Die Praxis des Koan Mu


Was ist ein Kôan?

Philip Kapleau, der Autor des Zen-Klassikers „Die drei Pfeiler des Zen“ schreibt:

„Ein Kôan ist eine in verwirrender Ausdrucksweise abgefasste Formulierung, die auf Letzte-Wahrheit hinweist.

Kôans lassen sich nicht mit Hilfe logischen Denkens lösen, sondern nur, indem man eine tieferliegende Schicht des Geistes erweckt, die jenseits des diskursiven Intellekts liegt.

Gebildet werden Kôans aus den Fragen der Schüler alter Zeit und den Antworten ihrer Meister, aus Teilen von Predigten und Reden der Meister, aus Zeilen der Sûtras (buddhistische Schrifttexte) oder anderer Lehren.

Das Kôan Mu ist das bekannteste aller Kôans.“

Der folgende Text erläutert, wie der Mensch mit dem Kôan Mu arbeitet.


Das Koan Mu lautet:

Ein Mönch fragte Jôshû in allem Ernst: „Hat ein Hund Buddha-Wesen oder nicht?“

Jôshû versetzte: „Mu!“

(Mu ist japanisch und heißt wörtlich: "nichts", "nicht", "das Nichts", "kein" und "un-...").


Vorbemerkung:

Das also ist der Text des berühmten Koan Mu. Ein seltsamer Text, oder nicht? Ein seltsamer Wortwechsel zwischen dem Mönchen und dem großen Zen-Meister Joshu Jushin (778-897, link). „Was soll das denn?“ dachte ich, als ich zum ersten Mal von dem Koan Mu hörte, und sicherlich geht es anderen Menschen ähnlich.

Was ist der Sinn1 des Koan Mu?

Durch das Koan Mu erkennt der Mensch Mu,
d.h. er erkennt das Absolute,
d.h. er erkennt die Wahrheit, religiös ausgedrückt, er erkennt Gott (Buddha)2,
d.h. er erkennt sich, und beantwortet damit die Frage Wer bin ich?

Er erkennt die Verbundenheit zu den Dingen, die Transzendenz (link), die weder Anfang noch Ende ist, d.h. er erkennt seine Grenzenlosigkeit.

Er erkennt, daß das Leben umsonst3 ist, d.h. keiner Bedingung außer des Lebens bedarf.

Durch das Erkennen des Absoluten wird der Mensch ganz Mensch, er wird vollkommen,
was er ohnehin schon war,
aber erst durch das Erkennen wird er sich seiner bewußt, er erwacht.

Aus dem Bewußtsein seiner Vollkommenheit handelt er,
d.h. das Absolute handelt durch ihn,
das ist das höchste Tun, das Nicht-Tun,
d.h. der Mensch macht die Dinge vollkommen.

Das ist die unendliche Tragweite des Koan Mu, nicht mehr und nicht weniger.

Was zu tun ist:

Der Mensch, der mit dem Koan Mu arbeitet, muß klären, d.h. erkennen, was Mu ist.

Was ist Mu?4

Dieser Frage ist sich mit aller Kraft, d.h. mit dem gesamten Wesen zu widmen.


Die Praxis:

Stellen Sie eine Uhr auf 10 Minuten, setzen Sie sich im Lotus- oder Schneidersitz auf eine kleine Decke auf den Boden eines Zimmers, nicht zu nahe an eine Wand. Haben Sie körperliche Probleme zu sitzen, setzen Sie sich auf einen Stuhl ohne sich anzulehnen, oder legen Sie sich flach mit dem Rücken auf den Boden oder Ihr Bett. Können Sie sitzen, sitzen Sie aufrecht. Legen Sie Ihre Hände locker auf Ihre Oberschenkel. Halten Sie Ihre Augen geöffnet ohne etwas Bestimmtes anzusehen.

