu entfernen. Da durch das Band im laufe der Jahre eine Verengung der Lungenschlagader in der

Nähe des Herzeingangs verursacht wurde, entstand dadurch zwischen der rechten Herzkammer und der Lungenschlagader ein Druckwert von 140. Das entspricht das 14 - Fache des Druckwertes eines gesunden Menschen. Da sich das Band an der Lungenschlagader ganz  nahe am Herzeingang befindet, besteht noch dazu das Risiko, daß beim Entfernen die Lungenklappe beschädigt werden könnte und ich somit noch eine Lungenklappe bräuchte. Dr. Schiller sagte mir, im schlimmsten Falle könne die Operation einen Herzstillstand, Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen, oder sogar zum Tode führen. Das klang grausam, aber er mußte mich über alle Risiken aufklären. Ich fragte ihn, was passieren würde, wenn ich mich nicht operieren lassen würde. Er antwortete mir, daß  in absehbare Zeit die rechte Herzkammer versagen würde und dies mein Todesurteil wäre. Zum Schluß blieb mir die Entscheidung überlassen, der Operation zuzustimmen oder nicht. Schweren Herzens setzte ich meine Unterschrift auf den Aufklärungsbogen, denn mir blieb eigentlich keine andere Wahl, als der Operation zuzustimmen. Michael schaute mich dabei an und hielt meine Hand.

 

Ich merkte erst jetzt, daß die Narkoseärztin schon eine Weile neben mir stand. Als Dr. Schiller aus dem Zimmer ging, setzte sie sich neben mich und versuchte mich zu beruhigen. Sie merkte sofort, daß ich innerlich total am Boden war. Ohne Beruhigungsmittel hätte ich das Gespräch mit Dr. Schiller nicht so gut überstanden. In diesem Moment fing ich nun doch an, am ganzen Körper zu zittern. Als ich meine Tränen zurückhalten wollte, redete sie mir gut zu. Sie wußte, wie ich mich

fühlte und ich sollte meine Tränen nicht zurückhalten. Ich sollte mich richtig ausweinen, den das täte mir jetzt gut. Die nette Narkoseärztin gab mir noch einen Rat. Ich solle dem Ärzteteam vertrauen, solle daran fest glauben, daß alles gut wird. Ich sollte auch an meine Familie denken, besonders an meine Kinder, die mich am meisten brauchten.

 

Nachdem ich auch zur Narkose mit meine Unterschrift eingewilligt hatte, nahm mich Michael in den Armen. Es tat so gut, denn nun hatte ich Hoffnung und konnte meinen Tränen freien Lauf lassen. Jemand, der nicht selbst in einer ähnlichen Situation wie ich war, kann sich nicht vorstellen, wie mir an diesem Tag zumute war, welche Gedanken mir durch den Kopf gingen. Alle Sorgen und Probleme die ich in meinem Leben hatte, empfand ich nun als winzig klein, nahezu als lächerlich. Das waren in meinen Augen keine richtigen Probleme, denn nun wußte ich, was ein richtig großes Problem ist. Ich erinnerte mich an das Buch: " Das Leben nach dem Tod ", indem ich in letzter Zeit des öfteren gelesen hatte. Vielleicht klingt es für manche Menschen makaber, aber gerade dieses Buch beruhigte mich so sehr. Auch hatte ich kurz vor meine Klinikaufenthalt von einer Freundin eine Karte bekommen, die mich ungemein beeindruckte und Ruhe in mir auslöste:

 

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Karte : Spuren im Sand

 

Am Abend rief ich noch meine Eltern und ein paar Freunde an und berichtete ihnen vom morgigen Tag. Alle wünschten mir noch mal viel Glück und versprachen mir, alle Daumen zu drücken. Danach packte ich meine Sachen aus dem Schrank zusammen, denn es ist üblich, daß man vor dem O.P. alles aus dem Zimmer stellen muß. Es könnte ja sein, daß man nach diesem Eingriff in ein anderes Zimmer verlegt wird. Damit ich in dieser Nacht zur Ruhe kam, ließ ich mir nochmals ein Beruhigungsmittel geben. Jedoch bewirkte sie diesmal das Gegenteil. Ich wurde unruhig, dann wurde mir schlecht und ich hatte das Gefühl, als ob sich das Zimmer ums Bett dreht. Meine Zimmerkolegin Anna drückte dann sofort den Notknopf. Als eine Schwester die Situation erkannte, rief sie sofort einen zuständigen Arzt, der auch gleichmit dem Blutdruckmeßgerät herbeigeeilt kam. Er stellte fest daß ich einen viel zu niedrigen Blutdruck hatte, und gab mir sofort eine Spritze. Er sagte mir: " Sind Sie froh, daß Sie morgen operiert werden, denn es wird höchste Zeit. Danach haben sie auch keinen so niedrigen Blutdruck mehr!" Der nette Arzt sah in dieser Nacht noch des öfteren nach mir.

 

Am nächsten Morgen ging es mir auch schon wieder besser. An diesem Tag war es ja soweit. Irgendwie war ich erleichtert, daß ich nun  bald alles überstanden hatte. Jedoch fühlte ich mich zu früh erleichtert. Plötzlich ging die Tür auf .Dr. Lindemeier, der "Bergdoktor", sowie zwei andere Ärzte kamen zu mir und versuchten mir schonend beizubringen, daß meine Operation wegen eines Notfalls auf Montagmorgen verschoben wurde! Obwohl sie sich bei mir entschuldigten, hatte ich das Gefühl ich müßte ihnen im ersten Moment ins Gesicht springen. Ich fragte ob das ein Scherz sei, doch sie bestätigten mir, daß wirklich ein Notfall dazwischen kam.

 

Nun war ich natürlich erneut aufgewühlt. Ich rief sofort meine Eltern und Bekannten an um sie zu informieren. Jeder war bei dieser Nachricht schockiert. Als Michael morgens gegen 10.00 Uhr kam, erzählte ich ihm sofort, daß alles auf Montag verschoben wurde. Ihn hatte es auch sehr getroffen. Da er vor lauter Aufregung die ganze Nacht kein Auge zubekommen hatte, schlief er jetzt erschöpft an meinem Bett ein. Noch während er schlief, räumte ich meine Sachen wieder in den Schrank.

 

Simone ging es den Umständen entsprechend gut. Ich hatte mich nach ihr erkundigt. Es freute mich sehr, daß sie den Eingriff gut überstanden hatte. Ihre Eltern waren auch sehr erleichtert, daß sah man ihnen sofort an.

 

Zu allem Übel mußte ich noch heute zu einer Ultraschalluntersuchung begeben. Es wurde untersucht ob alle meine Organe in Ordnung wären.

 

Gegen Abend wurde Simone wieder auf unser Zimmer geschoben. Wir hatten den Schwestern gut zugeredet, damit Simone nicht in ein anderes Zimmer verlegt wurde. Ich erschrak ein wenig, als ich sie sah. Sie lag inmitten von Schläuchen und Infussionsflaschen schlafend in ihrem Bett. Einerseits tat sie mir leid, anderseits beneidete ich sie, denn sie hatte nun alles überstanden. In der folgenden Nacht ging es Simone nicht besonders gut. Man merkte, das reden fiel ihr noch schwer und sie mußte sich auch ein paar mal übergeben. Die Nachtschwester sah öfter nach ihr.

 

Am nächsten Morgen ging es Simone schon besser. Mir dagegen ging es nicht besonders gut, denn ich mußte ja noch das ganze Wochenende auf meine Operation warten. Wie in Trance ging ich mit Michael in der Klinik auf und ab, saß öfter in der Cafeteria und unterhielt mich oft lange mit Anna. Sie hatte jetzt auch ihren O.P. Termin bekommen. Dienstag, einen Tag nach mir.

