Görbersdorf (Sokołowsko)

Text aus: Busch, H. K. (1875): Die Görbersdorfer Heilanstalt des Dr. H. Brehmer - Berlin: Enslin - II. Kapitel. Reise nach Görbersdorf. 

Görbersdorf ist kein Mineralbad, keine Mineralbrunnenanstalt, auch keine Wasserheilanstalt, überhaupt kein Kurort nach gewöhnlichen Begriffen, sondern ein Dorf, das von Schwindssicht frei ist und wo sich eine "Heilanstalt", speziell für Lungenkranke befindet. 

Görbersdorf — früher Gier- und Girbersdorf, später Görbersdorf geschrieben — gehört zum Kreise Waldenburg und zum Regierungsbezirke Breslau und liegt in einem von Osten nach Westen laufenden Thale des Waldenburger Berglandes, welches das Kohlenbecken von Waldenburg und Braunau in Böhmen durchbrochen hat, also das Riesen- mit dem Eulengebirge verbindet, unweit der böhmischen Grenze, in direkter Verbindung nur eine Viertelstunde von derselben entfernt. [Görbersdorf und Büttnergrund bilden eine Gemeinde. (...) Am 4. Juni 1592 wurde diese Gemeinde begränzt. Einige Gerber, die sich zuerst angebaut haben sollen, sollen dem Orte de» Namen gegeben haben. In den schlesischen Kriegen wütheten hier — namentlich den 22. September 1745 — die Feinde entsetzlich.; Anm.]

Das Thal 1720 Fuss über dein Meeresspiegel, mithin in einer schwindsuchtsfreien Höhe — dehnt sich mehr in die Länge als in die Breite aus; doch treten die circa 3000 Fuss hohen Berge, welche das Thal von allen Seiten begrenzen, nicht so nahe zu einander, dass es auf den Besucher ein Gefühl der Beklemmung ausübte, gleichsam, als wenn man sich in einer Thalschlucht befände; sondern sie erscheinen uns "vielmehr als freundlichen Beschützer eines ihrer Umarmung ruhenden köstlichen Waldfriedens". Zugleich schirmen sie uns gegen die herantabenden Stürme; und da das Thal vielfach seine Richtung ändert, so können die Winde, wenn sie trotz der schützenden Berge- eindringen, nur in gebrochener Kraft ihre Gewalt geltend machen. Ein wie grosser Unterschied aber zwischen 'ge-brochenem' und 'ungebrochenem' Winde besteht mag der Leser aus folgendem erkennen. Als anfangs Dezember 1868 ein fürchtlicher Orkan durch das nördliche Europa brauste, die Häuser zerstörte und überall grosse Verwüstungen anrichtete, auch hier auf den Bergen die stätrksten Bäume zerbrach und umwarf, so wurde doch im Thale selbst kein einziger Schaden angerichtet, nicht einmal ein Stück Schiefer wurde von den Dächern abgehoben. 

 
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Wer aber, wie es häufig genug vorkommt, in der Meinung nach Görbersdorf kommt, hier ein durchaus 'windstilles Thal' zu finden, in dein sich auch kein Lüftchen rege, der befindet sich in grossem Irrthume und sieht sich in seinen Vermuthungen arg getäuscht. — Einmal existiert auf der ganzen weiten Erde kein Ort, der vollständig 'windstill' ist, und gäbe es einen solchen Platz, dann wäre er wohl am wenigsten zu einem Aufenthaltsorte für Brustkranke geeignet. Denn diese bedürfen durchaus reine Luft zum Einathmen. Nun ist aber bekanntlich der Wind der eigentliche Luftreiniger. Wie müsste demnach wol die Luft an einem solchen Orte beschaffen sein, wo jahraus, jahrein Windstille herrschte?! Aber mag auch der Wind draussen, auf der Chaussee, noch so heftig brausen, in Görbersdorf ist er schwächer und man findet immer ein geschütztes Plätzchen, sei es in den Anlagen, sei es in dein nahen Anstaltswalde. Schreiber dieses wüsste wenigstens keinen einzigen Tag, wo er in Ermangelung eines gegen Wind geschützten Platzes hätte seine Spaziergänge im Freien einstellen müssen.

Zahlreiche Quellen sprudeln aus den Bergen hervor und spenden den Dürstenden krystallklares, frisches Wasser, das, da es dem Urgebirge entstammt und daher fitst ganz frei ist von mineralischen Bestandtheilen, für den Geniessenden ein wahres Labsal ist. Wenn es auch unter den Kurmittel keine hervorragende Rolle spielt, so hat es doch für die Heilanstatt keine zu unterschätzende Bedeutung, da hartes und von mineralischen Bestandtheilen geschwängertes Wasser gar leicht den Magen schwächt, welcher ohnehin bei Brustkranken nicht gerade sehr stark ist. Vor allen Dingen aber ist es die überaus herrliche Bergluft, welche das Thal von Görbersdorf so recht für eine Heilanstalt geeignet macht; denn die Luft ist es ja, welche immer auf den Kranken und direkt auf die erkrankten Lungen einwirken kann. Es verbindet sich hier überall das Angenehme mit dem Nützlichen, so dass wol schwerlich ein zweiter Ort aufgefunden wird, der so sehr allen Anforderungen, die man an einen derartigen Ort zu stellen berechtigt ist, entspricht, als eben Görbersdorf. 

Für den Naturfreund bieten sich überall auf den Bergen die schönsten Aussichtspunkte. Je länger man hier verweilt desto angenehmer wird einem diese Gegend, und jeder muss von ihr bekennen: "Wahrlich ein schönes Plätzchen auf Gottes weiter Erde!" Man fühlt sieh hier recht heimisch; fern von dem Geräusche der Verkehrsstrassen [sic! 1876], lebt man hier in stillem Waldesfrieden, dessen wohlthälige Wirkung jeder Patient gar bald verspürt. Die nächsten Städte sind Friedland und Waldenburg, erstere 3/4, letztere 1 1/4 Meilen entfernt. Die nächste Eisenbahnstation ist Dittersbach, etwas näher als Waldenburg gelegen. Post- und Telegraphenanstalt ist in Görbersderf selbst in Rücksicht der Heilanstalt des Dr. Brehmer errichtet worden. Will man nun Görbersdorf besuchen, so muss man von Dittersbach, resp. Waldenburg aus, bis wohin man ja die Eisenbahn benutzen kann, die Reise mit einem Lohnfuhrwerke, die bei den ankommenden Zügen fast regelmässig auf dem Bahnhofe in hinreichender Anzahl vorhanden sind, machen. Die Tour kostet 2 bis 2 1/2 Thaler. Die Fahrt im Wagen auf der zwischen den Bergen sich hindurchwindenden Chaussee, welche nach dem schlesischen Städtchen Friedlang und dann weiter nach Böhmen hineinführt, ist für den Reisenden, der Sinn für Naturschönheiten hat, höchst angenehm.

Historische Ansichten von Görbersdorf