Bosauer Gregorsmesse und Höllenfahrt


Die meisten Besucher der Bosauer Kirche werden das nebenstehende Motiv noch nie gesehen haben, trotzdem gehört es mit zum Ältesten was die Kirche zu bieten hat.

Der alte Altar, ich meine damit den Altar vor der Restaurierung 1915, hat natürlich auch eine Rückwand. Diese Rückansichten werden in der Literatur recht stiefmütterlich behandelt, abgebildet wird meistens nur die Vorderansicht.

Bis dato hatte auch ich keine Veranlassung mich damit näher zu befassen. Es gibt zu wenig Fakten, keine Fotos, nur Hypothesen, Vermutungen und Behauptungen, also im Grunde nichts worüber man an dieser Stelle berichten könnte.

Zwischenzeitlich hat sich die Sachlage Dank Ihrem Interesse etwas geändert.

Aber alles der Reihe nach und damit Sie dies auch besser verstehen können , nochmals einige Bilder die den zeitlichen Ablauf zeigen.








Das linke Bild zeigt den Altar vor 1915. Als Altarbild fungierte das Epitaph von Henning Meyer von ca. Anno 1740.

Das zweite Bild zeigt das alte Altarbild an der Südwand mit barockem Aufsatz und der Mutter Gottes.


Dann wurde das alte Schnitzretabel von der Südwand genommen, "aufgemöbelt", die Figuren umgesetzt und bekamen neue Namen. Der verfälschte Vicelin wurde im Altaraufsatz integriert.


Der barocke Aufsatz hängt jetzt an der Nordwand im Chor, die Madonna allein auf einem Sockel und das Epitaph an der Südwand.


Bei dieser großen Umarbeitung und Neugestaltung wurde auch die Rückseite des reaktivierten Altarretabels mit einbezogen.


Pastor Piening schreibt 1913 : >> Der Altar ist ein Schrank, welcher für gewöhnlich mit den Türen geschlossen und nur an den Hauptgottesdiensten geöffnet wurde. Deshalb sind auch die Rückwände der Türen bemalt. Auf der rechten Tür von Christus aus ist der Sündenfall im Paradiese : Adam und Eva mit dem Apfel im Garten und die Inschrift : "Mensch, weil du so gesündiget hast, so sol tu des Todes sterben".

Darunter steht nach links : Ich der Herr dein Gott", rechts "das paradisus". Auf der linken Tür ist Christus am Kreuz und die Inschrift : "Ich bekenne eine genüghaffte Bezahlung für alle Menschenkinder" Darunter steht links : Das Gehsis", rechts : "Gott dein Schöpfer".

Diese Bemalung ist von 1664. ....<<

1917 schreibt er zum gleichen Thema : >> ...Deshalb waren die Rückseiten der Flügel bemalt. Bei der Verwüstung der Kirche 1627 wurden die Bilder beschädigt und deshalb 1664 von Hans Welcker aus Lübeck ungeschickt übermalt ......... Es ist Meister Jensen gelungen, auf dem linken Flügel die Uebermalung zu entfernen und die ursprünglichen Bilder wieder herzustellen. Diese Bilder sind also mindestens 600 Jahre alt und stellen dar oben links die Kreuzigung, recht die Grablegung Christi, unten links die sogn Gregorianische Messe : die Verwandlung im heil. Abendmahl, rechts die Höllenfahrt : Christus hält Adam, Eva und Kain die Hand hin, über welchen der Kopf des Höllenhundes und hinter denen die Höllenpforte...<<

Soweit Pastor Piening. Nur so nebenbei möchte ich hier auf seine Lieblingsbehauptung hinweisen : >> Bei der Verwüstung der Kirche 1627 wurden die Bilder beschädigt und deshalb ....<< Dabei hatte der Restaurator eben das ältere Bild freigelegt, es war also mehr oder weniger unzerstört.

Eine ganz gewöhnliche Umarbeitung, dem Zeitgeist entsprechende Veränderung des Altars , kommt ihm gar nicht in den Sinn. Dasselbe hatte er aber gerade mit der Vorderseite des Altars gemacht. Ohne Rücksicht auf das Original wurde auch1915 eine neue Vorderansicht geschaffen.

