Unterschied zwischen Heilanstalt und Kurort (1875)

Unterschied zwischen Heilanstalt und Kurort. 
aus: Busch, H. K. (1875): Die Görbersdorfer Heilanstalt des Dr. H. Brehmer - Berlin: Enslin.

"Görbersdorf hat nicht den vielgepriesenen italienischen blauen Himmel, nicht den ewigen Frühling des Südens; es blühen hier keine Citronen und reifen keine Orangen; es hat vielmehr das Klima Norddeutschlands, mit Sommer und Winter, in der Regel mit späten Frühlinge und meistens sehr schönem Herbste; es wechseln heitere und trübe Tage, Regen und Sonnenschein mit einander ab. Die vielen Patienten nun, die Görbersdorf zum ersten Male besuchen, sind trotz alledem in der Regel noch der Meinung, dass für ihren Zustand nur ein mildes, gleichmässiges Klima passend sei, und die sich dann auch zu Hause haben träumen lassen, hier stete warme Frühlingsluft anzutreffen. Diese fühlen sieh dann gewöhnlich in der ersten Zeit ihres Aufenthaltes recht ungemüthlich, zumal, wenn es zufällig sich so trifft, dass gerade einige Tage trübes jenem Kuhause von einer grossen Anzahl von Kurgästen die Sylvesternacht durch ein nächtliches bis gegen Morgen hin wahrendes Trinkgelage gefeiert wird, das die verständigeren Mitbewohner im Schlafe stört! Es liesse sich noch Manches der Art anführen, allein die erwähnten Beispiele mögen genügend. Dass dergleichen Dinge bei den Patienten der Heilanstalt in Görbersdorf nicht vorkommen können, das werden event. selbst die grössten Feinde des Dr. Brehmer zugeben müssen. Die Lungenkranken und namentlich deren Angehörige mögen die Mittheilungen des Dr. Redtel wol erwägen, wenn es zur Wahl kommen sollte, Heilanstalt oder Kurort, ob sie ein so grosses Risiko für ihre Gesundheit übernehmen wollen, das ein solch freies Leben im Kurort mit sich bringt. Denn schliesslich ist Davos immer noch ein Kurort, an dem relativ genommen die wenigsten Allotrien getrieben werden. Der Arzt kann ja überhaupt darüber nicht in Zweifel sein, dass das freie Leben in den Restaurationen des s. g. Kurortes zu verwerfen ist gegenüber dem in einer Heilanstalt, die wie hier nicht etwa eine Miethskaserne ist, sondern aus einzelnen Villen besteht und dessen Patienten in einem grossen Park um ihn und seine Assistenten herum sich bewegen und so unter seiner und seiner Assistenten Aufsicht nicht blos Cur machen, essen und trinken, sondern auch leben. Da bemerkt der Arzt oft manche Gewohnheit des Patienten, die diesem schädlich ist, die er aber sonst nie bemerkt hätte.
Welcher Arzt würde solch eine Einrichtung nicht für das Ideal für seine Praxis zu Hause halten, die aber dort leider nicht erreicht werden kann? Man spricht freilich in den medicinischen Journalen davon, dass die Pensionswirthe unter Kontrolle der Aerzte stehen. Aber kann denn die Kontrolle factisch auch durchgeführt werden? Eine wirkliche Kontrolle existirt nur, wo den Kontrollirenden über den Kontrollirten eine Disciplinar-Gewalt zusteht, Welche Disciplinar-Gewalt steht nun den Aerzten eines Kurortes gegen die Pensionswirthe zu? Existirt nicht umgekehrt ein gewisses Abhängigkeits-Verhältniss der Aerzte der Kurorte von den Pensionswirthen, indem diese dem neu ankommenden Kurgaste, der nicht bereits an einen Arzt dirigirt ist, einen Arzt empfehlen? "
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