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Ostseeman 2006

Am Sonnabend reisen wir an. Um 8:00 Uhr fahren wir los. Ute und Caroline begleiten mich, um mich bei der Bewältigung dieser Lebensaufgabe zu unterstützen. Obwohl wir schon so früh losfahren, erwischt uns in Schleswig-Holstein doch schon der Dänemark-Bettenwechsel-Verkehr in voller Härte. Stop-and-go. Wir haben aber noch Glück. Etwas später geht gar nichts mehr auf der A7.

Das Strandhotel ist tatsächlich so schön, wie erwartet. Wir bewohnen ein Doppelzimmer mit Seeblick, den wir von einem riesigen Balkon aus genießen können. Abends speisen wir in der "Sprotte" direkt am Strand. Die Fischgerichte sind köstlich, ich begnüge mich mit Nudeln, die langweilig schmecken. Wir gehen hinaus auf die Seebrücke. Die Bojen für die Schwimmstrecke sind gesetzt. Zweimal ist der Dreieckskurs zu durchschwimmen. Die Wendebojen sind so weit weg, dass man sie kaum noch sehen kann. Mir wird etwas mulmig bei dem Anblick. Die See ist etwas aufgeraut. Die Wellen relativ moderat. Ich habe Hoffnung, dass die Ostsee morgen früh glatt und regungslos vor mir liegt. Diese Hoffnung wird sich nicht bestätigen.

Erstaunlicherweise kann ich gut schlafen. Ein Schlückchen Wein wirkt beruhigend. Morgens, kurz nach 5:00 Uhr stehe ich auf. In der Wechselzone ist noch kaum Betrieb. Ich frühstücke ein paar Energieriegel und trinke Wasser dazu. Kaffee wäre jetzt nicht schlecht, aber das Hotel ist nicht auf Frühaufsteher eingerichtet.

Ich gehe zur Wechselzone. Dort kochen sie gerade Kaffee, etwas spät. Ich rüste mein Rad auf. Trinkflaschen mit Isostar und eine Satteltasche mit zwei Ersatzschläuchen, ein paar Energieriegeln und einem Telefon. Auf der Startnummer fürs Rad ist eine Telefonnummer für den Radservice aufgedruckt. Hoffentlich brauche ich die nicht.

Die Rad- und die Laufbekleidung stelle ich an den vorgesehenen Stellen in der Wechselzone bzw. am Strand ab. Es ist noch kühl. Ich behalte das T-Shirt an und ziehe den Neoprenanzug bis zur Hüfte an. Ich habe Badelatschen dabei, die ziehe an und gebe die restlichen Sachen ab. Es ist 6:30. Endlich gibt es Kaffee. Danach geht’s an den Schwimmstart. Badelatschen und T-Shirt wandern in die Tüte mit den Rad-Sachen. Man muss einchecken indem man den Chip, den man für die Zeitmessung bekommen hat, über ein Zeitnahmegerät führt. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Ich schwimme mich kurz ein. Dann geht es zurück an den Strand. Ich verabschiede mich von meiner Familie. Mit dramatischer Musik und einer kurzen Ansprache von einem Geistlichen geht’s ins Wasser. Der Start sieht friedlich aus. Die Strecke ist lang. Man hat Zeit. Ich starte von hinten, um nicht ins Gewühle zu kommen.

Hinter der Seebrücke erwischen uns die Wellen von vorn. So hoch sind sie nicht, aber dennoch ungewohnt. Wir schwimmen gegen den Wind. Um mich herum sind nicht mehr viele Schwimmer. Ich fühle mich einsam. Unter mir wird es immer dunkler. Ich greife in Quallen. Ich habe Schwierigkeiten, mich zu orientieren. Kurz vor der Wende schwimmt mich ein schneller Schwimmer frontal an. Es geht ohne Verletzungen ab. Ich fühle mich sehr unwohl und habe ein starkes Angstgefühl. Ich spiele mit dem Gedanken, aufzugeben. Dann kommt die Wendeboje. Es geht in die andere Richtung. Die Wellen rollen von hinten an und ich habe nun das Gefühl, angeschoben zu werden. Es läuft jetzt gut und das gibt mir Mut. Die Zwischenzeit nach 1,9 km liegt bei 50 Minuten. Auf der zweiten Runde merke ich, dass der Wind und die Wellen nur auf dem ersten Stück so stark sind. Alles läuft fast perfekt. Ich merke, dass ich mir den Hals am Neo aufscheuere. Ich versuche, ihn etwas zurechtzurücken.

Nach 1:39 steige ich aus dem Wasser. Das Laufen fällt mir relativ leicht. Kein Schwindelgefühl. Ich sehe Ute und Caroline. Ich greife die Rad-Sachen. Beim Ausziehen des Neoprenanzugs wird mir geholfen.

