FILME von DIMITAR ANAKIEV 

      in WIEN, Lokativ, 13-14.03.2009


EINE HOMMAGE AN DAS DEMOKRATISCHE FILMSCHAFFEN

Biografie

DIMITAR ANAKIEV, unabhängiger Filmemacher, wurde 1960 in Belgrad geboren. Er lebt seit 1987 in Slowenien, fand sich jedoch plötzlich unter den Opfern der "administrativen ethnischen Säuberungen" (so genannte »Ausgelöschte«, bzw. Staatenlose), welche auf den am 26.2.1992 getroffenen heimlichen Beschluss der demokratischen Regierung hin ihrer Staatszugehörigkeit beraubt wurden. Die folgenden zehn Jahre sah er sich gezwungen, ohne persönliche Dokumente (d.h. Personalausweis, Reisepass oder Führerschein) als unsichtbarer Gefangener der slowenischen Demokratie zu leben. In dieser Zeit entschied er sich, eine kleine Videokamera zu kaufen um sich und andere Menschen am Rand der slowenischen Gesellschaft sichtbar zu machen. Der Erfolg seiner Filme, zusammen mit dem slowenischen nationalen Filmpreis, half ihm, seine Filmkarriere als professioneller Produzent, Regisseur und Professor weiter zu verfolgen. 2004 gründete er seine Produktionsfirma »Dimitar Anakiev Films«, welche sich 2008 in »Filmsko društvo Anakiev« (dt.: »Filmgesellschaft Anakiev«) umbenannte.

 

Plötzlich wurde mir bewusst, dass sich vor mir ein Film abspielte, den ich aufnehmen musste

Das Interview mit Dimitar Anakiev führte Špela Razpotnik für die Zeitung »Könige der Straße« 

