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Eine Steinauer Sage

I
Kam Gertrudis Nacht allein
Still in Steinau zur Kapelle.
Draußen wob der Sternenschein
Um die Ufer fahle Helle,
Drinnen glühte träumend ihre Pracht
Um des Raumes tiefe, stille Nacht.
Vor des Tabernakels heiligem Schrein
Lag der Lampe roter Schein,
Und es kamen ihres Lichtes Wogen
Aus des Chores goldgeschmückten Bogen
Durch das Dunkel zu mir hergezogen.

 

II
Hüllten mählich rings um mich ein,
Und es ging auf leisen Schwingen
Durch den rosenroten Schein
Ein geheimnisvolles Klingen.
Tief im Boden vorm Altar im Chor,
Wo der Ritter Tod dem Abte schwor,
Liegt verschüttet noch an gleicher Stell?
Längst vergessen still ein Wasserquell.
Nur vor Morgen am Gertrudistage
Raunen seiner Wasser dumpfe Sage.
Hebt sein Murmeln an zur Totenklage.

III
Lauschte still dem tiefen Klang,
Doch wie schrak ich jäh zusammen;
Gleich Gestalten durch den Gang
Lohten fahle Feuerflammen.
Hinten an der Stelle sich im Chor
Wo der Quelle Lied sich rang empor,
Mischten mit dem Murmeln bangen Sang.
In den Weiten strömte Orgelklang;
Geisterhände schlugen sanft die Tasten,
Während draußen sonder Ruhn und Rasten
Tobte der Dämonen wildes Hasten.

IV
Und der Geister Lied verklang,
Schweigen zog die stillen Kreise,
Und dann wob sich schmerzensbang
Um mich stiller Beter weise.
Miles Giso, Herr von Steinau, stund
In der Ritter schuldbeladener Rund,
Von des Altars kreuzgeschmückter Wand
Hob sich blutig seine Geisterhand.
Zitternd, flehend hielt er sie erhoben,
Doch nur wilder ward der Teufel toben,
Die wie Sturmwind um die Fenster stoben.

V
Und ich hörte Giso flehn:
Aus den Flammen und erlöste;
Nicht so groß, wie du's gesehn,
Herr, erkannten wir das Böse,
Ach, versunken war der alte Glanz,
Hingewelkt des Ritters Tugendkranz,
Umgestürzt des heiligen Reiches Thron,
Unsre Freiheit der Dynasten Hohn,
Die die Rechte, die uns zugekommen,
Sich und ihrer Macht zu Nutz und Frommen
Mit der Landeshoheit angenommen.

VI
Unersättlich in der Pracht
Bauten sie mit unsern Rechten
Ihre unumschränkte Macht,
Ohn' Erbarmen und zu knechten.
Unrecht herrschte, Trug, Gewalt und Streit,
Hinsank Wahrheit und Gerechtigkeit.
Von der Zeiten Wandel wild erfasst,
Ließen wir, versehmt, verflucht, verhasst,
Nimmer uns den Weg zum Recht verrammen;
Hochauf schlugen unserer Fehden Flammen
Über der Dynasten Macht zusammen.

VII
Herr, hier galt es unser sein
In dem Kampf, der sich entspann;
Denn das Lehen selbst war klein
Und ernährte kaum den Mann.
Manches Ritter Sohn, der nichts mehr fand,
Irrte heimatlos, enterbt im Land,
Zog von Burg zu Burg am Bettelstab,
Oder nahm, was ihm die Waffe gab,
Ward ergriffen, ward des Raubs bezichtet
Und sein Hunger durch den Tod beschwichtet.
Also ward auch Ebersberg gerichtet.

VIII
Fehlte auch des Königs Macht,
Abbas Berthoch, der den Recken
Wiederrechtlich aufgebracht,
Ließ ihn töten, uns zu schrecken.
Wie die Sühne fordern in dem Streit?
Gab auf Erden keine Obrigkeit;
Ohne Kaiser, ohne Papst in Rom
Wogte schrankenlos der Zeitenstrom.
Eigenhilfe nur war uns geblieben,
Und da Blutpflicht uns zur Tat getrieben,
Sank der Fürstabt unter Schwerteshieben.

IX
Fiel in Fulda vorm Altar,
Konnten ihn nicht sonst erreichen.
Ach, weil er ein Diener war,
Gibst du nun kein Hoffnungszeichen.
In der Nacht, da niemand wirken kann,
An der Quelle, wo die Norne spann,
Flehen wir vergebens Jahr um Jahr,
Und die Flammen quälen immerdar.
Und soviel wir auch in Reu gelitten,
Nichts vermag Gebet aus unsern Mitten,
Herr, ach lass die Menschen für uns bitten.

X
Giso stocke, suchte halt,
Wankte, kniete vorm Altare;
Vor ihm stand die Lichtgestalt
Abbas Berthochs im Talare,
Einem Geraph gleich vor Gottes Thron.
Hoch vom Turme dröhnte Glockenton,
Scheuchte rings die Hölle durch die Nacht,
Gottes Engel zogen auf die Wacht,
Und wie draußen ihre Banner wehten,
Schwang zum Himmel sich der Glocken beten,
Gleich dem Schmettern silberner Trompeten.

XI
Abbas Berthoch hob die Hand:
Die Verblendung von euch weiche;
Denn des Klosters Recht und Land
War der Kirche, nicht dem Reiche.
Nicht entschuldigt euch die Not der Zeit,
Nicht der wildverworrene wilde Streit,
Um der Reue willen nur hat Gottes Huld
Euch verziehen der Sühne schwerer Schuld.
Euer Vorwurf wird an mir zunichte,
Wenn die dunklen Stunden der Geschichte
Werden offenbar im Weltgerichte.

XII
Beugte, wie das Wort verklang,
Sie der Sühne ganze Schwere;
Klagend aus der Tiefe drang:
Miserere, miserere!
Tröstend hat der Abt sie angeblickt:
Gottes Liebe hat mich euch geschickt,
Eure Leiden führen Himmelan;
Bald ist für die Schuld genug getan!
Doch ihr könnt von Keinen nicht gefunden,
Eh euch der Gerechte rein befunden!
Sprach es laut und war dem Blicke entschwunden.

XIII
Auf des Tabernakels Tor
Glühten matt die Ornamente,
Doch so stille wie zuvor
Blieb der Herr im Sakramente.
Draußen schwieg der Wind am Mauerrand,
Der Gestalten düstrer Spuk entschwand.
Vorm Altare spann der Sternenschein
Bunte Lichter auf dem grauen Stein.
Lange hab ich sinnend da gesessen;
Seelen schaut ich, Scharen unvermessen.
Längst in ihrer Qual von uns vergessen.

XIV
Und die Quelle sang so bang,
Durch die Seele schnitt die Klage,
War, als ob ihr dumpfer Klang
Immer eine Bitte trage:
Dir im Leben, dir gehört die Macht,
Uns zu heben aus der Schmerzensnacht.
Bete, bete, so wird uns verziehn!
Still es sei! Schon will die Nacht entfliehn;
Möge sie dem ewigen Lichte weichen!
Engel sollen euch die Hände reichen!
Froh euch grüßen der Erlösung Zeichen!
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