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Ostseeman 2009



Am Vorabend gehe ich schon um 21.30 Uhr zu Bett. Die Fans lassen den Abend noch in der Bar ausklingen. Als sie ins Bett kommen, sind sie so leise, dass ich fast nichts bemerke. So ruhig habe ich vor einem Wettkampf noch nie geschlafen, wie in dieser Nacht. Das Bett ist himmlisch weich. Eigentlich zu weich, aber für diese letzte Nacht ideal. Ich versinke in den Kissen.

4.30 Uhr - der Wecker klingelt. Vom Fenster aus habe ich einen direkten Blick auf die Wechselzone. Noch ist da nicht viel los. Ich schlafe noch ein wenig weiter.

5.00 Uhr
- ich stehe auf und koche mir einen Kaffee. Das Strandhotel ist ideal. Weiche Betten und ein Wasserkocher auf dem Zimmer. Dazu löslicher Kaffee. Ich esse drei Fruchtschnitten von Schneekoppe. Heidelbeere und Sanddorn. Bis zum Start werde ich noch weitere drei Riegel zu mir nehmen. Schon vor dem Start werde ich so fast 1000 kcal aufnehmen.

5.30 Uhr
- der erste Fan ist schon wach und macht Fotos. Ich bin nervös und begebe mich in die Wechselzone. Oberarmbeschriftung, Plane vom Rad nehmen, Flaschen am Rad füllen, zwei Kleiderbeutel in der Wechselzone unterbringen.

6.00 Uhr
- ich gehe noch einmal ins Hotelzimmer und ziehe dort den Neoprenanzug halb an, bis zu den Hüften. Oben herum muss erst einmal ein T-Shirt ausreichen, sonst wird es zu warm.

6.30 Uhr
- mein treuester Fan schließt den Reißverschluss am Neopren. Wir stehen vor dem Schwimmstart. Ich checke ein und schwimme mich ein. Das Wasser ist eiskalt, ca. 16 Grad. Das ist nicht so schlimm, wie ich erst dachte. Ich schaffe es, mit dem Kopf im Wasser zu bleiben. Die Badekappe isoliert ganz gut. Ich probe mehrmals den Start. In das Wasser laufen und schnell losschwimmen. Nun kenne ich das und werde nachher nicht überrascht sein. Ich habe ein gutes Gefühl. Die See ist glatt, keine Wellen. Das ist ein gutes Zeichen.

6.45 Uhr
- wir nehmen am Strand Aufstellung. Ein Hubschrauber kommt und macht Wellen auf der glatten See. Eine Rede wird gehalten, dramatische Musik dazu - ich finde das unpassend aber tolerierbar. Anderen wird es gefallen.

7.00 Uhr
- Start zum Ostseeman 2009. 3,8 km Schwimmen, zwei Runden. Ich halte den Puls flach und starte von hinten. Ich schwimme langsam. Nach der ersten Wendeboje finde ich meinen Rhythmus. Es könnte nicht besser laufen.

7.44 Uhr
- eine Runde ist geschafft. Ich schwimme zum Teil im Wasserschatten von anderen Schwimmern. Das spart Kraft.

8.32 Uhr
- ich bin aus dem Wasser. Mein Fanblock rechnet noch nicht mit mir und verpasst mich - bis auf zwei, die mich zufällig entdecken. Tut mir leid - ich war zu schnell - wird nicht wieder vorkommen ;-)
Für den Wechsel lasse ich mir viel Zeit. Die Unterstützung ist Spitze! Man hilft mir aus dem Neopren und beim Anziehen.
Sechs lange Runden auf dem Rad. Über 1.000 Höhenmeter verteilen sich auf der Strecke in unzähligen Hügeln, kurzen Rampen und - auf dem "Weeser Berg", einem langgezogenen Anstieg. Ich habe eine Strategie und die besagt: Langsam fahren und Energieriegel essen. Nach drei Runden wird es etwas anstrengend. Jetzt liegen schon 100 km hinter mir. Die Aufstiege werden schwerer. Einen Teil der Energieriegel muss ich durch Energiegel und isotonische Getränke ersetzen. Mir steht es bis zur Oberkante der Unterlippe. 500 kcal pro Stunde nehme ich so zu mir. In der vorletzten und in der letzten Radrunde nehme ich noch einmal Tempo heraus. Es wird die langsamste Radzeit unter allen Einzelstartern. Aber nur so kann ich das Risiko verkleinern, beim anschließenden Marathon zu scheitern. Mein Fanblock hält tapfer durch und wartet nach jeder Runde hinter einer Kurve auf mich.

15.50 Uhr
- ich habe ich das Rad abgegeben, die Laufsachen angezogen und beginne den Marathon. Ich habe mehr als 6 Stunden Zeit. Noch weiß ich nicht, ob ich überhaupt noch laufen kann. Hinter mir liegt eine Radtour von 180 km. Nach der ersten Runde habe ich Gewissheit. Ich kann laufen - und Energiegel schlucken. Aber nur noch 1 1/2 Flaschen - ca. 375 kcal. Danach geht nichts mehr in meinen Magen hinein. Ich habe Blähungen. Auf der zweiten Laufrunde stelle ich mich an einem Dixi-Klo an. Auf der dritten Runde gehe ich auf einem Campingplatz aufs Klo. Und auf der vierten Runde auch. Ich trinke vorsichtig Wasser, um den Mageninhalt verdaubar zu machen. Das einzige, was ich noch an Energie zu mir nehmen kann, sind kleinste Mengen Iso. Auf den letzen Runden werde ich langsamer. Bergauf wird jetzt gegangen, bergab gelaufen. Ich entdecke die alte Kunst des sportlichen Gehens neu. Ich werde ein Walker. Die meisten Mitstreiter sind jetzt schon im Ziel. Die meisten Zuschauer sind jetzt schon gegangen. Ich laufe weiter. Runde um Runde. Der Tag ist lang und hält viele Prüfungen bereit. Ich stolpere auf einem Schotterweg über einen Stein und kann mich gerade noch abfangen ohne zu stürzen. Der Fanblock hält immer noch durch. Was für eine Quälerei. Wenn man ganz hinten läuft, haben die wenigen Zuschauer die noch warten, viele gute Worte für einen übrig. "Du schaffst das schon. Bald bist du im Ziel. Noch eine Runde!" Es ist komisch, dass mich das noch weiter runterzieht. Ich weiß doch, dass ich es schaffe, warum sagen die das - sehe ich so schlecht aus? Irgendwann kommt die letzte Runde. Ich habe vier Kordeln um den Hals. Eine fünfte wird es nicht geben. Statt dessen wartet eine Medaille im Ziel auf meinen Hals.

Nach 14 Stunden 11 Minuten
- Zieleinlauf. Ich habe es geschafft! Ich bin ein Ostseeman und damit auch ein Langdistanz-Triathlet.


An diesem Tag hat einfach alles gepasst. Ich hatte die Möglichkeit, es zu schaffen. Die Möglichkeit war klein, aber eben gerade groß genug. In fünf Jahren habe ich einen möglichen Weg zum Ziel gefunden. Davor war ich schon viermal Marathon gelaufen. Auf meinem Weg zur Langdistanz kamen drei Mitteldistanz-Triathlons, ein weiterer Marathon und ein gescheiterter Versuch beim Ostseeman 2006 hinzu.