Wer bist du? Mein Name ist Dimitar Anakiev, ich gehöre zur bulgarischen Minderheit in Serbien. Ich habe die medizinische Fakultät in Niš absolviert und bin zum Militärdienst nach Slowenien gekommen, als Bestrafungsmaßnahme der Jugoslawischen Volksarmee für mangelnde Disziplin. Denn, als ich mir mit einem Freund einen antrank, schneite ein General zur Inspektion herein. Ich wurde sofort nach Slowenien versetzt. Es scheint, als ob diese Bestrafung noch anhält. In Slowenien lernte ich meine jetzige Frau kennen und blieb. Wir haben eine Tochter. Sieben Jahre land arbeitete ich als Arzt in Tolmein, dann kam die Unabhängigkeit und ich fand mich unter den »ausgelöschten« Bewohnern Sloweniens wieder. Es folgten zehn Jahre ohne Dokumente, ich überlebte mittels Gelegenheitsarbeit, so war ich etwa zwei Jahre Schachtrainer in einem lokalen Klub. Dann kaufte ich eine kleine DV-Kamera und begann das Leben um mich herum zu filmen.
Was tust du?  Ich mache Filme. Gerade habe ich meinen ersten 35-mm film »Du bist der einzige Bewohner in diesem Haus« (»Ti si jedini gazda u ovoj kući«) beendet und beginne mit den Vorbereitungen für den Spielfilm »Ave Dante!«, der auf Super 8-mm gefilmt wird und an dem ich unter Mitarbeit der Kollegin Sonja Prosenc und des Kollegen Miloš Kalusrk arbeite.
Wann und wo hast du begonnen, dich mit Filmen zu beschäftigen ? Es scheint mir, als ob ich bereits mein ganzes Leben lang Filme mache, nur habe ich mich im ersten Teil meines Lebens unwissend darauf vorbereitet. Eisenstein sagte einmal, dass ihn die Oktoberrevolution zum Filmemacher machte. Ähnlich könnte ich sagen, dass mich die nationalistischen Prozesse im ehemaligen Jugoslawien in einen Filmemacher verwandelten. In diesem Sinne bin ich ein »Dichter« der slowenischen Unabhängigkeit – ein zutiefst nationales Phänomen bzw. ein Abfallprodukt der Formierung der slowenischen Nation. Im Jahr 2000 habe ich mit dem Team des japanischer öffentlichen Fernsehens NHK bei Aufnahmen zu einer in Slowenien gedrehten Dokumentation mitgewirkt. Damals habe ich zum ersten Mal erlebt, wie man das macht, dann habe ich mir, wie gesagt, meine Kamera gekauft und selbst begonnen zu filmen. Ich begann bei Null, das Filmemachen habe ich auf der Straße gelernt.
Wie viele Filme hast du schon gedreht ? Möchtest du einen besonders hervorheben? Ich habe fünf Filme gedreht. Amigo (2003), Rubbed Out / Zradirani / (2004), Happy New Year (2005), King of the Road (2005), Ti si jedini gazda u ovoj kući / Du bist der einzige Bewohner in diesem Haus (2006). Auf seine Art ist jeder dieser Filme ein Meilenstein, z.B. habe ich für meinen Film »Amigo den nationalen Filmpreis »Vesna« erhalten, was für meine Filmkarriere sehr wichtig war. Der Film über die »Ausgelöschten«, »Rubbed Out«, brachte mir Geld und internationale Anerkennung, »Happy New Year« und »King of the Road« waren meine erstem »Off- road Filme« anhand welcher ich lernte, dass ich völlig allein einen Film machen kann, aus dem »Nichts«, spontan, ohne Vorbereitungen, auch ohne Team, als »one man band«. »Ti si jedini gazda u ovoj kući« ist mein Erstling in 35-mm, ein großer professioneller Erfolg. So arbeite ich auch an dem kommenden »Ave Dante«, welchen ich im »Underground«-Filmformat 8-mm machen werde, als Spielfilm. Jeder der Filme hat seine eigene Wirkungsbreite, alle diese Dimensionen bedeuteten mir gleich viel.
