Esoterische Religiosität

Vorerst möchte ich zurückkommen auf meinen vorletzten Beitrag, wo ich die Redaktion von Monatschrift ‘Die Drei’ verantwortlich machte für die Zusammenstellung und Auflistung der verschiedene Internetlinks im Sachen Esoterie. Das ist auch wirklich in dieser Zeitschrift veröffentlicht. Aber ich finde es auch im Ganzen zurück im Buch Esoterik verstehen. Anthroposophische und akademische Esoterikforschung, herausgegeben von Karl-Martin Dietz, in 2008 im Edition Hardenberg beim Verlag Freies Geistesleben (siehe S. 229-233). Also, wer wirklich die Arbeit getan habe, ist eine offene Frage...


Jetzt zum nächsten Beitrag im online Zeitschrift Zeitenblicke, auf den ich hinweisen möchte. Monika Neugebauer-Wölk befasst sich in ihrer Beitrag ‘Esoterik und Neuzeit. Überlegungen zur historischen Tiefenstruktur religiösen Denkens im Nationalsozialismus’ (http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Neugebauerwoelk) u.a. mit dem Konzept Politischer Religionen’. Elementare Strukturen des esoterischen Denkens werden (...) herausgestellt und in ihrer historischen Variabilität und in ihrem Verhältnis zur dominanten Religion des Christentums analysiert’, schreibt sie einführend. Das tut sie so klar, das es für mich eine Art Gesundwerden im Denken beinhaltet. Es ist wirklich erstaunlich wie sie diese komplexe Materie beherrscht und den Leser zu einer eigenständigen Urteil verhelfen kann.

Ich gebe als Beispiel einige Zitate. Aber es lohnt sich am meisten, der Aufsatz im Ganzen zu lesen (die Ziffern geben die Absätze im Text wieder). Entschuldigung, dass ich hier so viel zitiere, aber das ist nur um den Leser mit dem klaren Stil von Monika Neugebauer-Wölk bekannt zu machen und ihm selber zum Weiterlesen anzuregen.


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Der Anspruch auf den Besitz von Gnosis oder ‘höherem Wissen’ charakterisiert esoterische Religiosität in paradigmatischer Weise. Der Zugang dazu wurde als ein doppelter vorgestellt: Höheres Wissen konnte ein Mensch durch Visions- oder Imaginationserlebnisse erlangen, d. h. durch Erleuchtung – oder durch den Anschluss der eigenen Erkenntnis an das Urwissen der Menschheit, das Schöpfungswissen Adams. Letzteres imaginierte die Möglichkeit einer Art spiritueller Gedächtnisgeschichte, deren Inhalte über die Aneignung ältester überlieferter Schriften aus der religiösen Kultur aller Völker erschließbar sein sollten. Die humanistischen Gelehrten des 15. Jahrhunderts richteten ihre philologische Kompetenz auch in diesem Sinne auf die Wiedergewinnung und Rekonstruktion alter Texte. Als älteste Religionsstifter galten vor allem zwei mythische Figuren: ‘Hermes Trismegistos’, der als altägyptischer Weiser vorgestellt wurde, im Besitz okkulter göttlicher Kenntnisse. Ihm wurden die ‘hermetischen Schriften’ zugeschrieben, Texte, die auch in der Alchemiegeschichte der Frühen Neuzeit eine bedeutende Rolle spielen sollten. Und zweitens Zarathushtra, griechisch ‘Zoroaster’, legendärer Stifter der altpersischen Religion. (...)