 

Simone ging es jetzt schon viel besser. Sie konnte schon wieder lachen und bekam auch schon ein paar Schläuche entfernt. Sonntags verabschiedete sich ihr Vater. Er war froh, daß sie alles so gut überstanden hatte. Nun konnte er unbesorgt nach Karlsruhe zurückfahren!

 

Für mich gab es Abends auch ein Abschied. Der Abschied von Michael. Wir umarmten uns und hielten uns lange fest. Keiner von beiden wollte den anderen loslassen. Wieder konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten. Obwohl Michael auch mit den Tränen kämpfte, redete er mir gut zu und wünschte mir viel Glück. Er versprach mir am nächsten Morgen so früh es geht in der Klinik zu sein. Nach unserem letzten Kuß stieg er in den Fahrstuhl. Ich winkte ihm ein letztes mal zu.

 

Im stillen betete ich, daß es kein Abschied für immer sei. Als ich in mein Zimmer zurück ging, fühlteich mich so leer, irgendwie so allein. Sofort nahm ich eine  Beruhigungstablette, mit dem Gedanken, in dieser Nacht wenigstens ein bisschen schlafen zu können. Es dauerte nicht lange, da war ich wirklich zu meinem eigenen Erstaunen eingeschlafen.

 

Um 5.30 Uhr war ich schon wieder hellwach. Ich wußte, nun war es soweit. Kurze Zeit später wurde ich von einer Schwester in den Duschraum gebracht. Sie rasierte mich am Körper, danach duschte ich mich mit einem sterilen Duschmittel. Nachdem ich ein weißes Hemd übergezogen hatte, ging ich in mein Zimmer und gab der Krankenschwester meine Waschsachen, die später auf der Intensivstation gebracht wurden. Meine Wertsachen und die Kleidungsstücke wurden auch von der Schwester zum aufbewahren entgegengenommen.

 

Um 6.30 Uhr bekam ich dann eine sehr starke Beruhigungstablette. Dieser versetzte mich innerhalb kurzer Zeit in einen Zustand, in dem mir alles egal war. Ich fühlte mich so leicht und winkte Anna und Simone zu, als ich aus dem Zimmer geschoben wurde. Obwohl ich innerlich wußte, daß ich nun operiert werde, fühlte ich mich gut. Ich hatte keine Sorgen. Ich war ruhig und entspannt. Ich kann mich nur noch daran erinnern, daß mich ein paar Ärzte begrüßten. Einer davon stellte sich als der Narkosearzt vor. Ich sagte noch, ob ich eine Spritze bekommen könnte, damit ich schnell einschlafe. Im nächsten Moment bekam ich eine Vollnarkose in die Hand gespritzt.......

 

....... irgendwann hörte ich weit her Stimmen, die ich zuerst nicht richtig wahrnahm. Die Stimmen wurden lauter und ich schlug langsam meine Augen auf. Ganz verschwommen und noch wie in Trance, sah ich einige Leute in weißen Kitteln um mich herum stehen. Ich dachte mir, daß es Ärzte waren. Sogleich war ich auch wieder eingeschlafen. Ich weiß nicht wie lange es dauerte, bis ich wieder im Hintergrund Stimmen hörte. Ich machte die Augen auf und sah ganz benebelt, daß an mir lauter Schläuche hingen. Zwei Krankenschwestern redeten mit mir und begannen mich abzuwaschen. Sie drehten mich zur Seite um meinen Rücken zu waschen. Bei jeder Bewegung hatte ich Höllenschmerzen. Ich wollte schreien, konnte jedoch nicht, da ich einen Beatmungsschlauch im Mund hatte. Hinter mir hörte ich die lauten Geräusche des Beatmungsgerätes und jeden Schlag meines Herzens.

 

Wie ein Häufchen Elend kam ich mir vor. Ich war wieder ein wenig eingenickt, als eine Schwester sagte :"Frau Frieß, wir müssen Ihre Lunge absaugen!" Ich machte die Augen auf und sah, wie mir noch zusätzlich ein Schlauch in den Hals geschoben wurde. Diesmal in die Luftröhre. In diesem Moment dachte ich, meine letzte Minute auf dieser Welt hat angefangen zu schlagen. Ich konnte nicht mehr selbst atmen, ich dachte, jemand drückt mir die Kehle zu und ich müßte ersticken. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Die Tränen liefen mir übers Gesicht. Die eine Schwester wollte mich beruhigen, indem sie mir zuredete: "Es ist gleich vorbei, haben Sie keine Angst, Sie ersticken nicht."

 

Ich weiß nicht wie lange diese Behandlung gedauert hat, jedenfalls für mich viel zu lange. Ich war froh, als der Schlauch wieder aus der Luftröhre gezogen wurde. Aber ich hatte mich zu früh gefreut, denn in kurzer Zeit wurde dieser Vorgang noch dreimal wiederholt. Jedesmal wenn sie mit dem Schlauch ankamen, versuchte ich zu schreien und schüttelte mit dem Kopf. Aber es half mir nichts. Ich mußte diese Qualen ertragen, denn meine Lunge mußte abgesaugt werden, um die Resten

der Operation zu entfernen.

 

Als diese Prozedur beendet wurde, war ich so erschöpft, daß ich sofort einschlief. Doch lange hielt der Schlaf nicht an. Ich merkte auf einmal, wie mein Herz rasend schnell klopfte und immer schneller wurde. Was man auch deutlich auf dem E.K.G. - Monitor hörte. Sofort geriet ich in Panik und schaute die eine Schwester entsetzt an. Durch ihren ernsten Gesichtsausdruck konnte ich erkennen, daß auch sie besorgt war. Im selben Moment wurden meine Herzschläge zum Glück wieder langsamer. Daraufhin sagte die Schwester :"Beruhigen Sie sich, diese Reaktion des

Herzens kann nach so einer Operation schon mal vorkommen."

 

Minuten später, noch bevor ich mich von dem Schrecken erholen konnte, wiederholte sich plötzlich dieser Vorgang. Ich lag hilflos in meinem Bett, hatte Todesangst und konnte wegen des Beatmungsschlauches in meinem Mund nicht mal ein Wort von mir geben. Das schreckliche Gefühl in diesem Moment, kann ich nicht mit Worten zum Ausdruck bringen. Jedenfalls wünsche ich es niemandem.

 

Als sich mein Herz wieder beruhigt hatte, konnte ich überhaupt nicht mehr einschlafen. Ich war so aufgedreht und betete lange. Einige Zeit später bemerkte ich, daß es inzwischen Nacht geworden war. Die Schwester, die an meinem Bett saß, sagte:" Frau Frieß, versuchen Sie doch zu schlafen, es ist 2.00 Uhr morgens." Ich nickte ihr zu, aber richtig einschlafen konnte ich trotzdem nicht. Ich war viel zu aufgewühlt!

 

Am nächsten Morgen erwachte ich erst als es hell war. Endlich wurde der Beatmungsschlauch aus meinem Mund herausgezogen. Ich bekam eine Sauerstoffmaske aufgesetzt. Nun wurden mir an der Leiste und am Hals Schläuche entfernt.

Zu meiner Verwunderung hatte ich keinerlei Schmerzen. Da ich einen großen Durst hatte, versuchte ich zu reden. Ich brachte jedoch nur das Wort " trinken" heraus, da mein ganzer Rache trocken war und mir weh tat. Leider durfte ich nur an der Teetasse nippen, da ich noch nichts trinken durfte.

 

Kurze Zeit später, es war gerade niemand an meinem Bett, wurde es mir plötzlich sehr übel. Ich schrie aus Verzweiflung  um Hilfe! Da kam auch schon eine Schwester angerannt. Noch bevor sie an meinem Bett angelangt war, mußte ich mich übergeben. Daraufhin ging es mir wieder besser.

 

Ich entschuldigte mich bei der Schwester, worauf sie meinte:" Da brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen, das kann passieren." Mein Bett wurde frisch bezogen und ich wurde wieder gewaschen. Bei jeder Bewegung hatte ich furchtbare Schmerzen.