Wie entstand »King of the road« ? Durch Zufall. Ich filmte eine Episode aus den Geschehnissen rund um die »Ausgelöschten« und wartete im Park bei der Miklošičeva-Straße auf die Protagonisten. Sie waren zu spät. Währenddessen kamen Tonček, Dare und Igor, drei Obdachlosen aus Ljubljana und begannen ihre »Performance« des Geldeintreibens. Einige Zeit genoss ich das Schauspiel nur, dann wurde mir die Bedeutung ihres Tuns klar: auf der einen Seite die existenzielle Tiefe des zu Sehenden, auf der anderen aber der künstlerischer Wert ihres Auftritts. Ich hatte den Eindruck, dass ich vor mir den Beginn eines Theaters erlebte, denn das Theater ist, so glaube ich, auf ähnliche Art auf der Straße entstanden. Plötzlich wurde mir bewusst, dass sich vor mir ein Film abspielte, den ich aufnehmen musste. Ich packte die Kamera und begann. Davor fragte ich um ihre Erlaubnis.
Wie hast du den Film angelegt ? Die Idee für einen Film habe ich immer im Zusammenhang mit dem wichtigsten Helden. Ich kann mir keinen Film ohne »meinem«  Helden vorstellen. Und mein typischer Held ist, Mann oder Frau, jemand, der es wagt, seinen Weg ohne Rücksicht auf Konsequenzen und Verluste zu gehen, der seinen Weg »bezahlen« muss. In »Amigo« ist das Walter, in »Rubbed Out« ist es Aca Todorović, in »Ti si jedini gazda u ovoj kući« ist das Jasmina, genau wie bei »Ave Dante!«, Tonček ist, fall Sie es nicht wissen, freiwillig staatenlos, ein Mensch, der für seine fortschrittlichen politischen Standpunkte und seine Konfrontation mit dem Papst bezahlen musste (obwohl er glühender Christ war!). Der »King of the Road« war plötzlich geboren, als ich begriff, dass Tonček kein Opfer ist, sondern dass er sich das Leben eines Obdachlosen selbst ausgesucht hatte und es vollkommen angenommen hatte. Das sind meine Themen, ist der rote Faden meiner Filme.
War er schwer, die drei für den Film zu motivieren ?  Eigentlich nicht. Sie stimmten sofort zu, das Mitwirken habe ich mit einer Flasche billigem Wein bezahlt. Obdachlose sind freundliche Menschen, sie brauchen Aufmerksamkeit – sie sind ideales »Filmmaterial«. Nur Tonček wollte nicht interviewt werden. Er sagte, »Du kannst filmen, sprechen werde ich aber nicht.« Dann, als ich die Interviews mit seinen beiden Kollegen gemacht hatte, setzte er sich selbst hinzu und sagte, »Jetzt erzähl ich dir mal, was ich zu erzählen habe«. Davor hatte er den anderen beiden aufmerksam zugehört und sich ab und zu mit Kommentaren eingemischt. Offensichtlich liegt ihm die aktive Rolle: er will kein gefilmtes Objekt sein, sondern ein Subjekt. Das hat mein Gefühl bestätigt, dass ich hier »meinen« Helden gefunden hatte.
Was hast du beim Filmen von »King of the road« gelernt ? Die Kunst wie ich sie verstehe -  und so auch die Filmkunst - ist ein Prozess des empathischen Lernens. Ich habe viel gelernt, eigentlich alles was das Projekt bieten konnte, alles, was eine völlig neue Situation - des Lebens und des Films - bringen kann.
Wie war deine Meinung über Obdachlose vor und nach diesem Film? Mit Hilfe des Films und der zwischenmenschlichen Zusammenarbeit habe ich eine Grenze überschritten, die normalerweise Menschen in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten trennt. Für einen Moment waren wir uns nah, unsere menschlichen Inhalte haben sich unmittelbar berührt. Das ist dieser rein menschliche, emotionale Gewinn, um den ich bereichert wurde, wahrscheinlich meine größte persönliche Bereicherung. Außerdem habe ich etwas gelernt, ich begann über die Obdachlosigkeit als Lebensweg nachzudenken, sogar als »Beruf«. Ich häufte unzählige Gedanken und Ideen in ihrer Gesellschaft an.
Kannst du uns eine Geschichte im Zusammenhang mit dem Film »Rubbed Out« erählen ? Während dem Filmen von »Rubbed Out« erhielt ich anonyme Drohbriefe. Die Drohungen betrafen mich, aber auch Mitglieder meiner Familie. Der bittere Beigeschmack dieser Briefe hat mich in der sicher schweren Arbeit, ohne Geld, ohne Ausrüstung und mit wenigen Mitarbeitern bestärkt. Einen dieser Drohbriefe habe ich auf der Internetseite »Dostje« publiziert, bis sie ihn dann, wahrscheinlich wegen Platzmangels, entfernt haben.
