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1945 - 1990 Strukturwandel und Modernisierung

1945-1990: Strukturwandel und Modernisierung


Nachkriegszeit


Modernisierung


Das Ende der Selbständigkeit



Nachkriegszeit

Der Krieg endete in mancher Hinsicht nicht abrupt, sondern in einer längeren Übergangsphase, die durch starke Veränderungen hinsichtlich der Bevölkerung (Evakuierte, Fremdarbeiter, zurückkehrende Soldaten, Flüchtlinge) und eine anhaltende wirtschaftliche Krisenphase (unzureichende Versorgung mit Dünger, Kraftstoff und Material, Zwangsbewirtschaftung) gekennzeichnet war. Zudem fand das Kriegsende in den verschiedenen Gebieten Deutschlands zu einer unterschiedlichen Zeit statt. Ein deutlicher Bruch läßt sich bei der Gemeindeverwaltung feststellen, da die vorhandenen Gemeinderäte durch die jeweilige Besatzungsmacht abgelöst wurden.

Damit verschärfte sich ein Problem für die Landwirtschaft, welches schon während des Krieges akut geworden war: der Arbeitskräftemangel. Bis 1945 konnte man ihn noch durch den Einsatz von Kriegsgefangenen begrenzen, ab April/Mai 1945 war das nicht mehr möglich. Zwar kamen nach und nach die Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft zurück, aber damit war das Arbeitskräfteproblem nicht zu lösen. Die Situation war kurios: zwischen 1945 und 1949 verdoppelte sich in vielen Dörfern die Bevölkerung, aber es mangelte an Arbeitskräften für die Landwirtschaft. Die Flüchtlinge dienten lediglich als Ersatz, aber schon früh wurde sichtbar, daß nur eine schnelle Mechanisierung eine nachhaltige Lösung bringen würde. Die allgemeine Abwanderung aus der Landwirtschaft war damit schon in Ansätzen vor 1950 zu erkennen.

Die ersten Jahre nach dem Kriegsende waren äußerst konfliktreich, nicht zuletzt aufgrund der Zuwanderung durch die Flüchtlinge. Die teilweise heftige Gegenwehr der einheimischen Bevölkerung gegen die Zuweisung der Flüchtlinge überrascht, denn an Fremde im Dorf hätte man nach den Erfahrungen der Nachkriegszeit eigentlich gewöhnt sein müssen. Der Kleinkrieg um Wohnen, Essen und andere Dinge des Alltags überschattete lange Zeit die Beziehung zwischen eingesessener und neuer Bevölkerung. Unterschiedliche Vorstellungen davon, wie man im Dorf leben sollte, verstärkten die Disharmonien. Viele Flüchtlinge waren selbst Landwirte gewesen oder stammten aus den Städten. Beide Gruppen weigerten sich, die Hierarchien im Dorf ohne weiteres anzuerkennen. Schon während des Krieges hatten die Bauern geklagt, daß evakuierte Frauen sich nicht an den Feldarbeiten beteiligen würden. Flüchtlingsfrauen halfen zwar bei den Bauern auf dem Feld, aber nur notgedrungen, nicht freiwillig. Das dörfliche Sozialgefüge und die von den Bauern dominierten Wertvorstellungen lösten sich langsam auf.
Modernisierung

Die 1950er Jahre bilden eine wichtige Übergangsphase in der Entwicklung der Dörfer und der Landwirtschaft. Im sozialen Bereich bedeuteten sie den Übergang von der geschlossenen bäuerlichen Gemeinden mit der Dominanz der alten Eliten (Gutsherr, Großbauern, Bauern, Pastor, Lehrer) zu einer offenen Gemeinde, sowie die starke Zunahme der Gesamtbevölkerung bei gleichzeitiger Differenzierung der sozialen Gruppen. Diese Effekte traten vor allem dort ein, wo die Abwanderung der Flüchtlinge sich in Grenzen hielt, während in Dörfern mit einer starken Abwanderung der Flüchtlinge die Sozialstruktur sogar einheitlicher werden konnte.

