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Essay 

"Ich fürchte nicht die Höllenstrafe der Zukunft". Kleists letztes Lebensjahr

Am 13. Oktober 1810 erscheint in den Berliner Abendblättern Heinrich von Kleists Aufsatz „Empfindungen vor Friedrichs Seelenlandschaft“. Es ist die Bearbeitung eines Textes von Clemens Brentano. Beschrieben werden darin die beim Betrachten des Gemäldes „Mönch am Meer“ hervorgerufenen Empfindungen. Caspar David Friedrichs Bild stellt einen am Strand stehenden Mönch dar, der bei Nacht auf das Meer blickt. Sandstrand und Meer sind im Vordergrund etwa gleichgroß als schmale Streifen dargestellt. Dominiert wird das Bild von einer großen Himmelsfläche. Paradoxerweise wird das Meer jedoch als unermesslich empfunden. Der Mönch selbst, als Rückenfigur entindividualisiert, nimmt sich in dieser Umgebung klein aus, er steht vereinzelt in einer überwältigenden Natur. Die Weite des Meeres und Unermesslichkeit des Raumes erzeugen eine Orientierungslosigkeit, der der Mensch ohnmächtig ausgeliefert zu sein scheint. Und genau diese Empfindungen sind es auch, die Heinrich von Kleist berühren, Empfindungen, die durchaus widersprüchlich sind. Einerseits wird das Hinausschauen auf die „unbegrenzte Wasserwüste“ als herrlich bezeichnet, andererseits ruft es aber auch Gefühle von Unbehaglichkeit und Traurigkeit hervor. In seinem Aufsatz spricht er von „unendlicher Einsamkeit“ (K II, S. 327). Er identifiziert sich mit dem Mönch:

„So ward ich selbst der Kapuziner, das Bild ward die Düne, das aber, wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz. Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt: der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunkt im einsamen Kreis“ (K II,S. 317). 

 

 

Nicht umsonst hat das Bild „Mönch am Meer“, 1809 gemalt, zu einer sofortigen Rezeption geführt, weil es das Verhältnis von Mensch und Natur erfasst, weil es starke Eindrücke beim Betrachter hinterlässt. Es ist Spiegelbild der Entstehungszeit und zugleich der Seelenlandschaft Kleists, wobei es durchaus als Metapher für Kleists Befindlichkeit betrachtet werden kann. Sein wichtigster Inhalt jedoch ist das Nachdenken über den Tod.

Nur ein Jahr später nach Erscheinen des Beitrages scheidet Kleist gemeinsam mit Henriette Vogel am 21. November 1811 aus dem Leben. Die Beweggründe dafür sind vielfältig. Kleists ohnehin schon melancholische Grundhaltung zum Leben verstärkt sich im Laufe des Jahres 1811 immer mehr. Verantwortlich dafür sind die sich erschwerenden Lebensbedingungen, sowohl finanzieller als auch psychischer Art. Durch den Tod der Königin Luise wird er um eine kleine Rente 11 gebracht, die diese ihm aus ihrem Privatvermögen zahlte. Aufgrund von zurückgehenden Abonnentenzahlen werden im Frühjahr 1811 die Berliner Abendblätter eingestellt, für die er als Redakteur gearbeitet hatte. Verbittert macht Kleist jedoch für das Einstellen der Zeitung Intrigen und Zensurmaßnahmen verantwortlich. Im Sommer 1811 schreibt er an seine angeheiratete Cousine Marie von Kleist:

„Ich fühle, daß mancherlei Verstimmungen in meinem Gemüt sein mögen, die sich in dem Drang der widerwärtigen Verhältnisse, in denen ich lebe, immer noch mehr verstimmen...“ (Brief an Marie v. K., Sommer 1811, K II, S. 874) .

Der Absolutheitsanspruch, den er an seine Freunde stellt und der vor allem auch sein Verhältnis zu Frauen schwierig gestaltet, weil er dermaßen fordernd und unerfüllbar ist, den er einfordert, der immer wieder zu Streitereien mit ihm und Enttäuschungen bei ihm führt, gestaltet den Umgang mit ihm äußerst schwierig und führt immer wieder zu gestörten Beziehungen.

Auch seine Stiefschwester Ulrike stellt ihre finanzielle Unterstützung ein. Aber vielleicht noch schwerwiegender ist, dass Ulrike, zu der er seit Kindertagen ein besonders enges Verhältnis hatte, die seine Vertraute und Beraterin in allen Lebensbereichen war, sich unter dem Einfluss der Frankfurter Verwandtschaft von ihm zurückzieht.

Ersatz findet er in Marie von Kleist, die bis zu seinem Tode fortan seine Vertraute wird. Ihr teilt er nun seine Gedanken und Stimmungen mit. Mehrfach beklagt er sich in Briefen an sie, wie öde ihm Berlin nach ihrer zeitweiligen Abreise und der endgültigen seines Freundes Adam Müller vorkomme. Er fühlt sich vereinsamt und traurig. Auch spielt er mit dem Gedanken seine dichterische Tätigkeit einzuschränken: „...würde ich die Kunst vielleicht auf ein Jahr oder länger ganz ruhen lassen“ (Sommer 1811, K II, S. 874f).

Kleists unternimmt mehrfach Anstrengungen, seine private Lage zu verbessern. So schreibt er Bittgesuche an Prinz Wilhelm, Staatsminister Hardenberg und den König Friedrich Wilhelm III, die jedoch alle, bis auf eine in Aussicht gestellte Anstellung im Militär, erfolglos bleiben und ihn verzweifeln lassen: „Wirklich es ist sonderbar, wie mir in dieser Zeit alles, was ich unternehme, zugrunde geht; wie sich mir immer, wenn ich mich einmal entschließen kann, einen festen Schritt zu tun, der Boden unter meinen Füßen entzieht“ (Brief an Marie v. Kleist, 17. Sept. 1811. KII, S. 878).

