Stefan Hecht - Emotions historische Retrospektive auf Rehe und Emotionen 1923-1942

Colloque Interdisciplinaire Et International 2017 - Les Etudes Animales Sont-Elles Bonnes A Penser ? 8-10 nov 2017

Stefan Hecht, professeur à l'Université de Strasbourg

Titre : Emotions historische Retrospektive auf Rehe und Emotionen 1923-1942

Résumé : Mit „Bambi“ wird ein Jahrhundert nach dem Erscheinen der literarischen Vorlage (1923) von Felix Salten immer noch ein Reh bzw. der - einer Assoziation eines Kindes mit dem literarischen Protagonisten zu verdankende - gleichnamige Filmpreis in Verbindung gebracht. Der längstens von der Literaturwissenschaft mit dem vermeintlichen, restriktiven Prädikat der Kinderliteratur versehene Bestseller wurde diachron in diverse Richtungen interpretiert als - unter anderem - patriarchalisch, profaschistisch, nationalistisch, in jüngeren Lesarten wurde Bambi auch als Ursprung einer Anti-Jagd-Mentalität, Ausdruck einer Anthropofugalität oder in kulturökologischer Perspektive gedeutet. Der geplante Beitrag soll ein Zugang zu Bambi als Tier-Geschichte sein, die deanthropozentriert ist und welche konstruiert ist auf der Basis von Emotionen und Emotionalisierung literarischer Wildtiere. Die ohnehin im Mittelpunkt stehenden Tiere sollen als nicht-menschlichen Akteure - im Sinne der Animal Studies - verstanden werden und ein bis dahin völlig ausgebliebener Aspekt in den Fokus treten: Die Emotionen, mit denen die Tiere ihre Wirkungsmacht entfalten. Zur Entstehungszeit konstituierten (vermeintliche) höhere Emotionen bei Tieren - anders als heute, wo deren Leugnung zu einem wissenschaftlichen Anachronismus geworden ist - noch eine kontroverse Kernfrage der Biologie und der Identität des Menschen. Dies war einer der Gründe, weshalb Bambi als anthropomorphisiertes Werk von manchen Kritikern vehement verworfen oder als chiffrierter Roman der Menschen angesehen wurde. In einer emotionshistorischen Perspektive will der Beitrag zeigen, dass die Emotionen zu Wildtieren, bzw. hier speziell konzentriert auf die Spezies der Rehe, nicht statisch, sondern wandelbar sind. In dem Untersuchungszeitraum zwischen der Publikation von Bambi bis zur ersten Verfilmung 1942 produziert nämlich das Werk eine emotionale Tendenz. Das imaginäre nicht-menschliche Wesen wird so zu einem Akteur, da es am Wandel menschlicher Emotionen mitwirkt. Neben der Rekonstruktion dieses Vorgangs und der Kontextualisierung gesellschaftlicher Dispositionen möchte der Beitrag die Emotionen zu Rehen als Wildtieren problematisieren, insofern er aufdeckt, dass verschiedene emotionale Ebenen (potentiell) fließend sind: Die Emotionen zu einem literarischen Subjekt können ihre Grenzen ausweiten auf Emotionen zu einer Pluralität von Tieren, Rehen, und Emotionen, deren Bandbreite in generalisierender Weise Wild-Tieren und ihrem Lebensraum gelten.

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