Diagnostik von ADHS bei Erwachsenen

ADHS ist eine klinisch zu stellende Diagnose

Diagnose von ADHS im Erwachsenenalter

In der KLINIK LÜNEBURGER HEIDE kann bei entsprechender Indikation im Rahmen der stationären Behandlung auch eine Erstdiagnostik bzw. Überprüfung der Diagnosestellung erfolgen. Leider können wir im Rahmen der kassenärztlichen Regelungen keine ambulante Diagnostik oder Therapie anbieten und es ist auch ausgesprochen schwierig, überhaupt Diagnostik für Erwachsene zu nennen. Bitte wenden Sie sich hier an örtliche Selbsthilfegruppen oder Selbsthilfeorganisationen wie ADHS-Deutschland oder ADS e.V.


Wichtig : ADHS ist eine klinisch zu stellende Diagnose, die im wesentlichen Anhand einer ausführlichen Befragung bzw. Berücksichtigung Neurokognitives Störungsmodell bei ADHSvon Fremdbeurteilungen / Aufzeichnungen erfolgt. Einen beweisenden oder ausschliessenden "Test" gibt es - ebenso wie bei anderen psychischen Störungen - nicht. Screeningfragebögen oder Rating-Scalen sind lediglich ergänzende Hilfsmittel im Diagnostikprozess, können jedoch für sich allein weder die Diagnose ADHS sichern oder ausschliessen. Häufig könnten ADHS-Klienten in diesen Fragebögen je nach eigener Motivations- und Stimmunglage in unterschiedlichen Situationen sehr unterschiedliche Antworten als "zutreffend" ankreuzen.

1. Feststellen der aktuellen ADHS-Symptomatik innerhalb der letzten 6 Monate

Zunächst wird orientierend ein Screening darauf hin durchgeführt, welche aktuellen relevanten Symptome gemäss den Diagnosekatalogen (DSM-IV bzw. ICD 10) erfüllt sind. Hierzu können Screeningfragebögen (z.B. die von der WHO-autorisierte Ratingscale ASRS oder ein Screeningbogen der CAARS) eingesetzt werden.

 

Diagnostische Kriterien der ADHS im Erwachsenenalter

 

Nach den deutschen Leitlinienempfehlungen wird (entgegen der sonst üblichen Praxis in Deutschland) zur diagnostischen Beurteilung eine Adaptation der amerikanischen DSM-IV Kriterien zur Diagnose und Einteilung der ADHS im Erwachsenenalter empfohlen.

 

Zu den geforderten Kriterien gehören

n    Entweder (1) und / oder (2)

Sechs oder mehr Symptome der Aufmerksamkeitsstörung (für über 6 Monate fortbestehend, störend und nicht dem Entwicklungsstand entsprechend)

Sechs oder mehr Symptome der Hyperaktivität und Impulsivität (für mindestens 6 Monate fortbestehend, störend und nicht dem Entwicklungsstand entsprechend)

n    Einzelne Symptome bereits vor dem 7. Lebensjahr vorhanden

n    Beeinträchtigung durch Symptome in mindestens 2 Lebensbereichen

n    Klarer Hinweis auf Beeinträchtigung in sozialem Bereich, Schule oder beruflicher Tätigkeit


Bei Vorliegen der Kriterien der Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität / Impulsivität spricht man von einem kombinierten oder gemischten Typus der ADHS

Bei Vorliegen von 6 von 9 Symptomen der Aufmerksamkeitsstörung jedoch fehlenden Symptome der Hyperaktivität oder Impulsivität wird ein primär unaufmerksamer Typ diagnostizert.

Seltener wird bei alleinigem Vorherrschen von Symptomen der Hyperaktivität und Impulsivität von einem primär hyperaktiv-impulsiven Typus gesprochen

 

Beispiele für Symptome der Hyperaktivität und Impulsivität bei Jugendlichen und Erwachsenen

0

1

2

3

1. Motorische Unruhe oder Nesteln, Augenwischen, Zupfen am Bart oder Haaren, Bewegungsunruhe der Beine oder Füsse, Kippeln auf Stühlen etc

 

 

 

 

2.    Gefühl der Ruhelosigkeit und Anspannung (z.B. beim Warten oder in Gruppensituationen)

 

 

 

 

