Der Ursprung des

Rotating Rabbit Logos

 

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Text von Felice Naomi Wonnenberg

Der Fruehling kommt, Osterzeit, und in Waeldern - und auch in Supermaerkten! - wimmelt es nur so von Hasen. In Schokolade gegossen oder "in Echt" - die Langohren "vermehren sich" derzeit sprichwoertlich "wie Karnickel" und dank ihrer ausserordentlichen Gebaerfreudigkeit galten sie von alters her in verschiedensten Kulturen als Fruchtbarkeitssymbol.

So intergrierte das Volk dieses heidnische Symbol in die christlichen Osterbraeuche, auch wenn der Hase mit seinem ausgepraegtem Sexualtrieb der Kirche ansonsten "nicht so ganz koscher" war. So findet man ihn gewoehnlicher Weise zu Fuessen der Maria Magdalena. Hier sieht man den Hasen, genau wie das sehr lange, offen getragene Haar gleicher Dame als "eine Anspielung auf das unkeusche Leben der Heiligen vor ihrer Bekehrung handele", erklaert der Kunsthistoriker Matthias Deml eine solche Hasendarstellung in den Fenstern des Koelner Domes.

In der weltlichen Kunst und Liebessymbolik des Mittelalters sieht man Liebene oft in einem Garten umgeben von Kaninchen dargestellt, so z.B. im beruehmten Wandteppich "Die Dame und das Einhorn" (Paris, Musee de Cluny) und auch Casanova verabredet sich laut seiner beruehmt-beruechtigten Tagebucheintragungen zum Stelldichein im Kaninchengarten.

Doch wie sieht es im juedischen Kontext aus? Erst einmal kann man ganz klar konstatieren, dass Meister Lampe bei Juden "nicht auf den Tisch" kommt. Er wird in der Tora explizit als nicht-koscheres Tier aufgefuehrt. Was der Ehre des Langohres keinen Abbruch tut. Schliesslich ist der so positiv konnotierte Loewe oder der Adler auch nicht koscher.

In der Synagoge von Chodorow gibt es eine Darstellung, wie Hasen von einem Raubtier- hier einem greifaehnlichen Wesen - gepackt und gefressen werden.Diese Darstellung ist nach Rachel Schnold, Kuratorin am Diasporamuseum "eine metaphorische Darstellung der Kosakenpogrome 1648  in der Ukraine.", eine visuelle Aufarbeitung der traumatischen historischen Ereignisse. Dieser Darstellung sind Malereien von Raubtieren, die Blumen halten gegenuebergestellt (siehe Abbildung vegetarian lions). Solche vegetarischen Loewen, Einhoerner und Baeren symbolisieren die Hoffnung nach dem messianischen Zeitalter, in dem laut Bibel selbst "der Loewe Gras fressen wird". Die Hoffnungen und Phantasien ueber die Ankunft des Messias erstarkten im 17.Jahrhundert und gipfelten in den Ereignissen um Schabtei Zwi, dem "falschen Messias".

Der doppelkoepfige Adler in der Mitte der Decke haelt in seinen Krallen zwei braune Hasen, ohne sie jedoch zu verletzen. Die Darstellung ist umgeben mit einem Zitat aus der Parascha Hasisu, dem vorletzten Wochenabschnitt der Thoralesungen im Buch Dvarim, dem 5. Buch Mose.

כנשר יעיר קינו על גוזליו ירחף. יפרוש כנפיו יקחהו ישאהו על אברתו.
פרשת האזינו,

"So wie der Adler sein Nest sanft aufweckt und seine Fluegel ueber ihnen ausbreitet, und seine Jungen aufhebt, um sie auf seinen Schwingen zu tragen" (…so ist Gtt zum Volke Israel).

