Bosauer Altar

Ist der Bosauer Altar aus dem 14. Jahrhundert ?

oder

Die wundersame Wandlung des Bosauer Altars

Vorab einige Zeilen aus dem kleinen Büchlein :>> Die Kirche zu Bosau am Plöner See<<

Seite 15 : >> Der weithin bekannte Flügelaltar wurde in der Zeit um 1350 bis 1370 von einem unbekannten Meister geschaffen........... Im Mittelfeld des Altars thront der wiederkommende Christus ..... Die kleinen Figuren links und rechts darunter stellen Moses mit den Tafeln der zehn Gebote und Abraham als Urvater ... Seitlich, in erneuerten Arkaden, stehen die Apostel als Zeugen Christi, sowie Maria und Johannes der Täufer......... Daß Johannes der Täufer mit dargestellt ist, könnte ein Anzeichen dafür sein, daß dieser Altaraufsatz besonders für diese Kirche geschaffen wurde, .......<<


Gerade mit diesem zuletzt zitierten Satz haben die Schreiber ausnahmsweise recht, aber anders als gemeint.



Denn der hochgelobte Altaraufsatz ist, so wie er sich zur Zeit darstellt, eine Neuschöpfung. Auch Johannes den Täufer gibt es erst seit 1915.

Doch alles der Reihe nach :


Im 19. Jahrhundert hing der heutige Hauptaltar noch mit barockem Aufsatz und Unterschwung an der Südwand der Kirche. Dem damaligen Pastor J. Piening verdanken wir eine genaue Beschreibung des Werkes.

In seinem Büchlein >> Die Petrikirche Vicelins in Bosau << schreibt er 1893 auf Seite 15 :

>>...Über dem ganzen Epitaphium aber steht als Königin gekrönt die Mutter Gottes mit dem Christkinde ....

Auf dem Mittelfelde in der Mitte sitzt Christus und ruft mit erhobenen Händen die Toten unter sich, die aus ihren Gräbern hervorkommen.

Von ihm aus zur Rechten stehen :

S. Petrus, Maria, S. Jakob Major ,S. Jakob Minor, S. Philippus, S. Thomas, S. Simon

Und darunter die Brustbilder von den 5 klugen Jungfrauen und den Propheten Hosea, Daniel, Hesekiel, Jeremias, Jesajas

Links aber von dem Heilande befinden sich :

S. Judas Thade, S. Paulus, S. Johannes, S. Andreas, S. Matthias, S. Matthäus, S. Bartholomäus und darunter die Brustbilder von den 5 thörichten Jungfrauen und den Propheten : Joel, Amos, David, Objade, Jonas. <<


Soweit der Originaltext von Pastor Piening. Bei meinen Recherchen hatte ich dies auch schon bei anderen Autoren, z.B. Pastor Gerber, gelesen. Zum Teil wurden diese Angaben aber von Kunsthistorikern angezweifelt. Mein nächster Weg führte mich deshalb ins Bildarchiv des Landesamtes für Denkmalpflege. Ich suchte nun ein Bild aus der fraglichen Zeit, denn nur so konnte die Sachlage eindeutig geklärt werden.

Zu meiner großen Überraschung fand ich dann auch relativ schnell nicht nur ein Foto, sondern gleich mehrere, die den Ablauf der Veränderungen von vor 1900 bis 1968 dokumentierten.



Das obenstehende Foto zeigt den Dreiflügelaltar, mit ehem. Barockaufsatz und der Madonna , an der Südwand. Die Aufnahme entstand um 1900 und zeigt leider nur das Mittelteil und den rechten Flügel.

Sonst aber bestätigten sich alle Angaben von Pastor Piening. Um alles genauer überprüfen zu können, ließ ich mir von einem Fachmann den Mittelteil des Altaraufsatzes vergrößern. Nun kann man alle Figuren genau erkennen und auch die Beschriftung lesen !



Wie Sie sich nun selber überzeugen können, ein Johannes der Täufer war nicht dabei. Dafür S. Judas Thade, mit seinem Attribut die Keule. Er wurde einfach umgetauft !

Dieses Foto zeigt nochmals das Mittelteil und auch den rechten Flügel. Die erste Figur auf dem rechten Flügel ist S. Andreas. Auf dem nächsten Foto werden Sie ihn als erste Figur des linken Flügels wiederfinden.

Die bisherigen Bilder zeigen den Zustand des Altarbildes bis 1915.

