Bosau – Geheimnisse und Rätsel der Vicelinkirche St. Petri


Geschichte und Geschichten um die alte Vicelinkirche in Bosau

Die alten Mauern bergen viele Geheimnisse und Rätsel und ebenso viele ranken sich um den Turm dieser ehrwürdigen Kirche im verträumten Bosau am Plöner See, Kreis Ostholstein. Geschichten die Ihnen kein Kirchen- oder Kunstführer erzählt, bzw. überhaupt kennt !

Slawe                                    Mönch                             Reliquie


Um eben diese Geheimnisse zu enträtseln wurden diese Zeilen geschrieben. Eine umfassende wissenschaftliche Darstellung der Vicelinkirche ist nicht beabsichtigt, vielmehr sollen dem interessierten Leser anhand von Fotos und Fakten ein umfangreicher Überblick ermöglicht werden. Im folgenden werden keine Hypothesen oder Legenden vorgetragen, sondern nur Fakten .... Fakten und nochmals Fakten und noch nie gezeigte Bilder! Am Schluss mag der Leser selbst entscheiden welches Bild er sich von der ehrwürdigen Kirche und ihren alten Mauern machen will.




Der gefälschte Vicelin


Beginnen möchte ich mit dem Heiligen Vicelin. Das nebenstehende Bild ist aus der Bosauer Kirche, Entstehung unbekannt.






Viel bekannter ist die hölzerne Skulptur des Kirchengründers. Eine spätgotische Plastik Anfang des 16. Jahrhunderts.









Aber so wie sie sich darstellt eine Fälschung bzw. eine

Verfälschung, je nach Sichtweise des Betrachters.

Überrascht ?


Oder nicken Sie nur wohlwissend mit einem leichten mitleidigen Lächeln ?

Lesen Sie ruhig weiter, Sie werden noch Überraschungen erleben.


Die >>Leidensgeschichte<< der Vicelin – Skulptur begann im 19. Jahrhundert in der Bosauer Kirche.

In einer kleinen Schrift >> Die Petrikirche Vicelins in Bosau und ihre Gemeinde << schreibt Pastor Piening 1893 folgendes :

>> ... Mit vollstem Rechte hat der Bosauer Kirchenrat 1886 gleich als Erstes eine uralte Bildsäule, die schon vielfach beschädigt zur Seite gestellt war, wieder herstellen lassen .... Der Kunsttischler Sauermann in Flensburg hat diese Ausbesserung beschafft und zugleich einen passenden Sockel aus Eichenholz für die Figur verfertigt....<<

Bei meiner Recherche fand ich im Archiv des Landesamtes für Denkmalpflege in Kiel einige Fotos, die diese Zeilen bestätigen.

Leider ist das eine Bild so verblasst , dass es nicht zu einer Veröffentlichung taugt. Aber es zeigt eindeutig die Vicelinfigur ohne Attribute in einer Abseite der Kirche, wahrscheinlich im Turm. Das Foto müsste dann vor 1886 entstanden sein, wenn die Angaben von Pastor Piening zutreffen.

Ein anderes Foto zeigt den Heiligen mit einem Kirchenmodell mit rechteckigen Turm und dem Hinweis Attribute neu, Aufnahme 1900.

Dies müsste die Figur nach der Aufarbeitung durch den Kunsttischler sein. Sie entspricht aber nicht genau der Schilderung von Pastor Piening. Er schreibt 1913 :

.....Die Bildsäule zeigt Vicelin als Bischof mit dem Stab im Arm und der Kirche auf den Händen ...<<

Es gibt von dieser Skulptur mindestens zwei verschiedene Aufnahmen und diese zeigen deutlich zwei Hände die eine Kirche tragen, aber keinen Stab.

Möglicherweise war zum Zeitpunkt der Aufnahme der Stab nicht mehr vorhanden und steckte vormals lose zwischen Arm und Kirchenmodell.

Nach den Ausführungen von Pastor Piening erfolgte die Wiederherstellung der Figur 1886 nach einem Bild, welches von der noch intakten Skulptur gemacht worden sein soll. Zeigt also den ursprünglichen Zustand der Figur.


Demnach trug der Heilige vormals mit beiden Händen eine Kirche mit rechteckigem Turm. Das Foto aus dem Landesamt für Denkmalpflege zeigt, soweit man es nach einer alten schwarzweißen Aufnahme beurteilen kann, eine schlichte Figur mit einer dezenten Fassung.

Interessanterweise müsste es noch eine identische Skulptur von dem Bosauer Vicelin geben. Denn Pastor Piening schreibt 1913 :>> ...Die Bildsäule ist 67 cm hoch. Sie ward 1900 nach Neumünster verliehen, damit nach ihr eine Statue für die katholische Vicelinskirche abgeschnitzt werde...<<

Die Katholische Kirche St. Vicelin in Neumünster wurde 1893 eingeweiht.

