Laudatio

Professor Dr. Andreas Gardt, Universität Kassel


Meine sehr geehrten Damen und Herren, verehrte Blanche Kommerell!

Den Deutschen Sprachpreis, so sagte mir Blanche Kommerell, habe sie eigentlich nicht für ihre schauspielerischen Leistungen erhalten. Eigentlich auch nicht für ihre Gedichte. Auch nicht für ihre Essays und ihre Kurzprosa. Im Vordergrund hätten wohl ihre Lesungen, Bühnenmonologe und ihre Lehrtätigkeit gestanden. Also nahm ich mir vor, mich auf eben das zu konzentrieren. Als ob das so einfach wäre.

Blanche Kommerells Tätigkeiten mit und in der Sprache, mit Beispielen:

1. Kommentierendes Edieren: Max Kommerell. Spurensuche 
2. Das Schreiben von 
- Gedichten: atem los / stille halten 
- Kurzprosa: Immer 
- Essays, Features, darunter Reflexionen über Sprache: Die Musik in der Sprache
- Literarischen Portraits und Bühnenmonologen: Kassandra (Christa Wolf), Malina (Ingeborg Bachmann)
3. Montieren: Der Tod ist eine Frau (eine Montage mit Texten von Inge und Heiner Müller) 
4. Schauspielen: 
- im Theater, unter anderem in Berlin, am Maxim-Gorki-Theater und am Deutschen Theater 
- in Film und Fernsehen: „Großmutter, was hast Du für große Ohren?“ – von Rotkäppchen über Jakob der Lügner bis zu Blackout – Die Erinnerung ist tödlich 
5. Inszenieren: Ich stand an Deines Landes Grenzen (Annette von Droste-Hülshoff), und immer wieder, bis in die Gegenwart, für ihre Studenten: Shakespeare, Goldoni, Kleist, Büchner, Tschechow, Brecht, Miller.
6. Lesungen gestalten: zu viele, um einzelne hervorzuheben
7. Synchronsprechen, in den ersten Berufsjahren
8. Unterrichten, im Bereich Regie, Schaupielen, Sprecherziehung, vor allem an Universitäten, in Witten/Herdecke und Berlin.

Häufig fließen die Tätigkeiten ineinander, kommen Autorschaft, Inszenierung und Präsentation zusammen, etwa in den literarischen Matinees und Soireen. Die Auftritte alleine im Berliner Literaturhaus im Frühjahr und Sommer 2008 umfassen an Lesungen und literarischen Portraits Veranstaltungen zu Samuel Beckett, Brigitte Reimann, Christa Wolf, Mascha Kaléko, Annemarie Schwarzenbach, Klaus Mann, Stefan George und Max Kommerell, fast immer bei musikalischer Begleitung.

Diese Vielschichtigkeit, das Überschneiden der Gattungen, geht bis in den einzelnen Text hinein. Auf ein Beispiel will ich näher eingehen. Es ist ein Buch, das 1992 in der Edition literarischer Salon erschien. Um mich ihm zu nähern, soll der Weg von außen nach innen verlaufen, von der typographischen Gestaltung des Textes zu seinem Inhalt. Ein solcher Weg ist auch Blanche Kommerell vertraut. Immer wieder betont sie in ihrer Arbeit mit Sprache deren physische Qualität. Regisseure sollten in ihrem Drang, dem Publikum Konzepte zu vermitteln, nicht vergessen, dass man die Schauspieler beim Sprechen zuallererst verstehen müsse. Und ihre Studenten ermahnt sie zu Beginn des Unterrichts: „…die Füße müssen einen guten Stand auf der Erde haben“.

Also von außen nach innen. Beim ersten Blick auf die Titelseite fällt die Zeile in der größten Type auf, der Titel: „Ich bin eh ich war“. Darüber der Name „Inge Müller“, unter dem Titel, in derselben Type wie der Name der Autorin: „Gedichte“. Es wird sich also um eine Sammlung von Gedichten Inge Müllers handeln. Mit einigem Abstand folgen unten jedoch weitere Zeilen: „Blanche Kommerell im Gespräch mit Heiner Müller“, dann, mit geringerem Abstand und in derselben Typengröße: „Versuch einer Annäherung“. Die Gestaltung der Seite lässt, außer dem offensichtlichen Hinweis auf die Gedichte Inge Müllers, unterschiedliche Interpretationen zu, zunächst diese: Blanche Kommerell und Heiner Müller versuchen, sich Inge Müller zu nähern. Doch die typographische Struktur erlaubt durchaus auch eine Variante, wonach die Annäherung zwischen Blanche Kommerell und Heiner Müller stattfinden solle, oder aber, eine dritte Möglichkeit: Blanche Kommerell will sich Inge Müller auf dem Wege über ihren Mann nähern. Ausschließen lässt sich keine Variante, und tatsächlich, hat man das Buch gelesen, findet man alle bestätigt. Die semantische Offenheit der Bezüge zwischen den Teilen des Titels ist nicht Ausdruck mangelnder Prägnanz, sondern spiegelt, ob bewusst oder unbewusst, den inhaltlichen Zuschnitt des Textes.