 

Einige Zeit später schaute noch mal ein Arzt bei mir vorbei. Er sagte mir, daß ich die gestrige Operation gut überstanden hätte und um 17.00 Uhr zurück auf mein Zimmer verlegt werden würde. Jetzt fing ich langsam an mich zu freuen! Ich sehnte mich nach Michael, der mir auf der Intensivstation unheimlich fehlte. Mir kamen die Stunden unendlich lang vor. Ich versuchte wieder zu schlafen, doch es gelang mir überhaupt nicht. Jetzt fiel mir  das sprechen schon ein wenig leichter und die Sauerstoffmaske brauchte ich auch nicht mehr.

 

Um 17.00 Uhr war es dann endlich soweit. Zwei Krankenschwestern schoben mich mitsamt Bett aus der Intensivstation zurück in mein Zimmer. Simone und ihre Mutter hatten schon auf mich gewartet und begrüßten mich als erste. Ich freute mich riesig, daß ich wieder in unser "altes" Zimmer kam. Sogleich wurde der E.K.G.-Monitor angeschlossen und sämtliche Infussionsflaschen von meinen Schläuchen an einen Ständer rechts neben mir gehängt. Nach kurzer Zeit kamMichael mit einem Rosenstrauß in das Zimmer und begrüßte mich freudestrahlend. Obwohl ich sehr erschöpft war, konnte ich mich in diesem Moment über alles freuen.

 

Doch die Freude hielt nicht lange an, denn plötzlich fing mein Herz wieder an zu rasen und mir wurde schlecht. Michael sah auf dem E.K.G., daß es 180 Herzschläge die Minute anzeigte. Er rannte schnell aus dem Zimmer um einen Arzt zu holen. In der Zwischenzeit dachte ich wirklich, jetzt ist alles aus. Sofort standen drei Ärzte an meinem Bett. Dr. Lindemeier wollte mir gerade eine Spritze geben, da merkte ich, wie das Herzklopfen wieder langsamer wurde. Man sah es auch auf dem Monitor. Jeder war erleichtert, doch der Schreck steckte in mir. Ich hatte immer noch panischer  Angst. Dr. Lindemeier versuchte mich zu beruhigen. Er sagte das sei die Trotzreaktion des Herzens nach dem Eingriff. Das Herz müsse sich an die neue Situation erst gewöhnen. Ich bekam von ihm eine Tablette, damit sich das Herz beruhigte.

 

Michael saß neben mir und hielt die ganze Zeit meine Hand. Ich erinnerte mich daran, als damals meine Oma in Amerika neben mir am Bett saß. Michael befand sich in derselben Situation.

 

Mein Allgemeinzustand verschlechterte sich, das Atmen fiel mir schwer. Ich bekam zwei Sauerstoffröhrchen in die Nase gesteckt, die mir aber nichts halfen. Auf meine Bitte hin, bekam ich eine Sauerstoffmaske. Nach einer Weile verspürte ich eine minimale Besserung. Ich versuchte zwischendurch die Sauerstoffmaske abzunehmen, schaffte es aber nicht, ohne sie auszukommen. Wieder kam ich mir total hilflos vor.

 

Michael blieb an diesem Abend bis 22.30 Uhr bei mir. Er sagte mir, er wäre gerne auf die Intensivstation gekommen, aber da er "nur" mein Freund ist, durfte er nicht rein! An diesem Abend versuchte er mich ein wenig aufzumuntern. Er wäre gerne länger geblieben, aber er mußte ja auch noch über 1 Stunde mit der "S" - und U-Bahn nach Hohenlinden zurückfahren. Michael versprach mir beim Abschied, um 9.00 Uhr am nächsten Morgen wieder bei mir zu sein.

 

Als er gegangen war dachte ich an meine Oma Anna. Ich drückte meinen "Fax" an mich und fing an zu beten. Ich betete zu Gott, daß er mich bei meiner Familie läßt, die mich braucht. Ich bat ihn, meine Oma zu holen, damit sie mir in der Nacht beistehen konnte. Dann fing ich an mit meiner Oma Anna zu sprechen, bat sie, mir noch einmal zu helfen. Es hört sich für manche Leser vielleicht etwas seltsam und unglaubwürdig an, aber ich wußte, daß meine Oma nun bei mir war. Ich konnte sie zwar nicht sehen, aber ich spürte intensiv ihre Wärme. Die ganze Zeit über hatte ich die Sauerstoffmaske auf. Manchmal versuchte ich ohne sie auszukommen, jedoch ging es mir dann immer so schlecht, daß ich sie sofort wieder aufsetzen mußte. An Schlaf war in dieser Nacht wieder nicht zu denken. Die ganze Zeit dachte und redete ich mit meiner Oma Anna. Ich war froh, daß sie bei mir war.

 

Um 4.00 Uhr morgens kam die Nachtschwester und maß meinen Blutdruck. Sie schaute mich an und sagte:" Frau Frieß , versuchen Sie es doch noch mal ohne Sauerstoffmaske!" Ich traute mich zuerst nicht die Maske abzusetzen. Ich hatte Angst, daß es mir dann wieder schlechter ginge. Aber ich mußte einen Versuch wagen. Langsam zog ich die Maske ab und wartete. Aber nichts passierte. Ich konnte wieder normal atmen, auch ohne Sauerstoffmaske! Zuerst konnte ich es gar nicht glauben, aber es stimmte. Ich fing an mich wahnsinnig zu freuen und bedankte mich sehr bei Oma Anna für ihre Hilfe. Noch immer hielt ich meinen Fax im Arm. Nachdem ich keinen Sauerstoff mehr benötigte, ging es mir von Stunde zu Stunde besser. Zwar hatte ich bei jeder Bewegung unheimliche Schmerzen, aber ich war froh, daß sich mein Herz durch die Tablette beruhigt hatte, es schlug gleichmäßig zwischen 80-90 mal pro Minute.

 

Nach all der Aufregung freute ich mich als der Morgen da war. Zwar war ich noch von der Narkose geschwächt und total übernächtigt, hatte aber zum ersten mal seit langer Zeit eine sehr gute Laune. Ich konnte sogar mein Frühstück so richtig genießen. Beim Brötchen aufschneiden taten mir sämtliche Rippen weh, jedoch fand ich das schon wieder als kleines Problem, wenn ich bedenke, was ich in den letzten zwei Tagen erlebt hatte.

 

Simone war inzwischen schon wieder fit und versuchte mir zu helfen, wo es ging. Sie und ihre Eltern hatten auch sehr gute Laune. Ich merkte ihnen die Freude an, daß alles gut überstanden war. Simone gab mir meinen Walkman und ich hörte seit einer Ewigkeit mit Freude wieder Musik. Pünktlich um 9.00 Uhr kam Michael leise zur Tür herein. Sein Gesicht hellte sich auf, als er mich nicht mehr mit der Sauerstoffmaske sah, sondern mit dem Kopfhörer auf den Ohren.

 

Ich glaube, ihm fiel ein Stein vom Herzen. Jetzt kam auch bei ihm die gute Laune zurück. Er räumte meine Sachen wieder in den Schrank und stellte die Bilder meiner Kinder wieder auf mein Nachtschränkchen. Mein rosa Glücksschwein setzte er neben meinen "Fax" auf das Bett. Michael schaute mich immer wieder an. Er konnte es noch gar nicht fassen, daß es mir im Gegensatz zum Abend zuvor so gut ging.

 

Bei der Visite freuten sich die Ärzte auch über meinen guten Zustand. Ich bekam noch mal Blut abgenommen und den Blasenkatheter entfernt. Gegen Mittag mußte ich auf die Toilette, traute mich jedoch nicht aufzustehen. Ein Krankenpfleger kam mit einem Toilettenstuhl ans Bett gefahren, worauf ich lachen mußte. Aber als ich dann aufstehen mußte, um auf den Stuhl zu sitzen, da verging mir das Lachen. Alles tat mir weh. Michael und der Pfleger hielten mich fest, als ich zum ersten mal wieder auf meinen Beinen stand. Ich war froh als ich wieder in meinem Bett lag. Das hatte mich angestrengt.

