Wissenswertes‎ > ‎

1850 - 1914 Industriealisierung und Landwirtschaft

1850-1914: Industrialisierung und Landwirtschaft

Anreize

Die Probleme beginnen


Anreize

Die Industrialisierung setzte in Nordwestdeutschland erst allmählich ab 1840 ein, sie äußerte sich in der Entstehung neuer Gewerbe (Maschinenbau, Montanindustrie, Textilindustrie) und verbesserten Verkehrsverhältnissen durch den Eisenbahnbau. Die Industrialisierung wurde begleitet von sich herausbildenden regionalen und städtischen Zentren, die nicht nur Arbeitsplätze für Dorfbewohner bereitstellten, sondern wichtige Abnehmer agrarischer Produkte wurden.

Dank der Eisenbahnen gelang der kostengünstige Absatz von Getreide und Vieh zu weiter entfernt liegenden Ballungsgebieten wie dem Ruhrgebiet und Berlin. Beispielsweise wurde im Oldenburger Münsterland, welches bis 1850 stark unter dem Niedergang der Leinenweberei und der Hollandgängerei zu leiden hatte, eine neue exportorientierte Landwirtschaft aufgebaut, die sich vor allem auf Veredelungswirtschaft (Schweinemast) stützte. Eine vergleichbare erfolgreiche Anpassung an die neuen Rahmenbedingungen stellte der Übergang zum Zuckerrübenanbau in der Calenberger Börde dar. Die speziell ab den 1880er Jahren möglichen hohen Einkommen spiegeln sich bis heute in den repräsentativen "Rübenburgen" dieser Region wider.

Individualisierung der Feldnutzung, Fruchtwechselwirtschaft, neue Feldfrüchte (Kartoffeln, Rüben), verbesserte Viehzucht und Viehmast, moderne Ackerwirtschaft und besserer Dünger, ab den 1880er Jahren Kunstdünger, bewirkten eine erhebliche Steigerung der Erträge. Dank der steigenden Nachfrage durch städtische Verbraucher wurden die Produkte zu relativ hohen Preisen abgesetzt. Die Zeit zwischen 1850 und 1900 gehört damit zu den goldenen Jahrzehnten der deutschen und niedersächsischen Landwirtschaft.

Diese erfolgreichen Jahre spiegeln sich in vielen Dörfern wider. Nun konnten die Bauern ihre Betriebe um- oder gar neu bauen, wie im Gebiet der Calenberger Börde. Nur dort, wo erst wenige Jahrzehnte zuvor aufwendige Bausubstanz entstanden war, wie im Osnabrücker Artland, kam es nicht zu einer umfassenden Neubautätigkeit.

Auch für die "kleinen Leute" boten sich neue Möglichkeiten, die sich in zahlreichen Neubauten insbesondere am Rande des Dorfes an den neu entstandenen Feldwegen niederschlugen. Die "kleinen Leute" blieben wichtig für das Dorf. Viele von ihnen arbeiteten nach und nach im Hauptberuf außerhalb der Landwirtschaft, behielten aber ein Stück, das von den Bauern bewirtschaftet wurde. Als Gegenleistung waren Arbeitsdienste auf den Bauernhöfen zu erbringen. Es gab also weiterhin wechselseitige Arbeitsbeziehungen zwischen den Dorfbewohnern. Als dritte Gruppe konnten sich die Kleinbauern noch behaupten, da sie bei den gestiegenen Erträgen und vergleichsweise hohen Preisen genug Einnahmen auch aus Betriebsgrößen von 10 ha erhielten.

So ist es nicht verwunderlich, daß der Anteil der kleinen Betriebe mit weniger als 20 ha Land schon 1885 44 % der Gesamtbetriebszahlen ausmachte. Bis Mitte der 1920er Jahre nahmen alle Betriebsgrößengruppen noch weiter zu.