Ende August, Anfang September 1811 spitzt sich auch die politischen Lage zu, man erwartet Krieg. Zwar tritt bis zum November eine Entspannung ein, die aber nicht Kleists Wohlgefallen findet:

„Die Allianz, die der König jetzt mit den Franzosen schließt, ist auch nicht eben gemacht mich im Leben festzuhalten“ (Brief an Marie von Kleist, 10. Nov. 1811, K II, S. 884).

Sein Lebensüberdruss, die Todessehnsucht nimmt immer mehr zu. Mehrfach bringt er dies in Briefen an Marie zum Ausdruck:

„Aber ich schwöre Dir, es ist mir ganz unmöglich länger zu leben; meine Seele ist so wund...“ (Brief an Marie, 10. Nov. 1811, K. S. 883). 

Er versucht, seine Stiefschwester Ulrike zu überreden, mit ihm gemeinsam in den Tod zu gehen, was diese aber ablehnt:

„Sie hat, dünkt mich, die Kunst nicht verstanden, sich aufzuopfern, ganz für das, was man liebt, in Grund und Boden zu gehn: Das Seligste, was sich auf Erden erdenken lässt, ja worin der Himmel bestehn muß, wenn es wahr ist, dass man darin vergnügt und glücklich ist“ (Brief an Marie von Kleist, 9. Nov. 1811, K II, S. 885).

Diese absolute, bedingungs- und bedenkenlose Hingabe, wie Kleist sie offensichtlich von den ihm nahestehenden Frauen erwartet und wie er sie auch in seinem „Käthchen von Heilbronn“ zum Ausdruck gebracht hat, findet er bei Henriette Vogel. Durch seinen Freund Adam Müller hatte er Henriette Vogel, die Frau eines kgl. Rendanten, kennen gelernt. Sie wird als genialisch und zugleich schwärmerisch beschrieben. Beide fühlen eine Seelenverwandtschaft. An Marie von Kleist schreibt er:

„...dass ich eine Freundin gefunden habe, deren Seele wie ein junger Adler fliegt, wie ich noch in meinem Leben nichts Ähnliches gefunden habe; die meine Traurigkeit als eine höhere, festgewurzelte und unheilbare begreift, und deshalb... mit mir sterben will; die mir die unerhörte Lust gewährt, sich ... so leicht aus einer ganz wunschlosen Lage .. heraus heben zu lassen, die einen Vater, der sie anbetet, einen Mann, der großmütig genug war sie mir abtreten zu wollen, ... um meinetwillen verlässt“ (19. Nov. 1811, K II, S. 885).

Auch für Henriette ist die Lage hoffnungslos, denn sie war unheilbar erkrankt, vermutlich an Gebärmutterkrebs. Bei ihr findet er, was er bei Ulrike vermisst hatte, nämlich Aufopferung bis in den Tod hinein. So reift der Entschluss, gemeinsam in den Tod zu gehen.

Am 20. November begeben sich beide in ein Gasthaus am Wannsee (Stimmings „Krug“ bei Potsdam). Sie speisen, trinken Kaffee, sind vergnügt und schreiben Abschiedsbriefe. In den letzten Briefen der beiden wird nicht nur Abschied genommen, sondern es werden auch Anweisungen erteilt, wie z.B. den Barbier zu bezahlen, dessen Rechnung noch nicht beglichen war. Am Nachmittag des 21. November gehen beide zum Wannsee. Gegen 16 Uhr hört man zwei Pistolenschüsse. Der Freitod der beiden erregt in Berlin, das damals noch sehr kleinstädtisch war, großes Aufsehen.

Für Kleist spielte Henriette quasi den Fährmann, denn er brauchte jemanden, der ihn in den Tod begleitet. Wenigstens hier einmal das Gefühl nicht einsam zu sein. Für Henriette Vogel bedeutet die Begleitung in den Tod eine Verbundenheit und schließlich auch das Erlangen von Unsterblichkeit.

Mögen die äußeren Umstände auch für Kleist besonders drängend gewesen sein - die finanzielle Abhängigkeit von anderen, die ihm zuwider ist, das erniedrigende Hinterherrennen, um nur den nötigsten Lebensunterhalt zu finden -, letztendlich entscheidend für seinen Lebensüberdruss und den daraus resultierenden Selbstmord war sein ausgeprägtes Gefühl des Ausgeschlossensein, der Nichtzugehörigkeit, der fehlenden oder ihm unzureichend erscheinenden gesellschaftlichen Anerkennung, des Nichterreichens eines unbestimmten Zieles. Kleists Grundgefühl war das der Einsamkeit, der Zerrissenheit, der Hoffnungslosigkeit. So kommt er schließlich zu der Erkenntnis: „die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war“ (Brief an Ulrike, 21. Nov. 1811, K II, S. 887).

Die Zitate wurden folgender Werkausgabe entnommen: Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe. Hg. von Helmut Sembdner, München 1993. Der Titel „Ich fürchte nicht die Höllenstrafe der Zukunft“ ist entnommen aus: Heinrich von Kleists „Über die Aufklärung des Weibes“ (Für Wilhelmine von Zenge), 16. Sept. 1800, K II, S. 318.

Programmheftbeitrag für die Produktion "Tod am Wannsee" der Kleistfesttage 2001 Frankfurt/Oder

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