"Evensong"

Leuchtender Chorgesang

Ulrich Hafners "Chorisma Cannstatt" beglückt mit dem "Evensong" in der Liebfrauenkirche

Weil am Morgen die Uhren zurückgestellt worden waren, begann am Sonntagabend die "Stunde der Chormusik" in der Liebfrauenkirche gefühlsmäßig noch tiefer in der Nacht, als es am Vortag der Fall gewesen wäre. Das passte recht gut - denn die "Geborgenheit im Dunkel" war das eigentliche Thema der musikalischen Besinnungsstunde, die Ulrich Hafner nach anglikanischem Vorbild als "Evensong" angelegt hatte. Unterstützt wurde er liturgisch von Karl Böck, dem Pfarrer von St. Rupert. Auch aus dessen Gemeinde kommen einige Mitglieder von "Chorisma Cannstatt", dem jungen Chor, der zunehmend ambitionierte Kirchenchorsänger aus ganz Stuttgart anzieht. Schwarz und rot gekleidet standen sie auf den Stufen zur Apsis, die 34 Sängerinnen und Sänger, einfühlsam begleitet von Birgit Wiedemann am Klavier. Sie zeigten eine Stunde lang, wie vielfältig die Komponisten des 20. Jahrhunderts es verstanden, musikalischen Wohlklang und spirituelle Tiefe zu verbinden. Um den ganzen Kirchenraum in das Erlebnis einzubeziehen, ergänzten farbige Lichteffekte an Mauerwerk und Säulen den Gesang; vor allem aber erklangen die antiphonischen Strophen des Kantors stets von anderswoher aus den Seitenschiffen oder von der Empore und durchwehten eindringlich den wundervollen Klangraum der Liebfrauenkirche. Die fast überirdisch klare Stimme des Countertenors Albert Frey aus Füssen war es, die dem vielstimmig irdischen Chorgesang aus dem Dunkel antwortete. Das alles verband sich mit den Worten des Priesters zu einem intensiven geistig spirituellen Erlebnis, beginnend mit John Rutters hell aufschwellendem Lob der Schönheit der Erde bis zur fein abgestimmten Energie im "Segen" desselben Komponisten, der mit einem jubelnden Amen ausklang. Im Mittelpunkt aber standen drei Vertonungen der Psalmen, dieser Zeugnisse des geistigen Lebens Israels, deren Schwung als erstes die Interpretation von Eugene Butlers "God has gone up" fortführte. Danach stimmte der Chor Bernd Draffehns Gotteslob machtvoll an und ließ sein "Halleluja" mühelos aufsteigen, um anschließend das "I will bless the Lord" von Frank Hernandes beinahe kapriziös verspielt anzugehen, es aber schließlich zum überzeugenden Bekenntnis werden zu lassen. Karl Böck erinnerte bei der Lesung an die brennende Lampe aus dem Evangelium, mit der wir ausharren sollen, als geistige Positionsleuchte zur Orientierung in der Welt. Chorisma Cannstatt zeigte, wie hilfreich dabei die Musik sein kann, wenn sie so abwechslungsreich und eindringlich dargeboten wird, wie bei Graharn Kendricks "Shine, Jesus, shine", dem herrlichen Jubel Marias von Peter Jansens oder dem Lobgesang des Simeon, der wie göttlicher Klang die vielen gebannten Besucher des "Evensongs" berührte.

Wieder einmal hatte es Ulrich Hafner verstanden, mit geschickter Hand für seinen engagierten Chor ein anspruchsvolles, vielschichtiges Programm zusammenzustellen, es mit ihm präzise vorzubereiten und mit Begeisterung zur Erbauung der Gemeinde erklingen zu lassen.