Wenn man sich 1900 die Mühe gemacht hat die Bosauer Vicelinfigur zwecks Nachbildung nach Neumünster zu transportieren, bestand durchaus die Möglichkeit, dass dort auch Fotos oder Zeichnungen gemacht wurden.

Nach langwierigen Recherchen fand ich tatsächlich ein Foto von der katholischen Kirche in Neumünster mit einer Vicelin Statue .


Vicelin Bosau

Neumünster



Auf den ersten Blick augenscheinlich die gleiche Vicelin Skulptur wie in Bosau. Hier ist auch der Bischofstab zu sehen, er steckt anscheinend lose hinter der Kirche.

Aus welcher Zeit diese Aufnahme von Neumünster stammt und wer die zweite Skulptur geschnitzt hat, ließ sich bisher nicht klären, aber bis 1915 gab es zwei Vicelin Statuen die einen Bischof zeigen, der mit zwei Händen ein Kirchenmodell mit rechteckigem Turm trägt.

Die Entstehungsgeschichte dieser zwei Figuren habe ich Ihnen geschildert. Das wie , warum, weshalb, kann in Schrift und Bild belegt werden.


Nun kommen wir zur Fälschung der Bosauer Skulptur. Auch diese lässt sich erstaunlicherweise genau dokumentieren.

Es geschah im Jahre 1915 ! Der rührige Pastor Piening hatte , nach langjährigen Sammlungen, endlich genug Geld beisammen um den großen Flügelaltar restaurieren zu lassen. Das Wort – restaurieren = wiederherstellen - ist in diesem Falle nicht richtig und wurde von Pastor Piening auch nicht benutzt.. Er schreibt von ausbessern und bearbeiten. Bei der Aufarbeitung des Altars 1915 wurden sämtliche Figuren vertauscht, umgesetzt, verändert oder einfach umgetauft. Einige sogar neu geschaffen. Von dem ursprünglichen Kunstwerk aus dem 14. Jahrhundert blieb nicht viel, es entstand eine Neuschöpfung. Das gleiche Schicksal traf die Vicelin Statue, aber aus einem anderen Motiv.

Der Grund für dieses merkwürdige Vorgehen , die Figur war ja intakt, ist recht einfach.

Der damalige Landeskonservator war nämlich der Überzeugung dass die Kirchen zur Zeit Vicelins einen runden Turm hatten und somit natürlich auch Bosau.

Er meinte rund 20 Kirchen Vicelin zusprechen zu können. Heute weiß man, dass die meisten von ihm so benannten Kirchen erst später gebaut wurden.


Die Gelegenheit war günstig und so wurde die Figur neu gestaltet. Brutal ging man zu Werke, sägte die Hände und das nicht ins Bild passende Kirchenmodell ab.

Der Vicelin bekam nun in der rechten Hand einen Bischofsstab und in der linken ein Kirchenmodell mit einem runden Turm.

Auch der Bischofstab wurde anders geformt, wenn man die Neumünsteraner Darstellung als ursprünglich ansieht. Von Bosau gibt es keine alte Abbildung des Stabes.

Außerdem wurde das Kirchenmodell gedreht, der Turm steht jetzt rechts, vormals links. Anders ausgedrückt, das Hinterteil des Kirchenmodells zeigt jetzt nach vorne. Zufall oder eine hintergründige Idee ?

Das zweite glaube ich nicht, aber wie besessen und überzeugt er von seiner Meinung mit dem runden Turm war, zeigt am besten ein Artikel den R. Haupt selbst 1921 schrieb :

>>Der schlecht gebaute Turm geriet allmählich in immer größeren Verfall und gewann große Risse. Am Karfreitag 1921 ist dann endlich gegen Westen hin ein tüchtiges Stück herausgestürzt ....... Nun konnte man sich der Hoffnung hingeben, man würde die Gelegenheit wahrnehmen und den Turm wieder rund aufbauen, wie er einst war. Auf dieses Ziel hatte ich als Denkmalpfleger im Fürstentum Lübeck, zu dem ja Bosau gehört, von Anfang an alle meine Anstrengungen gerichtet....<<.

Glücklicherweise konnte er sich mit seiner Forderung nicht durchsetzen, bei der Figur leider ja.

Fakt ist, keiner der Wissenschaftler kann mit Bestimmtheit sagen wie die Bosauer Kirche zu Vicelinzeiten ausgesehen hat. Ähnlich verhält es sich bei der Behauptung runder oder eckiger Turm.

A. Kamphausen schrieb 1952 in der Monatsschrift „Die Heimat“ 59. Jahrgang, Heft 5 :

>>....... Das ist der tückische Mauervorsprung geworden, den Richard Haupt als Hinweis auf eine ursprüngliche Rundform des Turms ansah. Aber dann hätte die Schrägung mindestens 20 Grad und nicht nur 5 Grad haben müssen. Der Bosauer Turm ist nie rund gewesen, und es war unberechtigt, der spätgotischen Vicelinfigur im Innern der Kirche in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts ein anderes Kirchenmodell in die Hand zu geben, als sie vorher hatte.....<<.