Hast du bisher auf den einen oder anderen Film Reaktionen geerntet, die du hervorheben möchtest? Alle meine Filme wurden auf dem nationalen Filmfestival gezeigt. »Amigo« erhielt dort einen Preis, »Rubbed Out« wurde seitens der Kuratoren für die effiziente Regie gelobt. Außerdem wurde er auch im Ausland gezeigt. »Rubbed Out« wurde auf dem weltweit bestbekannten Festival des dokumentarischen Filmes in Amsterdam (IDFA) gezeigt (bis jetzt der erste und einzige slowenische Film, der dort gezeigt wurde). In diesem Monat (Juli 2006, Anm.) wird er am Festival »Golden Apricot« in Ereven gezeigt, gekauft und vorgeführt hat ihn das finnische Fernsehen YLE TV2. »Rubbed Out« wurde auch oft in der ganzen Welt gezeigt, mehr als 30 Mal. Er war auch auf Festivals in Uganda und in den Niederlanden gezeigt. Wahrscheinlich ist das der Film mit der weitreichendsten Distribution in der Geschichte des slowenischen Dokumentarfilms. Ein unglaubliches Ergebnis für einen »Trashfilm«  Auf der anderen Seite wurde er für Vorführungen am Balkan abgelehnt: das Zagreber und das Belgrader Filmfestival des Dokumentarfilms haben ihn abgelehnt (wegen »schwacher ästhetischer Qualität«), auf das Festival des Dokumentarfilms in Ljubljana wurde er nicht einmal eingeladen, obwohl es eine Sektion für den »gesellschaftlich engagierten Film« gibt. Und es ist interessant, dass die Kuratorin des regionalen Programms für Dokumentarfilme in Sarajewo als Bedingung für eine Vorführung des Filmes verlangte, die Szene einer orthodoxen Kreuzung des Helden zu streichen. Im slowenischen Fernsehen haben sie den Film auch nicht gezeigt, weil er »nicht mit dem Programmauftrag des Hauses übereinstimmt«.
Hast du eine Erklärung für die schlechte Aufnahme von «Rubbed Out« am Balkan ? Ja. Teilweise hat es wohl überhaupt mit den allgemeinen Schwierigkeiten des »underground« und extrem niedrig-budgetierten Filmen zu tun. Aber es stimmt auch, dass die Menschen aus den sich hocharbeitenden balkanischen Gesellschaften versuchen, im kapitalistischen System zu bestehen und daher das echte Gesicht des Balkans nicht sehen wollen. Es besteht außerdem ein kulturologisches Problem: Die Osteuropäer neigen eher zum Eskapismus als zum Kritizismus: humorvolle, »poetische« oder religiöse Zugangsweisen sind ihnen vertrauter. So wurde etwa in dem Jahr, in dem »Rubbed Out« nicht am Sarajevo Filmfestival gezeigt wurde, ein Film präsentiert, der von Krähen erzählte. Balkanische kritische Filmemacher, die offen von gesellschaftlichen Problemen sprechen, wie etwa Želimir Žilnik, werden hier als Sonderlinge erlebt. Also, ich glaube, dass es überall schwierig ist, niedrig-budgetierte Filme zu drehen aber noch mehr gilt das für den Balkan. Das zeigt den niedrigen Stand des Humanismus bei uns und bedeutet, dass wir ein besonders kritisches Filmschaffen brauchen. Natürlich ist kritisches Filmschaffen nur in niedrig-budgetiert Produktion möglich, weil dich ja niemand unterstützen wird – kritisches Filmschaffen machst du auf eigenes Risiko. In Slowenien ist der Humanismus ein wenig klein besser dran, aber allgemein ähnelt es der Situation in anderen Osteuropäischen Ländern.
Hast du noch etwas zu sagen ? Es ehrt mich, dass ich mein erstes »Filminterview« ausgerechnet der Zeitung »Könige der Straße« gebe. Ich freue mich über die Idee, eine DVD mit zwei meiner Filme, »Rubbed Out« und  »King of the road«, gemeinsam mit dem »Könige der Straße« zu verkaufen. Mich begeistert die Idee, den Mainstream mit jenem Lebensbereich in Kontakt treten zu lassen, in dem sich Obdachlosigkeit und Staatenlosigkeit treffen. Ich bedanke mich bei der Redaktion, der Produktion Boter und dem Filmfonds der Republik Slowenien, welcher die Veröffentlichung der DVD unterstützte.
22.06.2006 Es unterhielten sich Dimitar Anakiev und Špela Razpotnik
Die DVD mit den beiden Filmen wurde 2006 mit der Zeitung »Könige der Straße« herausgegeben. 


