Ballerinas

Zum Watscheln verdammt - Artikel in der SZ-online vom 21.04.10
szmtag

Antwort von Renate von Strauss und Torney vom 21.04.10


Renate von Strauss und Torney

Ärztin  MPH

28357 Bremen, 21.4.2010

 

Aber hallo, sehr verehrter Herr Graff,

 

was sie da über Damenschuhe („Zum Watscheln verdammt“ ) schreiben, ist der größte Unsinn, den ich jemals zu diesem Thema gelesen habe. Und Sie können mir glauben, da ist in den vergangenen Jahren einiges zusammen gekommen an blödsinnigen Behauptungen und allgemein verbreiteten Irrtümern.

 

Ich weiß nicht, womit Sie sich sonst Ihre Zeit vertreiben; aber davon, wie Frauenfüße tatsächlich aussehen haben Sie wohl keine Ahnung. Es mag ja sein, dass Ihnen die normal geformten Füße einer Frau grundsätzlich nicht gefallen und Sie sich in zugespitzte und hochgestellte Barbie-Füße verliebt haben, wie sie auch an Schaufensterpuppen zu bewundern sind.

 


Mit real existierenden Frauenfüßen haben diese phantastischen Schrumpfformen weiblicher Extremitäten allerdings nichts zu tun. Alle männlichen und weiblichen Füße, auch die Ihren, verehrter Herr Graff, sind vorn im Zehenbereich  breiter als hinten an der Ferse. Das bedeutet aber nicht, dass Sie sich deshalb zur Familie der Entenvögel (Anatidae) zählen müssten.



Bild: Prospekt Kaufhof 2009

Der schönen Ordnung halber möchte ich Sie darauf hinweisen, dass die von Ihnen bevorzugten Manolo-Trägerinnen von Natur aus nicht zur Spezies der Artiodactylae, (Zehenspitzengängern) gehören. Es handelt sich hier um keine evolutionsbiologische Auslese, sondern vielmehr um eine kulturhistorische Anpassung, wahrscheinlich im Zusammenhang mit männlichen Paarungsphantasien und frühkindlichen Traumata.  Die besonderen Risiken des weiblichen Zehenganges (der sich erst seit dem 19. Jahrhundert allgemein durchsetzte) ergeben sich allerdings dadurch, dass sich die Vorfahren des Homo sapiens (aus der ‚Unterordnung der Trockenrasenaffen’) im Zuge der Evolution, wie Ihnen bekannt ist, (dauerhaft) auf die Hinterbeine stellten.  Hier zur Erinnerung eine Darstellung der aktuellen geschlechtstypischen Erscheinungsformen.



SZ-Beilage „Wohlfühlen“ 2010

Evolutions-Biologische Zehenspitzengänger wie Schweine, Kühe oder Elefanten, sind gegenüber den kulturellen Artiodactylae im Vorteil, da sie alle vier Extremitäten zur Fortbewegung nutzen. Siehe Abb: Afrikanisches Warzenschwein

 Bezeichnender Weise schuf Manolo Blahnik  (Foto) seine ersten Schuhe für einen Hund, Cartucho, seinen Foxterrier, einen Zehengänger mit digigrader (digitus = Zehe) Gangart.

 

Im Zuge der kulturellen Um-Prägung weiblicher Hominoidea ist in Vergessenheit geraten, dass weibliche wie männliche Primaten Sohlengänger sind, bei deren Fortbewegung der ganze Fuß von der Ferse bis zu den Zehen den Boden berühren, daher spricht man auch von einer ‚plantigraden’ Gangart.

Ein wie ich finde sehr ästhetisches Beispiel der weiblichen Gangart sehen sie auf dem abgebildeten ‚Aglauriden-Relief’(aus den Vatikanischen Museen). Der linke Fuß des Standbeins ist flach auf den Boden aufgesetzte während der rechte Fuß des Spielbeins schon bis auf die Zehen abgehoben ist um im nächsten Moment nach vorn aufgesetzt zu werden. Ich möchte Sie und Ihre Leserinnen ermutigen, diesen natürlichen Gangablauf einmal  im Selbstversuch zu studieren, am besten zunächst ganz ohne Schuhe.  Gadiva, die schreitende antike Dame  trägt übrigens leichte Sandalen mit biegsamen Sohlen. Sie regte den Schriftsteller Wilhelm Jensen (1837-1911) zu einem pompejanischen Phantasiestück an, was wiederum S. Freud (1865-1936) zu tiefsinnigen Gedanken, nicht über den menschlichen Gang, sondern zu einer psychoanalytischen Literaturinterpretation ("Der Wahn und die Träume in W. Jensens 'Gradiva'", 1907) veranlasste. Ein Stil-Papst wie Sie lässt sich in ästhetischen Fragen wohl kaum von gemeinem Fußvolk, zu dem ich gehöre, beeindrucken. Ich überlasse die ästhetische Beurteilung des weiblichen Ganges lieber dem weisen König Salomo (um 965-926 v. Chr.): „Wie schön ist dein Gang in den Schuhen, du Fürstentochter! Die Rundung deiner Hüfte ist wie ein Halsgeschmeide, das des Meisters Hand gemacht hat.“ Ich weiß nicht, welche Schuhe Sulamith beim Reigen trug, High Heels waren es sicher nicht!

Abschließend ein Wort zu „Ballerinas“, die nach der Französischen Revolution als Escarpins Herren und Damen der gehobenen Stände von ihren hohen roten Absätzen sanft auf den Boden der Tatsachen zurückholten – sanft und seidig, ganz im Gegensatz zu den sonst ungleich rabiateren Methoden der brüder- und schwesterlichen Gleichmacherei. In einem Punkt kann ich Ihrer Kritik an diesen z.Z. sehr beliebten Slippern zustimmen. Sie sind leider, wie die meisten Damenschuhe viel zu kurz und zu eng gearbeitet. Dank eines üppigen Schuh-Dekolletees findet der Fuß im Schuh nur Halt, wenn die Zehen in der kurzen Kappe zusammenpresst werden. Die unästhetischen Langzeit-Folgen können Sie gern in Orthopädischen Lehrbüchern nachschlagen. Die flache bewegliche Sohle wirkt dagegen positiv auf einen natürlichen Gangablauf. Sie könnte für das Laufen auf harten Böden etwas besser gepolstert sein.

Für Ihre Bemühungen um die Schönheit weiblicher Füße danke ich Ihnen ausdrücklich  - mit einem Ausspruch von Werner Fuchs:

„Auch wo er irrt, ist sein Irrtum oft aufschlußreicher als manche richtige Behauptung anderer“. (aus der Biografie über den klassischen Archäologen Friedrich Hauser) – und irren ist ja so menschlich.

Hochachtungsvoll

Renate von Strauss und Torney

 

 

 

 

 

 

 

ċ
ballerinas(2).pdf
(983k)
Falko von Strauss und Torney,
05.05.2010, 07:58
Comments