Damit spiegelt die demographische Entwicklung der 1950er Jahre Entwicklungsmöglichkeiten wider. Nur bei günstigen Erwerbs- und Baumöglichkeiten blieb ein nennenswerter Teil der Flüchtlinge im Dorf wohnen, ansonsten wanderte ein Großteil von ihnen schon in kurzer Zeit in die Städte wieder ab.

Seit Beginn der 1950er Jahre begann, in unterschiedlichem Umfang, die Integration der Flüchtlinge, wofür es eine Reihe von Indizien gibt. So nahmen die Heiraten mit Einheimischen zu, wurden Flüchtlinge in die dörflichen Vereinen integriert. Allerdings bleibt es fraglich, wie weit diese Integration ging und ob sie nicht zuweilen überschätzt wird. Für eine eher skeptische Bewertung einer nach 1950 schnellen Integration sprechen mehrere Gründe: Zum einen bedeutete die Niederlassung im Dorf zumeist das Wohnen in Neubaugebieten und damit die räumliche Abgrenzung zur älteren Dorfbevölkerung. Hinzu kam, daß in vielen niedersächsischen Gemeinden die Flüchtlinge einer anderen Konfession angehörten, zumeist waren sie katholisch, die dörfliche Mehrheit aber protestantisch. Schließlich organisierten sich die Flüchtlinge zunächst in eigenen Vereinen, um ihre Interessen besser vertreten zu können. Vermutlich war die Integration ein wesentlich längerer, allmählicher Prozeß als zumeist angenommen wird.

Neben der Integration der Flüchtlinge war die Modernisierung des Dorfes die große Herausforderung dieser Zeit. Nach den unterbliebenen Verbesserungen in den letzten 20 Jahren bestand ein erheblicher Nachholbedarf, der durch den Flüchtlingszuzug noch verstärkt wurde. Zudem waren die Anforderungen an dörfliches Leben noch erheblich gestiegen. Damit setzte eine Welle von verschiedenen Maßnahmen ein, die vom Schulneubau bis zur Kanalisation reichten und den Lebensstandard im Dorf wesentlich aufwerteten. Insbesondere der Schulneubau spielte eine wichtige Rolle, wurden doch damit nicht nur die bis dahin zuweilen unerträglichen räumlichen und hygienischen Verhältnisse beendet, sondern auch deutlich der Anspruch gezeigt, die Bildungschancen auf dem Land gegenüber der Stadt aufzuwerten. 1948 gab es in Niedersachsen 4.659 Volksschulen mit 11.750 Klassenräume (oder 2,52 Klassenräume je Schule), bis 1956 war die Zahl der Volksschulen zwar nur auf 4.838 gestiegen, jetzt aber mit 17.380 Klassen (3,59 Klassen je Schule). 148 betrug die durchschnittliche Klassengröße bei den Volksschulen 46,1, auf jeden Lehrer kamen 64 Schüler; bis 1956 hatten sich die Verhältnisse schon erheblich entspannt; die Klassengröße war auf 32,8 gesunken, die Relation Lehrer – Schüler auf 34,9.

Die Hauptausbauphase bei den Volksschulen lag zwischen 1948 und 1954, danach ging sowohl die Zahl der Schüler als auch die der Lehrer zurück. Darin drückt sich vorrangig die Abwanderung der Flüchtlinge aus den Dörfern und aus Niedersachsen aus und erst in zweiter Linie die stärkere Hinwendung zu den höheren Schulen.

Neben den Schulen war die Schaffung eines verbesserten Wohnstandards durch den Bau von Wasserleitungen und Kanalisation ein weiteres wichtiges Anliegen der Dorfmodernisierung. Hierdurch wurden nicht nur die hygienischen Verhältnisse erheblich verbesserte, sondern auch die Voraussetzung für innerhäusliche Modernisierungen, insbesondere den Einbau von Badezimmern geschaffen. Dadurch konnte bis Mitte der 1960er Jahre der erhebliche Rückstand gegenüber städtischem Wohnen stark vermindert werden.

