Flüchtlingszügen

Nachdem Ungarn am 11. September die Grenze für im Land befindliche DDR-Flüchtlinge offiziell geöffnet hatte, flohen binnen drei Tagen 15.000 Menschen und bis zum Monatsende noch einmal fast 20.000. Nun aber wurden Ungarn-Reisen von DDR-Behörden nicht mehr genehmigt, was einen verschärften Fluchtreflex Interessierter in die bundesdeutschen Botschaften von Prag und Warschau auslöste.
Am 17. August waren 70 Flüchtlinge in Prager Botschaft, am 19. Augusts 123. Im Laufe des Septembers hatten 11.000 Ausreisewillige Zuflucht in der Prager Botschaft gefunden.

Am 26. September erhielt das Bww Zickau vom Stab der operativen Betriebsleitung der Rbd Dresden per Bahndienstfernschreiben die Anweisung, zehn Reisezugwagen der Gattung Bm aus der Bereitschaft für Sonderverkehre von Plauen nach Zwickau zu überführen, und zwar am 27. September.
Ein zweites Fernschreiben erhielt das Bw Reichenbach: Bespannung und Fahrplan für die Überführung.

Am 30. September reisten der Verhandlungsführer der Bundesrepublik, Kanzleramtschef Rudolf Seiters, und Bundesaussenminister Hans-Dietrich Genscher nach Prag. Genschers Worte vom Balkon der Botschaft: „Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen,
dass heute Ihre Ausreise..." Er sagte noch: „...in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist",aber das ging unter in tosenden Beifallsstürmen.
Am Spätabend des 30. September brachten Busse die Flüchtlinge von Prager Botschaft nach Praha-Liben. Dort standen sechs Züge zu je zehn Wagen (Am, Bm und Bmh), bereitgestellt von den Bww Berlin-Rummelsburg, Dresden, Zwickau, Karl-Marx-Stadt, Cottbus und Hoyerswerda.


Blick auf die Südseite der Deutsche Botschaft im Prager Palais Lobkowitz. Im Zentrum der halbrunde Balkon im ersten Stock, von dem aus Genscher seine Rede hielt. (Foto: Wegmann, Wiki Commons)

In der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober 1989 fahren sechs Flüchtlingszüge (die erster war Sonderzug Sr 23360) von Prag über Bad Schandau und Dresden nach Hof (BRD). Im Bahnhof Dresden-Reick war ein Wechsel des Ellok-Personals vorgesehen. Sr 23360 musste im Dresdener Hauptbahnhof sogar halten, ebenso der nächste Zug reichlich zwei Stunden später. Das hatte Konsequenzen: Wie ein Lauffeuer verbreitete sich, dass die Flüchtlingszüge über DDR-Gebiet fuhren.  Zumindest drei junge Menschen konnten in Dresden auf die zweite Zug aufspringen – unterwegs versuchten das noch mehr. Entlang der Fahrstrecke kam es überall zu Verhaftungen. 
Seit 30. September 1989 kümmerten sich am Bahnhof Hof mehrere hundert Helfer von BRK, THW, der Bahn und der Stadt um sie. Der komplette Hauptbahnhof wurde zur Sozialstation, die Freiheitshalle zum Matratzenlager. Auch in Feilitzsch, dem ersten Dorf auf westdeutscher Seite, steckten die Oberfranken den Flüchtlingen Lebensmittel und Geld in die durchfahrenden Züge.

Die Flüchtlingszüge bestanden aus zehn zweifabrigen Wagen 1. bzw. 2. Klasse (Gattungen Am, Bm, Bmh). Die Lokomotiven der 14 Flüchtlingszüge stellte das Bw Reichenbach.

 Zug Zug-Nr. Tfz Abfahrt Prag Ankunft Hof Bemerkung 
 1 Sr 23360 br 250 (Bad Schandau - Reichenbach)
 132 478 (Reichenbach - Hof)
 20.50 Uhr 6.14 Uhr, Bstg 3 7.40 Uhr weiter nach Giessen 
 2 Sr 23362 132 285  6.33 Uhr, Bstg 1 7.45 Uhr weiter nach Hammelburg 
 3 Sr 23366 132 059  Bstg 3 8.20 Uhr weiter nach Weiden - Schwandorf 
 4 Sr 23364 132 696  Bstg 2 weiter nach Nürnberg 
 5 Sr 23368 132 695  Bstg 3 weiter nach Coburg - Oerlenbach 
 6 Sr 23370 132 701  8.58 Uhr, Bstg 4 Zug endet in Hof 
Tabel 1: Sonderzügen am Samstag 30. September/Sonntag 1. Oktober 1989 (Insgesamt 5490 Flüchtlinge)

Gedenktafel am Hauptbahnhof Dresden, 1 april 2012 (Foto: Nightflyer, Wiki Commons)

