Bosauer Reliquien

Die geheimnisvollen Bosauer Reliquien


Der Reliquienkult war im 13./14. Jahrhundert ein ganz bedeutender Bestandteil der Heiligenverehrung. Man glaubte, dass in den Körperteilen oder den nachgelassenen Kleidungsstücken sich noch geistige Kraft befand.

Und da die Heiligen zu ihren Lebzeiten immer Wunder vollbracht hatten, erhofften sich die Gläubigen von den irdischen Resten die gleichen Wunderdinge.

Alles, aber auch wirklich alles, konnte zur Reliquie werden.

Knochen, Haare, Fingernägel, Tuchfetzen, Eisennägel, Holzsplitter ... und, und, und,

es kam nur auf die richtige Geschichte dazu an.

Natürlich war ein Splitter vom Kreuz Christi wertvoller, als ein Oberarmknochen von einem Heiligen. Aber eines hatten alle gemeinsam, sie versprachen und vollbrachten Wunder.

Die Nachfrage nach solchen Dingen war groß, der Bedarf gewaltig, die Preise ebenfalls.

Auch in unseren Kirchen hier in Schleswig-Holstein gab es zur katholischen Zeit haufenweise Reliquien. Im Kloster Cismar waren es über 800 und in der Klosterkirche von Bordesholm, wo Vicelin begraben liegen soll, gab es noch mehr Reliquien.

Heutzutage müssen Sie schon lange suchen, um noch irgendeine in einer evangelischen Kirche zu finden.


Dass auch die Bosauer Vicelinkirche Reliquien beherbergt, ist schon fast vergessen und nur noch Eingeweihten bekannt.

In unmittelbarer Nähe, nämlich in Eutin, ist noch eine alte Reliquie erhalten, sonst aber im weiten Umkreis keine mehr.

Die Reliquie in der Eutiner Kirche ( gegründet im 13. Jahrhundert) ein Splitter vom Kreuz Christi befindet sich noch heute hinter einem Bergkristall im Corpus Christi am spätgotischen Kruzifix.

Die Bosauer Reliquien sind aber zahlreicher und ungleich interessanter.

Außergewöhnlich für eine schlichte Dorfkirche ist nicht nur die Vielzahl , sondern auch die Aufbewahrungsart.




Üblicherweise sind sie sonst für alle sichtbar ( wie in Eutin) und ein Stolz der Kirche.

Hier sieht es mehr nach einem geheimen Versteck aus.


Bei einer Restaurierung des Christuskorpus am Triumphkreuz wurden sie 1915/16 zufällig in einer versteckten Öffnung im Christuskopf gefunden !

Pastor Piening schreibt 1917 schlicht und einfach dazu :

>> In dem Haupte des Herrn befanden sich noch in kleinen, seidenen Beuteln 5 Reliquien :

4 Knochenstücke der heil. Maternianus, Laurentius, Mauritius und 11ooo Jungfrauen, sowie ein Steinchen von Tabor...<<


Eine größere Erwähnung war ihm dieser Fund nicht wert. Zugegeben, äußerlich machen diese Fundstücke nicht viel her. Aber angesichts der Tatsache, dass heutzutage kaum noch alte Reliquien in Schleswig-Holstein zu finden sind und des ungewöhnlichen Aufbewahrungsortes, doch ein Fund den man sich näher anschauen sollte.






Die erste Reliquie befand sich in einem gestreiften Beutelchen.

Inhalt : Etwas Erde und ein mürbes Knochenstückchen. Beiliegend ein kleiner Pergamentstreifen mit der Aufschrift de materniano .

Maternianus soll der Legende nach der Jüngling von Nain gewesen sein. In Nain – südwestlich vom See Genezareth – soll Jesus einen toten Jungen vor den Augen seiner Mutter zum Leben erweckt haben. Das Ereignis wird üblicherweise als der >> Jüngling von Nain << tituliert.











Die zweite Reliquie ,ebenfalls in einem kleinen Beutel , diesmal aus rotem Seidenstoff, war ein kleiner Kalkstein. Auf dem dazugehörigen Pergamentstreifen die Worte de monte Tabor.


Tabor ist ein Berg in Nordisrael. Die christliche Überlieferung bringt die Verklärung des Herrn mit dem Berg Tabor in Verbindung. Nach biblischer Darstellung erschien Jesus dabei seinen Jüngern in seiner göttlichen Gestalt.













Die dritte Reliquie lag ungeschützt in einem Pergamentstreifen. Laut der Aufschrift handelt es sich um einen Knochensplitter vom Heiligen Laurentius.

Der hl. Laurentius wurde für seinen Glauben am 10. April 258 auf einem glühenden Rost gebraten. Seitdem als Märtyrer verehrt.