Sechs Dokumentarfilme von Dimitar Anakiev

Kurzbeschreibungen

 

AMIGO, DV, 36 min, 2003

Der Film erzählt die Geschichte des lokalen Helden Walter, eines »Widerstandskämpfers ohne Grund«, der aus Selbstachtung und persönlicher ethischer Überzeugung mehrfach mit der öffentlichen Moral und dem Gesetz in Konflikt kam. Der Kung-Fu-Fighter und Dichter Walter Dragosavljević Rutar deckt seinen Zugang zu Gesellschaft und die Gründe jener Gesetzesübertretungen auf, die ihn mehrmals ins Gefängnis brachten. Anhand seiner Geschichte werden auch der historische Hintergrund und das Leben der Menschen im Transitions-Slowenien deutlich.
Nationaler Filmpreis für den besten Dokumentarilm 2003 in Slowenien, Preis für künstlerischen Erfolg in Moskau 2003


RUBBED OUT / ZRADIRANI / DIE AUSGELöSCHTEN, DV, 45 min, 2004 


Aleksandar Todorović war Student der Archäologie in Belgrad, als er seine Frau Olga kennen lernte und zu ihr nach Ptuj zog. Aus Freude an der Natur kaufte er sich ein Häuschen in Haloze und verbrachte dort die meiste Zeit, so dass die Unabhängigkeit Sloweniens an ihm vorbeiging, ohne dass er es bemerkte. Politik interessierte ihn nie. Als Mitte der 90er Jahre seine Tochter geboren wurde, machte er sich zum Amt auf und stellte überrascht fest, dass seine Daten in der Geburtsurkunde seiner Tochter nicht eingetragen waren – als wäre der Vater unbekannt. Nach erfolglosen Protesten erfuhr er, dass sein Name in keinem Amtsregister existierte. Aus Hilflosigkeit und Verzweiflung trat er vor dem slowenischen Parlament in Hungerstreik. Dort gesellten sich noch andere Menschen mit ähnlichen Geschichten hinzu und wurden sich bewusst, dass etwas Wesentliches passierte. Sie gründeten die »Gesellschaft der ausgelöschten Bewohner Sloweniens«, welche den Versuch darstellt, jene »administrative ethnische Säuberung« der demokratischen Regierung Lojze Peterle und seines Innenministers Igor Bavčar aufzuzeigen. Dies war der lang verheimlichte Versuch gewesen, die Bewohner aus den anderen jugoslawischen Republiken  (18. 305 Menschen) aus den Amtsregistern zu löschen. Der Film zeigt den Beginn der Selbstorganisation und des Kampfes der »Ausgelöschten« für ihre Rechte. Es entstand eine low-Budget und Underground-Produktion, ein aktivistischer Film in einer Zeit, in der das Thema der »Ausgelöschten« ein Tabu in slowenischen politischen Kreisen darstellte. »Rubbed Out« war als bislang einziger slowenischer Film am Festival des Dokumentarfilms in Amsterdam vertreten und erreichte unter den slowenischen Dokumentarfilmen die beste Rezeption weltweit.
 

 

SRPSKI EKSERI / SERBISCHE NÄGEL, DV, 50 min, 2006

 

Nach der Ermordung des ersten serbischen demokratische Präsidenten Dr. Zoran Đinđić ruft die serbische Regierung den Ausnahmezustand aus. Die Polizei startet eine groß angelegte Aktion gegen das organisierte Verbrechen, genannt >Sablja<. Am Vorabend der Aktion einsetzend erzählt der Film Vorgänge rund um dieser Aktion. Milivoje Savić, Ingenieur, und seine Familie werden Opfer dieser Aktion - er wird angeklagt und nach raschem Gerichtsverfahren zur Herstellung von Nägeln verurteilt.
Der Film erhielt den Grand Prix des Festivals DokMa 2007 und den Preis >Bronse Horseshoe< auf dem Festival Aster Fest ( Strumica ).
 


POSLEDNJI ŽILNIK / DER LETZTE ŽILNIK, DV, 61 min, 2007 



Der bekannte serbische Regisseur Želimir Žilnik (»Goldener Bär« in Berlin, 1969 für den Film »frühe Arbeiten« / »Zgodnja dela«) macht sich auf den Weg nach Slowenien um seinen neuesten Film vorzustellen. Er trifft Janez Skok, der sich als sein Verwandter vorstellt. Želimir ist überrascht, denn er weiß nichts von seinen Verwandten: er kam im Nazi-Lager in Niš zu Welt und alle Mitglieder seiner Familie wurden von den Faschisten umgebracht. Das Gespräch mit Janez und dessen 96 Jahre alter Mutter eröffnet die Frage nach dem Schicksal des Antifaschismus in post-kommunistischen Ländern und bringt Želimir dazu, dass er das Dorf Kozja an der serbisch-bulgarischen Grenze besucht, wo die četniks (Tschetniks) seinen Vater köpften. Im Dorf erfährt Želimir die grauenvolle Geschichte der letzten Tage seines Vaters. Der Film hat auf seiner Weltpremiere in Niš sehr emotionale Reaktionen bei den Zusehern hervorgerufen, deren  historische Orientierung und Wertesysteme im postjugoslawischen Serbien im Auflösen begriffen waren.


MOJ LJUBI GETO / MEIN LIEBES GHETTO, DV, 47 min, 2008

 

 

In den 50er Jahren entstand auf der Koželjeva-Straße in Ljubljana auf einem Baugelände eine Barackensiedlung für Arbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien. Mit der Zeit zogen die Arbeiter fort und an ihrer Stelle siedelten sich bosnische Roma an. So entstand mitten in Ljubljana ein Roma-Ghetto. Die Durchschnittsbürger Ljubljanas meidet das Ghetto, die Mehrzahl der Bewohner weiß nichts davon oder will nichts davon wissen. Als sich unter der rechtsgerichteten Regierung unter Janez Janša xenophobe Tendenzen verbreiteten, begannen die Bewohner Ljubljanas sich durch die Roma gestört zu fühlen. Es wurde vom Abriss des Ghettos gesprochen, was die Roma erschreckte. Eine Gruppe von Aktivisten und Filmemachern machte sich auf, die Schwelle zum Ghetto zu überschreiten um mehr über diesen Ort, die Roma und deren Gefühle zu erfahren.
Dieser aktivistische Dokumentarfilm rief nach der Erstveröffentlichung im Internetportal Vest.si eine Reihe xenophober Reaktionen hervor. Der Film zeigt authentische Ereignisse im Ghetto und dessen Bewohner. Die Geschichten, die die Menschen im Ghetto erzählen, kreisen um bereits bekannte Themen der slowenischen Unabhängigkeitspolitik: die »Ausgelöschten«, Segregation und Xenophobie sind Themen, die sie ständig begleiten.