Dann erfolgte eine komplette Umgestaltung des Kunstwerkes. Kaum eine der vielen Figuren - eingeschlossen die Propheten und Jungfrauen - befinden sich noch an ihrem angestammten Platz.

Das nachfolgende Foto zeigt das Aussehen des Flügelaltares nach der erfolgten Umarbeitung !




Betrachten Sie dieses Foto genau und vergleichen Sie es mit den oberen Aufnahmen. Wenn Sie dann Ihren Augen nicht trauen wollen, lesen Sie die exakte Beschreibung von Pastor Piening 1917 aus der 3. Auflage seines Werkes auf Seite 12/13 :

>>..... In dem Mittelstück sitzt der wiederkehrende Christus auf dem Regenbogen. Zu seinen beiden Seiten sind früher wohl Engel mit Posaunen gewesen. Jetzt stehen dort 2 Männer, die wir gut auf Abraham und Mose deuten können. Denn der wiederkehrende Herr Matth. 25, 31 f. ist sinnig umgeben von den Vertretern des Alten und Neuen Testamentes.......

Ueber den klugen Jungfrauen stehen von links nach rechts Petrus, Johannes und Maria; über den törichten sind Johannes der Täufer, Jakobus d. Aelt. und Paulus. -

Die Flügel enthalten unten in halber Figur die Propheten und oben in ganzer Figur die Apostel. Auf dem Flügel rechts von Christus sind von links aus unten Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Daniel und Hosea ; darüber Andreas, Philippus, Thomas, Bartholomäus.

Auf dem linken Flügel von Christus sind unten Joel, Amos, Micha, Maleachi und David; darüber Matthäus, Jakobus der Jüngere, Simon Zelotes und Matthias .......<<


Nach der Aufzählung von Pastor Piening 1893 waren es noch 12 Apostel mit Maria und Paulus ! Was mit dem Foto übereinstimmt.

1917 sind es nur noch11 Apostel, Maria und Paulus, plus Johannes d. Täufer. Was ebenfalls mit dem Foto von 1915 übereinstimmt.

Wenn man beide Texte und die Bilder direkt vergleicht, stellt man sofort fest, dass keine der Figuren mehr auf ihrem ursprünglichen Platz stehen.

Übrigens erwähnt J. Piening 1917 mit keinem Wort seine Schilderung des Altars von 1893. Man könnte fast meinen, er spricht nicht von dem selben Altarretabel. Dem ist aber nicht so.

1915 erfolgte eine komplette Umgestaltung des Kunstwerkes. Kaum eine der vielen Figuren - eingeschlossen die Propheten und Jungfrauen - befinden sich noch an ihrem angestammten Platz. Einige Figuren wurden neu geschaffen, andere einfach umgetauft.

Dass es so ist, können Sie an Hand der Bilder sehen und nachvollziehen.

Bleibt nur noch die Frage warum dies geschah ?

Ich glaube, Pastor Piening hat sie schon selbst beantwortet !

Schauen Sie noch mal in den Originaltext von 1917 ! Dort steht :

>>... In dem Mittelstück sitzt der wiederkehrende Christus auf dem Regenbogen. Zu seinen beiden Seiten sind früher wohl Engel mit Posaunen gewesen. Jetzt stehen dort 2 Männer, die wir gut auf Abraham und Mose deuten können. Denn der wiederkehrende Herr ..............ist sinnig umgeben von den Vertretern des Alten und Neuen Testamentes.......<<


Mit anderen Worten, Herr Pastor Piening hat sich einen eigenen, seinen Vorstellungen entsprechenden Altar geschaffen !

Aus heutiger Sicht kann man nur entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber und dies muss man auch ganz deutlich sagen, die Verantwortlichen handelten in lauterer Absicht, sie wollten ein altes Kunstwerk vor dem Verfall retten.

Der damalige Landeskonservator R. Haupt schrieb in einem Artikel 1921 u.a. folgendes :

>> ... Die Bosauer Kirche bietet auch im Inneren einen rechten Schatz von allerhand Stücken der Ausstattung. Vor allem einen überaus herrlichen Altarschrein des 14. Jahrhunderts, das älteste derartige Werk in Wagrien, ja im ganzen Herzogtum Holstein. Weiter ein wunderbares, mächtig großes Kruzifix, von Engeln umschwebt. Beide Werke sind, wie auch andere, mit allem Aufwande von Liebe und Verständnis neuerdings hergestellt worden von dem ausgezeichneten treuen Maler und Staffier Wilhelm Jensen zu Garding unter Pastor Johannes Piening, dem treuen und hingebenden Pfleger seines Gotteshauses und dem Wiedererwecker seiner Werte....<<


So unverständlich dieses Handeln für uns auch sein mag, sie taten zu ihrer Zeit nichts verwerfliches. Sie zerstörten zwar ein altes Kunstwerk und schufen ein neues, aber alles in guter Absicht.