Die vierte Reliquie bestand aus mehreren kleinen Knochenteilchen, diese steckten in einem grünen Seidenbeutel.

Auf dem Pergamentstreifen wird auf die 11 000 Jungfrauen hingewiesen.

Bei der Reliquie mit den kleinen Knochenteilchen der 11. 000 Jungfrauen, handelt es sich der Legende nach um Ursula und ihre Begleiterinnen.

Bei Ursula soll es sich um eine britische Königstochter handeln. Sie hatte die Werbung eines heidnischen Königssohnes zurückgewiesen und Jungfräulichkeit gelobt. Mit ihren Gefährtinnen war sie mit einem Schiff von England kommend rheinaufwärts gefahren, bei Köln wurden dann alle durch Heiden umgebracht.

Von der Echtheit dieser Reliquie bin ich übrigens überzeugt. Aber nur insofern, dass diese Knochen tatsächlich aus Köln stammen und nicht dass sie Reste von schönen Jungfrauen sind.

Ursula-Reliquien waren für das mittelalterliche Köln ein Wirtschaftsfaktor sondergleichen. Nach Rom wohl der größte Reliquienlieferant überhaupt. Mit ihren antiken Gräberfeldern und zahllosen Knochenfunden hatten sie genug Material um jede Nachfrage zu bedienen. Die Reliquien gingen in alle Welt, später in elfenbeinernen Kästchen und eigens hergestellten Reliquienbüsten.



Die fünfte Reliquie, diesmal in gelbem Seidenstoff eingewickelt, war ein Splitter eines Röhrenknochens. Die Begleitschrift nennt den Heiligen Mauritius.

Dieser wird in der römisch – katholischen Kirche seit dem 4. Jahrhundert als Heiliger verehrt. Der Legende nach war er der Anführer der Thebäischen Legion, die vorwiegend aus Christen bestand. Die Männer meuterten, da sie nicht gegen andere Christen kämpfen wollten. Ohne Gegenwehr wurden alle – Offiziere und Mannschaft – hingerichtet, starben also als Märtyrer für ihre Religion.

Mauritius soll auch im Besitz der Heiligen Lanze gewesen sein. Der Heilige wurde vor jedem Gefecht oder Schlacht angerufen.

Ferner ist er Schutzpatron der Messer- u. Waffenschmiede, Färber, Krämer, Hutmacher, Salzsieder, Tuchmacher usw.

Er wird angerufen bei Ohrenleiden, Besessenheit und Gicht.



Bis auf das Steinchen von einem Berg in Palästina, alles Knochen von Märtyrern.







Heutzutage finden die Bosauer Reliquien in der Literatur kaum noch Erwähnung. Meiner Meinung nach zu unrecht.


1996/97 wurden im Dom zu Halberstadt, Sachsen-Anhalt, im dortigen Triumphkreuz ebenfalls im Christuskopf Reliquien gefunden.

Laut Presse und anderer Medien ein Sensationsfund !

Nachfolgend einige Zeilen aus einer Pressemitteilung :

Sensationeller Reliquien- Fund in Halberstadt.

..... Kurz vor Abschluß der Restaurationsarbeiten an der großen Triumphkreuzgruppe im Halberstädter Dom wurden im Haupt der Christusfigur eine Steinplatte, drei kleine Stoffbeutel mit Knochensplittern und ein Papierknäuel entdeckt.... Schmale Pergamentstreifen in jedem Bündel, dürften die sogenannte „Authentik“ darstellen, die nach mittelalterlichem Brauch als Beglaubigung den Namen des Heiligen tragen, dessen Reliquien enthalten sind....

Die Funde wurden natürlich wissenschaftlich untersucht und erst kürzlich wieder an ihren Fundort verbracht. Ob aber die Kunsthistoriker in Halberstadt etwas von den Bosauer Reliquien wissen, wage ich zu bezweifeln.



Bei den Bosauer Reliquien kann ich nur auf meinen Artikel >> Reliquien der Bosauer Kirche<< erschienen im Jahrbuch für Heimatkunde Eutin, 1996, verweisen.

Weitere Geschichten aus der Gemeinde, finden Sie in meinem Buch

>> Bosau – Auf der Spur von Bränden und rätselhafte Todesfälle <<



Der Bericht über die Geheimnisse und Rätsel der Bosauer Kirche wird fortgesetzt mit Bosau - eine slawische Opferstätte?.


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Erwähnte und benutzte Literatur :

>> Die Petrikirche Vicelins in Bosau<< von J. Piening, 3. Auflage, 1917, Seite 6

Artikel : >> Splitter vom „wahren Kreuz“?<< von Katharina Funke, 1996

Bildquelle : Bilder stammen von Herrn Helmuth Schröder, Hutzfeld.

Die letzte Aufnahme von Herrn Peter Thoms, Plön

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