3. Ständige Suche nach Aktivitäten und Stimulation, Intoleranz von Langeweile, Unruhe bei Entspannung und fehlender Anforderung

 

 

 

 

4.    Eingeschränkte Entspannungsfähigkeit bei ruhigen Aktivitäten

 

 

 

 

 

5. Ständige Suche nach neuen Aktivitäten oder Beschäftigung mit neuen Projekten (bevor eine Aufgabe abgeschlossen wurde)

 

 

 

 

6. Im Gespräch häufig schwer zu unterbrechen, starker Redefluss

 

 

 

 

 

7. Impulsives Verhalten in Gesprächen und Verhalten (z.T. auch verstärkte Wutausbrüche, Impulskontrollstörungen)

 

 

 

 

8.    Unfähigkeit Abzuwarten oder Neigung zu impulsivem Entscheidungen

 

 

 

 

 

9. Unterbrechen von Gesprächen, Einnahme von oppositionellen Standpunkten oder Provokation / Sarkasmus

 

 

 

 

 

0= nicht zutreffend, 1 = gering zutreffend, 2 = manchmal, 3 = ausgeprägt


 

Beispiele für Symptome der Aufmerksamkeits­schwäche bei Jugendlichen und Erwachsenen

0

1

2

3

1. Wiederholte Probleme bei Alltagsaufgaben und Routine mit Vergessen, Flüchtigkeitsfehlern, starker Zeit- oder Kraftaufwand für alltägliche Tätigkeiten

 

 

 

 

2. Leichte Ablenkbarkeit, wirkt „verträumt“ oder geistig abwesend (z.B. in Gruppensituationen)

 

 

 

 

3. Wiederholte Beschwerden man würde nicht zuhören, wirke müde oder desinteressiert besonders bei Aufgaben, die längere Aufmerksamkeit erfordern würden

 

 

 

 

4. Probleme mit mehrschrittigen Arbeitsanweisungen (oder z.B. Textaufgaben, Kopfrechnen), Aufgaben werden begonnen aber nicht abgeschlossen

 

 

 

 

5. Hinauszögern oder Vermeiden von Aufgaben, die eine längere Ausdauer erfordern oder als monoton erlebt werden (z.B. Aufräumen, Schritverkehr, Formulare. Abrechnungen)

 

 

 

 

6. Verlieren oder Vergessen von Gegenständen, die für alltägliche Aufgaben benötigt werden

 

 

 

 

7. Subjektives Gefühl der Reizüberflutung oder starken Anspannung bei äußeren Reizen wie Licht, Lärm oder angespanntem sozialem Umfeld (hohe Stressempfindlichkeit)

 

 

 

 

8. Schwierigkeiten, Zeiträume und Abläufe in Aufwand und Dauer abzuschätzen. Häufiges Vergessen von Terminen ohne Erinnerungshilfen (oder Strukturhilfe einer Sekrätärin)

 

 

 

 

9. Kurzzeitgedächtnisprobleme oder aber entsprechende Selbsthilfen (z.B. Listen, Pläne, Organizer) beim Einkaufen, Planen,. Termine

 

 

 

 

 

2. Erfragen der funktionellen Einschränkungen der ADHS-Symptomatik in verschiedenen Lebensbereichen

Um eine klinische Diagnose zu rechtfertigen, müssen sich in verschiedenen Lebensbereichen ADHS-typische Merkmale nachweisen lassen, die nicht durch kurzzeitige Stressfaktoren oder andere Einflüsse besser erklärbar wären. Andererseits werden auch individuelle Ressourcen (Stärken) und unterstützende Faktoren (z.B. nahe Bezugspersonen, Nieschen in Ausbildung oder Arbeit, strukturierende Hilfen) sowie individuelle Umgebungsfaktoren (z.b. Arbeitsplatzumgebung) und etwaige Veränderungen erfragt.