Leider habe ich kein Foto, das die Rückseite nach der Freilegung zeigt. Ich hoffe aber und gehe davon aus, dass der Restaurator tatsächlich nur die Übermalung entfernt hat und kein neues Kunstwerk fertigte.


Pastor Gerber schreibt 1978 :>> Das Bild auf der Rückseite des Flügelaltars, das kaum erkennbar war, wurde von dem Kunstmaler Hurte wieder anschaulich restauriert. Es stellt dar die Grablegung Christi, die Gregorianische Messe .......<<.

Also nicht nur bei Pastor Piening, sondern auch bei Pastor Gerber, taucht immer der Begriff Gregorianische Messe auf.

Übrigens nicht nur bei den Beiden, sondern in allen offiziellen Beschreibungen bis heute.

Ich kannte diesen Begriff nur für die Feier einer Messreihe von 30 Messen hintereinander ( an 30 Tagen) für einen Verstorbenen und konnte dies nicht mit dem Altarbild in Verbindung bringen. Ich legte deshalb erstmal diese Beschreibungen beiseite, zumal ich keine alten Fotos von der Rückseite des Altarflügels habe.


Dann erreichte mich ein Anruf und die Frage nach der Gregorsmesse in der Bosauer Kirche. Ich war ziemlich hilflos, diesen Begriff kannte ich nicht. Machte mich deshalb erst einmal kundig. Danach platzte bei mir der Knoten.

Pastor Piening hatte 1913 zwar das Richtige gemeint , aber den falschen Begriff gewählt und alle anderen hatten dann wie üblich nur abgeschrieben.

Der Begriff Gregorsmesse leitet sich von folgender Legende ab :

Bei einer von Papst Gregor zelebrierten Abendmahlfeier erscheint vor ihm und anderen geistlichen Würdenträgern, die an der Identität von Brot und Wein mit dem realen Leib und Jesu zweifeln, leibhaftig der Schmerzensmann und sein Blut floss in den Messkelch

Bei der nun durchgeführten Recherche fand ich einige Zeilen in dem Buch

>> Deutsche Schnitzretabel des 14. Jahrhunderts <<

Zum Retabel in Bosau steht dort folgendes : >> Die Malerei außen an den Flügeln zeigten bis 1915 links den Sündenfall (1664, von dem Lübecker Maler Hans Welcker), rechts einen dilettantischen Kruzifixus; an dessen Stelle wurden inzwischen Bilder freigelegt, die sicher auch nicht zum originalen Bestand gehören, vermutlich sogar nachmittelalterlich sind; oben links die Kreuzigung, daneben die Grablegung, links unten die Gregorsmesse, daneben Christi Höllenfahrt ...<<

Außer, dass in diesem Artikel der richtige Begriff, nämlich Gregorsmesse, verwandt wurde erfahren wir nicht viel neues. Der Verfasser des o.a. Artikels hat das Retabel übrigens nie im Original gesehen, was aus einer Fußnote ersichtlich ist und die Vorderansicht falsch interpretiert , weil ihm die Fakten (Fotos), die ich Ihnen in meinem Artikel über den Altar mitgeteilt habe, nicht bekannt waren.

Alle diese Tatsachen begründen aber nicht allein meinen Sinneswandel der Rückwand des Altars auch einen Artikel zu widmen, sondern das mir zugeschickte Foto von der Preetzer Gregorsmesse.

Hierbei handelt es sich um ein sogn Votivbild, H. 73, B. 50 cm auf Holz gemalt.

Ich stelle Ihnen mal beide Motive gegenüber.

Klosterkirche Preetz  

St. Petri Kirche  Bosau



Beide Darstellungen des stehenden Christus als "Schmerzensmann" sind sich sehr ähnlich. Nun sind zwar beide Bilder restauriert worden und von keinem kenne ich das ursprüngliche Aussehen , doch die Gestaltung Christus in der Mandorla auf beiden Motiven ist verblüffend, zumal sie in dieser Form nicht so häufig vorkommt.


Nun soll das Bildmotiv der Gregorsmesse Mitte bis Ende des 15. Jahrhunderts eine weite Verbreitung gehabt haben, aber die Darstellung Christus in der Mandorla habe ich so noch nicht gesehen.

Ein Grund für die Beliebtheit dieses Motivs soll übrigens sein, dass das Gebet vor solch einem Altarbild, mit einem Ablass für den Betenden verbunden war.

