Sein Leben - Seine Zeit

Eduard von Winterstein
(Eduard Clemens Franz
Freiherr von Wangenheim) 

* 01.08.1871, Wien
† 22.07.1961, Berlin

Er wird in die Familie der Freiherren von Wangenheim geboren. Seine Mutter ist die aus Ungarn stammende Schauspielerin Luise Dub, die u.a. am berühmten Wiener Burgtheater spielt. Nach der Trennung seiner Eltern beginnt für Eduard zunächst ein Nomadenleben mit der Mutter. Die Jugend verbringt er dann in Gotha, wächst im Hause eines Onkels Gustav von Wangenheim (nach dem er später seinen Sohn benennt) auf, der ihm ein zweiter Vater wird. Mit 16 Jahren geht Eduard von der Schule ab und bereitet sich selbst auf sein Examen vor, welches er in Weimar ablegt. Anschließend strebt er sein seit früher Kindheit feststehendes Berufsziel an - die Schauspielerei. Unterricht erhält er bei seiner Mutter. Das erste Engagement tritt er 1889 gemeinsam mit ihr sowie seiner Schwester Clementine, die sich ebenfalls für die Künstlerkarriere entschied, am Fürstlichen Theater in Gera an. In den folgenden Jahren absolviert Winterstein zahlreiche kleinere Aufgaben an Bühnen in Idstein, Stralsund, Gelsenkirchen, Bielefeld, Hanau, Erfurt, Göttingen oder Eisenach, steht dabei z.B. neben dem von ihm verehrten Joseph Kainz auf den Brettern, die die Welt bedeuten. 1893 verpflichtet man ihn als "Ersten Held und Liebhaber" ans Stadttheater Annaberg. Hier übernimmt er erstmals Hauptrollen, debütiert erfolgreich im "Egmont" und ist als "Hamlet" zu erleben.
Über die Stationen Guben, Bad Salzungen und Wiesbaden führt ihn sein Weg 1895 schließlich aus der Provinz in die Kulturmetropole Berlin, wo Winterstein einen dreijährigen Kontrakt mit dem Schillertheater abgeschlossen hat. Zum Auftakt gibt er den Tellheim und begegnet in der "Minna" seiner zweiten Frau Hedwig Pauly (1866-1965), die er 1899 ehelicht. Außerdem wird er der erste "Brand" der deutschen Bühne im gleichnamigen Stück von Ibsen. Ab 1898 ist Winterstein am Deutschen Theater unter Otto Brahm angestellt. Unzufrieden über seine hauptsächliche Beschäftigung als sogenannte "zweite Besetzung" wechselt er allerdings bald ans Lessingtheater. Von dort nimmt er ein Angebot des Kleinen Theaters zur Mitwirkung in Gorkis "Nachtasyl" an. Mit Max Reinhardt als Leiter zieht dieses Haus 1904 in das Gebäude des Neuen Theaters am Schiffbauerdamm um, und auch Eduard von Winterstein gehört zum Ensemble, u.a. verkörpert er neben Lucie Höflich als Luise erstmalig in seiner Laufbahn den Ferdinand im klassischen Drama "Kabale und Liebe". Später kehrt er ans Deutsche Theater zurück, arbeitet langjährig unter Max Reinhardt. Eine Unterbrechung stellt seine Tätigkeit am Schillertheater während der Kriegsjahre dar. Nach dem Zweiten Weltkrieg agiert Winterstein dann wieder am Deutschen Theater bzw. an der Volksbühne. Zu seinen bedeutenden Leistungen zählen u.a. der "Faust" sowie der "Nathan". 
Bereits seit 1911 bildet auch das Filmatelier eine künstlerische Heimstätte Eduard von Wintersteins. Sein Debüt gibt er in "Schuldig" nach dem Theaterwerk von Richard Voß. Auf der Leinwand ist er bald in einer Vielzahl von Produktionen präsent, ihm zur Seite fast alle Großen des Kinos der damaligen Zeit. Schon in Stummfilmen mit von der Partie, gelingt ihm der Sprung zum aufkommenden Tonfilm, nach 1945 spielt er dann bei der DEFA, so dass er am Ende durch seine ständige und aktive Arbeit für das seinerzeit neue Medium auf weit über 150 Filme zurückblicken kann, an denen er beteiligt war. Bei der DEFA sind es oft humane, lebensweise Menschen, denen der Charakterschauspieler überzeugend Profil verleiht. Man erinnert sich vor allem an seine eindringliche Gestaltung des Prof. Sonnenbruck, wofür er auf dem Filmfestival in Karlovy Vary mit dem Preis als bester männlicher Darsteller ausgezeichnet wird, oder seinen Dorfpfarrer im "verurteilten Dorf" (1952). Beeindruckend auch sein mitunter grummelig anmutender, aber im Herzen gutmütig-väterlicher Prof. Beheim in Konrad Wolfs "Genesung" (1956). Daneben sieht man den dreifachen Nationalpreisträger mehrfach in historischen Stoffen wie "Semmelweis - Retter der Mütter" (1950), der Literaturverfilmung des "Untertans" (1951) oder "Emilia Galotti" (1958).
Doch ist der große Mime, desöfteren "Nestor der Schauspielkunst" genannt, nicht nur darstellerisch tätig, sondern wirkt gleichfalls als Bühnenregisseur und Pädagoge. Zwischen 1905 und 1920 lehrt er an der von Max Reinhardt gegründeten Theaterschule und gibt nebenbei privaten Schauspielunterricht. Seit den Anfängen seiner Bühnenlaufbahn gehört er zudem der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger an, zeitweilig sogar im Verwaltungsrat. Zu DDR-Zeiten ist er Mitglied der Akademie der Künste. Seine Memoiren veröffentlicht Winterstein 1947 unter dem Titel "Mein Leben und meine Zeit". Aus erster Ehe mit seiner Annaberger Bühnenkollegin Minna Mengers geht der Sohn Gustav von Wangenheim (18.02.1895-05.08.1975) hervor, der sich als Schauspieler, Regisseur, Theaterleiter und Schriftsteller einen Namen macht. Würdigung erfährt Eduard von Winterstein noch nach seinem Tode: So trägt das einstige Stadttheater von Annaberg-Buchholz heute seinen Namen. Weiterhin ist in Potsdam eine Straße nach dem Künstler benannt.