Es war ein herrlicher Morgen. Hellblau strahlte das Himmelsgewölbe. Selbst mit pingeliger Akribie konnte man nirgends die  geringste Eintrübung am Firmament  erkennen. Um 10:20 Uhr sollte ihr Zug eintreffen. Zum Bahnhof benötigte ich knapp 15 Minuten mit dem Wagen. Aber nichts hielt mich länger Zuhause. Viel zu früh stand ich auf dem Bahnsteig und malte mir unser erstes Treffen aus.

Endlich rollte ihr Zug ein. Nur noch ein kurzer Moment der Anspannung, dann würden wir uns gegenüber stehn.

So wie sie sofort mich erkannte, so erkannte ich sie. Gehemmt, verunsichert liefen wir aufeinander zu. Anders als erwartet, kam ein erlösendes Lächeln ihrerseits. Dieses Lächeln nahm mir die Scheu und gab mir meine Selbstsicherheit zurück. Befreit konnte ich zur Begrüßung ihre Hand schütteln. Auch ließ sie es zu, dass ich ihre Reisetasche zum Wagen tragen durfte. Hatte ich mir doch ausgemalt, dass sie bestimmt mit dem Hinweis auf ihre Emanzipation dies verweigern würde.

Das nächste Verhaltensproblem tauchte am Wagen auf. Sollte ich die Autotür ihr öffnen? Würde Solches nicht übertrieben höflich, vielleicht sogar affig wirken? Sie erlöste mich von der Entscheidung, indem sie die Wagentür öffnete und sich in den Wagen schwang.

Während der Fahrt zum Hotel bemerkte ich sehr wohl ihre taxierenden Abschätzungsblicke. Fluchte ich ansonsten über das Verkehrsgewimmel, so war ich nun dankbar darüber. Hochkonzentriert achtete ich auf jeglichen Fußgänger, jeden Radfahrer, so konnte sie nicht beleidigt sein, dass ich kaum sprach und meinen Blick stur gradaus richtete.

Die nächste Hürde begann im Hotel. Meinen Stop vor ihrer Zimmertür mit dem Hinweis, ich würde in der Lounge warten und sie solle sich Zeit lassen, ich sei ein geduldiger Mensch, nahm sie amüsiert lächelnd zur Kenntnis.

Was sie wohl in diesem Moment dachte?

Überrascht blickte ich auf, als sie kurz darauf in der Lounge vor mir stand. Sie wies mich belustigt darauf hin, dass sie mir doch schon des Öfteren gesagt hätte, dass bei ihr alles, nun ja, fast alles, fix gehe.

Da es fürs Mittagessen zu früh, für große Unternehmungen zu spät war, schlug ich einen flanierenden Bummel am Ems-Kanal vor.

Eigenartig ist die Tatsache, dass man in derartigen Lebenssituationen gleichsam eines Wasserfalls plappert, aber im Nachhinein keinerlei Erinnerung an sein Gefasel besitzt. Dafür prägte sich um so deutlicher Jedes ihrer Worte in mein Gedächtnis ein.

Meinen Vorschlag uns in den Biergarten am Kanal zu setzen und dort auch zu Mittag zu essen, nahm sie an. So verweilten wir munter plaudernd bis zum späten Nachmittag. Ich genoss jede Sekunde. Hätte ich nicht ein volles Abendprogramm geplant, so hätte unser Aufbruch garantiert erst nachts stattgefunden.

Obwohl ich vorher stets sagte, sie solle nicht fragen, sondern einfach mir vertrauen, drangsalierte sie mich mit Fragen. Still vergnügt lächelte ich in mich hinein, blieb aber aufklärende Antworten schuldig. Lausbübisches Vergnügen bereitete mir ihre Neugier.

Ich war mir sicher, dass ihr das folgende Erlebnis-Arrangement zusagen würde. Als wir aufs Theater zuliefen, ahnte sie was auf dem Abendprogramm stand. Mit dem für Frauen so typischen Hinweis auf ihre schlanke Linie betraten wir das Theaterrestaurant. Und mit der mir so typischen Überredungskunst gelang es, dass sie die Kochkünste des Kochs testete.

Der anschließende Varietébesuch repräsentierte die notwendige Ruhepause für den Körper. Selten gefiel mir ein Varietébesuch so vollkommen wie an diesem Abend.

Für sie allerdings begann der Abend erst nach dem Verlassen des Theaters. Zwar bietet Münster nicht das Nachtleben einer Großstadt, aber dank tausender Studenten sind genügend Lokalitäten bis zum frühen Morgen geöffnet.

In Gedanken graute mir vor dem Moment, da ich sie zum Hotel bringen musste. Wie waren wohl ihre Erwartungen gestaltet?

Unausweichlich nahte dieser Moment. Fast vorm Hoteleingang parkte ich den Wagen, stieg aus und öffnete ihre Wagentür. Eindeutig waren meine Abschiedsworte. Ich wartete bis sie im Hoteleingang verschwand.

Wettergott Petrus zeigte sich am nächsten Morgen gnädig. Hellstrahlend leuchtete das Himmelsgewölbe.

Als ich im Hotel den Speisesaal betrat, saß sie zu meinem Erstaunen bereits beim Frühstück. Während ich die Ansicht vertrat in meinem Gesicht seien die Spuren des kurzen Schlafes sichtbar, wirkte sie taufrisch. Meiner Bitte folgend, hatte sich in eine Jeans gezwängt. Beim Betrachten dieser engen Röhrenhose überlegte ich ernsthaft, welche Tricks notwendig seien, um dieses Kleidungsstück vom Körper zu bekommen. Irgendwie fühlte ich mich mit den Reithosen und Reitstiefeln deplaciert. Deshalb war ich heillos erleichtert als ich mit ihr das Hotel verließ, um zum Reithof zu fahren.