Auch wenn der Begriff Industrialisierung etwas anderes suggeriert: Mechanisierung, und damit Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen, fand vor 1900 nur ansatzweise statt. Lediglich Großbetriebe konnten sich die neuen Maschinen, etwa Lokomobile, leisten. Für die meisten Arbeitsabläufe wurden weiterhin Menschen in großer Zahl benötigt. Zwar wanderten insbesondere Landarbeiter und Gesinde in größerer Zahl aus dem Land ab, da die Einkommen hier im Vergleich zur Industrie zu niedrig waren, aber dies geschah nicht in einem Ausmaß, welches eine schnelle und umfassende Mechanisierung erzwang.

Landwirtschaft blieb in dieser Phase trotz vieler Modernisierungen personalaufwendig. Die Abwanderung von Arbeitskräften in die Industrie wurde teilweise durch saisonale Wanderarbeiter kompensiert, deutliche Mechanisierungsfortschritte gab es erst seit der Jahrhundertwende (Dreschmaschine, Drillmaschinen, Zentrifugen). Insofern waren die Befürchtungen einiger Zeitgenossen, daß durch die Individualisierung der Feldnutzung die Auflösung der Dorfgemeinschaft eintreten würde, übertrieben. Allerdings wurden die alten Geselligkeitsformen durch neue ersetzt, wobei das bürgerliche Vereinswesen für dörfliche Zwecke umgestaltet bzw. angepaßt wurde. Zugleich veränderte sich die soziale Zusammensetzung der Dörfer, die breite gewerbliche Schicht der vorindustriellen Phase, also insbesondere die Leineweber, verschwand häufig, Dörfer wurden damit "bäuerlicher". Allerdings fanden in einigen Teilen Nordwestdeutschland dörfliche Unterschichten neue Erwerbsmöglichkeiten, etwa in der Korbmacherei oder in der Zieglerarbeit. Damit schuf die Industrialisierung neue Erwerbsmöglichkeiten. Dies galt erst recht in der Nähe der Großstädte oder ländlicher Industriereviere wie im Schaumburgischen, bei Barsinghausen oder der Ilseder Hütte. Gleichwohl blieb der Bezug zur Landwirtschaft bestehen, denn auch die Arbeiter bewirtschafteten – häufig mit Hilfe der Bauern, den sog. Pflugbauern – ein wenig Land. Als Gegenleistung hatten sie, bzw. ihre Frauen, bei den Bauern zu arbeiten. Damit war speziell für die mittleren Betriebe das Arbeitskräfteproblem weitgehend gelöst.

Das alles änderte nichts daran, daß der schnelle Bevölkerungsanstieg der Industrialisierung an den Dörfern weitgehend vorbeiging. Nur in einigen Arbeiterdörfern gab es zwischen 1850 und 1914 ein starkes Wachstum, in Regionen ohne gewerbliche Impulse blieb das Wachstum stark begrenzt, so daß allein deshalb das dörfliche Leben einen ruhigen Eindruck machte. Das darf allerdings nicht darüber hinweg täuschen, daß wichtige Modernisierungen stattfanden; neben den erwähnten Hausbauten zählten dazu innerhäusliche Modernisierungen, Neubau von Schulen, Einrichtung von Postämtern, Errichtung von Kolonialwarenläden. Damit änderte sich das Erscheinungsbild vieler Dörfer innerhalb einer Generation. Dank eines Neubaubooms bei Kleinbahnen, der nach dem Erlaß des preußischen Kleinbahngesetzes von 1892 einsetzte, erhielten nun viele ländliche Siedlungen einen günstigen und vergleichsweise schnellen Anschluß an die städtische Welt.

Eine weitere Folge der Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft war eine erhebliche Ausdehnung der landwirtschaftlich genutzten Fläche. Zwischen 1800 und 1900 ging insbesondere der Anteil der extensiv genutzten Flächen und des sog. Ödlandes drastisch – wenngleich nicht in gleichem Maße wie nach 1950 – zurück.