Erstaunlicher Weise entschied sich der Kuenstler hier darzustellen, wie der Adler nicht junge Adler, sondern Hasen "aufhebt, um sie auf seinen Schwingen zu tragen". Der Kuenstler Israel Ben Mordechei Lisnicki of Jaryzcow stellte hier wieder das juedische Volk als Hasen dar.

Der Begriff "Hasenjagd" wurde sogar  waehrend der NS-Zeit fuer die Jagd auf Leute verwendet, die aus einem KZ fluechteten und von den Nazis gejagd wurden.

Manche Rabbiner, wie z. B. Yosef Chaim Jeruschalmi sahen in Hasen auch ein Symbol fuer Juden in der Diaspora immer gejagdt, immer auf der Flucht. In vielen Pessachgebetsbuechern, so auch in einer Prager Haggadah (Pessachgebetsbuch) von 1526 finden wir darueber hinaus eine "YaK-Ne-HaZ",  die Darstellung einer Hasenjadgt: "Jag' nen Has", die als eine Mnemonik, eine Eselsbruecke hilft, sich an die komplizierte Abfolge der Segenssprueche zu erinnern, die es einzuhalten gilt, wenn der Pessachabend, wie in diesem Jahr (2008) auf Motzei Shabbat, Schabbatausgang faellt.3 Y = Yain, Wein K = Kiddush, Segensspruch auf den Wein, u.s.w. 

Eine spaetere Erwaehnung eines Tieres namens "Schafan Zella" in der Bibel sorgte bei den Uebersetzern der heiligen Schrift ueber die Jahrhunderte hinweg fuer Verwirrung. "Schafan" ist auch heute noch der gaengige Aussdruck im Hebraeischen fuer "Hase" oder "Kaninchen". Ein "Schafan Zella" jedoch ist ein Klippschliefer, ein dem Murmeltier nicht unaehnliches Tier, wie man es z B. im Naturreservat Ein Gedi am Toten Meer antrifft. Der "Schafan Zella" der "im Schutze des Felsens Gttes seine Zuflucht sucht"5, Psalmen 104, 18, mit seinen kurzen, runden Ohren disqualifiziert sich also als "falscher Hase" bei unserer trans-kulturellen Hasenjadgt.
 
Drei anderen Langohren jedoch, die sich, wie es scheint, gegenseitig jagen, soll hier auf ihren geheimnisvollen Wegen quer durch die Jahrhunderte und Kulturen nachgespuert werden.

In deutschen Sprachraum wird dieses graphische Symbol in einem Raetselwort beschrieben:

"Der Hasen und der Ohren drei
Und doch hat jeder seine zwei."

Versuchen sie einmal das Spruchraetsel in einer Skizze zu loesen. Geschafft?!
Selbst Joseph Beuys hat dieses Spruchraetsel nachgezeichnet.

Die fruhesten Darstellungen eines solchen "Dreihasenkreises" sind  jedoch aus buddistischen Hoehlen in Touenhouang in China bekannt, sie werden auf das 6. und 7. Jahrhundert datiert aus der Sui Dynastie.

Von da aus scheinen die Pelztierchen im 12. Jahrhundert ueber die Seidenstrasse in den nahen Osten, in des sagenhaften Saladins Ajubidenreich gehoppelt zu sein. Hier begegnen sie uns a.B. auf einer unscheinbaren Keramikscherbe.

 
In einer Ausstellung ueber dieses sagenhafte Reich im Institut der arabischen Welt in Paris sieht man die Drei im Kreise auf einer Keramikscherbe abgebildet, was "eher ungewoehnlich ist, im moslemischen Kontext" erklaert Eric Delpont, Verantwortlicher fuer die Sammlung und Ausstellungen des Pariser Museums. Als dieses Hasensymbol aus Asien in den islamischen Kulturraum gekommen ist "fand man es zumeist auf Metallgegenstaende eingraviert, wesentlich seltener auf Keramik", so Delpont. Ob in Metall oder in Glasur, es sei "schwierig dem Symbol eine praezise Deutung im muslemischen Kontext zuzuordnen, doch wird der Hase zuweilen mit dem Begriff der Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht." Schliesst er seine Erklaerungen.

