Herbert: Mostbirne - Nach Plan A kommt Plan B

Schon lange wollte ich mir eine Mostbirne zulegen. Etwa 10 Jahre habe ich gesucht. 2010 habe ich eine Mostbirne in Arco gesehen und sofort gekauft.
Die Bäume sind bei uns schon sehr selten. Ab und zu sieht man noch einen dieser mächtigen Bäume auf einer Bauernwiese mit alten Bäumen. Die Mostbirne ist eine Zwischenart zwischen einer Wildbirne und einer Kulturbirne wie wir sie heute kennen. Wie der Name schon sagt macht man daraus Most. Zum Essen sind die Früchte nicht geeignet. Die Früchte sind etwas größer als ein Golfball.

Der Baum hat einen Stammdurchmesser von 15 cm und ist ca 70 cm hoch.
 
Mai 2010
 

Der Stamm hat eine schöne Drehung. Eine Krone gibt es nicht, da der Baum oben gekappt wurde. Auffallend ist noch ein langer ( ca 60 cm) und zu dicker Ast im Kronenbereich.

Plan A:
An dem langen Ast nach 20cm mittels Bohrablaktion eine neue Spitze aufbauen und den Rest nach Verwachsung abtrennen.

 

 

2011

 

Beim umtopfen 2011 dann die erste nicht so nette Überraschung. Der Baum hat ein nicht zu gebrauchendes Nebari. Zwei sehr dicke Wurzeln liegen übereinander. Die Feinwurzeln befinden sich zudem nur auf der untenliegenden Wurzel. Das ist saublöd. Nimmt man die untere Wurzel, hat man nach dem abschneiden der oberen Wurzel direkt am Stammansatz eine große unschöne Schnittwunde die nie mehr verheilt. Der Stamm ist auch zu schön und elegant als man da einen ausgehölten Stamm draus macht.

 

Leider kein brauchbares Nebari vorhanden

 

 

 

Die Korrektur des Nebaris wird einige Jahre in Anspruch nehmen bis es so ausschaut wie ich mir das vorstelle.

geplante Höhe des Nebaris
 

Ich habe keine Ahnung wie der Baum ausgegraben wurde. Eventuell ist das ein alter Wurzelschössling und die alte Wurzel wurde hinten und vorne einfach gekappt.
Jedenfalls macht das die Sanierung des Wurzelballens nicht einfacher.

 

 

O.k. die normale Bonsaisäge ist zu klein, da muss schwereres Gerät her. Leider konnte ich nur ca 10 cm wegschneiden, da sonst nicht genügend Feinwurzeln am Baum verblieben wären.

 

 
 

Der Wurzelballen ist immer noch mindestens 15 cm hoch. Damit der Baum ordentlich abtrocknen kann wollte ich ihn in keinen Plastiktopf mehr geben, also musste eine lange, aber flachere Schale her.

 

16.03.2011
 
2012
 

2011 hat sich der Baum mit dem Wachstum etwas schwer getan. O.k. also gröbere Wurzelarbeiten mag die Birne anscheinend nicht so gerne.
Hier der magere Austrieb bis September. Der Pfeil markiert die Bohrablaktion der Spitze. Diese ist wegen des schwachen Wachstums natürlich auch nicht angewachsen.

Bilder vom September 2011

 

 

September 2011 - kaum Wachstum in diesem Jahr
 
 
Eigentlich sollte ich an den Wurzeln der Birne aufgrund des schwachen Wachstums im letzten Jahr nichts machen.
Mit der Zeit sammelt man jrdoch so seine Erfahrungen wie weit man mit einem Baum gehen kann.

Also schaun wir einmal hinab in die Unterwelt.
 
Die Schnittstelle des letzten Jahres
 
 
Die Schnittstelle schaut gut aus. Es bildet sich Kambium.
 

So ein Wurzelbild habe ich bei einem Laubbaum noch nie gesehen. Keine dicken langen Wurzeln, nur sehr feine Fadenähnliche Wurzeln. Ist das so bei der Mostbirne oder war es aufgrund des schwachen Wachstums?