Auf dem Rad läuft alles perfekt. Die Durchschnittsgeschwindigkeit pendelt sich bei 28 km/h ein. Die Sonne scheint. Es sind 31 Grad. Die Energieriegel, die ich an den Verpflegungsstationen greife, sind unwahrscheinlich schwer zu kauen. Sie werden im Mund immer größer, wie Schiffszwieback. Ich sehe meine Familie bei fast jeder Runde. Das Publikum ist spitze. Ich winke, wo ich kann, zurück. Ich werde überrundet. Es sind sechs Runden mit jeweils 30 km. Die schnellen Fahrer sind noch dabei. Die Landschaft ist schön. Es gibt viele Kurven und zwei heftige, aber kurze Anstiege. Ich trinke abwechselnd Iso und Wasser. Ich merke langsam, dass ich mir den Hals am Neo ernsthaft aufgescheuert habe. Es brennt. Was mir mehr Sorgen macht, ist, dass es auch unterhalb der Achseln brennt. Auch dort ist die Haut aufgescheuert. Das kann problematisch fürs Laufen sein. Ab der vorletzten Runde lassen die Kräfte etwas nach. Die Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt auf 27 km/h. Aber das ist immer noch vollkommen ausreichend.

Als ich vom Rad steige, kann ich kaum gehen. Das bessert sich aber schnell. Ich klebe die Scheuerstellen unter den Armen ab. Eigentlich hatte ich die Pflasterstreifen für die Brustwarzen vorgesehen. Auch an den Hüften und in den Kniekehlen ist die Haut aufgescheuert. Es brennt etwas. Ich ziehe ein anderes T-Shirt an, mit Ärmeln, das scheuert weniger, als das andere, das auch schon sehr salzig ist. Ich habe Bedenken, ob die Pflaster halten werden. Das tun sie aber.

Start zum Lauf. Ute und Caroline sind da und sprechen mir Mut zu. Ich trinke Cola. Ich laufe. Es fällt schwer. Ich zwinge mich, langsam zu laufen. Sehr langsam. Ein Marathon ist lang. Die Sonne scheint. Es ist sehr warm. Die Muskeln fühlen sich jetzt gut an. Aber ich bin außer Atem. Die Luft wird knapp. Die Kohlenhydrate sind alle. Trotz der vielen Riegel. Ich nehme Gel, Cola, Iso. Es hilft nicht. Ich muss gehen. Ich kann keine 500 m mehr laufen und muss mehr gehen, als laufen. Ich rechne mir aus, dass es in diesem Zustand Schwierigkeiten mit dem Zeitlimit gibt. Mein Mut lässt nach. Noch vor Ende der ersten Runde habe ich beschlossen, aufzugeben.

Die erste Runde ist beendet. Ich bekomme eine Kordel um den Hals. Ich suche Ute und Caroline, die ein Stück weiter stehen. Ich spreche von Aufgabe. Sie richten mich wieder auf. Ich versuche noch eine Runde. Schon nach 3 km fasse ich den endgültigen Beschluss, aufzugeben. Es ist eine Quälerei. Es ist warm. Ich kann kaum laufen. Die Atemmuskeln schmerzen. Beim Trinken verschlucke ich mich und muss husten. Das tut weh.

Auf dem Zeltplatz wird moderiert. Der Moderator sagt meinen Namen durch. Ich gehe auf ihn zu. Ich werde interviewt. Ich sage, alles sei perfekt organisiert, nur meine Kraft reicht nicht. Er stellt ein paar Fragen, nach meiner Marathonbestzeit usw. Ich verabschiede mich schließlich, mache die Startnummer und die Kordel ab und gehe entgegen der Laufrichtung in Richtung Ziel.

Ich treffe meine Familie. Sie verstehen mich noch nicht ganz. Ich versuche, es zu erklären. Die Qualen sind zu groß. Die Motivation ist nicht groß genug. Außerdem habe ich beschlossen, dass ganze positiv zu sehen. Wenige schaffen die Strecke unter 9 h. Viele unter 14 h. Manche schaffen das Zeitlimit und kommen unter 15 h. Und dann gibt es noch solche, wie mich, die immerhin zwei von drei Disziplinen schaffen. Eine sehr lange Strecke in der Ostsee schwimmen und eine unwahrscheinlich lange Strecke Rad fahren. In kurzer Zeit. Immer noch mehr als die Staffelteilnehmer, die nur eine Disziplin bewältigen müssen. Der Gedanke gefällt mir. Ich gebe den Chip ab und nehme das Finisher-Shirt. Ich habe zwei Disziplinen einer Staffel gefinisht, der dritte Mann hat versagt. So gesehen stehen mir zwei Shirts zu.

Wir gehen in die "Sprotte". Jetzt darf auch ich Fisch essen. Matjes. Und Bratkartoffeln. Und Flensburger-Dunkel. Es kommen immer noch Läufer vorbei. Viele schleppen sich dahin, aber manche haben immer noch einen federnden, lockeren Schritt. Wir gehen zum Ziel, und kommen gerade richtig zum Einlauf des Bürgermeisters von Glücksburg. Bis zu meiner Aufgabe war er hinter mir.

Danach sitzen wir auf unserem Luxusbalkon und hören der Moderation zu. Es kommen immer noch Läufer an. Eine Läuferin kommt genau nach 15 h an. Es gibt ein Feuerwerk. Das Ziel bleibt noch etwas länger offen, um auch den letzten Läufer zu empfangen.

Ich lege mich ins Bett und sehe fern, und schlafe ein.