In dieser Haltung stellen Sie in Ihrem Geist ständig die Frage „Was ist Mu?“. Stellen Sie diese Frage nicht mit Ihrer Zunge, nicht mit Ihrem Mund, somit: Was ist Mu? Was ist Mu? Was ist Mu? Was ist Mu? etc.

Halten Sie nur an dieser Frage fest! Bleiben Sie nur auf diese Frage konzentriert! Streben Sie mit Ihrem ganzen Wesen danach, eine Antwort auf diese Frage zu finden! Was sagte Zen-Meister Jôshû, als er „Mu versetzte“5?

Stellen Sie die Frage nicht mechanisch! Sie werden feststellen, daß das Festhalten an dieser Frage nicht einfach ist, da der Geist umherschweifen und nicht auf die Frage konzentriert bleiben möchte. Schweift Ihr Geist also ab, beispielsweise weil Sie daran denken morgen wieder zur Arbeit zu müssen, oder weil Sie hören, wie ein Auto auf der Straße hupt oder sonstiges, lenken Sie ihn wieder zurück auf die Frage „Was ist Mu?”

Nach einiger Zeit des Sitzens können Sie die Frage „Was ist Mu?“ abkürzen und lediglich „Mu?“ in Ihrem Geist wiederholen, somit: "Mu?" "Mu?" "Mu?" "Mu?" "Mu?" etc. Auch diese Wiederholung sollte nicht mechanisch sein, sondern weiterhin getragen sein von Ihrem brennenden Verlangen herauszufinden, was denn "dieses Mu" ist.

Die Zeitvorgabe von 10 Minuten ist lediglich ein Vorschlag, Sie können diese Vorgabe verlängern oder verkürzen. Die Qualität Ihres Sitzens bemißt sich an Ihrem Festhalten an der Frage „Was ist Mu?“. An Ihrem Bestreben Mu zu erkennen. Es geht nicht darum Zeitvorgaben zu erfüllen oder länger zu sitzen als der Andere. Es gibt keinen Wettkampf. Gegen wen auch? Sie kämpfen nur mit sich. Sie ringen nur mit Mu. Es wird von Ihnen nichts erwartet. Wer sollte auch etwas erwarten?

Seien Sie äußerst aufmerksam! Dies kann nicht oft genug betont werden. Seien Sie aufmerksam, wenn Sie die Frage „Was ist Mu?“ bzw. „Mu?“ verlieren. Wenn Ihr Geist abschweift und Sie anzuhaften beginnen. Beispielsweise: „(Was ist) Mu? (Was ist) Mu? (Was ist) Mu? (Was ist) Mu? Morgen wieder zur Arbeit, Mist, keine Lust, Projekt noch nicht fertig, Gespräch mit Chef, Überstunden etc.” Sie haben die Frage „(Was ist) Mu?“ längst verloren und haften an den Gedanken über Ihre Arbeit an. Anstatt leer (gedankenlos)6 zu werden, bauen Sie eine Gedankenkette auf. Erkennen Sie dieses Anhaften so früh als möglich und ziehen Sie sich (bzw. Ihren Geist) wieder zurück zur Frage. Demnach: „(Was ist) Mu? (Was ist) Mu? (Was ist) Mu? (Was ist) Mu? Morgen wieder zur Arbeit. (Was ist) Mu? (Was ist) Mu? etc.” Hier wurde mehr Aufmerksamkeit aufgebracht und das Abschweifen des Geistes schnell bemerkt. Noch aufmerksamer wäre: „(Was ist) Mu? (Was ist) Mu? (Was ist) Mu? (Was ist) Mu? Morgen. (Was ist) Mu? (Was ist) Mu? Etc.” Die Unterbrechung durch das, was nicht die Frage ist, sollte also so kurz wie möglich sein, bis Sie nur noch an der Frage festhalten7.

