Rede zum Deutschen Sprachpreis

Blanche Kommerell
REDE ZUM DEUTSCHEN SPRACHPREIS 2008

Meine sehr geehrten Damen und Herren, 
liebe Freunde aus der Nähe und der Ferne,
Weimar - ein „Ort für Zufälle“(Ingeborg Bachmann) - aber gibt es denn das- Zu-Fälle? In dem Sinn des Zu -Fallens, ja, denn an diesem Ort, der ja kein Zufall ist, fällt mir ein Preis zu. Ein Licht fällt in dieser Stadt auf mich, aber nicht nur in dieser Stadt Weimar wird es für mich lichter, sondern auch in meiner Lebens-Stadt Berlin. Es fällt mir ein Gewinn zu, der, in dieser Zeit mich für eine gewisse Zeit leichter leben läßt, mit Paul Celan zu sagen, „Schwerer werden, leichter sein“.
Ich nähere mich auf Umwegen meinem Thema. Nicht Goethe und Schiller werde ich Ihnen zu Gehör bringen, sondern Max Kommerell, Heinrich von Kleist, Ingeborg Bachmann und Paul Celan. 
Doch wenigstens ein Goethe-Zitat möchte ich meiner Lesung voranstellen, das ist natürlich ein wichtiger Umweg in der Klassikerstadt, mit Fausts Worten:
„Mich drängt’s, den Grundtext aufzuschlagen, / Mit redlichem Gefühl einmal / Das heilige Original / In mein geliebtes Deutsch zu übertragen.“
„Mein geliebtes Deutsch“ - ja, ich möchte es so sagen, denn das verstehe ich für mich so zu deuten: meine Mutter Ruth Kommerell, gebürtig aus Schwaben, war auch Schauspielerin und erlernte das geliebte Deutsch wie eine Fremdsprache, beherrschte es und liebte es in allen seinen Feinheiten („Jeder Buchstabe ist ein eigenes Universum“) und so kam die Liebe zur deutschen Sprache schon mit der Muttermilch an mich. Meine Mutter war es auch, die mich nicht nur im Kinderalltag das Sprechen ihres geliebten Deutsch lehrte sondern mich später zur Sprache der Dichter führte, als an einen „Ort der Begegnung“ (Paul Celan) in einer für meine Familie sehr dunklen Zeit. Von ihr hörte ich auch zum ersten Mal von meinem Großonkel Max Kommerell, dem Literaturwissenschaftler, Essayisten und Lyriker, der, auch in einer dunklen Zeit, das Bild der von ihm geliebten Dichter vor der Verschmutzung durch die Barbaren mit einer anderen Sprache zu bewahren versuchte.

Dichtung zu lesen, für andere Menschen hörbar zu sprechen, wurde zu einer „Atemwende“ (Paul Celan) in meinem Leben. Obwohl ich mein Abitur mit einem Aufsatz über Goethes „Faust“ bestand, wurden andere Dichter meine mir näheren Gesprächspartner - Friedrich Hölderlins Trauer: „Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute / Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein. / … / Trüb ists heut, es schlummern die Gäng' und die Gassen und fast will / Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.“ – was ich, auch mit Hölderlin, in meiner Jugend in Berlin verstand als: „Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen.“

Else Lasker-Schülers Fremdheit und Furcht: „Ich kann die Sprache / Dieses kühlen Landes nicht, / Und seinen Schritt nicht gehn.“; Heinrich von Kleists Zweifel: „Die Sprache kann die Seele nicht malen“; Max Kommerells Ermutigung: „Die schönsten Gedichte gewinnen uns durch das, was in ihnen stumm bleiben will und dennoch in und zwischen den Worten da ist“; und sehr bald auch Ingeborg Bachmanns Überzeugung: „Keine neue Welt ohne neue Sprache“ und Paul Celans Vermächtnis: „Es sind noch / Lieder zu singen / jenseits der Menschen.“

Das sind ja nur einige der Dichter, die mich in den vergangenen dreißig Jahren ergriffen haben, die anderen, die mir von Lesung zu Lesung nicht weniger lieb waren mögen mir mein Schweigen über sie verzeihen. Doch einen Umweg brauche ich noch, der Weg ist das Ziel: Christa Wolf. Mit ihrer KASSANDRA, der Erzählung von der Zerstörung der trojanischen Welt, entdeckte ich eine neue Art der Sprache, einen neuen Sprachrhythmus und lernte ihre Sätze für meine Zuhörer auswendig, aber auch, um sie in mir zu bewahren:

