Eisenmangel bei Langstreckenläufern

 

Zusammenfassung der Dissertation

 

Bei 45 Mittel- und Langstreckenläufern der regionalen und nationalen Klasse wurde routinemäßig der Eisenstatus untersucht (Hb, Hkt, MCV, Totale Eisenbindungskapazität, Transferrin-Sättigung (TS), S-Eisen, S-Ferritin). Die Werte für Hb, Hkt, MCV lagen im Normbereich. Erniedrigte S-Ferritinkonzentrationen ( < 35 µg/l) wurden bei 51 % (Kontrollgruppe: 3.5 %) der Probanden festgestellt (Mittelwert: 39 µg/l, Kontrollgruppe: 95 µg/l). Das S-Eisen (< 60 µg/dl) lag bei 8.8 %, die TS (< 20 %) bei 11.1 % unterhalb des Normalbereiches. Der Eisenstatus einer Untergruppe von 8 Leistungssportlern wurde einer genaueren Diagnostik unterzogen, dabei wurde auch eine Bestimmung von Eisenverlusten unter Trainings- und Wettkampfbedingungen vorgenommen. Zu diesem Zweck wurde ein 59Fe-Absorptionstest mit anschließender Messung von 59Fe-Verlusten über Faeces, Urin und Schweiß durchgeführt. Zur Quantifizierung des Gesamtkörper-Speichereisens wurde mit der biomagnetischen Leber-Suszeptometrie (BLS) die Lebereisenkonzentration bestimmt. Bei 5 von 8 Läufern lagen die Ergebnisse im 59Fe-Absorptionstest unterhalb des Normalbereiches. Die mit der BLS gemessene Lebereisenkonzentration betrug im Mittel 105 µg/g. Dieser Mittelwert lag, wie schon die Ergebnisse des Absorptionstestes (xMW= 50 %) und der Ferritinbestimmung (xMW= 34 µg/l), genau an der unteren Grenze des Normalbereichs. Bedeutsam ist, dass wiederum diejenigen Athleten mit dem im Absorptionstest gesicherten Eisenmangel auch die geringsten Lebereisenkonzentrationen aufwiesen. Die Auswertung der Messung von 164 Stuhlproben der 8 männlichen Langstreckenläufer ergab während eines intensiven Trainings einen mittleren Blutverlust von 6.6 ml pro Tag (Bereich: 1.5 - 18.1 ml). Nach einem Wettkampf wurden Verluste von 4.9 mI/Tag (Bereich: 2.3 - 8.6) und während einer trainingsfreien Periode von 1.5 mI/Tag gemessen. Letzteres entspricht in etwa dem physiologischen Eisenumsatz. Weder im Schweiß noch im Urin wurde Eisen aus dem mit 59Fe durchmarkierten Speichereisen- und Hämoglobineisenpool gefunden. Dies gilt sowohl für Analysen nach dem Training als auch nach Wettkämpfen. Trotz indirekter Zeichen einer Hämolyse mit signifikantem Abfall des Serum-Haptoglobins (vor dem Training 92 (±44) mg/dl, nach dem Training 74 (±45) mg/dl) kam es bei keinem Probanden zur Ausscheidung von freiem Hämoglobin über die Niere. Ein interner Mehrbedarf an Eisen kann sich aus der Vergrößerung der Hämoglobinmenge als Folge der Anpassung an hohe Trainingsbelastungen ergeben. Zur Abschätzung dieses Mehrbedarfs wurde das Blutvolumen mit 51Cr markierten Erythrozyten bestimmt. Das mittlere Blutvolumen von 6 Probanden betrug 6191ml (Bereich: 5325 - 7338ml). Das entspricht im Mittel 90ml/kg Körpergewicht. Damit lagen die Blutvolumina um 24.8 % über den für Normalpersonen berechneten Volumina. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass intensiv betriebenes Langstreckenlaufen zu gastrointestinalen Blutverlusten führen kann, die ausreichen, um einen Eisenmangel entstehen zu lassen. Signifikante Blutverluste ereignen sich nicht nur unter Wettkampfbedingungen, sondern auch während intensiver Trainingseinheiten. Die erhöhte 59Fe-Absorption bei 5 der Probanden in Verbindung mit der niedrigen Lebereisenkonzentration belegen einen Eisenmangel bei diesen Läufern. Vergleicht man diese Ergebnisse mit den Ferritinwerten, so ergeben sich bei einzelnen Läufern Hinweise auf im Verhältnis zu den verminderten Eisenreserven relativ erhöhte Ferritinwerte, möglicherweise verursacht durch eine belastungsbedingte entzündliche Reaktion. Die Ausweitung des Erythrozytenvolumens kann ebenfalls als eine wesentliche Ursache für die niedrigen Eisenspeicher angesehen werden. Bei sich überwiegend vegetarisch ernährenden Läufern stellt die geringe Aufnahme gut resorbierbaren Eisens einen entscheidenden Faktor für die Entwicklung des Eisenmangels dar. Einige Autoren (Magnusson et al., Resina et al.) postulieren, dass eine, durch chronische Hämolyse bedingte, erhöhte Erythrozytenabbaurate zu einer Verschiebung der Eisenspeicher aus dem RES in die Hepatozyten führe. Infolgedessen dokumentieren die Ferritinwerte "falsch" zu niedrige Eisenspeicher. Bei keinem unserer Langstreckenläufer ergab die Lebereisenbestimmung mit der BLS Hinweise auf eine Verlagerung von Speichereisen aus dem RES in die Hepatozyten. Ebenfalls nicht bestätigen ließen sich die Befunde von Ehn et al. 1980, die eine deutliche Suppression der 59Fe-Absorption trotz nachgewiesenen Eisenmangels bei Langstreckenläufern gefunden hatten.
 
 
Auszüge aus der Dissertation "Eisenmangel bei männlichen Langstreckenläufern" zur Erlangung des Grades eines Doktors der Humanmedizin.
Von Detlef Nachtigall, Hamburg, 1995