 

Als ich mich wieder von den Strapazen erholt hatte, wurden mir die zwei restlichen Schläuche am Hals entfernt. Danach wurde ich mit meinem Bett zum Röntgen gebracht. Trotz guter Laune war ich froh, als der Tag vorbei war. Simones Vater verabschiedete sich von uns. Er mußte zurück nach Karlsruhe. Abends als Michael gegangen war, wollte ich unbedingt meine Eltern anrufe. Es war gegen 20.00 Uhr. Simone stellte mir ihr Telefon in meiner Nähe, jedoch mußte ich zwei Schritte gehen,um telefonieren zu können. Ich überkreuzte meine Arme auf der Brust, drehte mich zur Seite und zog den Oberkörper ohne abstützen hoch, so wie ich es bei der Krankengymnastin gelernt hatte.     

 

Dann ging ich zwei Schritte Richtung Telefon und setzte mich auf einen Stuhl. Erschöpft wählte ich die Nummer und begrüßte meine Mutter, als sie sich meldete. Sie war natürlich angenehm überrascht und freute sich riesig über meinen Anruf. Ich sagte ihr, daß es mir gut geht und daß ich alles gut überstanden habe. Viel konnte ich nicht reden, denn ich war noch so geschwächt und war froh, als ich wieder im Bett lag. Ich fühlte mich in diesem Moment wie eine alte Frau, die einen Tausendmeterlauf hinter sich hatte.

 

 

Jetzt freute ich mich so richtig auf die Nacht, in der ich endlich wieder schlafen konnte. Aber lange hielt der Schlaf sogenannten "Drainagen", die ich noch immer an meinem Herzen und an meiner Lunge hatte, damit noch das restliche Blut der Narben im Inneren ablief. Ich ließ mir ein Schmerzmittel von der Nachtschwester geben und war wieder froh, als die Nacht vorbei war.

 

Morgens bei der Visite berichtete mir Dr. Lindemeier, daß ich die Drainagen nun nicht bräuchte und diese in Kürze entfernt würden. Das war eine gute Nachricht. Zwar freute ich mich darauf diese Schläuche bald loszuhaben, jedoch hatte ich ein mulmiges Gefühl, wenn ich an das entfernen dieser Dinge dachte! Ich hatte es ja schon bei Simone gesehen. Simone redete mir gut zu. Sie sagte, es sehe schlimmer aus als es ist. Kurze Zeit später kam Dr. Lindemeier und der Krankenpfleger zur Tür herein. Sie fingen schon an zu grinsen, als sie meinen verängstigtes Gesicht sahen. Plötzlich fing Simone an zu lachen. Sie lachte so laut und herzlich, daß wir alle angesteckt wurden und mitlachen mußten. Ich fand es recht angenehm, daß auf dieser Station alles so locker zuging. Irgendwie war ich durch das Lachen entspannter. Dr. Lindemeier sagte mir, ich solle tief einatmen, dann ausatmen. In diesem Moment, als ich einatmete, zog er mit Hilfe des Krankenpflegers ruckartig den ersten Schlauch heraus. Da ich so erschrocken war, fingen wieder alle an zu lachen. Dr. Lindemeier versuchte mit seinen Witzchen die ganze Situation noch mit auf zu lockern.

 

Es dauerte nicht lang, dann waren alle 3 Schläuche entfernt. Hinterher kamen wir aus dem Lachen bald nicht mehr heraus und ich spürte, daß es bei mir jetzt endgültig wieder bergauf ging. Zwar hatte ich noch Klammern an meiner Narbe und ein Kabelanschluß für einen Herzschrittmacher an meinem Herzen ( falls dieser benötigt wurde ) , jedoch waren dies für mich nur noch Kleinigkeiten.

 

Am Nachmittag wurde ich mit dem Rollstuhl in den Herzechoraum gefahren. Dr. Schiller führte das Herzecho durch. Bei jeder Bewegung hatte ich immer noch furchtbare Schmerzen. Ich merkte auch, daß ich von der O.P.Narkose immer noch geschwächt war.

 

 

Als ich wieder im Bett lag, fing ich an Karten zu schreiben, denn sicher warteten alle meine Bekannten schon darauf. Viel konnte ich noch nicht schreiben, nur das die Operation gut verlief und das es mir gut ging. In dieser Nacht konnte ich zum ersten Mal beruhigt schlafen.

 

Am nächsten Tag, es war bereits der 19.01. brauchte ich schon keine Herztabletten mehr zu nehmen, da sich mein Herz beruhigt hatte. Ich fand es auch angenehm, mit Michael den Ganglangsam hin und her zu laufen. Die Krankengymnastin holte mich an diesem Tag das erste Mal zum Ergometer fahren, was mir zwar Spaß machte, aber noch sehr anstrengend für mich war.

 

Abends kam ein Anruf aus Böblingen. Annas Sohn berichtete uns, daß auch sie die Operation gut überstanden hatte und gleich nach Böblingen zurückverlegt wurde. Wir freuten uns sehr, als wir hörten, daß es Anna gut ging. Am allermeisten freute ich mich auf den nächsten Tag, denn da erwartete ich Besuch von meinen Eltern, die natürlich auch meine beide Kindern mitbrachten.

 

 

Als Michael morgens das Zimmer betrat, hatte ich schon gute Laune. Es war jetzt alles schön, so sorgenfrei. Nach meinem Mittagessen stiegen wir gleich in den Fahrstuhl und fuhren hinunter in die Besucherstraße. Dort warteten wir auf meine Eltern und meine Kinder. Ich setzte mich in einen Rollstuhl und Michael fuhr mich durch den endlos zu scheinenden Gang. Zu Fuß wäre es für mich noch zu anstrengend gewesen. Ich konnte es kaum abwarten, meine Kinder wieder zu sehen, und sie in den Armen zu nehmen. Mir kam die Zeit endlos vor. Da, endlich sah ich von weitem Manuel auf dem Gang entlang schlendern. Hinter ihm Diana und meine Eltern.

 

Als sie uns sahen, kamen die Kinder uns entgegen gerannt und riefen: "Hallo Mama, hallo Michael!" Ich konnte nur noch sagen:" Hallo." Da liefen mir die Tränen, vor lauter Freude und Erleichterung, schon übers Gesicht. Ich drückte meine Kinder an mich und wollte sie gar nicht mehr loslassen! Auch meine Eltern begrüßten uns und nahmen mich in den Arm. Ich merkte den Beiden an, daß auch ihnen in diesem Moment die Worte fehlten. Auch Michael war gerührt.

 

Diana sah mich plötzlich an und sagte:" Mama, Du mußt nicht mehr weinen, jetzt geht es Dir doch wieder gut!" Daraufhin mußten wir alle lachen und ich gab ihr zur Antwort:" Ja, mein Schatz. Du hast recht. Jetzt wird nicht mehr geweint, denn jetzt ist alles vorbei!" Als wir uns alle etwas gefaßt hatten, setzten wir uns in die Cafeteria, denn meine Familie hatte riesigen Hunger mitgebracht.

 

Nachdem Michael und ich ihnen von den letzten Tagen erzählt hatten, bestaunten meine Kinder den E.K.G.-Monitor in meinem Zimmer, der für sie wie eine Mikrowelle aussah. Als sie aber meine 30 cm lange Narbe, die Klammern sowie das Kabel sahen, da sagten sie ganz gerührt:" Arme Mama! "

 

Meine Eltern übernachteten mit Manuel und Diana bei einer Bekannten, die in der Nähe der Klinik wohnte. Somit konnten sie das ganze Wochenende bei mir verbringen. Auch Simone hatte Besuch. Ihre Tante war angereist. Als sich meine Familie Sonntagabend von mir verabschiedete, freute ich mich auf ein baldiges Wiedersehen in Buchen.