"Ex oriente Lepus" - aus dem Orient kommend fanden die drei Hasen dann schliesslich auch den Weg nach Europa. Ein geschickter Steinmetz schuf Anfang des 16.Jahrhunderts das Drei-Hasen-Fenster im spaetgotischen Kreuzgang des Paderborner Domes. Manche Kunsthistoriker wollten in der drei Hasen ein Symbol fuer die heilige Dreifaltigkeit sehen, dieser Theorie wird jedoch haeufig wiedersprochen, da der Hase an sich ja, wie aus Demls Erklaerungen hervorgeht, im christlichen Kontext negativ konnotiert ist. Urspruenglich ein Gluecksbringer der wandernden Handwerksburschen, haben sich die Paderborner Hasen im Kreis inzwischen zu einem Wahrzeichen der Stadt entwickelt und das Symbol wird heutzutagte von verschiedenen Betrieben als Logo verwendet. So kann man sich im Drei Hasen Theater unterhalten lassen oder einen "Rotating Rabbit Film" sehen, hernach im  Dreihasen Hotel uebernachten, sich des Nachts in Dreihasen-Quiltdecken huellen und falls das immer noch nicht ausreichend das Herz des Karnickelliebhabers waermt, so liefert ein Heizoellieferat aus dem Paderborner Raum, der gleiches Zeichen verwendet, waermende Abhilfe.

Geheimnisvoll treten die Langohren auch in einer leicht abgewandelten Abbildung, ein Jahrhundert nach ihrem Erscheinen am Paderborner Dom, etwas weiter noerdlich, in Hamburg, wieder auf. In der alchemistischen Schrift "Von der grossen Heimlichkeit der Welt und ihrer Artzney, Chymische Schriften", Hamburg, 1677 von Basilius Valentinus sieht man unsere drei Haeslein von drei Hunden im Kreis gejadgt. Auch hier wird wieder auf ihr aktives Liebesleben und regen Sexualtrieb angespielt: "Dann wann Venus beginnt zu rasen/ so macht sie grausam viel Hasen/ Drumb Mars bewahrt mit deinem Schwerdt/ Dass Venus nicht zur Huren wird." Wird die Abbildung betextet.

Und nicht nur in deutschen Landen wurden sie so liebevoll aufgenommen, dass sie bis heute als Symboltierchen ado/aptiert werden. Die rastlosen Nachtwesen trieb es mit Hakenspruengen durch die Weltgeschichte. So schaffte Meister Lampe denn auch den Sprung ueber den Aermelkanal, wo sie sich im Sued-Westen Englands, in der Region Devon geradezu "wie die Karnickel vermehrten". Das raetselhaft-haeufige Auftreten der rotierenden Nager in Dorfkirchen faszinierte die Kunsthistorikerin Sue Andrew derart, dass sie im Jahre 2004 die Forschungsgruppe "The three hares project" gruendete. Sie fand die Darstellung in den hoelzernen Dachgestuehlen an prominent zentraler Stelle in den Kreuzungspunkt der Dachbalken eingeschnitzt. Andrew erlaeutert: "Wir wissen von siebzehn Gemeindekirchen in Devon, die zumindest einen solchen Dachgestuehlschmuck mit dem Dreihasenmotiv aufweisen. Sie wurden als ein Schmuckaufsatz hergestellt, der den Kreuzungspunkt der Balken verdeckt. In ganz Devon haben wir insgesamt 29 gefunden, davon sind 19 mittelalterlich und aus Holz hergestellt. Die Schnitzereien sind derart unterschiedlich, dass man daraus schliessen kann, dass sie in unterschiedlichen Werkstaetten in der ganzen Gegend hergestellt wurden. Sie erscheinen immer an zentraler Stelle, oft in Kombination mit dem "Gruenen Mann ", einem anderen vorchristlichen Symbol.