Dann schauen wir weiter.

 

 

 

 

Links vom Stamm sind neue Wurzeln gewachsen - gut.
Auf der Unterseite der obenliegenden Wurzel sind auch neue Wurzeln gewachsen - sehr gut. Das ist Voraussetzung um die obere Wurzel entsprechend einkürzen zu können um später einen guten Stammansatz zu erreichen.

Fazit - wenn man die Birne zwingt macht sie auch neue Wurzeln. Ich gehe das Risiko ein und reduziere den Wurzelballen neuerlich.

 

 

 

 

Die lange Wurzel die auf dem Substrat auflag ist schon weggeschnitten (siehe rote Markierung)
Jetzt geht es der unteren nochmal an den Kragen.

Wenn wir schon dabei sind, wird die dünnere Wurzel gleich abgemoost um in stammnähe Feinwurzeln zu bekommen.
Ebenso erhoffe ich mir neue Wurzeln an der abgeschnittenen oberen Wurzel wenn ich diese ins Substrat einbringe.

 

 

 

 

 
Abmoosung einer Wurzel
 
 
So viel wurde bei den Wurzelarbeiten entfernt
 
Zumindest passt er jetzt schon in einen Anzuchttopf.
 
 
2013
 

Die Birne ist dieses Jahr gut gewachsen.
Aber sie hatte wieder eine Überraschung für mich parat. An der Oberseite des langen Astes hat sich nach einer Regenperiode ein Holzpilz breit gemacht.
Das bedeutet nichts gutes. Die Kontrolle ergab dass die Rinde oben abgestorben ist. Die Saftbahn auf der Unterseite ist jedoch intakt.

 

 
 
Die Spitze dürfte unten schwach verwachsen sein. Viel zu wenig um abgetrennt zu werden. Optisch ergibt das auf alle Fälle ein Problem.
Naja, wenn er unten gut verwachsen würde, könnte man den Ast unmittelbar nach der Ablaktion abschneiden. Aber das dürfte Jahre dauern bis das glaubhaft aussieht.
 
 
 
 

Es ist Zeit sich grundsätzlich über den Gestaltungsplan Gedanken zu machen.

Ich fasse einmal zusammen:
Die Arbeiten am Nebari werden sich wahrscheinlich noch über mindestens 3 Jahre hinziehen. Nach dem derzeitigen Zustand ist es schwer abschätzbar wie es überhaupt einmal aussehen wird.

Die Wildbirne hat bisher kein starkes Dickenwachstum an den Ästen gezeigt. Das kann an den Wurzelarbeiten liegen.

Auf alle Fälle würde es mindestens 10 - 15 Jahre dauern bis die Astansätze die richtige Dicke haben und eine rissige Rinde gebildet haben. Junge Rinde an den Kronenästen und ein alter Stamm mit schöner Borke mag ich nicht besonders.

Wenn ich so nachrechne, dann wäre ich 70 bis der Baum so aussieht wie ich ihn mir bisher vorgestellt habe.

Nein, das geht gar nicht!!!

Plan B muss her.

Wenn ich den Baum windgepeitscht gestalte, dann könnte ich den langen Kronenast integrieren. Es würden den Baum unverwechselbar machen. Er könnte aber auch abgeschnitten werden.

Bei der windgepeitschten Form wie ich sie mir vorstelle, sind lange dünne und biegsame Äste erforderlich. Ich brauche also nicht 10 - 15 Jahre zu warten. Die erste Drahtung nach dem Blattfall oder im Frühjahr sollte schon ein Bild ergeben wo die neue Reise hingeht.

So jedenfalls stelle ich mir den Baum vor.

 
 

 

Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben einen Baum gezeichnet. Die Proportionen und Details stimmen nicht genau überein, aber ich glaube man erkennt wie Plan B ausschaut und vor allem dass er in relativ kurzer Zeit zu verwirklichen ist.

 

 

Servus

Herbert Aigner

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