 

  

 

An diesem Abend mußte ich auch von Michael Abschied nehmen. Da ich wußte, daß ich in der kommende Woche nach Buchen verlegt werde, hielten wir es nicht für nötig, seinen geopferten Urlaub zu verlängern. Ich war ihm so dankbar, daß er mir in dieser schweren Zeit beigestanden hatte. Er verabschiedete sich zuerst bei Simone und deren Mutter und wünschte Ihnen alles Gute!

 

Dann verabschiedete er sich mit einem Dank von den Ärzten und Schwestern. Bevor er ein letztes Mal mit der U-Bahn von der Klinik abfuhr, liefen wir noch einmal zusammen durch die Besucherstraße. Wir hielten uns an der Hand, aber redeten nicht viel miteinander. Jedem von uns beiden gingen die letzten Tage durch den Kopf. Als wir uns voneinander verabschiedet hatten, stand ich noch lange am Eingang der Klinik, schaute ihm nach und winkte ihm ein letztes Mal zu, als er mit der Rolltreppe hinunter zur U-Bahn-Station fuhr.

 

Tief in Gedanken versunken ging ich zurück auf mein Zimmer. Von außen hörte ich schon Simones fröhliches Lachen. Ihre Tante war inzwischen auch schon heimgefahren. An diesem Abend ging es so richtig lustig bei uns zu. Wir lachten über jede Kleinigkeit. Es war so, als ob wir das lachen nachholen wollten, daß uns in den letzten Monaten vergangen war. Am späten Abend riefen meine Eltern und Michael an und sagten, daß sie gut zu Hause angekommen seien. Da konnte ich so richtig frohgelaunt einschlafen.

 

Gleich am nächsten Morgen, es war inzwischen Montag der 22.01., wurden mir vom "Bergdoktor" die Fäden gezogen, die sich an den Stellen befanden, wo die Drainagen letzte Woche entfernt wurden. Danach wurde das Kabel, daß als Anschluß für einen Herzschrittmacher diente, herausgezogen. Zu meinem Erstaunen tat es mir überhaupt nicht weh. Zum Schluß wurden die Klammern an meiner Narbe entfernt. Ich zählte hinterher 25 Stück. Das Kabel und die Klammern behielt ich als Erinnerung.

 

An diesem Tag erfuhr ich, daß ich zwei Tagen später d. h. Mittwoch, schon nach Buchen verlegt werden sollte. Ich freute mich riesig darauf. Da Simone am Mittwoch in Kur ging, planten wir schon für unseren Entlassungstag ein Sektfrühstück ein. In den letzten beiden Tagen im Klinikum  Großhadern war ich so gut gelaunt wie lange nicht mehr. Oft liefen Simone und ich in die Besucherstraße, oder wir saßen im Aufenthaltszimmer unserer Station. Obwohl uns noch jede Rippe einzeln wehtat, lachten wir über jede Kleinigkeit. Es hört sich vielleicht kindisch an, aber wir waren froh, wieder lachen zu können. Sogar die Ärzte und Schwestern wurden von unserer guten Laune angesteckt. Sie meinten:" Lacht nur, denn lachen ist gesund!" Jeder der uns sah, freute sich mit uns. Es war wirklich so eine tolle Atmosphäre, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte.

 

Dienstags, einen Tag vor meiner Entlassung passierte mir noch ein unvorhergesehenes Malheur. Ich saß morgens wieder mit Simone im Aufenthaltsraum unserer Station. Wir wollten den letzten gemeinsamen Tag in der Klinik so richtig genießen. Ich weiß nicht mehr genau, wie es passierte,jedenfalls bekamen wir aus irgendwelchen Gründen einen Lachanfall, der für mich im wahrsten Sinne des Wortes nicht gesund war. Dabei platzte mir die eine Wunde wieder auf, an der Stelle an der mir vor ein paar Tagen die Drainage entfernt wurde. Zum Glück hatte ich dabei überhaupt keine Schmerzen. Ich erschrak nur, weil plötzlich mein T-Shirt an der Stelle naß wurde. Eine weiße Flüssigkeit lief aus der Wunde. Inzwischen war uns das Lachen vergangen und ich meldete es einer Krankenschwester. Nach einer Weile kam Dr. Lindemeier mit einem Professor in unser Zimmer, um sich die Wunde anzuschauen.

 

Als sie hörten, wie mir das "Mißgeschick" passierte, fingen beide laut an zu lachen. Mir war in diesem Moment nicht danach zumute, denn die Wunde mußte nochmals genäht werden. Dr. Lindemeier meinte, es wäre besser ohne Narkose zu nähen, da nur drei kleine Stiche notwendig wären. Ich dachte zuerst, er macht einen Scherz und sah ihn ganz entsetzt an. Doch meinte es ernst und beruhigte mich sofort. Trotzdem war ich ganz aufgeregt, als der "Bergdoktor" mit dem Nähzeug ankam. Aber ich dachte mir, jetzt habe ich schon so viel durchgestanden, da bringt mich diese Kleinigkeit nicht um! Ein Assistenzarzt hielt meine Hand. Als meine Wunde sorgfältig genäht wurde. Es war ein sehr unangenehmes Gefühl, als die Nadel und der Faden durch meine Haut gezogen wurden. Ich zuckte bei jedem Stich zusammen. Dabei mußte ich jedesmal tief ein- und ausatmen und meine Zähne zusammenbeißen. Es waren zwar nur drei Stiche, aber ich war froh als diese Prozedur beendet war. "Operation beendet", witzelte der "Bergdoktor" und erzählte gleich wieder, daß er am letzten Wochenende eine Bergtour gemacht hatte. Sofort war wieder gute Stimmung in unserem Zimmer, denn Simones Mutter brachte gerade eine Flasche Sekt herein, den sie schon für den nächsten Morgen auf unseren Tisch stellte.

 

An unserem Entlassungstag packte ich frohgelaunt meine Reisetasche zusammen. Ganz obenauf legte ich die Bilder meiner Kinder, mein rosa Glücksschwein und natürlich meinen "Fax".

 

Wieder mal hatte er mir Glück gebracht. Simone hatte schon ihre Tasche für die Kur gepackt. Danach genossen wir unser Sektfrühstück. Plötzlich ging die Tür auf und Dr. Lindemeier kam mit Herrn Professor Kreuter ins Zimmer. Er wollte sich noch mal nach unserem Befinden erkundigen und erklärte mir genau was bei meiner Operation gemacht wurde.

