Sanatorium Dr. Weicker

Dr. Weickers Lungenheilanstalten Görbersdorf-Schmidtsdorf (Kreis Waldenburg, Schlesien)
heute psychogeriatrisches Zentrum "Inter-Med (Niepubliczny Zakład Opiekuńczo-Leczniczy)" (Foto), ul. Głowna 29, Sokołowsko
Text aus:
Nietner, Johannes (1913): Deutsche Lungenheilstätten in Wort und Bild. Halle (Saale)
Fotos: Sammlung Jüttemann und Nietner (1913)
; s.o.

"Im Jahre 1892 übernahm H. Weicker die Leitung der von der Gräfin Marie Pückler gegründeten „Heilanstalt der Gräfin Pückler". Das Sanatorium war nach dem Tode der Gründerin wenig besucht; im Winter 1891/92 hatte es leer gestanden. Von der Gräfin Pückler in der Absicht ins Leben gerufen worden, wenig bemittelten Lungenkranken, vorwiegend aus dem kleinen Beamtenstande, würdiges und billiges Unterkommen zu schaffen, hatten mancherlei Schwierigkeiten nach dem Tode der Gründerin dem förderlichen Gedeihen hinderlich im Wege gestanden.

Weicker pachtete nach kurzem das an der Schmidtsdorf [poln. Kowalowa]-Görbersdorfer Grenze der Gräfin Pückler neuerrichtete Anstaltsgebäude, dessen Fertigstellung die Gründerin nicht mehr erlebt und dem er in Erinnerung an die Gräfin Marie Pückler den Namen "Marienhaus" ließ. Später kaufte er der Familie den gesamten Görbersdorfer und Schmidtsdorfer Besitz allmählich ab, um ihn nach seinen Prinzipien für Heilanstaltszwecke auszubauen. Das jetzt 35 Kurgastzimmer zählende Sanatorium "Marienhaus" (siehe Abbildung) ist vollständig umgebaut und erweitert worden, so daß es allen Anforderungen moderner Hygiene entspricht. Auf Grund seiner Einrichtungen eignet es sich zur Aufnahme eines guten Mittelstandspublikums. Eine weitere als die derzeitige Vergrößerung ist von dem Besitzer und Leiter grundsätzlich nicht vorgesehen. Derselbe behandelt im "Marienhaus" ohne Assistenz? und hält an dem Grundsatze fest, dieser Privatanstalt den Charakter einer Familienpension zu wahren. Die Anstalt ist bisher fast immer voll besetzt gewesen; nur während des Umbaus mußte der Betrieb eingeschränkt werden. Weicker hat sich hinsichtlich der Therapie der Lungenkrankheiten im allgemeinen der Grundsätzen Brehmers und Dettweilers angeschlossen, dabei manche wertvolle Änderung durchgeführt, wie die Flachliegekur, die seit 1896 ausgeübt wird. Den Arbeiten Robert Kochs hat er, wie schon vor seiner Übersiedlung nach Görbersdorf, stets ein reges Interesse zugewandt und die durch Koch inaugurierte spezifische Therapie der Tuberkulose als einer der ersten in seiner Klientel dauernd verwandt. Seit Anfang der 1890er Jahre wandte sich Weicker immer mehr den in den Vordergrund tretenden sozial-medizinischen Fragen zu. Ein reger Meinungsaustausch, vor allem mit dem Sanitätsrat Pauly, Posen, zeitigte bei der Landesversicherungsanstalt Posen den Entschluß, auf Grund des Invalidenversicherungsgesetzes bei lungenkranken Versicherten die Heilstättenbehandlung in Anwendung zu bringen. Am 1. Mai 1894 wurde von der Landesversicherungsanstalt Posen (Vorstandsvorsitzender war Landesrat Knohloch) die erste Versicherte, der Volksheilstätte in Görbersdorf, der Weicker den Namen "Krankenheim für unbemittelte Lungenkranke" gab, überwiesen. Da in Görbersdorf nach dein Tode Brehmers ein Rückgang der Frequenz eingetreten war, standen mehrere für Kurzwecke erbaute Villenhäuser leer. Diese benutzte Weicker, um darin Versicherte unterzubringen. Noch waren die Landesversicherungsanstalten über die Anzahl der Fälle, die zur Durchführung einer Heilstättenkur überwiesen werden sollten, über die zweckmäßige Dauer der Kur, die notwendige Fürsorge der Erkrankten und deren Angehörigen im unklaren. Nur die Versicherungsanstalt der Hansestädte halte sich bisher unter der bahnbrechenden Leitung Gebhards, des "Heilstättenvaters", mit der Heilstättenfürsorge aus prophylaktischen Gründen beschäftigt. In zahlreichen Publikationen, Referaten usw. trat Weicker für die Ausgestaltung der Heilstättenfürsorge ein. Seine Erfahrungen, der Jahre von fast sämtlichen die er im eigenen Anstaltsbetriebe machte, der im Laufe Landesversicherungsanstalten des Reiches und anderen
Behörden beschickt wurde, kamen ihm dabei zustatten. Bei dem Entgegenkommen, das seine Vorschläge bei den Vorständen der einzelnen Landesversicherungsanstalten, besonders bei jenen des Königreichs Sachsen, Posen, Pommern, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Westpreußen u. a. fanden, war es möglich, das Heilverfahren in der Heilstätte in seinen Beziehungen zu den Landesversicherungsanstalten immer weiter organisatorisch auszubauen. Die zurzeit beim Heilverfahren in Gebrauch befindlichen Formulare auf ärztlichem Gebiete haben zumeist in ihrer Urform die von Weicker im Verkehr mit den Landesversicherungsanstalten in den Jahren 1895/96 aufgestellten Schriftsätze zur Unterlage (...).