Ralf Scherer



Anmerkungen:

1 ergänzend: Weil es um das Absolute geht, ist der Sinn des Koan Mu Nicht-Sinn, d.h. das Weil ist das Warum. Der Grund ist der Grund. d.h. nur die Wahrheit ist die Wahrheit bzw. nur Gott ist Gott, d.h. das Koan Mu führt zu dem, was ohnehin schon war, anders ausgedrückt: Das Koan Mu führt zu dem Erkennen des Ohne (leer, Mu), s.a. "... wird er sich seiner bewußt", d.h. er wird sich dem, was er ohnehin schon war, bewußt, dem Ohnehin, und damit Mu. Er wird sich also bewußt, daß es nichts zu erreichen gibt, weil er es schon besitzt, s.a. "... man einen unbezahlbaren Edelstein wegwirft, den man bereits besitzt", oder auch "Was wir Selbstverwirklichung nennen, ist nicht das Erlangen von etwas Neuem oder das Erreichen eines fernen Ziels; es heißt einfach, das zu sein, was man immer ist und schon immer war", Ramana Maharshi (1879 - 1950), link zu Wikipedia, s.a. **

2 „Der Rôshi (Meister) sagte: «Jetzt begreifen Sie, daß Mu sehen - Gott sehen ist.» Ich begriff“, aus Erleuchtungserlebnis, Frau L. T. S., amerikanische Künstlerin, Alter 51, link

3 umsonst, ohne Auswirkung, d.h. Ohne ist die Auswirkung, d.h. die Auswirkung ist leer (Buddha, Mu), s.a. Zen-Meister Huang-po (9. Jh.): „ ... Darum sagt der Tathagata (Absolute, Unbedingte): "Durch die vollkommene unübertroffene Erleuchtung habe ich wahrlich nichts dazu gewonnen." Wäre irgendetwas zu erreichen gewesen ... “, link

4 Wenn der Übende auch weiß, daß Mu "nichts", "nicht", "das Nichts", "kein" und "un-..." heißt, so gilt es Mu zu erfahren, um tatsächlich zu wissen und damit das verstandesgemäße Wissen hinter sich zu lassen. 

Die Frage "Was ist Mu?" ist aufgrund der Begrifflosigkeit von Mu dieselbe Frage „Wer bin ich?“ bzw. die Frage „Wer ist Gott?“, nicht etwa eine ähnliche oder gleiche Frage.

5 "versetzte", d.h. scharf, schnell, spontan, unmittelbar antworten

6 leer, gedankenlos (gedankenstill), s.a. Johannes vom Kreuz (1542 – 1591), Heiliger und Kirchenlehrer, aus „Aufstieg auf den Berg Karmel“, link Wikipedia, „Das ist es, was unser Herr durch David von uns erbittet mit den Worten: Vacate, et vide – te quoniam ego sum Deus. Wie wenn er sagte: Lernt, leer zu sein, von allen Dingen, das heißt, innerlich und äußerlich, und ihr werdet sehen, daß ich Gott bin (Ps, 46,11)“.

7 s.a. „Denken Sie <Ich, ich, ich>, – und halten Sie daran fest, unter Ausschluß aller anderen Gedanken“, oder auch "Giving one`s self up to God means remaining constantly in the Self without giving room for the rise of any thoughts other than the Self", Bhagavan Sri Ramana Maharshi, indischer Mauna-Guru (Maharshi bedeutet Großer Weiser), 1879 – 1950, link zu Wikipedia

begleitende Aussagen:

Zen-Meister Bassui Tokusho, 1327 – 1387 „Braucht eure Kräfte bis zum Letzten! Erst wenn das Fragen mächtig genug geworden ist, wird die Frage völlig zerbersten. Ihr fühlt euch wie Einer, der von den Toten auferstanden ist. Das also ist Wahre Wesensschau. Zu jener Zeit werdet ihr zum ersten Mal die Buddhas aller Welten von Angesicht zu Angesicht sehen und auch die ganze Reihe der Patriarchen von einst bis jetzt".

Ramana Maharshi „Wahre Wiedergeburt ist das Sterben des Ego in das absolute Bewußtsein … bis das Körpergefühl verschwindet, indem es mit der Quelle, dem absoluten Bewußtsein, dem Selbst, verschmilzt“.