 

Da ich von meiner ersten Operation in Würzburg im Jahre 1968 noch immer das "Band" an der Lungenschlagader (Pulmonalarterie) hatte, entstand dadurch im Laufe der Jahre eine starke Verengung dieser Arterie. Dadurch erhöhte sich der Druckgradient auf 100 mm Hg zwischen der rechten Herzkammer und der Lungenschlagader. Normal wären 10 mm Hg gewesen. Bei der Operation fand Herr Prof. Dr. Kreuzer eine viel zu große druckbelastete rechte Herzkammer (Ventrikel) vor, aus welcher sich eine relativ schmale Lungenschlagader (Ateria Pulmonalis) entwickelte. Das "Bändchen" war tastbar. Es wurde abpräpariert und durchtrennt. Die Lungenschlagader wurde zur Erweiterung längsgeschlitzt. Danach wurde an dieser Stelle ein etwa 1,5 x 2 cm langer Perikart-Patch eingenäht. Ein Perikart-Patch ist ein vorbehandeltes Gewebe der Herzaußenwand eines "Schweines". Außerdem wurde durch einen Schnitt meine rechte Herzkammer geöffnet und daraus ein Stück Herzmuskelgewebe entfernt, da sie durch die Starke Überlastung im Laufe der Zeit zu dick wurde. Der Schnitt wurde mit einem zweiten Perikart-Patch, der 2 x 3 cm maß, verschlossen. Insgesamt dauerte meine Operation 6 Stunden, wobei ich davon 2 Stunden an der Herz-Lungenmaschine angeschlossen war. Während Herr Prof. Dr. Kreuzer mir den Verlauf der Operation schilderte, wobei er betonte, daß es eine haarige Angelegenheit gewesen sei, wurde mir ganz mulmig. Ich bedankte mich bei ihm dafür, daß er mich operiert hatte und fragte, was passiert wäre, wenn ich für diesen Eingriff nicht zugestimmt hätte. Da antwortete er mir,:" In absehbarer Zeit hätte die rechte Herzkammerversagt, was unwillkürlich zum Tod geführt hätte! Aber jetzt, da ich alles überstanden hätte, könne ich auch wieder normal leben und sogar Sport treiben. Als ich das hörte, war ich doch froh, all die Strapazen der letzten Woche durchgemacht zu haben. Der Professor redete noch eine Weile mit Simone und verabschiedete sich danach von uns, indem er uns alles Gute für die Zukunft wünschte. Er bedankte sich noch bei mir für den ersten Teil meines Buches "Alles Okay" und bat mich, eine Fortsetzung zu schreiben und ihm zu schicken. Ich antwortete: "Worauf Sie sich verlassen können. Aber ich bringe es Ihnen persönlich vorbei!"

 

Nachdem Simone und ich unser Frühstück beendet hatten, mußte ich mich zum Abschluß einem letzten Herzecho unterziehen. Der Arzt war mit dem Ergebnis zufrieden. Meine Druckwerte lagen inzwischen "nur" noch bei 36 mm Hg.

 

Der Abschied von den Ärzten und Schwestern fiel mir nicht gerade leicht, da sie mich doch in meiner schweren Zeit so aufgemuntert hatten. Als ich von den beiden Fahrern des Krankenwagens auf der Station abgeholt wurde, verabschiedete ich mich von Simone und deren Mutter. Obwohl ich Simone noch keine zwei Wochen kannte, hat sich doch während dieser Zeit eine besondere Freundschaft entwickelt, denn wir standen uns schließlich eine sehr schwere und danach auch eine sehr schöne Zeit miteinander durch. Als ich mit den Krankenwagenfahrern auf der Station in Richtung Aufzug lief, winkte ich dem Personal, sowie Simone und ihrer Mutter zu. Mir war ganz eigenartig zumute, als ich zum letzten mal durch die Klinik lief, Ich konnte es gar nicht fassen, alles überstanden zu haben. Es dauerte nicht lange, bis ich im Krankenwagen saß, der mich in Richtung Heimat brachte. Ich schaute ein letztes mal auf das Klinikum, in dem mein Leben gerettet wurde.

 

 

Simone  und ich

 

Es war Mittwoch, der 24.01.1996. Genau 10 Tage nach meiner Operation. Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf. Irgendwie hatte ich ein ähnliches Gefühl wie damals, als ich nach meiner Operation aus Amerika zurück flog. Ich kann mich erinnern, daß ich als Kind im Flugzeug viele Lieder sang. Heute hatte ich frohgelaunt den Kopfhörer meines Walkmans auf dem Kopf.

Trotz der eisglatten Fahrbahn brauchten wir nur 3 1/4 Stunden. Um 15.45 Uhr kamen wir am Buchener Kreiskrankenhaus an. Nach meiner Anmeldung an der Pforte, verabschiedete ich mich von den beiden netten Fahrern. Sogleich kam ein Arzt zu mir, ich erzählte ihm von der Operation in München- Großhadern. Für den Arzt war meine Erzählung äußerst interessant Er schickte mich gleich zum E.K.G. . Nachdem ich das E.K.G. - Zimmer  verlassen wollte, stand eine Schwester mit einem Bett vor der Tür und fragte nach einer Frau Frieß. Daraufhin fing ich an zu lachen und gab zur Antwort : „ Das bin ich, aber ich kann zu Fuß in mein Zimmer gehen !" Als die Schwester mich sah, fing auch sie an zu lachen und sagte : „ Dann können Sie ja Ihre Tasche aufs Bett stellen. "In meinem Zimmer angekommen, räumte ich meine Tasche aus. Einerseits war ich froh, wieder in Buchen zu sein, aber andererseits, es klingt vielleicht Komisch, hatte ich Heimweh nach den Ärzten von Großhadern. Besonders dachte ich an Simone. Wo sie wohl jetzt sein mag?

 

Es dauerte nicht lange, da wurde ich von einem Arzt untersucht. Er staunte nicht schlecht, daß ich nach so einer Operation körperlich schon so fit war. Gegen Abend kamen dann meine Eltern mit Michael und den Kindern. Sie begrüßten mich sehr herzlich und freuten sich, daß ich wieder in Buchen war. Am nächsten Morgen besuchten mich ein paar Freundinnen, die auch froh waren, daß ich alles so gut überstanden hatte.

 

Gegen Mittag bekam ich dann noch eine gute Nachricht. Ich bekam einen Kurplatz für die Anschluß Heilbehandlung in Bad Wimpfen. Dieses Kurhaus liegt zwischen Mosbach und Heilbronn, also nicht so weit weg von zu Hause. Michael und die Kinder könnten mich dann besuchen kommen. Da der Platz erst am 22.02. frei werden würde, könnte ich mich ja noch drei Wochen zuhause erholen.

 

Da es mir gut ging und die Sache mit der Anschluß Heilbehandlung geklärt war, bekam ich vom Chefarzt Dr. Göttfert die Erlaubnis, Freitag nach Hause zu gehen. Aber ich sollte mich am Montag wegen der End-Untersuchung noch mal auf der Station melden.

 

Gerade als ich meine Sachen gepackt hatte und zu Hause anrufen wollte, kam meine Tante und meine Cousine zur Türe herein um mich zu besuchen. Als sie mich begrüßt hatten, sagte ich zu ihnen : „ Das ist ja schön, daß Ihr hier seid, dann könnt Ihr mich ja nach gleich mit nach Hause nehmen." Sie nahmen es als Spaß auf und sagten : „ Ja, ja, das hättest Du gerne!" Als ich Ihnen erklärte, daß ich es ernst meinte, waren sie sehr erstaunt. Nachdem mir die Ärzte und Schwestern ein schönes Wochenende gewünscht hatten, dauerte es nicht lange und ich saß im Auto auf dem Weg zu meinen Eltern. Als meine Tante vor dem Haus hupte und meine Eltern heraus kamen, staunten sie nicht schlecht, als ich aus dem Auto stieg. Ich wurde mit lautem „Hallo" begrüßt. Irgendwie konnte ich es selbst noch nicht glauben, alles schon überstanden zu haben. Alle freuten sich mit mir, besonders meine Kinder. Sie waren froh, daß sie mich wieder hatten. Abends fuhr mich Michael nach Hause.