Das Volkssanatorium 'Krankenheim' hat sich (...) aus kleinen Anfängen entwickelt zur derzeit größten Volksheilstätte in Privatbesitz. Die stetig wachsende Inanspruchnahme von den Landesversicherungsanstalten, Berufsgenossenschaften, Krankenkassen und anderen Behörden, sowie auch von zahlreichen selbstzahlenden Kranken erforderte eine wesentliche Vergrößerung des Betriebes, die dadurch geschah, daß durch Kauf, Neubau und Pacht weitere geeignete Villenhäuser zum 'Krankenheim' einbezogen wurden. Männer- und Frauenstation wurden bereits im Jahre 1898 räumlich und wirtschaftlich getrennt. Heute umfaßt die im unteren Teile Görbersdorfs gelegene Männerstation 8 Häuser, die im Oberdorfe gelegene Frauenstation 9 Gebäude mit zusammen 400 Betten. Die einzelnen kurgemäß eingerichteten Häuser gruppieren sich um die Hauptgebäude, in denen sich die ärztlichen Untersuchungs- und Verwaltungsräume, sowie die Speisesäle befinden.

Jede Abteilung hat eine besondere Krankenstation, wohin interkurrent Erkrankte oder schwerkranke Ankommende gelegt werden. Zu Liegekuren bieten die zahlreichen Balkone und Liegehallen ausgiebig Gelegenheit. Sowohl Männer- wie Frauenstation haben gesonderte Dusch- und ???linderäume. Die Patienten teilen in der Regel zu je zwei ein luftiges Schlafzimmer; daneben stehen Einzelzimmer zur Verfügung. Die Wände sind mit hellen abwaschbaren Tapeten oder Ölfarbe bis 2 m Höhe versehen; die Lüftung geschieht durch stetes Offenhalten von Fenstern und besondere Ventilationsvorrichtungen, die Beleuchtung durch elektrisches Licht, die Heizung durch Niederdruck-, Dampf- und Warmwasserheizung, sowie durch Kachelöfen. Die Anstalt ist an die Görbersdorfer Hochdruckwasserleitung und die Ortskanalisation mit biologischer Kläranlage (H. Schweder & Co., Groß-Lichterfelde) angeschlossen. Die Desinfektion der Kleidungsstücke und Krankenräume erfolgt durch den Desinfektor der Anstalt, dem mehrere Formalin-Wasserdampfapparate (System Flügge und Lingner) sowie eine Buddenbergsche Dampfdesinfektionsanlage zur Verfügung stehen. Die Reinigung der Anstalts- und Patientenwäsche geschieht in einer von der Anstalt begründeten Dampfwaschanstalt im benachbarten Schmidtsdorf; die Sputumvernichtung durch Verkochen des Sputums in einem besondere Sputumkochkessel, der nach den Angaben des Verwaltungsdirektors Bertram konstruiert und gleichzeitig zur Sterilisation der Sammelgefäße eingerichtet ist. Männer- wie Frauenstation haben selbständige Küchenbetriebe und stellen unter eigener Oberin. Den Krankenpflegedienst versehen in der Männerstation Diakone der Brüderschaft Zoar in Tormersdorf bei Rothenburg O.-L. [Oberlausitz], in der Frauenstation Schwestern.

