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1914 - 1945 Dorfentwicklung

1914-1945: Dorfentwicklung zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg


Die Weimarer Zeit

Nationalsozialismus und Krieg



Die Weimarer Zeit


Die 20er Jahre stehen bislang im Schatten des 19. Jahrhunderts und der Entwicklung nach 1933 bzw. nach 1945. Dies ist nicht recht verständlich, denn sie stellen eine wichtige Übergangsphase dar, die allerdings hinsichtlich ihrer Wirkungen durch die NS-Zeit wieder in Frage gestellt wurden.

In den Dörfern setzte sich der Modernisierungsprozeß des Kaiserreichs weiter fort. Hierzu zählten neben Neubauten vorrangig infrastrukturelle Maßnahmen wie die Elektrifizierung des flachen Landes, Einrichtung von Genossenschaften oder örtlichen Spar- und Darlehenskassen. Wichtige Verbesserungen für die Menschen fanden auch im Schulwesen statt, neue Medien wie der Film wurden hier nach und nach ebenfalls eingesetzt.

Für den ländlichen Raum spielte die Anfang der 1920er Jahre einsetzende Siedlungspolitik auf der Grundlage des Reichssiedlungsgesetzes von 1920 eine wichtige Rolle. Sie hatte zwar einen Schwerpunkt in Ostdeutschland, war aber auch in Niedersachsen bedeutsam, etwa im Emsland. Damit verbunden war eine erneute Wertschätzung des ländlichen Lebens, denn angesichts von Massenarbeitslosigkeit schien das Land die besseren Zukunftschancen zu eröffnen.

Gleichwohl blieben viele Elemente ländlichen Soziallebens bestehen, die sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hatten. Zwar hatte es eine Hinwendung zum Marktgeschehen gegeben, aber nicht auf Kosten des dörflichen Soziallebens. Wolfram Pyta schreibt dazu in seinem 1996 erschienenen Buch: "Dorfgemeinschaft und Parteipolitik 1918-1933":

"Das sich die ökonomische Eigenbrötelei der Bauern durchaus mit einer gemeinschaftlichen Veranlagung im Sozialverkehr vertrug, ist vor allem darauf zurückzuführen, daß das Bauerndorf im Regelfall eine Wirtschaftsgemeinschaft im kleinen bildete. Die Bearbeitung des Bodens geschah in Form der gegenseitigen Kooperation: diejenigen Dorfbewohner wie Handwerker und Arbeiter, die Landwirtschaft nur im Nebenberuf betrieben, stellten die Arbeitskraft ihrer Familien den Vollerwerbsbauern zur Verfügung, welche diese bei der Bewältigung der vor allem in der Erntezeit anfallenden Arbeitsspitzen nicht entbehren konnten. Im Gegenzug bestellten die Haupterwerbslandwirte mit ihren Gespannen oder Maschinen die Felder ihrer nicht gepannfähigen Dorfgenossen. Da fast jeder Dorfinsasse ein Stück Land sein eigen nannte, entstand auf diese Weise eine das ganze Dorf umspannende Arbeitsbeziehung." (Pyta, Dorfgemeinschaft, 47f)

Diese dörflichen Beziehungen waren nun keineswegs gleichwertig, d.h., in diesem System hatten die Bauern bessere Chancen, ihre Positionen durchzusetzen als die "kleinen Leute". Gleichwohl bestand ein Aufeinanderangewiesensein. Weitere Klammern im Dorf bildeten die Verwandtschaftsverhältnisse, die Bauern und "kleine Leute" ebenso miteinander verbanden wie die Nachbarschaften. Letztere funktionierte dort besonders gut, wo die Mitglieder der Nachbarschaft weitgehend gleich gestellt waren, so daß ein ausgewogenes Verhältnis von Leistung und Gegenleistung bestand.

Damit hatte die dörfliche Struktur in den 1920er Jahren einen unübersehbar statischen Charakter, der durch die weiterhin bestehende Dominanz der dörflichen Eliten – Pastor, Lehrer, Großbauern – noch betont wurde. Allerdings wirkten sich teilweise die neuen Impulse eines allgemeinen Wahlrechts – nach dem preußischen Klassenwahlrecht bis 1918 – dort auf die dörflichen Verhältnisse aus, wo eine stärkere und selbstbewußte Arbeiterschaft existierte. Die Politisierung des dörflichen Lebens nahm damit zu, und öffnete gegen Ende der Weimarer Republik den Nationalsozialisten die Tür, indem sie eine Abwehr aller modernen Lebenserscheinungen versprachen – und wohl nicht einzuhalten gewillt waren.

Ökonomisch bedeuteten die Weimarer Jahre vorrangig eine Krisenzeit, die sich am Ende der 1920er Jahre zuspitzte. Die Verkaufserlöse der deutschen Landwirtschaft stagnierten in der gesamten Nachkriegsphase, die Verschuldung nahm dagegen beständig, und nicht nur im Osten, zu. Zwar gelang durch massiv erhöhte Einfuhrzölle eine Stabilisierung der Getreidepreise, aber die Spuren der Krise blieben noch lange Zeit bedeutsam.