Die Modernisierung der Landwirtschaft gehörte gleichwohl zu den herausragenden Herausforderungen dieser Phase. Sie zielte auf eine leistungsstärkere, technisierte Produktion und versuchte sowohl den vollbäuerlichen als auch den kleinbäuerlichen Betrieben eine Existenzsicherung zu geben. Die Wege dorthin waren unterschiedlich. Mit dem Flurbereinigungsgesetz von 1953 war die Grundlage für eine neue Phase der Flurbereinigung geschaffen worden. Im Bezirk der Landwirtschaftskammer Weser-Ems wurden zwischen 1948 und 1962 131 Verfahren mit 50-676 ha durchgeführt, im Kammerbereich Hannover waren es sogar 334 Maßnahmen mit 168-381 ha. Die Flurbereinigung bezweckte eine "umfassende Neuordnung und Umgestaltung einer Gemarkung, bei der neben der Zusammenlegung der Schaffung genügend großer Feldstücke und günstiger Planformen angestrebt wird, ferner die Regelung der Wasserwirtschaft und die Neuanlage und den Ausbau des Wirtschaftswegenetzes" (Landwirtschaft Niedersachsens, 246 und 252). Die Neuordnung der Feldmark umfaßte damit neben der Zusammenlegung auch die Regelung der Wasserverhältnisse und der Vorflut sowie der Dränage. Zugleich wurden in größerem Umfang Aufstockungen und Aussiedlungen vorgenommen, um den Betrieben eine bessere Existenzgrundlage zu verschaffen. Mit der Flüchtlingssiedlung wurde versucht, auch Flüchtlingen eine bäuerliche Existenzgrundlage zu verschaffen.

Schließlich ist auf regionale Förderprogramme hinzuweisen, insbesondere den Emslandplan und den Küstenplan, die die genannten Maßnahmen in einem räumlichen Kontext bündelten und durch weitere Maßnahmen wie Straßenbau ergänzt wurden. Im Emsland wurde darüber hinaus die Moorkolonisation und die Neuanlage von Bauernhöfen systematisch gefördert. Damit gelang zumindest eine erhebliche Hebung des Lebensstandards in dem bis dahin benachteiligten Gebiet im Westen Niedersachsens.

Die vielfältigen Maßnahmen zur Stärkung des agrarischen Sektor, die enormen Produktionsgewinne und die dramatische Mechanisierung konnten nichts daran ändern, daß der Strukturwandel in der Landwirtschaft in den 1950er Jahren massiv einsetzte. Er fand gleichsam in zwei Schüben statt. Im ersten Schub verschwanden die Arbeitskräfte. Dies betraf zuerst die Landarbeiter, während die teilweise mithelfenden Dorfbewohner, darunter die Flüchtlinge, noch in den 1950er Jahren in größerer Zahl zur Verfügung standen. Durch die Einbeziehung dieser Arbeitskräfte und durch eine schnelle Mechanisierung reagierten die Betriebe auf diese Entwicklung. Dennoch ist der Rückgang der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte zwischen 1949 und 1950 mit 300.000 enorm und zeigt deutlich die Abwanderungstendenzen schon in dieser frühen Zeit. In den folgenden Jahrzehnten setzte sich dieser Trend fort. Bemerkenswert für die Zeit zwischen 1949 und 1960 ist das Auseinanderklaffen zwischen den Beschäftigten im sekundären und tertiären Sektor im Vergleich zum primären Sektor.

Betriebsaufgaben in größerer Zahl fanden dagegen noch nicht statt. Diese setzten erst gegen Ende der 1950er Jahre vermehrt ein und verstärkten sich in den folgenden Jahrzehnten nahezu ungehemmt. Zunächst gaben die kleinen Betriebe auf, deren Zahl noch bis Mitte der 1920er Jahre angestiegen war, sich aber schon zwischen 1925 und 1949 um etwa ein Viertel verringert hatte. Je größer die Betriebe waren, desto verhaltener war die Entwicklung; die über 10 ha großen Betriebe wiesen sogar alle bis 1960 Zuwachszahlen auf. Der Trend zu wenigen großen Betriebseinheiten zeichnet sich aber schon früh ab.