Ramana Maharshi „Durch das forschende Fragen „Wer bin ich?“, wird der Gedanke „Wer bin ich?“ alle anderen Gedanken zerstören. Dann wird sich die Erkenntnis des Selbst ergeben“.

Ramana Maharshi "Wenn Sie das Ego suchen, finden Sie, daß es nicht existiert. Dies ist die Weise, es zu zerstören".

Ramana Maharshi „Die großen Weisen haben auch gesagt: "Wenn das Eine erkannt wird, das in sich selbst enthalten ist, wird alles bisher nicht Gewusste erkannt". Wir haben so viele verschiedene Gedanken. Wenn wir über Gott meditieren, der das Selbst ist, werden wir die Vielfalt unserer Gedanken durch diesen einen Gedanken überwinden können, und auch dieser eine Gedanke wird schließlich verschwinden. Das ist gemeint, wenn man sagt, das Selbst zu kennen, heißt Gott zu kennen. Dieses Wissen ist Erlösung“.

Sri Nisargadatta Maharaj (1897 - 1981):

Der Fragende: Um Ingenieur zu werden, muß ich das Ingenieurswesen erlernen. Um Gott zu werden, muß ich was lernen?

Maharaj: Sie müssen alles verlernen (ablegen). Gott ist das Ende allen Verlangens und Wissens.

Eckhart Tolle: "Gott, oder deine wesentliche Natur, ist nicht etwas, ist kein Gehalt (Fassung), ist keine Form. Die beste Beschreibung durch Worte ist es Nicht zu sagen. Was es nicht ist, und dann verbleibst du mit dem, was es ist, was nicht benannt werden kann, aber erfahren werden kann, aber nicht begrifflich erfahren werden kann, weil jeder Begriff wiederum ein Name und eine Form ist. Es kann einfach und leicht erfahren werden in dem lautlosen Raum der Stille, die in jedem ist".

s.a. Sri Nisargadatta Maharaj: "Der wahre Suchende ist der, der auf der Suche nach sich selbst ist. Gib alle Fragen auf – außer der einen: „Wer bin ich?“ Schließlich bist du dir nur einer Tatsache gewiss: Du bist. Das „Ich bin“ ist sicher, das “Ich bin dies oder das“ ist es nicht. Bemühe dich herauszufinden, wer du in Wirklichkeit bist.

Um zu wissen, wer du bist, musst du zunächst untersuchen und erkennen, was du nicht bist. Entdecke alles, was du nicht bist: Körper, Gefühle, Gedanken, Zeit, Raum, dies oder das. Nichts, was du konkret oder abstrakt wahrnimmst, kannst du sein. Eben dieser Vorgang der Wahrnehmung zeigt, dass du nicht bist, was du wahrnimmst.

Je genauer du verstehst, dass du auf der Ebene des Verstandes nur in negativen Begriffen beschrieben werden kannst, um so rascher wirst du zum Ende deiner Suche kommen und erkennen, dass du das unbegrenzte Sein bist." (Quelle: I am that)

Francisco de Osuna, spanischer Franziskanermönch, 1492 – 1541, aus: ABC des Kontemplativen Betens: "Als zweites rät uns der Leitsatz dieses Traktats, unseren Verstand zum Schweigen zu bringen. Das bezieht sich auf den spekulativen Verstand, sein diskursives Denken, das in neugierigem Hin- und Herwenden und Untersuchen das Geheimnis der Dinge erkunden möchte. Zur Gotteserkenntnis ist dies ganz ungeeignet, wir müssen es lassen, um Gott durch die via negativa, von der wir sprachen, zu erkennen. Denn, wie Gregor der Große sagt, was auch immer wir in der Kontemplation sehen, ist nicht Gott. Etwas richtiges von ihm erkennen wir dagegen, wenn wir uns voll bewusst sind, dass wir nichts von ihm erkennen können."