Für mich mit einer der Gründe weshalb das Bild damals übermalt wurde - es war der Gemeinde zu katholisch .














Übrigens auch unter dem Motiv >> Adam und Eva << befinden sich noch weitere Bilder, aller Wahrscheinlichkeit nach auch aus dem Leben Jesus. Da die Bilderreihe auf dem rechten Flügel mit der Kreuzigung beginnt, muss auf dem linken Flügel die Leidensgeschichte usw. zu finden sein.




Doch im Gegensatz zu Pastor Pienings Behauptung, gehen auch diese Bilder nicht auf die ursprüngliche Bemalung des Altars zurück.

Fakt ist :Wenn die Kunsthistoriker auch nur annähernd Recht haben mit Ihrer Einschätzung, ist der Altar rund hundert Jahre älter als die Gregorsmesse und demnach müsste es vor diesem Motiv noch eine andere Bemalung des Altars gegeben haben, denn ein katholischer Altarflügel ist ohne diese nicht denkbar.





Trotzdem sind zur Zeit die vier Bilder auf der Rückseite des rechten Altarflügels,


Kreuzigung, Grablegung, Gregorsmesse und Höllenfahrt -

die ältesten Kunstwerke die der Bosauer Altar zu bieten hat.

Die Übermalung auf der Rückwand des linken Flügels stammt aus dem 17. Jahrhundert, die Vorderansicht ist im 20. Jahrhundert mehrfach umgestaltet worden und darüber hinaus seiner Farbfassung beraubt .



Übrigens gibt es in der Preetzer Klosterkirche noch eine weitere Darstellung der Gregorsmesse und zwar auf dem ehemaligen Laienaltar. Leider ist er sehr ramponiert , es fehlen mehrere Figuren.

Auf den Außenflügeln waren, ähnlich wie beim Bosauer Altar, :

1. Kreuzigung,

2. Gregorsmesse,

3. Kreuzabnahme,

4. Dornenkrönung und eine weitere Szene abgebildet.

Leider sind von den Darstellungen auf dem Preetzer Laienaltar nur noch klägliche Reste erhalten geblieben und ermöglichen keinen Vergleich mit dem Bosauer Altar.

Trotzdem sollten Sie sich diese Relikte aus dem 15. Jahrhundert ansehen,

vielleicht werden Ihnen ja einige Sünden erlassen!

Beide - Klosterkirche Preetz und St. Petri Kirche Bosau - bieten Kirchenführungen an, ob Sie dabei auch auf die Gregorsmesse aufmerksam gemacht werden, ist reine Glücksache.


Beide Orte könnten auch auf einer Fahrradtour miteinander verbunden werden.

Durch das landschaftlich reizvolle und historisch interessante ehemalige Slawenland vorbei an der Slawenburg bei Scharstorf, gelegen auf der Halbinsel im Scharsee östlich von Preetz, auf dem Weg nach Plön.

Dann vorbei an der Slawenburg Plune, gelegen auf der Insel Olsborg im Plöner See, direkt am Seeufer entlang nach Bosau zur St. Petri Kirche.

Möchten Sie noch mehr über den Begriff Gregorsmesse lesen, dann klicken Sie hier.

Sollten Sie an weiteren Darstellungen der Gregorsmesse interessiert sein, dann klicken Sie hier.

Vergleichen Sie mal die Darstellungen des "Schmerzenmannes" mit denen von Bosau und Preetz und Sie werden meinen Sinneswandel verstehen.



Beachten Sie auch : Die Vikarien der Bosauer Kirche


Das nächste Thema behandelt >> Bosau - slawische Burgen und Siedlungen<<

Keine vor hundert Jahren aufgestellten und seitdem immer wiederholten Behauptungen, sondern neueste Fakten.

<<vorheriger Bericht  nächster Bericht>>






Erwähnte und benutzte Literatur :

>> Die Kirche zu Bosau am Plöner See<< v. Johannes Habich, Matthias Hartenstein

Verlag : Langewiesche- Bücherei

>>Die Petrikirche Vicelins in Bosau<< v. J. Piening, 1913 und 1917

>> Deutsche Schnitzretabel des 14. Jahrhunderts<< von Norbert Wolf,

Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 2002

Artikel >> Über die Petrikirche in Bosau<< v. Hans Gerber, im Jahrbuch für Heimatkunde Eutin, 1978














Comments