 

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Das Selbstverständnis des humanistischen Gelehrten kann auf der Basis esoterischen Kompetenzgewinns zum Selbstbild des ‘Magus’ erhöht werden, eines aus der Menge herausgehobenen Menschen, der aus seinem Wissen Macht gewinnt. Die Kenntnis des Magus von den Strukturen von Schöpfung und Kosmos betreibt nicht nur sein eigenes Erlösungswerk; sie gibt ihm die Möglichkeit, weltimmanent in diese Strukturen einzugreifen: als Alchemist durch den schöpferischen Umgang mit den Substanzen, als Kabbalist mit zahlenmystischen Berechnungen, als Magier mit einer Wirkungsmacht, die die Reichweite menschlichen Handelns ins Unermessliche erweitert. Dies ist der Hintergrund dafür, wieso die Esoterik der Neuzeit in einer so engen Verbindung mit der Sphäre des Politischen steht. Der gedachte Machtgewinn aus Gnosis, also privilegiertem Wissen, war von hohem Interesse für herrschaftliches Handeln, die fürstliche Welt der Vormoderne ist durchsetzt mit dem Anspruch auf Realisierung esoterischer Kompetenz. Eine esoterische Elite konnte die Überzeugung entwickeln, dass sie verborgenes, also ‘okkultes’ Wissen erwirbt und in einer Weise praktisch umsetzt, die im Rahmen nicht nur der irdischen Welt, sondern im kosmologischen Gesamtzusammenhang nicht mehr übertroffen werden kann.

 

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(...) Es ist die so genannte ‘Orientalische Renaissance’, die es esoterischer Religiosität seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert ermöglichte, sich auf der Grundlage einschlägiger Entdeckungen neu zu orientieren. Innerhalb weniger Jahrzehnte stellte die Orientalistik durch philologische Basisarbeit bisher unbekannte Texte zur Verfügung, machte sie lesbar, die den Europäern den Zugang zur religiösen Welt von Persien bis Indien eröffneten. (...)


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(...) In der Renaissancekonzeption hatten die Juden zunächst im Zentrum der Dignität der Schöpfung gestanden. Mit ihrem Interesse an Altem Testament und Kabbala, allgemein an der ‘hebraica veritas’, hatten die Humanisten sogar einen Gegenpol zum christlichen Antijudaismus gebildet. In den ‘germanischen’ Renaissancen war die Bedeutung jüdischer Überlieferung dann zurückgedrängt worden. Aber erst in der Folgewirkung der ‘Orientalischen Renaissance’ können die Juden in einen nicht mehr überbrückbaren Gegensatz zur Konstruktion eines heiligen Ursprungs geraten. Dies beinhaltet eine enorme Sprengkraft. Dem antijüdischen Denken christlicher Provenienz kann sich nun ein antisemitisches Denken verbinden, das dem esoterischen Weltbild kompatibel ist. Damit entsteht erstmals die Möglichkeit, dass das gesamte Spektrum der religiösen Kultur Europas von einem Denken erfasst wird, das sich gegen die Juden richtet.












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2001 erschien “Hitlers Gott”, ein Buch des jungen Historikers Michael Rißmann, in dem er sich eingehend mit der Wiener und Münchner esoterischen Szenerie vor und nach dem Ersten Weltkrieg befasste. Nach Prüfung der einschlägigen Quellen kam er zu demselben Schluss wie Hans Mommsen und lehnte einen nachweisbaren realhistorischen Bezug zur zeitgenössischen Esoterik ab. (...)



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Auch die Autorin des vorliegenden Beitrags ist der Auffassung, dass Hitler Esoteriker war. Aber die Herausarbeitung dieser Esoterik aus dem 19. Jahrhundert greift zu kurz, orientiert sich ausschließlich an den historischen Spätformen dieser Glaubenskonzeption, die nicht in ihren gesamten ideengeschichtlichen Kontext eingeordnet und daher nur als abstruse und bizarre Heilslehren verstanden werden. (...) In jeder der bisher präsentierten Sichtweisen steht die nationalsozialistische Denk- und Glaubenswelt im Bezugsfeld ideengeschichtlicher Strömungen von fundamentaler Niveaulosigkeit. Es entsteht immer dieselbe Herausforderung: Wie mache ich plausibel, dass die Deutschen, eine in europäischer Kultur und Zivilisation zutiefst verankerte Nation, einem ‘Führer’ folgten, der nichts vermittelte als Wahngebilde und Banalität?