Die Folgen dieses Prozesses für die Landwirtschaft und für das Dorf können gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Die Hoffnung, daß sich auf Dauer traditionelle, "bäuerliche" Strukturen behaupten können, dürfte insbesondere durch den andauernden Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe und die verstärkte Nutzung des Dorfes als Wohnstandort als verfehlt erscheinen.
Das Ende der Selbständigkeit

In den 1950er und 1960er Jahren erlebten viele Dörfer eine Renaissance. Nachdem das NS-Regime auch in der Gemeindeverwaltung das "Führerprinzip" eingeführt hatte, wurde mit einer demokratischen Selbstverwaltung ein neuer Weg beschritten. Der Ausbau der Infrastruktur ließ ebenfalls erwarten, daß die Dörfer eine neue erfolgreiche Zukunft vor sich hatten. Zugleich bewirkten diese Maßnahmen eine zunehmende Verschuldung der Dörfer und förderten die Abhängigkeit von der staatlichen Verwaltung, welche für die Mittelvergabe zuständig war. In den 1960er Jahren zeichnete sich schon ab, daß die Entwicklung in eine andere Richtung ging. In der Schulpolitik wurde früh eine Konzentrationspolitik betrieben, die dann in den 1970er Jahren in die Gebiets- und Verwaltungsreform mündete, welche vielen Gemeinden ihre Existenzgrundlage raubte. Zugleich führte dies zu einem Abbau demokratischer Mitspracherechte und einer Professionalisierung der Verwaltung, somit auch zu einer gewissen Bürgerferne. Die ungebrochenen Zentralisierungstendenzen etwa im Einzelhandel hat den negativen Effekt dieser Maßnahmen noch verstärkt.

Damit gingen die in den 1950er und 1960er Jahren gewonnenen Kompetenzen der Kommunen zunächst schrittweise (Schulen), dann schlagartig durch die Gebiets- und Verwaltungsreform verloren. Zusammen mit dem durch den Strukturwandel der Landwirtschaft einhergehenden sozialen und ökonomischen Veränderungen bedeuteten sie einen tiefgreifenden Bruch dörflicher Identität. Die Dorferneuerung der 1980er und 1990er Jahre versucht die negativen sozialen Folgen dieser Entwicklung zu beseitigen.

Als Folge der ökonomischen und sozialen Veränderungen beginnt sich das dörfliche Milieu gegenüber neuen Einflüssen zu öffnen. Die sozial und politisch dominante bäuerliche Bevölkerung verliert ebenso an Bedeutung wie die "klassischen" Dorfeliten (Pastor, Lehrer); das Vereinswesen wird vielgestaltiger, "kleine Leute", Arbeiter und Flüchtlinge sind zunehmend an ihnen beteiligt. Durch das Fernsehen und das Ende der gemeinsamen Feldarbeit lösten sich die alten innerdörflichen Kommunikationsstrukturen auf und wurden nur teilweise durch neue ersetzt (etwa in den Vereinen).

Gegenüber den 1970er Jahren hat sich die aktuelle Situation weiter verändert. Zwar verschwanden vor 20 bis 30 Jahren schon die Bauernhöfe nach und nach aus dem Dorf. Aber die alten Wahrnehmungsformen bestanden weiterhin, die Erinnerung an bis vor kurzem bestehende Hierarchien, Eliten war frisch; dörfliche Mentalität noch ungebrochen. Inzwischen lebt aber nicht nur eine neue Generation von jungen Dorfbewohnern auf dem Land, welche diese alten Verhältnisse nicht mehr kennt, sondern mit dem massiven Zuzug von Stadtbewohnern ist eine neue soziale Schicht dominant geworden, welche keine Beziehung mehr zum realen alten Dorf hat, sondern nur noch zu einem "idealtypischen", fiktiven Dorf.

Diesen strukturellen Veränderungen und Brüchen versucht besonders die Dorferneuerung zu begegnen. In mittlerweile 20 Jahren hat sie eine Reihe von Veränderungen erlebt, wandelte sich vom reinen Bauprogramm zu einer umfassenden Entwicklungsmaßnahme, ohne dabei bislang den Schwerpunkt auf die baulichen Maßnahmen zu verlieren.

 © Karl H. Schneider 1999