Doch auch in diesen schoenen Dorfkirchen wollten sich die schnellen Laeufer nicht auf's Faulbett legen. Und so kreisten sie weiter durch die Kunstgeschichte, diesmal wieder gen Deutschland, oder besser gesagt, in den "aschkenaischen" Kulturraum. "Askenasisch" bedeutete urspruenglich im althebraeischen Sprachgebrauch "deutsch", doch bezeichnen wir heute juedische Kultur in ganz Zentral- und Osteuropa als askenasische Kultur. Und in diesem Kulturraum finden wir die naechste Generation der rotierenden Langohren. In allen mir bekannten Holzsynagogen des 17. und 18. Jahrhunderts tauchen die drei unter den vielfaeltigen Holzmalereien auf. Sowohl in der Synagoge, die urspruenglich aus Horb in Sueddeutschland stammt und spaeter dem Israel Museum Jeruselam gestiftet wurde,

 

 

so wie auch in den transportabelen Holzpanelen, die den Gebetsraum von Unterlimburg ausgeschmueckt haben. Ein Replika dieser "mobilen Synagoge" findet sich heute im Juedischen Museum Berlin. Auch eines der Hauptexponate des Museums der Juedischen Diaspora in Tel Aviv weisst unsere drei Leporiaden auf. Die Synagoge aus Chodorow bei Lvov (Lemberg) wurde von Israel Ben Mordechei Lisnicki of Jaryzcow im Jahre 1714 ausgemalt. Im Jahre 1941 von den Nazis zerstoert, liess sich dieses kunsthistorische Juwel nur mit Hilfe von historischen Photographien rekonstruieren. In einem Text der Kunsthistorikerin Ida Uberman ueber gleiche Synagoge heisst es: "Wir finden hier Darstellungen von drei Tierarten, je in einem Kreis angeordnet. Ein Adler, Fische und Hasen. Diese drei repraesentieren die drei kabbalistischen Elemente der Welt: Erde, Wasser und Feuer/Himmel." Wichtig ist es der juedischen Kunsthistorikerin auch, dass "sie immer als dreie zusammen erscheinen", die Zahl drei sei "im kabbalistischen Kontext sehr bedeutungsvoll". Abgesehen von Uberman's Auslegung, laesst sich eine Bedeutungsebene in allen Kulturen konstatieren: der Hase als Fruchtbarkeitssymbol. Und auch in der Chodorwsynagoge sieht man sie spiegelbildlich zu den drei Fischen im Kreise abgebildet, die ihrerseits als die fruchtbarsten Tiere des Wassers gelten, wohingegen die drei Hasen im Kreise als die fruchtbarsten Tiere des Landes gesehen werden.

Insgesamt laesst sich feststellen, dass Hasen - und der Dreihasenkreis insbesondere - in viele Kulturen migriert sind. Oft wurde dabei das alte Symbol mit einer neuen Bedeutungsebene aufgeladen. Dennoch scheint es mir von den Kunsthistorikern als etwas bemueht, den Hasen zuerst die Dreifaltigkeitstheorie und hernach die Kabbalah an die langen Ohren andichten zu wollen. Mit Sicherheit laesst nur sagen, dass sie mit ihrem graphischen Drei-Ohren-Raetsel Menschen aller Konfessionen und Jahrhunderte derart fasziniert haben, dass sie in den verschiedensten Kulturen und Konfessionen ihre kuenstlerische Faehrten hinterlassen haben - auch wenn sie mit ihren Hakenspruengen den definitiven Interpretationen der Kunsthistoriken immer wieder auf's Neue entkommen. Ich hoffe, die intellektuell spielerische Hasenjadgt durch die Jahrtausende hat ihnen trotzdem Freude bereitet und wuensche Ihnen Pessach Kasher Ve Sameach, inklusive YaKNeHaZ.