 

3.Entwicklungsgeschichte

 

Eine ADHS-Veranlagung lässt sich als eine seit der Kindheit bestehende Problematik in verschiedenen Lebensphasen erkennen. Zwar ist es durchaus möglich (und häufig), dass andere Erklärungen ("Faulheit") oder aber Kompensationsversuche oder Ausweichen / Vermeiden als Reaktion auf die syndromtypischen Besonderheiten bestehen. Typisch ist auch, dass die eigene Erinnerung an Beeinträchtigungen in der Kindheit verblasst oder verzerrt ist. Daher sind neben fremdanamnestischen Schilderungen, Zeugnisse und andere Beurteilungen oder Aufzeichnungen (z.b. eigenes Schriftbild) in die Diagnose einzubeziehen. Hieraus ergibt sich bei positivem Nachweis einer ADHS-Konstituion ein Entwicklungsprofil, dass syndromtypische Auffälligkeiten in den Kernbereichen der Aufmerksamkeitssteuerung, Inhibition und Selbstregulation aufweist.

 

Sinnvoll kann es dabei sein, die typischen Bereiche der Exekutivfunktionen abzufragen. Hierzu gehören (nach Thomas Brown) :

 

-         Probleme bei der Aktivierung, Alltagsorganisation und Setzen von Prioritäten

-         Probleme der Daueraufmerksamkeit / Fokus z.B. beim Lesen

-         Probleme im Bereich Daueranstrengung, Motivation, Arbeitsgeschwindigkeit

-         Affektregulation / Wutkontrolle

-         Probleme im Bereich des Arbeitsgedächtnisses

 

Gerade bei Frauen mit ADHS (oder z.B. bei Vorliegen einer Hochbegabung) kann es jedoch durchaus sein, dass rigide Kompensationsversuche (z.B. Perfektionismus, Zwanghaftigkeit oder übermässige Leistungsorientierung) lange Zeit zu einem Verdecken der neuropsychiatrischen Kernsymptomatik führte. Zudem können andere psychiatrische Störungen (z.B. Depressionen, Essstörungen, Zwänge, Suchtprobleme oder Persönlichkeitsstörungen) zunächst die Kernsymptomatik überlagern.

Andererseits müssen natürlich andere mögliche Erklärungen, die zu einer ADHS-ähnlichen Symptomatik führen könnten, ausgeschlossen werden um eine falsch positive Diagnose zu vermeiden.

4. Diagnose komorbider Störungen oder alternativer Störungsursachen

ADHS kommt selten allein. Damit ist gemeint, dass häufig weitere psychiatrische Störungen für die aktuelle Problematik oder Entwicklung der Symptomatik aufgezeigt werden können bzw. als Folge der chronischen Selbstregulationsstörung aufgetreten sind. Andererseits müssen andere somatische Erkrankungen (z.B. Schilddrüsenerkrankungen) , Medikamentenwirkungen oder andere psychische oder soziale Bedingungen (z.B. Schlafmangel) ausgeschlossen werden, die nicht zu den syndromtypischen Beschwerdebild passen.

Stehen ein oder mehrere komorbide Störungen im Vordergrund (z.B. eine aktuelle Suchterkrankung oder schwere Essstörungen) wird man sich zunächst auf die klinisch bedrohlichere Erkrankung in der Therapie konzentrieren.

5. Berücksichtigung des individuellen Leistungsprofils

Hierbei muss man berücksichtigen, welche kognitiven Störungen bzw. begleitende Probleme (z.B. Hochbegabung, Teilleistungsstörungen wie Legasthenie oder Dyskalkulie) oder Wahrnehmungsprobleme bestehen. Hier kann eine ergänzende neuropsychologische Prüfung bzw. weiterführende Untersuchungen erforderlich sein.

Für die Diagnostik ist es erforderlich alle vorliegenden Befunde (einschliesslich psychologischer Gutachten und Befunde, EEG, bildgebender Diagnostik wie Computertomographie oder Kernspintomographie) oder internistische Untersuchungsbefunde vorliegen zu haben. Ggf. wird bei einem erhöhten Risiko von bekannten Herzkreislauferkrankungen vor der Einleitung einer medikamentösen Therapie bei Vorliegen einer ADHS-Symptomatik die Durchführung von EKG-Untersuchungen, Blutdruckuntersuchungen oder Echokardiographie erforderlich.

Quellen :

Empfehlungen der Bundesärztekammer zu ADHS

Leitlinien ADHS im Erwachsenenalter DGPPN

Artikel zu den Leitlinenempfehlungen

Leitfaden zur Diagnostik der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Erwachsenen  von Lic phil Edwin Desax

Zur Differentialdiagnose von ADHS (von Piero Rossi)