 

Trotz des schönen Tages war ich sehr erschöpft und war froh, als ich einschlafen konnte.Das ganze Wochenende hatte ich Besuch. Jeder wollte mich wieder sehen und freuten sich für mich. Nun merkte ich, daß doch alles sehr anstrengend für mich war. Ich lag meistens auf meiner Couch im Wohnzimmer und ließ mich von Michael bedienen. Meine Kinder waren bei meinen Eltern geblieben, da ich sie noch nicht selbst versorgen konnte. Montags ging ich noch mal für zwei Tagen ins Krankenhaus wegen der Abschlußuntersuchung. Zur 24 Stunden Überwachung meiner Herzschläge bekam ich ein langzeit - E.K.G. umgehängt. Am nächsten Tag mußte ich mich noch einem Belastungs - E.K.G. bis 75 Watt unterziehen, was mir keine Probleme bereitete. Am Tag meiner Entlassung, führte der Chefarzt Dr. Göttfert ein letztes Herzecho durch. Er war mit meinem Zustand sehr zufrieden. Nach einem letzten Gespräch mit Dr. Göttfert stellte er mir einen Herzpaß aus, mit der Bitte, ihn ständig bei mir zu tragen, da ich besonders hohes Endokarditisrisiko (Herzentzündung) hatte. Wenn ich zum Beispiel eine Operation oder eine Zahnbehandlung nötig hätte, ist eine antibiotische Behandlung notwendig. Diese Behandlungsvorschläge stehen in meinem Herzpaß. Dr. Göttfert wünschte mir zum Abschied alles Gute und riet mir, halbjährig ein Herzecho ( Echokardiographie ) zur Kontrolle durchführen zu lassen.

 

Frohgelaunt verabschiedete ich mich vom Krankenhauspersonal und von meine Zimmerkolleginnen. Ich konnte es selbst noch gar nicht so recht glauben, daß ich in so einer kurzen Zeitraum alles überstanden hatte, als ich mit Michael am 31.01.1996. nach Hause fuhr. Zwar fühlte ich mich wie eine alte Frau, da mir immer noch sämtliche Knochen wehtaten. Aber das machte mir alles nichts mehr aus. Ich hatte viele Bekannte, die mich besuchten und mir halfen, wo sie nur konnten. Meine Eltern versorgten die Kinder, mein Vater kaufte für mich ein und meine Freundin Heidi putzte mir sogar die ganze Wohnung. Mein Freund Michael hatte ja seine Arbeit und einen Nebenjob, doch trotzdem las er mir jeden Wunsch von den Augen ab. Die kleinste Kleinigkeit war für mich sehr  anstrengend. Brauchte ich doch für mein Bett selbst zu machen 15 Minuten. Manchmal mußte ich über meinen unbeholfenen Zustand selbst lachen. Mein Zustand verbesserte sich von Tag zu Tag. Die Rippenschmerzen ließen allmählich nach und ich konnte mich wieder normal bewegen. Innerhalb von drei Wochen hatte ich mich so gut erholt, daß ich gar keine Lust mehr hatte, in die Anschluß Heilbehandlung zu gehen. Ich war froh, über Fasching noch in Buchen zu sein und ich konnte es nicht fassen auch schon wieder tanzen zu können !

 

Doch so gerne ich zu Hause geblieben wäre, mußte ich diese Anschluß Heilbehandlung noch hinter mich bringen.     Mit einem komischem Gefühl im Magen packte ich wieder mal meinen Koffer und verabschiedete mich von Michael und meinem Sohn Manuel. Am 22.02.1996. war es dann soweit. Ich wurde von meinen Eltern nach Bad Wimpfen in die Kurklinik Osterberg gefahren. Meine Tochter durfte auch mitfahren. Ein bisschen mulmig war mir schon, denn ich wußte ja nicht, was mich in den nächsten 4 Wochen erwartete. Der Abschied von meinen Eltern und meine Tochter Diana war jedoch diesmal nicht so schlimm als vor der Herzoperation. Eine nette Schwester führte mich gleich auf mein Zimmer. Ich kam mir im ersten Moment, wie in einem Hotel vor. Ein Einzelzimmer mit WC und Dusche, toll! Ich wollte gerade meine Koffer auspacken, da wurde ich schon zur Ärztin gerufen. Sie war mittleren Alters und sehr nett. Nach einer kurzen Untersuchung konnte ich es mir auf meinem Zimmer gemütlich machen.

 

Nun ging ich zum Mittagessen und erkundete danach die Kurklinik. Aber irgendwie war der Nachmittag langweilig. Man kommt sich schon komisch vor, wenn man noch niemanden kennt, aber ich glaube, das geht jedem in den ersten Tagen so. Es war für mich besonders schwer, denn die meisten Kurgäste waren älter als ich. Am Abend lernte ich doch schon einige ältere Leute kennen. Wir setzten uns in den Aufenthaltsraum und erzählten. Gegen 21.00 Uhr verabschiedeten wir uns, ich ging auf mein Zimmer, denn am nächsten Tag gab es ab 7.00 Uhr Frühstück. Irgendwie war ich froh, daß dieser erste Tag hinter mir lag.

 

Am zweiten Tag fühlte ich mich schon ein bisschen wohler, denn ich lernte jetzt doch einige Leute kennen. Leider war ich eine der jüngsten Patientinnen im ganzen Kurhaus. Ich setzte mich zuerst zu ein paar Frauen im Aufenthaltsraum, konnte mich jedoch mit ihren Gesprächen nicht. Sie redeten über Frauengeschichten und boten mir an, abends mit ihnen „ Mensch ärgere Dich nicht „ zu spielen. Ich lehnte dankend ab, denn dieses Spiel spielte ich oft genug zu Hause mit meinen Kindern. Nichts gegen diese Frauen, aber mit ihren Vorstellungen wollte ich diese Kur nicht verbringen. Also stand ich auf und ging im Kurhaus spazieren. Auf der Terrasse sah ich eine Gruppe im Alter zwischen 30 - 45 Jahren. Sofort kamen wir ins Gespräch.

 

Ich merkte bald, daß sie derselben Meinung sind wie ich, nämlich in einem Kurhaus für Senioren gelandet zu sein. Es gab im ganzen Haus keine Freizeitangeboten für jüngere Leute. Der einzige Lichtblick war ein kleines gemütliches Bistro in der Nähe des Kurhauses, in das wir am selben Abend noch einkehrten. Das war wirklich ein lustiger Abend und ich war froh, endlich ein paar Leute kennen gelernt zu haben, mit denen man ab und zu mal etwas unternehmen konnte.

 

 

Freitags wurde ein Herzecho bei mir durchgeführt. Der Oberarzt war mit dem Ergebnis sehr zufrieden, denn der Druck war nur noch 32 mm Hg. Am ersten Sonntag kam Michael mit den Kindern. Ich war froh, meine Familie wieder zu sehen. Wir gingen essen und fuhren danach zu Bekannten. An diesem Tag fühlte ich mich so richtig wohl. Abends fiel mir der Abschied sehr schwer.

 

Am Montag gingen die Anwendungen los. Ich mußte morgens um 7.30 Uhr mit ungefähr 15 älteren Männern einmal um den Häuserblock spazieren. Dabei kam ich mir so richtig albern vor, aber in meiner Herzgruppe waren leider nur Männer. Danach gings mit Ergometertraining los, das heißt 12 Minuten Radfahren. Für mich war es nicht so anstrengend, da ich am Anfang nur 25 Watt hatte. Um 10.00 Uhr war Gymnastik angesagt. Die Trainerin erklärte uns unsere Trainingsfrequenz. Ich kam mir richtig blöd vor, zwischen den alten Leuten. Bei der Visite erzählte ich dem Arzt, daß ich mich in der Klinik überhaupt nicht wohl fühlte. Er verstand mich sofort und gab mir die Erlaubnis, jedes Wochenende heimfahren zu dürfen! Darüber freute ich mich natürlich riesig.

 

Dreimal in der Woche wurde mittags mit der Herzgruppe einen Spaziergang angeordnet. Am Mittwoch wurde ein Film über Herzkrankheiten gezeigt. Dienstags und Donnerstags morgens hatte ich Atemgymnastik. Hierbei wurden mir verschiedene Atemtechniken gezeigt.

 

Ich war sehr froh, als es endlich Samstagmorgen war. Michael holte mich schon um 7.30 Uhr ab. Mittags machten wir mit den Kindern einen Einkaufsbummel in Aschaffenburg. Den Sonntag genoß ich so richtig zu Hause. Nur ungern stieg ich an diesem Abend in mein Auto und fuhr selbst wieder zur Kurklinik. Am nächsten morgen wurde ich beim Ergometertraining auf 50 Watt umgestellt. Mittwochs kehrte ich mit ein paar Bekannten in eine Besenwirtschaft ein. Es war ein richtig lustiger Abend. Donnerstags besuchte mich Michael in der Kurklinik und blieb zu meiner Freude bis Freitagabend. Für die Übernachtung mit Vollpension aber auch voll bezahlen.