„Wann beginnt der Vorkrieg. Wenn es da Regeln gäbe, müßte man sie weitersagen, in Ton in Stein eingraben. Überliefern. Was stünde da. Da stünde unter anderen Sätzen: Laßt Euch nicht von den Eigenen täuschen.“ Natürlich wurden auch „Kein Ort. Nirgends“, vor allem der Satz: „Was für eine vorzügliche Einrichtung, daß die Gedanken nicht als sichtbare Schrift über unsere Stirnen laufen…“ und das: „Ich habe nicht gewußt, was ein Mensch erträgt… Auf dieser Fähigkeit, Unerträgliches zu ertragen und weiter zu leben, weiter zu tun, was zu tun man gewöhnt ist, auf dieser unerhörten Fähigkeit beruht der Bestand des Menschengeschlechts…“ aus „Medea“ von Christa Wolf zu Texten, die mein Sprachgefühl zugleich mit meinem politischen Denken entwickelten. Ihr möchte ich hier an dieser Stelle Dank sagen für ihre Erzählungen und ihre Großzügigkeit, sie sprechen zu dürfen.

Zurück nach Weimar und jetzt auch zu Friedrich Schiller, der es einer wie mir, die Dichtung spricht, schwer zu machen scheint: „Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen? / S p r i c h t die Seele, so spricht, ach! schon die Seele nicht mehr.“ Wie kann man dann sprechen, daß die Hörer beides verstehen, was ich sage und in ihm, was der Dichter sagen wollte, wie spricht in meinem Sprechen seine Seele mit? 
„Die Sprache kann die Seele… malen“ nicht durch noch so tiefes Fühlen, sondern nur, wenn der „Maler“ sein Handwerk, die Gesetze der Sprache und des Sprechens, von Grund auf erlernt und beherrscht. Ich zitiere aus einem Brief von Paul Celan an Hans Bender vom Mai 1960: „Handwer – das ist Sache der Hände. Und diese Hände wiederum gehören nur einem Menschen, das heißt, einem einmaligen und sterblichen Seelenwesen, das mit seiner Stimme und seiner Stummheit einen Weg sucht. Nur wahre Hände schreiben wahre Gedichte. Ich sehe keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Händedruck und Gedicht… Gedichte, das sind auch Geschenke – Geschenke an die Aufmerksamen. Schicksal mitführende Geschenke. Wie macht man Gedichte?“ 
Wie spricht man Gedichte?
Ich übte das müh-selige Handwerk, meinen strengen Sprech-Erziehern, Egon Aderhold am Deutschen Theater und Hildegard Pürzel am Berliner Ensemble sei hier gedankt. Dankbar bin ich auch dem Dramatiker Heiner Müller, von dem ich lernte, anscheinend schwer zu verstehende Texte verstehbar zu machen. Ich lernte, indem ich ihn bei seinen Proben zu „Der Lohndrücker“ und zu „Hamlet/Maschine“ im Deutschen Theater beobachtete und viel mehr noch, wenn ich ihn selbst seine Texte sprechen hörte. Müller: „Der Text darf nicht als Mitteilung, als Information transportiert werden, sondern muß eine Melodie sein, die sich frei im Raum bewegt. Jeder Text hat einen Rhythmus, zwar nur unterschwellig, aber doch so spürbar, daß er wie bei einem Popkonzert vom Körper aufgenommen wird. Das wäre die Qualität, die das Theater wieder bekommen muß, aber dazu braucht es sehr gute Texte. Gute Texte leben von ihrem Rhythmus und strahlen ihre Information über diesen Rhythmus ab, und nicht über die Mitteilung.“

Daraus entwickelte ich eine mir eigene Methode, Texte zu sprechen, aufbauend auf allem Erlernten - und wurde, was ich nie für möglich gehalten hatte, selbst eine Lehrerin für „mein geliebtes Deutsch“, in Seminaren, die ich „Lebendige Sprache und Freude am Sprechen“ nenne - und, noch unmöglicher vorher zu denken, Leiterin eines Studententheaters und seine Regisseurin, in dem ich Stücke inszeniere, die ihre Schönheit aus der Sprache beziehen, Shakespeare, Goethe, Schiller, Heinrich von Kleist und Georg Büchner.