Ersparen Sie mir Einzelheiten der Veränderung, der Altar wurde komplett neu gestaltet. Wenn Sie genau hinsehen, werden Sie auch bemerken, dass in diesem neugestalteten Altar auch die verfälschte Vicelinfigur eingefügt wurde.

Doch die Verwandlung des Altars geht noch weiter ! Bei einer gründlichen Restaurierung der Bosauer Kirche von 1964 bis 68 verlor nicht nur die Vicelin Skulptur ihre „Fassung“ sondern auch der Altar.

Dies geschah übrigens ohne Zustimmung der Gemeinde !

Pastor H. Gerber schreibt in seinem Artikel >> Über die Petrikirche in Bosau << :

>>Bei der letzten Restaurierung verlor der Flügelaltar sein buntes Kleid. Dies ist ohne Absprache mit dem damaligen Gemeindekirchenrat erfolgt, sondern nur im Einvernehmen mit dem Künstler Karl Fey Talmühle, und dem Landesamt für Denkmalpflege.......<<


Bei der letzten Restaurierung wurde nicht nur die Farbe entfernt, sondern auch die beiden kleinen Figuren wieder halbiert und unterhalb von Christus platziert. Darüber hinaus wurden die Propheten offensichtlich nochmals und diesmal auf beiden Flügeln , ordentlich durcheinander gewirbelt. Ich habe allein 11 Veränderungen gegenüber von 1915 festgestellt und erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Kunsthistoriker betrachten und behandeln den Altaraufsatz immer noch wie er sich jetzt darstellt. Ohne Kenntnis der Fakten ein hoffnungsloser Versuch. Es handelt sich nicht um ein Kunstwerk eines unbekannten Meisters

Die Schöpfer dieses Werkes sind bekannt !




Fakt ist : Die derzeitige Darstellung des Bosauer Altars ist ein Mischmasch aus dem alten Altar, dem Altar von 1915 und der zufälligen Zusammensetzung von 1968.

Eine wirkliche Würdigung dieses Kunstwerkes ist in diesem Zustand nicht möglich.

Kein Kirchen- oder Kunstführer berichtet davon, weil ich die alten Fotos erst 2008 " ausgegraben " habe und die Kunsthistoriker die Fakten nicht kennen !

Gedruckte Bilder finden Sie in meinem Artikel >> Die wundersame Wandlung des Bosauer Altars<< Erschienen in der Zeitschrift >> Natur- und Landeskunde<< 115. Jahrgang 2008


Weitere Neuigkeiten und Bilder im Internet, wenn Sie hier klicken

Oder im Glossar von meinem Buch >> Bosau – Kirchenschatz und Teufelsgeld <<


       Reliquie de materniano




Der Bericht über die Geheimnisse und Rätsel der Vicelinkirche Bosau wird mit den Bosauer Reliquien fortgesetzt.


Das Meyer - Epitaph als Altarbild.











Benutzte und zitierte Literatur :

>> Die Kirche zu Bosau am Plöner See<< v. Johannes Habich, Matthias Hartenstein

Verlag : Langewiesche- Bücherei

>> Die Petrikirche Vicelins in Bosau und ihre Gemeinde<< v. J. Piening,

Verlag : W. Struve, Eutin, 1893

>> Die Petrikirche Vicelins in Bosau<< , v. J. Piening, 1917

Artikel >> Bosau und das Bosauer Baptisterium<< v. Dr. R. Haupt im Beiblatt zum

Ost-Holsteinischen Tageblatt, 1921, S.62/63

Artikel >> Über die Petrikirche in Bosau<<, v. Hans Gerber im Jahrbuch für Heimatkunde Eutin, 1978, S. 10ff

Bildquelle : Die Fotos vom Altar 1900 und 1915 stammen aus dem Bildarchiv des Landesamtes für Denkmalpflege Schleswig-Holstein in Kiel.

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