 

<49>

Als Zentrum des Streits um das Konzept der ‘Politischen Religion’ darf die Frage gelten, ob es sich beim nationalsozialistischen Weltbild überhaupt um Religion handelt, oder ob es nicht eher um eine Form zeitgenössischer Wissenschaft geht. (...)

 

<56>

(...) Es gibt keine ‘Große Erzählung’ der Esoterikgeschichte der Neuzeit − etwa unter der Überschrift “Vom Humanismus zu Hitler”. Stattdessen gibt es viele Geschichten, die mindestens so voneinander unterschieden sind, wie wir es bei der Geschichte des Christentums aufgrund seiner Schismen und Konfessionalisierungen von vornherein als selbstverständlich annehmen. Man könnte die Geschichte esoterischer Religiosität aus denselben Anfängen schreiben, wie es hier geschehen ist, und zu einem gänzlich anderen Schluss kommen. Die Entwicklung von Toleranz und Religionsfreiheit im europäischen Denken ist esoterisch grundiert, ebenso wie die Ausbildung eines universalen Menschheitsbegriffs mit der Möglichkeit der Formulierung von Menschenrechten − das genaue Gegenteil also dessen, was im Nationalsozialismus herrschend wurde. Die Entwicklung in der Kunst ist eine solche Linie, von der Literatur über die Malerei bis zur Musik; Kunst- und Ästhetikgeschichte der Moderne sind ohne Esoterik undenkbar. Die Friedens- und Umweltbewegungen des 20. Jahrhunderts haben vielfache Verbindungen zur modernen Esoterik. (...)

 

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(...) Das Dritte Reich ist ein Phänomen moderner Esoterik. Insofern beruht es auch auf einer frühneuzeitlich erst in Ansätzen entwickelten spezifischen Selbstgewissheit moderner Wissenschaft. Der Nationalsozialismus überträgt die moralfreie Laborsituation des Experiments auf Politik und Geschichte. Das Übergreifen einer Grundsituation im Umgang mit der Natur auf grenzenlose ‘Experimente am Menschen’ kann als eine der möglichen Konsequenzen aus der Vorstellung von der Einheit der Kette der Wesen, der anorganischen und organischen Welt, gelten. Und über die Laborsituation akademischer Wissenschaft hinaus ist die Ungeheuerlichkeit der Vernichtungsstrategien in einer gesteigerten Form ‘legitimiert’: Das ‘höhere Wissen’ des Esoterikers kann in seiner Selbstwahrnehmung Maßnahmen rechtfertigen, deren Sinn der ‘Durchschnittsmensch’ nicht zu erfassen vermag und auch gar nicht erfassen soll. Strukturen esoterischer Religiosität und bestimmte Weichenstellungen ihrer konkreten Umsetzung ermöglichen also die Konzeption dieser Politik. Sie geben eine solche Richtung aber nicht vor und sind schon gar nicht deren zwangsläufiges Resultat.

 

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Greifen wir abschließend die Frage nach dem systematischen Konstrukt ‘Politischer Religionen’ wieder auf: Ist der Nationalsozialismus eine Politische Religion? Die voraufgehenden Überlegungen haben in der Tat auf die Einsicht geführt, dass nationalsozialistisches Denken und Handeln religiöse Elemente beinhaltet, und dass diese Religiosität in einem hohen Maße politisiert ist. Insofern macht eine solche Kennzeichnung Sinn. Probleme ergeben sich aber dort, wo dem Begriff die historische Dimension ganz oder weitgehend abhanden kommt, wo er die Existenz spezifisch neuer und genuin moderner Formen von Religion indizieren soll. Damit wird der Blick darauf verstellt, dass alle wesentlichen Grundstrukturen dieser ‘Religion’ aus der Vormoderne herleitbar sind. Der Nationalsozialismus ist also keine Religion eigener Art. Er entwickelt kein eigenes Glaubenssystem oder Erlösungsdenken. Er ist vielmehr eine Variante aus dem großen Formenkreis esoterischer Religiosität der Neuzeit, deren Kontinuitäten und Veränderungspotentiale an diesem Thema gleichermaßen abgebildet werden.

 

Rotterdam, Samstag dem 30. August 2008
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