Zwar hatte sie im Vorfeld stets protestiert und auf ihre Pferdephobie hingewiesen, aber ich war mir sicher, dass ihr dieser Ausflug gefallen würde. Es bedurfte meinerseits aller Überredungskünste sie in den Sattel zu bekommen, jedoch gelang dies Bravourstück tatsächlich.

Noch gibt es rund um Münster unberührte Landschaft. Gemütlich im Schritt reitend, ließ ich es keineswegs an Bewunderung ihres Mutes ermangeln ein Pferd zu besteigen. Ihrerseits kamen größtenteils die Kommentare pantomimisch. Unentwegt erschien ihr jede Wiese geeignet, um sich zur Rast darauf zu fläzen. Hingegen hielt ich eine Stunde im Sattel für das Minimum.  Endlich erbarmte ich mich ihrer. Befreit aufatmend pflanzte sie sich auf die von mir kavaliersmäßig ausgebreitete Decke.

Zwar kenn ich meine Fähigkeit über Banalitäten zu plaudern, jedoch im Nachhinein erstaunt mich meine eigene Ausdauer. Über dem Gelaber wurde es Zeit fürs Mittagessen. Zwar war sie dem Gedanken zugetan, in einem Landgasthof zu essen.

Mein Vorschlag nach dem Essen zurückzureiten und unterwegs eine Ruhepause einzulegen stieß bei ihr auf wenig Gegenliebe. Der Gedanke ans erneute ins Sattelschwingen bremste enorm ihren Elan. Meine Belustigung hierüber konnte ich schwerlich verbergen.

Nach dem Essen schlich ich mich kurz vondannen. Bei meiner Rückkehr  war sie es nun, die ihr lachen nicht mehr unterdrücken konnte. Mit großartiger Geste platzierte ich das Notebook auf dn Tisch. Tja, nun erkannte sie die Ernsthaftigkeit meiner Chatlabereien. Tatsächlich hatte ich mich bemüht, soviel Emobefehle als möglich zu lernen. Über den kindischen Zeitvertreib Emos in den Chat zu posten verging die Zeit wie im Flug. Auch sie erkannte die unumstößliche Tatsache, dass sie gezwungen war in den Sattel zu steigen, um zurückzukehren.

Diesmal kam sie mir bei der Ablieferung am Hotel zuvor. Bevor mir gelang meine Wagentür zu öffnen, stieg sie bereits aus. Meinen Hinweis, sie solle sich Zeit lassen, da es etwas dauernd würde bis ich wieder auftauche, nahm sie vergnügt lächelnd zur Kenntnis.

Selbstredend war sie es abermals, die auf mich in der Hotellounge wartete. Heute wollte ich ihr im Schnelldurchlauf ein wenig von meiner geliebten Welt zeigen (mon cher monde). Kaum irgendwo kann man so viele prächtige historische Bauwerke bewundern als in Münster. Ehrlich gesteh ich, dass ich mit gewissem Stolz ihr meine Stadt präsentierte. Solch ausgedehnte Stadtbummeleien machen hungrig. Trotz ihrer unentwegten Furcht einige Gramm zuzunehmen, betrat sie mit mir ein Restaurant, um beim gemütlichen Schmausen den Abend ausklingen zu lassen.

Es war weit nach Mitternacht, als ich mich vorm Hotel von ihr verabschiedete.

Am nächsten Morgen gelang mir das Meisterstück vor ihr im Hotelspeisesaal zu sitzen. Nach dem Frühstück hieß es, Zimmer räumen und das Gepäck im Kofferraum verstauen. Eine Überraschung hielt ich allerdings noch in petto.

Misstrauisch bepeilte sie mich, als ich den Wagen aus dem Stadtgebiet herauslenkte. Auf einem kleinem Parkplatz hielt ich an. Meiner Bitte, sie solle aussteigen, folgte sie zwar, aber zauderlich. Verschmitzt grinsend nahm ich eine große Tasche aus dem Wagen. Augenzwinkernd erklärte ich, dass ich gerne die letzten Stunden mit ihr hier im Grünem bei einem Picknick verbringen würde. Welche Wahl besaß sie? Mir folgend, richteten wir uns auf einer Wiese häuslich ein. Als ich die Schaffnerkelle und die Schaffnerkappe ebenfalls auspackte, brach sie in herzhaftes Lachen aus. Nunmehr war ihr bewusst, dass meine Chatschreibereien stets den Tatsachen entsprochen hatten.

So kindisch es sein mochte, einmal zumindest wollte ich für sie meine Paraderolle spielen, Lukas, der Lokomotivführer.

Indes kennen Fahrpläne kein Erbarmen.

Viel zu schnell verging diese unbeschwerten Momente.

Als ich mit ihr auf den Zug wartend auf dem Bahnsteig stand, schien es mir, als sei sie soeben angekommen und gehe schon wieder. Insgeheim wünschte ich, nie würde ihr Zug einrollen. Aber es blieb einer der zahllos unerfüllten Wünsche.

Noch lange nachdem ihr Zug den Bahnhof verlassen hatte, stand ich träumend auf dem Bahnsteig.

Wirklich nur alles geträumt?

 

© Quentin Fabian, Münster 12.07.2009