Nationalsozialismus und Krieg

Die dörfliche Entwicklung zwischen 1933 und 1945 ist bis heute zumindest im lokalen Rahmen stark tabuisiert. Als Grund ist nicht nur die Tatsache anzusehen, daß die persönliche Kenntnis auf dem Dorf ausgeprägter ist, sondern auch darin, daß speziell Dorfgeschichte eine hohe aktuelle politische Bedeutung hat und es an Interpretationsansätzen für die soziale und ökonomische Entwicklung im Nationalsozialismus mangelt.

Die politische Entwicklung ist in unterschiedliche Phasen aufzuteilen: Die "Machtergreifung" bedeutet auch für die Dörfer eine Phase der Polarisierung, wobei die Mechanismen von Verfolgung und Einschüchterung hier ebenfalls griffen. Besonders in protestantischen Bauerndörfern war die Akzeptanz der Nationalsozialisten anfänglich sehr hoch. Sie schwächte sich offenbar in der zweiten Hälfte der 30er Jahre weiter ab, wozu das Reichserbhofgesetz und die Zwangsbewirtschaftung landwirtschaftlicher Produkte erheblich beitrugen. Der Nationalsozialismus zerschlug im übrigen auch auf dem Land ein teilweise ausgeprägtes Milieu der Arbeiterbewegung (in den ländlichen "Industrialisierungsinseln").

Hinsichtlich der sozialen Verhältnisse kann von einem Scheitern der nationalsozialistischen Politik vor allem deshalb gesprochen werden, weil die Land-Stadt-Wanderung keineswegs gestoppt, sondern dank der Aufrüstungspolitik eher beschleunigt wurde. Damit wurde eine der Erwartungen der konservativen Dorfbevölkerung in den Nationalsozialismus nicht erfüllt. Andererseits blieb die dringend notwendige Modernisierung des Dorfes in Ansätzen stecken. Das Reichserbhofgesetz blockierte eine marktwirtschaftliche Orientierung, führte statt dessen planwirtschaftliche Elemente ein und verhinderte eine stärkere Mechanisierung der Landwirtschaft. Durch den Abzug von Arbeitskräften infolge der Aufrüstungspolitik wurde das Arbeitskräfteproblem noch verstärkt. Bescheidene "Modernisierungseffekte" traten in unterschiedlichen Bereichen auf, wie der Land-Stadt-Wanderung, der Lockerung vorhandener Statusgruppen innerhalb des Dorfes und der verstärkten Mobilisierung der dörflichen Bevölkerung. Insgesamt waren aber diese Effekte nicht einheitlich.

Ein Hauptziel des Nationalsozialismus war eine Erhöhung der Produktivität, um Deutschland autark werden zu lassen. Dies Ziel wurde nicht erreicht; zwar stieg die Produktion vor dem Krieg um etwa 10 % an, aber das war weniger als in der Weimarer Republik und es wurde durch den Bevölkerungszuwachs wieder aufgewogen. Durch die weiterhin nicht angetasteten Großbetriebe und die unzureichenden finanziellen Voraussetzung für eine Modernisierung wurden die vorhandenen Möglichkeiten für eine weit stärkere Modernisierung nicht genutzt.

Der Krieg führte zu einer erheblichen Verschlechterung der Rahmenbedingungen: die Versorgung mit künstlichem Dünger fiel weit unter die Vorkriegswerte herab, die Viehbestände wurden verringert, Arbeitskräfte abgezogen. Dadurch wurde die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft erheblich beeinträchtigt. So bedeutete die Verringerung der Viehbestände nicht nur, daß sich die Fleischversorgung (speziell mit Schweinefleisch) der Bevölkerung verringerte, sondern daß Dünger und Zugvieh fehlten (letztere waren vorrangig von der Wehrmacht beschlagnahmt worden).

Obwohl die Versorgungssituation im Krieg konstant schlechter wurde, trat keine extreme Unterversorgung wie im Ersten Weltkrieg auf, da in den besetzten Ländern systematisch die dortigen Ernten für die Versorgung der deutschen Bevölkerung requiriert wurden.

Mehrdeutig erscheinen die individuellen und kollektiven Erfahrungen der Kriegsjahre. Sicher dürfte sein, daß der Kriegsausbruch zu keiner Begeisterung der Landbevölkerung führte. Inwieweit wurde aber das dörfliche Normengefüge in Frage gestellt? Welche Konsequenzen ergaben sich aus den stark abweichenden individuellen Erfahrungen der Dorfbewohner, die nicht mehr einen einheitlichen räumlichen Bezugspunkt hatten (Frauen und Kinder blieben im Dorf, Männer wurden eingezogen), während gleichzeitig der Zuzug von Fremden (Evakuierten einerseits, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen andererseits) nicht nur im Gegensatz zu bisherigen Erfahrungen stand (bis dahin waren kaum Menschen in das Dorf gezogen), sondern auch die Selbstwahrnehmung der Dorfbewohner und deren Status änderten?

© Karl H. Schneider 1999