Die ärztliche Fürsorge untersteht neben dem leitenden Arzt, einem Oberarzte und 3-4 Hausärzten. Seit Jahren hat Weicker die beiden ersten Ärzteposten mit verheirateten Assistenten besetzt, um dadurch stabilere Verhältnisse in der ärztlichen Behandlung zu schaffen als dies bei den gern rasch wechselnden unverheirateten der Fall ist. Von der Berechtigung 2 Medizinalpraktikanten zu beschäftigen, ist nicht dauernd Gebrauch gemacht worden.
Die Behandlung ist grundsätzlich eine hygienisch-diätetische unter Verwendung von Tuberkulin und verwandten Präparaten in geeigneten Fällen. Besonderer Augenmerk wird der Behandlung der oberen Luftwege gewidmet: Die Anstalt verfügt über eine moderne Röntgeneinrichtung (von der Firma Reiniger, Gebbert & Schall, Nürnberg). Die chirurgische Behandlung der Lungentuberkulose durch Anlegung des künstlichen Pneumothorax ist neuerdings mehrfach und mit Erfolg in Anwendung gekommen: Die große und recht verwickelte Verwaltung leitet ein Direktor (der jetzige Verwaltungsdirektor Bertram ist seit nunmehr 16 Jahren im Betriebe tätig und hat an dem eigenartigen Ausbau des Volkssanatoriums regen Anteil genommen); ihm stehen zur Seite: sein Vertreter, 4 Beamte und 2 Hilfskräfte. Der Grundbesitz der Anstalt umfaßt über 140 ha, darunter 55 ha Wald. Der Berg am 'Marienhaus' steht den Insassen des Volkssanatoriums ebenfalls offen. Ein eigener landwirtschaftlicher Betrieb in Fuchswinkel-Schmidtsdorf [pl. Kowalowa], sowie 3 Pachtgüter, die ebenfalls ärztlich überwacht werden, liefern die erforderliche Milch. Besonderer Wert wird auf die Belehrung der Kranken von seiten des Arztes und geistige Anregung der Kranken in ihren Mußestunden gelegt. In bestimmten Zwischenräumen werden Medizinisch-populäre Vorträge abgehalten, getreu dem Grundsatze, daß die Volkheilstätte in erster Linie eine Erziehungsstätte sein soll. Ein Hauslehrer, lediglich für die Insassen des Volkssanatoriums angestellt, hat die Büchereien, Tageszeitungen, Zeitschriften und Unterhaltungsspiele unter sich, hält freie Vorträge auch mit Lichtbildern in den Stationen, gibt mannigfachen Unterricht (Stenographie usw.), ist der Berater der Kranken in Fürsorgefragen, kurz der Mentor für die immer wechselnde, aus den verschiedensten Gegenden und verschiedensten sozialen Kreisen stammende, rat- und hilfsbedürftige, oft recht schwer zu befriedigende vielköpfige Gesellschaft.

Der streng durchgeführte Grundsatz, nur solche Lungenkranke aufzunehmen, die nach ärztlichem Gutachten Aussicht auf einen Kurerfolg haben, hat erfreuliche Resultate gezeitigt. Nach einer noch in Arbeit befindlichen größeren Statistik über Dauererfolge haben von denen in 10 Jahren (1898-1907) im 'Krankenheim' wenigstens 6 Wochen lang behandelten 10.400 tuberkulösen Fällen 49,5%, also fast die Hälfte einen Dauererfolg aufzuweisen. Eine eingehende Statistik über die im 'Krankenheim' erzielten Kurerfolge hat das Kaiserliche Gesundheitamt in seinen Tuberkulosearbeiten [heraus]gebracht, aus der hervorgeht, daß die Heilerfolge denjenigen anderer Anstalten um nichts nachstehen. Auszeichnungen von Dr. Weickers Heilanstalten: Grand Price (Kollektivpreis) Weltausstellung St. Louis 1904; Großer Preis, Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden 1911."

[Weitere Verweise]: Weicker, Beiträge zur Frage der Volksheilstätten. VIII. Folge. Leipzig 1903. F. Leineweber // Tuberkulosearbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte. Deutsche Heilstätten für Lungenkranke. Geschichtliche und statistische Mitteilungen I. 2. Heft. Berlin 1904: Dr. Weickers „Krankenheim" in Görbersdorf. S. 298-365.


Marienheim (gehört zu Dr. Weicker's Sanatorium)



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