In der Nacht vom 4. zum 5. Oktober 1989, zwischen 18:34 und 01:35 Uhr, verließen weitere acht Züge die Hauptstadt der Tschechoslowakei. 
Nach den ersten drei Zügen reduzierte man den Laufweg durch die DDR wegen der "Krawalle" in Dresden. In den späten Abendstunden des 04. 10. 1989 befanden sich im Bahnhofsgebäude ca. 5.000 Personen und um den Bahnhof weit über 10.000. Die restlichen fünf Züge am 4./5. Oktober 1989 nahmen den nur 94,6 Kilometer langen Weg von Bad Brambach über Plauen (Vogtl) nach Gutenfürst. 
Bei den über Bad Brambach geleiteten fünf Zügen gab es einen weiteren gelungen Fluchtversuch. Anlass dazu bot der Betriebshalt, den die Züge in Plauen (Vogtl) oberer Bahnhof einlegen mussten, um die Fahrtrichtung zu wechseln und die Lok umzuspannen. Während eines dieser Halte schafften es sieben Personen, auf den abgesperrten Bahnsteig vorzudringen; zwei von ihnen kamen in den Zug.


 Zug Zug-Nr. Tfz DR Abfahrt Prag Ankunft Hof Bemerkung 
 1 Sr 23358 132 478 zwischen 18:34 und 01:35 Uhr 5.49 Uhr, Bstg 3weiter nach  Ahrweiler (Rheinland-Pfalz) 
 2 Sr 23362 132 655 zwischen 18:34 und 01:35 Uhr
 weiter nach Alsfeld (Hessen) 
 3 Sr 23360 132 596 zwischen 18:34 und 01:35 Uhr Bstg 3weiter nach  Bruchsal (Baden-Württemberg) 
 4 Sr 23366 132 701 zwischen 18:34 und 01:35 Uhr 8.58 Uhr, Bstg 1 weiter mit DB-Wagen nach Hannover 
 5 Sr 23356 132 285 zwischen 18:34 und 01:35 Uhr 7.45 Uhr,  Bstg 1 weiter nach Hammelburg 
 6 Sr 23364 132 059zwischen 18:34 und 01:35 Uhr  8.20 Uhr, Bstg 38.45 Uhr weiter, Ziel nicht mehr ermittelbar 

 7 Sr 23368 132 696 zwischen 18:34 und 01:35 Uhr 9.42 Uhr, Bstg 3 Zug endet in Hof 
 8 Sr 23370 132 643 zwischen 18:34 und 01:35 Uhr 10.48 Uhr, Bstg 3  Zug endet in Hof 
Tabel 2: Sonderzügen am Mittwoch/Donnerstag 4./5. Oktober (Insgesamt 7607 Flüchtlinge)

Auch gab es zwei Sonderzüge mit 809 Flüchtlingen aus der bundesdeutschen Botschaft in Warschau. Die Abfahrt war von Bahnhof Warszawa Gdanska (am 1. und 5. Oktober 1989). 
Weitere 124 DDR-Bürger, die später in Warschau die deutsche Botschaft besetzt hatten, durften am 17. Oktober 1989 per Flugzeug ausreisen.

 Zug Datum Zug-Nr. Tfz DR
 Strecke
 1 1. Oktober 1989 Sr ...

Warszawa Gdanska - Frankfurt (Oder) - Südlichen Berliner Außenring - Detershagen (planmässiger Halt von 15:05 bis 15:07 Uhr) - Magdeburg Hbf (15:30 Uhr) - Eilsleben (15:57 bis 16:54 Uhr planmäßiger Halt zur Übergabe der abgenommenen Personaldokumente) - Marienborn (17:04 bis 17:07 Uhr planmäßiger Halt) - ...
 2 5. Oktober 1989 Sr 21345   Warszawa Gdanska - Frankfurt (oder) - Nördlichen Berliner Außenring - Abzweig Karow West (gegen 5:30 Uhr) - Detershagen (Personalwechsel) - .
Tabel 3: Sonderzügen am 1. und 5. Oktober 1989 aus Warszawa

Bis zum 3. November 1989 sammelten sich in der deutschen Botschaft in Prag erneut 5.000 Flüchtlinge. Sie durften ab 4. November 1989 mit neun Sonderzügen von Prag direkt ins Bundesgebiet ausreisen, und zwar über den tsche­­chisch-deutschen Grenzübergang Cheb/Schirn­ding. 

Fünf Tage später sollten die dramatischen Bemühungen Vergangenheit sein; am Abend des 9. November 1989 öffnete die DDR allgemein ihre Grenzen.

Es gibt ein Buch "Prager Flüchtlingszüge 1989 - Hintergründe, Folgen, Erinnerungen von Günter Hofmann (2014).

Es gibt das Doku-Drama "Zug im Freiheit" aus 2014 (http://reportage.mdr.de/zug-in-die-freiheit/).


Quellen:
  • Rainier Heinrich & Karlheinz Haucke, Verriegelt ins Ungewisse, in: Modelleisenbahner 2009/10.
  • Bayerische Rundfunk: http://www.br.de/franken/inhalt/zeitgeschichte/botschaftsfluechtlinge-prager-botschaft-hof-100.html
  • Eisenbahnwelt: http://www.eisenbahnwelt.de/zeitschriftenartikel-3670.html?nav=867&show=seite2 (aus: Bahn Extra 2009/03)
  • Klaus J. Vetter (2014), Zug um Zug zur Einheit, München: GeraMond Verlag GmbH
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