Die Vergrößerung der landwirtschaftlich genutzten Fläche bedeutete in erster Linie eine Zunahme des Ackerlandes: durch Aufteilung der Gemeinheiten, durch Kultivierung von Ödland und durch Nutzung des bisherigen Brachlandes. Der Zuwachs war speziell in den Geestgebieten hoch, in den Bördegebieten dagegen deutlich niedriger. Außerdem setzte eine intensive Grünlandwirtschaft ein, ermöglicht durch Bewässerung bzw. Trockenlegung von Wiesen. In Niedersachsen läßt sich eine erkennbare Zunahme des Waldes verzeichnen, der erst nach den Reformen, insbesondere den Gemeinheitsteilungen, eine systematische Pflege erfuhr; in den nordöstlichen Gebieten Niedersachsens fanden in großem Stil Aufforstungen statt. Insbesondere diese Tatsache verweist darauf, daß die Landschaft Niedersachsens um 1800 keineswegs eine naturnahe war, sondern unter menschlichen Eingriffen teilweise erheblich zu leiden hatte. Bodenerosionen, je regelrechte Devastierungen gab es in den Heide- und Geestgebieten Norddeutschlands. Hier hatte etwa de Plaggenhieb zu einem regelrechten Raubbau an der Landschaft geführt.

Eine der großen Aufgaben und Herausforderungen der Landwirtschaft des 19. Jahrhunderts bildete die Versorgung einer schnell wachsenden Bevölkerung. Das dies nicht nur gelang, sondern die Qualität der Ernährung erheblich gesteigert werden konnte, gehört zu den großen Leistungen des 19. Jahrhunderts. Gegenüber der vorindustriellen Phase bedeutete dies das Ausbleiben der bis dahin üblichen periodischen Hungerkrisen. Die letzte große Hungerkrise in Europa endete 1845, danach gab es zwar noch einzelne Mißernten, aber keine Massenkrise. Gleichzeitig verbesserte sich die Versorgung der Bevölkerung mit hochwertigen Nahrungsmitteln wie Obst, Gemüse und Fleisch.

Dies gelang durch den Anbau neuer Früchte für die menschliche und tierische Ernährung und durch Ertragssteigerungen. Unter den neuen Früchten sind die Kartoffel und die Zuckerrübe besonders hervorzuheben. Zwar war die Kartoffel schon wesentlich länger bekannt, aber erst im 19. Jahrhundert erfolgte deren allgemeine Einführung sowohl für die menschliche als auch tierische Ernährung (etwa als Schweinefutter). Im 19. Jahrhundert begann zudem der Siegeszug der Zuckerrübe. Dank einer Erhöhung des Zuckergehalts und besseren Produktionsmethoden konnte seit den 1860er Jahren die Produktion erheblich ausgedehnt werden. Wurden 1860/61 erst 126.000 t produziert, so waren es 1910/11 fast 2,6 Mill. t, so daß Deutschland zu einem der wichtigsten Zuckerexportländer wurde. Der Zuckerrübenanbau war allerdings auf einzelne Regionen Deutschlands begrenzt, zu denen die Calenberger Börde gehörte. Hier war außerdem die Fruchtfolge so angelegt, daß sie mit der Viehzucht optimal harmonierte; die Abfälle konnten direkt als Viehfutter weiter verwertet werden.

Ohnehin bedeutete die Ausdehnung der Viehzucht einen erheblichen Fortschritt gegenüber der vorindustriellen Phase, denn sie ermöglichte eine hochwertige Eiweißversorgung der Bevölkerung. Dabei gab es erhebliche Verschiebungen: innerhalb eines Jahrhunderts wurde die zuvor so bedeutsame und die Viehzucht zumindest hinsichtlich der Größenverhältnisse dominierende Schafhaltung bedeutungslos, stagnierte die Rindviehzucht und expandierte die Schweinehaltung und Schweinemast. Da zudem sich die Schlachtgewichte bzw. die Milchleistung erhöhten, konnten die tierischen Produkte zur Versorgung der Menschen innerhalb der ersten 80 Jahre des Jahrhunderts verdreifacht werden, während im gleichen Zeitraum die Bevölkerung sich verdoppelte. Diese bedeutete, daß innerhalb eines Jahrhunderts der Fleischverbrauch pro Kopf der Bevölkerung von 17 auf 52 kg anstieg.