   
TOLMINCI / DIE TOLMEINER, DV, 42 min, 2008

 

 Ist der »Punt« ( Aufstand ) noch immer ein Wert im unabhängigen Slowenien zu Zeiten des globalistischen Liberalismus? Wogegen streikt man? Können der Mensch und die Bürger überhaupt noch rebellieren und streiken?
In einer Filmischen Werkstatt wurde versucht herauszufinden, was der Streik den Menschen heute, im ehemals aufständischen Tolmein, ein Ort der für den Bauernaufstand 1713 berühmt ist, noch bedeutet. Zu einem »Casting« wurden verschieden Akteure versammelt, die nur Tolmein aufbieten konnte: bekannte Aufständische und gewöhnliche Menschen. Es zeigte sich, dass der »Punt« noch im Herzen der Tolmeiner lebt, dass dieses Thema vital ist. Vielleicht ist die Rebellion eine den Menschen angeborene Qualität – eine natürliche menschliche Funktion? Dann ist das Erhalten des rebellischen Geistes ein Wert. Der Filmtitel »Die Tolmeiner« ist eine Replik auf den gleichnamigen Roman von Ivan Pregelj, der den Bauernaufstand in Tolmein 1713 thematisiert.


Dimitar Anakiev

Politik des Herzens im Film

(Leopoldstädter Deklaration oder Skizze für ein neues Manifest des engagierten Films)


Eine Revision des Konzeptes des engagierten Filmes – wie auch immer dieser Begriff verstanden    wird – ist notwendig, sowie der Ausbruch aus allen Ideologien und eine erneute Annäherung an das Leben des Menschen.

Je näher der Film am Menschen und seinen Nöten ist, desto engagierter ist er.


Wenn der »Mensch mit der Filmkamera« von Dziga Vertov ein externer und distanzierter Beobachter des menschlichen Alltags ist, der sich des künstlerischen Konzepts »Kino-Auge« bedient, dann ist der zeitgenössische »Mensch mit der Videokamera« ein interaktiv Schaffender, dessen künstlerisches Kredo »Kino-Herz« lautet, oder einfacher: »Herzenskino«.

Das »Herzenskino« entsteht aus der einfachen Annahme, dass das menschliche Herz mehr sieht als das Auge.

Politik des Herzens im Kinematograf!

Die Art und Weise der Produktion verschleiert die Ideologie. Sich den Produktionsstandards des Marktes zu unterwerfen, bedeutet, sich vom Menschen und von jenem demokratischen Filmschaffen zu entfernen, das durch Video ermöglicht wird – hin zu Elitismus, zur bürgerlichen Philosophie des Komforts und zu leerer Ästhetik.

Der Geist des »Herzenskinos« ist lokal, sein Ausdruck schöpft aus der Synergie des lokalen Helden, der lokalen Erzählung, der lokalen Sprache, des lokalen Bildes und Tones.

Da das »Herzenskino« aus den Herzensbindungen zwischen den Menschen entsteht ist sein Geist auch demokratisch, daher ist Leopoldstadt dafür gleich wichtig wie Hollywood.

Die Dramaturgie des »Herzenskinos« achtet Bertold Brecht und Aristoteles gleichermaßen.

Das »Herzenskino« kann nicht institutionalisiert werden und ist daher nomadenhaft.

Radikaler Humanismus ist die Basisidee des »Herzenskinos«.

Das »Herzenskino« ist kein Konzept sondern der natürliche Zustand der Kinematografie.


                                                                                   Geschrieben im Zug Wien - Jesenice, 1. Dezember 2008

 

 Übersetzung aus Slowenischen: Elena Messner 

                                              

http://lokativ.at/ 

http://sites.google.com/site/fdaproduction/