 

Ich finde gut, daß die Lebenspartner auch mal über Nacht bleiben konnten. Nachmittags fuhren wir nach Neckarsulm zum Einkaufen. So vergingen die Stunden noch etwas schneller. Das Wochenende verbrachte ich wieder zu Hause. Da meine Kinder an Angina erkrankt waren, freuten sie sich noch mehr über meinen Besuch. Als ich Sonntagabend wieder nach Bad Wimpfen fuhr, war es mir schon viel wohler, denn die längste Zeit meiner Kur hatte ich hinter mir. Jetzt waren es nur noch eineinhalb Wochen bis zu meiner Entlassung. Die darauf folgende Woche verging wie im Flug. Da ich nun doch einige Leute kannte, ging es oft lustig zu. Besonders die Abende gefielen mir gut. Wir saßen meistens auf dem Korridor gemütlich zusammen und amüsierten uns. In dieser Woche lernte ich einen jungen Mann (35) kenne, der einen Herzklappenfehler hatte. Ich war froh, daß nun jemand in meinem Alter da war.

 

Da meine Mutter wegen starkem Nasenbluten ins Krankenhaus mußte und meine Kinder immer noch nicht ganz gesund waren, durfte ich am Freitagvormittag nach meine Anwendungen nach Hause fahren. Das Wochenende mit meine 2 Kindern und der Tochter meines Lebensgefährten Michael war im Gegensatz zu der vergangenen Woche ziemlich streßig.

 

Am Montag bekam ich nochmals ein Langzeit E.K.G. umgehängt. Dienstags mußte ich mich auch noch einer letzten Herzechountersuchung unterziehen. Der Oberarzt war wieder mit beiden Ergebnissen sehr zufrieden. Der Druck in der Lungenschlagader betrug nur noch 25 mm Hg. Mein Herz hatte sich in dieser kurzen Zeit sehr gut erholt. Mit diesem Ergebnis hatte keiner gerechnet, deswegen freute ich mich besonders darüber.

 

 

Am letzten Abend vor meiner Entlassung fuhr ich mit meinen Bekannten ein letztes mal in die Besenwirtschaft nach Gundelsheim. Ich hatte sehr gute Laune, besonders, weil es mein letzter Abend in der Kurklinik war. Als ich am nächsten Morgen aufwachte dachte ich nur noch an die Heimfahrt. Ich stellte meinen Koffer vor die Tür, denn er war ja schon längst gepackt, ging ein letztes mal zum Frühstück und verabschiedete mich von meinen Bekannten und dem Personal auf meiner Station. Nachdem meine Sachen im Auto verstaut waren fuhr ich um 8.00 Uhr in Richtung Heimat. Es war Donnerstag den 22.03.1996. und ich hatte nur noch eins im Kopf. Endlich habe ich es geschafft, habe alles gut überstanden!

 

Die ersten Tage zuhause waren ein wenig streßig, bis ich mich wieder im normalen Alltag zurechtfand. Ich hatte nun auch wieder meine Kinder zu versorgen. Inzwischen waren auch meine Rippenschmerzen weg. Gesundheitlich ging es mir innerhalb kürzester Zeit steil bergauf. Ich mußte beim Treppensteigen nicht mehr so stark atmen und mein Herz klopfte bei Anstrengung auch nicht mehr so schnell. Die Atemnot kam nach kurzer Zeit immer seltener vor, bis sie ganz verschwand.

 

Ich merkte so richtig den Unterschied zwischen dem Leben vor und nach der Operation und stellte fest, daß es mir jetzt bedeutend besser ging. Ab und zu bemerkte ich noch bei einem Wetterwechsel leichtes Herzstolpern.

 

Im Januar 1997, genau ein Jahr nach der Operation fuhr ich mit Michael und den Kindern ins Klinikum Großhadern. Ich hatte ein seltsames Gefühl, als ich durch die Besucherstaße lief. Alle Erinnerungen vom letzten Jahr wurden wieder wach. Auf Station G3 hatten  inzwischen leider alle Ärzte gewechselt. Ich fragte einen Arzt nach Professor Doktor Kreuzer und erzählte ihm in groben Zügen den Grund meines Besuches. Der Arzt reagierte sehr freundlich und telefonierte mit Herrn Prof. Dr. Kreuzer, der sich zur Zeit gerade in der Klinik aufhielt. Zu meiner Überraschung kam er ca. 15 min. später auf die Station und begrüßte mich. Er unterhielt sich lange mit mir und freute sich sehr über meinen Gesundheitszustand. Ich erzählte ihm von der anfänglichen Atemnot und berichtete ihm von dem Herzstolpern vor jedem Wetterumschwung. Prof. Dr. Kreuzer beruhigte mich und erklärte mir, daß das Herz Zeit bräuchte um sich in seinem Normalzustand zurückbilden zu können. Die anfängliche Atemnot bezeichnete er deshalb als normal. Auch mein Herzstolpern sei normal, denn viele Herzkranke spüren diese Reaktion bei einem Wetterwechsel. Er wünschte mir alles Gute und bedankte sich für meinen Besuch. Ich bedankte mich nochmals für die Operation bei ihm und lobte ihn dafür, daß es mir dank seinen chirurgischen Fähigkeiten wieder so gut geht.    

 

 

Die Zeit nach meiner Herzoperation verging wie im Flug. Ich kann es selbst noch nicht glauben, daß jetzt schon so viele Jahre vergangen sind. Gesundheitlich geht es mir sehr gut, der Unterschied vor und nach der Operation ist wie Tag und Nacht. Auch bei der regelmäßigen, jährlichen Echokardiographie war bis jetzt alles in Ordnung. Ich habe keine Atembeschwerden und kein starkes Herzklopfen mehr, beim Treppensteigen und auch sonst fühle ich mich im täglichen Leben wohler. Es macht mir Spaß, wenn ich mit meinen Kindern Fahrrad fahre oder mit ihnen um die Wette laufe. Ich sehe das Leben jetzt mit anderen Augen, viel intensiver als vor der Operation.

 

Zwischenzeitlich erfuhr ich von meiner früheren Bettnachbarin Rosi ( wir sind in regelmäßigen Briefkontakt) , daß Frau Dalary im Februar 98 verstorben ist. Ich war sehr traurig darüber. Sofort fiel mir wieder ein, wie sehr sie sich damals über Michaels Rose gefreut hatte.

 

Im November 1998 gaben Michael und ich uns im Standesamt in Buchen das Ja-Wort. Jetzt sind wir wieder eine richtige Familie. Ich bin stolz auf meine Kinder Manuel und Diana, die inzwischen 18 und 16 Jahre alt sind und freue mich, sie aufwachsen zu sehen.

 

Meine Familie heute (April 2007)

 

Am Ende meiner Autobiographie möchte ich mich recht herzlich bei allen Leuten bedanken, die mir vor, während und nach der Operation sehr nahe standen und die mir Kraft gaben, alles so gut zu überstehen. Ganz besonders möchte ich mich bei meinem lieben Mann Michael bedanken, auf den ich sehr stolz bin, da er mir mit seiner Liebe und seiner Geduld während der schweren Zeit beigestanden hatte.

 

Mein größter Dank gilt dem Ärzteteam des Klinikums Großhadern und besonders Prof. Dr. Kreuzer, der jeden Schritt dieser schwierigen, recht komplizierten Herzoperation geplant und mit großem Erfolg durchgeführt hat.

 

Prof. Kreuzer (Mitte), Dr. Lindemeier (rechts)

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