Die Verbesserung der Produktivität bezog auch das neue Ausbildungssystem der Landwirtschaftsschulen mit ein. Schon früh war an der Universität Göttingen eine systematische landwirtschaftliche Ausbildung eingeführt worden, im 19. Jahrhundert entstanden dann landwirtschaftliche Schulen überall im Land, wie in Hildesheim, Ebstorf oder Quakenbrück. Hinzu kamen Winterschulen und für die Mädchen landwirtschaftliche Haushaltungsschulen in nahezu allen Regionen des Landes.
Die Probleme beginnen

Bis etwa um die Jahrhundertwende war die Situation der Landwirtschaft relativ günstig; danach, teilweise schon zuvor, verschlechterte sie sich nach und nach. Diese Verschlechterung lag vorrangig daran, daß die deutsche Landwirtschaft sich plötzlich Konkurrenten gegenüber sah. Seit den 1870er Jahren wurde eine weitere Seite der Industrialisierung sichtbar: die immer stärkere Verbindung von internationalen Märkten. Wichtige Impulse gingen dabei von den USA aus. Dort konnten nach dem Ende der Sezessionskriege die Anbauflächen für Getreide erheblich ausgedehnt werden. Mit dem schon während des Krieges erlassenen Home-Stead-Act von 1862 wurden auch deutsche Einwanderer in den Mittleren Westen geholt. Da es aber an ausreichenden Arbeitskräften für die riesigen Flächen in den USA fehlte, gab es schon früh eine im Vergleich zu Deutschland viel stärkere Tendenz zur Mechanisierung, was wiederum zu einer erhöhten Produktivität führte. Für die steigenden Produktionsmengen gab es in den USA bald keinen ausreichenden Mark mehr. Mit dem Ausbau eines nationalen Eisenbahnnetzes in den USA und dem Aufkommen der atlantischen Dampfschiffahrt wurden außerdem die Frachtkosten drastisch gesenkt. Nun drängte amerikanisches, bald aber auch russisches oder indisches Getreide auf den europäischen Markt.

Hierauf war die deutsche Landwirtschaft kaum vorbereitet. Obwohl es seit den 1880er Jahren eine erkennbare Abwanderung in die Städte gab, reagierten darauf weder die ostelbischen noch die westelbischen Betriebe mit einer höheren Rationalisierung und Mechanisierung. Für viele der kleinen und mittleren westlichen Betriebe war eine solche allerdings auch kaum denkbar, denn für die vorrangig mit familieneigenen Kräften arbeitenden Betriebe fehlten die finanziellen Voraussetzungen. Erst unter dem massiven Druck der Abwanderung vieler Landarbeiter setzte um die Jahrhundertwende eine stärkere Mechanisierung auf den Gütern ein.

Statt auf eine gezielte Modernisierung setzte insbesondere die ostelbische Landwirtschaft auf eine Veränderung der politischen Rahmenbedingungen: durch erhöhte Einfuhrzölle und eine grundlegende Agitation gegen eine industrialisierte Gesellschaft sollten die eigenen Positionen gefestigt werden. Damit hatte die Agitation eine weitreichende Folge für die weitere Entwicklung der deutschen Gesellschaft. Die ländliche Gesellschaft wurde zum Gegenmodell zur scheinbar schlechteren urbanen und industriellen Gesellschaft gesehen; die vielen Vorteile, die sie von letzterer hatte, wurden hingegen verneint und geleugnet. Statt dessen wurden immer wieder negative Konsequenzen angeprangert: neben den hohen Preisen für Getreide speziell die Abwanderung der Landarbeiter in die Städte.

© Karl H. Schneider 1999