Über Hypothesen können sich Wissenschaftler lange und ausgiebig streiten – und das ist gut so. Schlimm wird es nur, wenn man aus der eigenen Überzeugung heraus etwas mutwillig und bewusst fälscht.

Mag man noch Verständnis für den Pastor aufbringen – auch wenn der Schaden ungleich größer ist – wenn er sich einen eigenen Altar schafft. Die Zeiten und der Umgang mit alten Kunstwerken war damals eben anders. Aber die Fälschung einer Skulptur nur um für die eigene Hypothese Beweise zu haben bzw. Reklame zu machen, wiegt ungleich schwerer.

Doch damit war der „Leidensweg“ der Vicelinskulptur noch nicht vorbei. Ende der 1960er Jahre erfolgte eine gründliche Überarbeitung der Kirche. Bis dahin war die Figur noch farbig.

Außer >> Fassung<< geriet sie erst durch die Restauration.


Abgelaugt und abgekratzt , versehen mit falschem Kirchenmodell und klobigen Händen, steht sie wieder tapfer auf Ihrem Sockel. Alle Wechselfälle der Geschichte haben Ihrer Bekannt– und Berühmtheit keinen Abbruch getan.


Denn erstaunlicherweise hatte R. Haupt großen Erfolg mit seiner Manipulation. In der Literatur und im Internet ist nur die gefälschte Version der Vicelin Statue zu finden.

Mittlerweile gibt es sogar schon zwei davon. In dem Gewölbekeller im Klosterstift Bordesholm gibt es seit 2004 einen hochwertigen und teuren Gipsabguss der Statue. Den Abguss besorgte die Zentralwerkstatt des Archäologischen Museums Schleswig.

Den ganzen Vorfall nochmals in Kurzform :

1886 wurde die Vicelinfigur original getreu restauriert !

1915 wurden der intakten Figur die Attribute abgesägt und aus Reklamezwecken neue angebracht (runder Turm) und dies von einem Landeskonservator !

Soweit der erste Bericht über die Geheimnisse und Rätsel der Bosauer Vicelinkirche. Sie kennen nun die Fakten und die „Leidensgeschichte“ der Bosauer Skulptur. Entscheiden Sie selbst, ob Sie es eine Fälschung oder Verfälschung nennen wollen. Aber eine Ergänzung, wie es manchmal in der Literatur genannt wird , ist es sicherlich nicht. Denn es wurde nichts ergänzt, sondern etwas mutwillig und bewusst verändert.


Als nächstes folgt ein Bericht über den Bosauer Flügelaltar.

Die Kunsthistoriker datieren ihn ins 14. Jahrhundert, dies stimmt leider nur zum Teil.

Der Flügelaltar, wie er sich zur Zeit darstellt, ist ein Werk des 20. Jahrhunderts.

Keine bewusste Fälschung, aber lesen Sie selber:

Die wundersame Wandlung des Bosauer Altars


Sollten Sie zufällig noch Innenaufnahmen der Bosauer Kirche vor 1915 haben oder Farbaufnahmen vor 1968, dann bitte ich um Nachricht ! Denn ich möchte auch gerne die Veränderungen farbig dokumentieren, Farbaufnahmen liegen mir aber leider nicht vor.

Auch für einen Hinweis über den Verbleib der Neumünsteraner Vicelin Skulptur wäre ich sehr dankbar.


Gedruckte Fotos der „ursprünglichen“ Vicelinskulptur gibt es nur in meinem Buch

„Bosau – Kirchenschatz und Teufelsgeld“ ISBN 978-3-92890


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Benutzte und zitierte Literatur :

„ Die Petrikirche Vicelins in Bosau und ihre Gemeinde“ von J. Piening, Eutin, Verlag W.. Struve, 1893

„Die Petrikirche Vicelins in Bosau“ von J. Piening, 2. Auflage, 1913

„Die Vizelinskirchen“ von R. Haupt. Baugeschichtliche Untersuchungen an Denkmälern Wagriens. Kiel, Lipsius & Tischer, 1884

Artikel „ Bosau und das Bosauer Baptisterium „ v. Dr. R. Haupt im Beiblatt zum Ost- Holsteinischen Tageblatt. Erster Jahrgang 1921

Artikel „ Bosaus Kirche“ von A. Kamphausen in der Monatsschrift „Die Heimat“, 59. Jahrgang, Heft 5.

Bildquelle : Die Aufnahmen von 1900 und 1915 stammen aus dem Fotoarchiv des Landesamtes für Denkmalpflege Schleswig-Holstein in Kiel.


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