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Selten im Laufe eines der Wissenschaft gewidmeten Lebens erwirbt man Erkenntnisse, die so gewaltig an den Grundfesten des eigenen Selbstverständnisses rütteln, die die Basis alles gelernten, geglaubten so fundamental in Frage stellen, dass sie den gesamten Verlauf des weiteren Lebens verändern.


Ich hatte das Unglück, dass mir dies ganz zu Anfang meiner Karriere geschah. Während der Arbeit an meiner Dissertation über die Einflüsse keltischer, speziell walisischer, Mythologie auf die mönchische Kultur des frühen englischen Mittelalters stieß ich in einer alten Handschrift auf einen Text, der so fantastisch erschien, dass jeder ihn für das Produkt eines kranken Geistes halten musste. Die äußere Form dieses Textes, die von mir recherchierten historischen Umstände seiner Entstehung und vor allem die persönliche Geschichte seines angeblichen Autors Professor P. wiesen aber so viele Absonderlichkeiten auf, die nur durch die im Text geschilderten Ereignisse in eine kohärente Form gebracht werden konnten, dass ich nach langem Zweifel diese Erklärung aufgab und zu der Annahme gelangte, die Geschichte müsse der Wahrheit entsprechen.


Gerade aber die erwähnte äußere Form, eine Handschrift in alt-walisischer Sprache, geschrieben mit Bleistift auf den nur unvollständig abgeschabten Seiten eines mittelalterlichen Kodex’, verboten eine sofortige Veröffentlichung. Jeder hätte angenommen, dass ein junger Wissenschaftler zwecks Beförderung seiner Karriere auf das alte, ehrwürdige Mittel der Quellenfälschung zurückgegriffen habe. Ich beschloss daher, mit der Publikation zu warten, bis ich mir in Fachkreisen einen Namen gemacht hätte und das ganze Gewicht meines professoralen Titels und die Länge der Liste meiner Forschungsarbeiten mich unterstützen könnten.


Leider ist es dazu nie gekommen. Wenn dieser Text tatsächlich die Wahrheit schilderte, dann könnten alle keltischen Zaubermärchen, alle Fabelreiche, alle Monster Wahrheit sein. Dann wäre meine Wissenschaft nicht mehr der Versuch, mit aufgeklärter Intelligenz die Geschichte und hypothetische Bedeutung alter Symbole zu ermitteln sondern das vergebliche Unterfangen, diese Schrecken zu rationalisieren, um uns so in ignoranter Sicherheit wähnen zu können. Diese Zweifel an der Aufgabe der historisch-kritischen Wissenschaften wirkte sich wie ein lähmendes Fieber auf meine weiteren Arbeiten aus.


Ich bin nie der berühmte Professor für mittelalterliche Geschichte geworden, als den ich mich in meiner Jugend gesehen habe. Ich habe es im Laufe meiner Karriere nur auf eine C2 Stelle an einer kleinen Universität gebracht, ob meiner „Kauzigkeit“ von meinen Studenten mehr geliebt als geachtet und in der weiteren Fachwelt völlig unbekannt. Nun, gegen Ende meiner Karriere, zwei Monate vor meiner Emeritierung, ist dies der vielleicht untaugliche Versuch die Gründe meines Scheiterns zumindest ein paar Freunden zu erklären.