Hier geht es nicht darum, nur etwas oder gar sich darzustellen, sondern sich und die Mitspielenden in und mittels der Sprache zu erkennen - und einander zu begegnen. Noch einmal Friedrich Schiller: „Laß die Sprache dir seyn, was der Körper den Liebenden. Er nur / Ist’s, der die Wesen trennt, und der die Wesen vereint.“ 
In meiner Universität Witten/Herdecke habe ich gefunden, was ich vielleicht nicht suchte, meinen Platz als eine Weitergeberin im weitesten Sinn dieses Wortes, nämlich von allem dem, was ich bin und was ich kann. Als Schauspielerin wollte ich natürlich ans Deutsche Theater in Berlin oder ein Filmstar werden.


„Mein geliebtes Deutsch“ habe ich nun fast zwanzig Jahre zu jungen Menschen gebracht, es zu sprechen und dabei ihre Seele sichtbar werden zu lassen. Vielleicht ist so eine eigene Methode entstanden, aber ich spreche lieber, als ein Lehrbuch zu schreiben; so wird es wohl keine „Kommerell-Schule“ geben. Doch wie es fortlebt mein Weiter-Geben in meinen Schülern, das werden sie noch sehen und hören können. Einige von ihnen, inzwischen Ärzte und Unternehmensberater, werden Gedichte von mir sprechen, die sie selber, für sich und vielleicht auch mit dem Wissen um mich, ausgewählt haben.
Kein Zufall ist es, sondern mein Herz, daß ich dann vor allem Gedichte von Ingeborg Bachmann und Gedichte und aus Reden Paul Celans lesen werde. Der Träger des Deutschen Sprachpreises der Henning-Kaufmann-Stiftung 2005, Peter von Matt, hat zu beiden ausgesprochen, was ich nicht besser sagen könnte:
„Ingeborg Bachmann will in ihren Gedichten zur vergessenen Unschuld der Sprache vorstossen. Die falsche Sprache denunzierend will sie die wahre gewinnen. Zwei schmale Bände lang ringt sie um das schuldlose Wort im Gedicht; dann verstummt sie als Lyrikerin […] In ihrer Prosa bleibt sie dieser Sprache […] verhaftet. Und zunehmend verbindet sich für sie die wahre und falsche Sprache mit der wahren und falschen Liebe. Die Lügen der Vergangenheit leben fort in den falschen Wörtern der Gegenwart; die Verbrechen von damals erscheinen wieder in der verratenen Liebe von heute.“

Scherbenhügel

Vom Frost begattet die Gärten -
das Brot in den Öfen verbrannt -
der Kranz aus den Erntelegenden
ist Zunder in deiner Hand.

Verstumm! Verwahr deinen Bettel,
die Worte, von Tränen bestürzt,
unter dem Hügel aus Scherben,
der immer die Furchen schürzt.

Wenn alle Krüge zerspringen,
was bleibt von den Tränen im Krug?
Unten sind Spalten voll Feuer,
sind Flammenzungen am Zug.

Erschaffen werden noch Dämpfe
beim Wasser- und Feuerlaut.
O Aufgang der Wolken, der Worte,
dem Scherbenberg anvertraut.
Und noch einmal Peter von Matt: „Paul Celan… gewann das unbescholtene Wort zurück, indem er es im Akt des Setzens dem Hörer und Leser wieder entzog. Der unerhörte Klang seiner Verse entfaltete sich in dem Maße, in dem sie einen unmittelbaren Sinn verweigerten. Jedes Celan-Gedicht war von der Erfahrung bewegt, dass das Verstehen der Wörter auch ein Unterwerfen sei, ein Akt der Gewalt. Also suchte er ein deutsches Gedicht, das solcher Macht entzogen bleibt, ein Deutsch, das niemandem zu Diensten steht und keiner Herrschaft Hure werden kann.“

Fadensonnen
über der grauschwarzen Ödnis.
Ein baum-
hoher Gedanke greift sich
den Lichtton: es sind 
noch Lieder zu singen jenseits
der Menschen

Ich danke der Henning-Kaufmann-Stiftung für die Verleihung des Deutschen Sprachpreises 2008. Ich danke vor allem Herrn Professor Ulrich Knoop, der meine Arbeit verfolgt hat mit Interesse und Teilnahme seit 1986 schon, als ich zum ersten Mal, Spuren suchend für ein Buch über Max Kommerell, aus der DDR in Marburg an der Lahn, seinem letzten Universitäts- und Lebensort, auftauchte. Ich danke der Jury für diese Ehre und Professor Andreas Gardt für seine Laudatio, die mich in ihrer Eindringlichkeit tief berührt hat.

Weimar, 26. September 2008