Die Art des Arbeitens, die sich hier andeutet, ist symptomatisch für Blanche Kommerell. Ein näherer Blick in den Text belegt es. Er wird eingeleitet, wie man es bei einem Gedichtband erwarten würde, mit einem Gedicht Inge Müllers. Doch dann folgt gleich ein längerer Text von Blanche Kommerell, bereits eine erste Annäherung. Geboten wird eine Folge von Auszügen aus Gedichten Inge Müllers, meist nur einzelne Strophen oder wenige Zeilen. Die Texte werden begleitet von Kommentaren, Überlegungen, Fragen. Blanche Kommerell beginnt mit den Wor-ten: „Ich habe Inge Müller nicht gekannt. Ich kenne ihre Gedichte und ein paar Sätze über sie. Ich will versuchen, über die Gedichte ihr Leben zu erzählen, von ihren Toden zu berichten. Sie hatte mehrere Leben, mehrere Gesichter, mehrere Tode. Ich beginne, Inge Müller zu suchen.“ Die Suche vollzieht sich mit großem Können und Geschick. Auf den ersten Blick sind es nur die Texte der Autorin, die zum Gegenstand von Reflexionen werden. Doch schon bald merkt man, dass die Suchende Wissen nutzt, das außerhalb der Müllerschen Texte liegt. Dieses Wissen wird nicht in den Kommentaren abgelegt, säuberlich parzelliert, sondern in die Bewegung der Annäherung eingebracht, dient dazu, diese Bewegung voranzutreiben, bis der Kommentar einen Punkt erreicht, wo ein erneutes Zitat aus einem Originaltext notwendig wird, um durch die Worte der gesuchten Dichterin das abzusichern, was die Kommentatorin an Wissen und Urteilen vorwegnehmend in den Raum gestellt hat. Die Rede vom In-den-Raum-Stellen ist nicht zufällig gewählt, sondern beschreibt das Kommerellsche Verfahren genau. Es wird ein Raum geschaffen, in dem sich alle beteiligten Personen – in diesem Fall Inge Müller, Heiner Müller und Blanche Kommerell – als Akteure eines Gesprächs befinden, dessen Ziel die Annäherung an die Persönlichkeit des im Zentrum stehenden Autors, der Autorin ist.

Das Verfahren enthält zwangsläufig ein starkes persönliches Moment, und das gilt für diesen Text wie für zahlreiche andere Blanche Kommerells. Für die Hermeneutik als die Lehre vom Verstehen ist das eine Selbstverständlichkeit: Ein ‚objektives’ Verstehen, dessen Resultat durch eine Art Algorithmus berechnet werden könnte, kann es nicht geben. Verstehen ist immer nur möglich, weil der Verstehende den fremden Gegenstand seiner Erkenntnisbemühung vor dem Horizont des eigenen Wissens und Erlebens erfahren kann. Um das Fremde zu verstehen, knüpfen wir an Vertrautes an, und im Zusammenspiel des Eigenen mit dem Fremden vollzieht sich Verstehen als eine Verschmelzung von Horizonten, wie es Hans-Georg Gadamer formuliert hat.

Blanche Kommerell macht die hermeneutische Alltagserfahrung zum ästhetischen und dokumentarischen Programm: Sie wählt Texte der Dichterin Inge Müller und ihres Mannes Heiner Müller aus, sie zerlegt einige Texte in Teile und kombiniert die Teile, sie montiert Textteile zu einer Collage und vollzieht so – und mehr noch durch ihre eigene kommentierende Beschreibung – die erstrebte Annäherung. Im Falle des Bandes Ich bin eh ich war ist dieses Vorgehen nicht ohne Brisanz. Inge Müller hat Selbstmord begangen, und es wird deutlich, dass Blanche Kommerell auch die Frage nach den Gründen und nach der Verant-wortung Heiner Müllers stellt. Sie nähert sich also auch ihm, über seine Texte, die sie präsentiert, und in zwei Gesprächen, die sie mit ihm führt und im Band dokumentiert. Dabei verfährt sie ähnlich wie bei den Gedichten, Zitate wechseln sich ab mit Kommentaren, Fragen und, vielleicht am interessantesten, Beschreibungen des inneren Erlebens der Berichtenden. Mit einer solchen Beschreibung setzt der Text ein: „Ich weiß, ich komme zu spät, aber ich eile nicht. Langsam nähere ich mich der Hallenbar dieses Hotels, das ich vorher noch nie betreten habe; es ist ein Devisen-Hotel, für DDR-Bürger nicht vorgesehen. Ich fühle mich plötzlich wie in einer Theaterkulisse, unwirklich, fühle in mir etwas wie Spannung vor einem Auftritt.“ Der Leser ist auf Augenhöhe mit der Berichtenden, teilt ihre Spannung. Der sehr persönliche Ton des Berichts kollidiert an keiner Stelle mit dem dokumentarischen und ästhetischen Wert des Beschriebenen: Was erzählt wird, gehört zum einen vollständig in die damalige Situation des Gesprächs mit Heiner Müller und zur persönlichen Geschichte Blanche Kommerells, ist aber zugleich auch für den entferntesten Leser von großem Interesse. Diese Balance zu halten ist kunstvoll und zutiefst beeindruckend.

All das spielt sich in Sprache ab. Sprache nicht als bloßes Werkzeug, als Medium der Übermittlung bereits fertiger Gedanken, nein, immer wieder entsteht der Eindruck, dass der beschriebene Gegenstand erst im Medium der Sprache entsteht. Die Sprache nähert sich in diesen Berichten dem Gegenstand vorsichtig, legt ihn nicht fest, aber nicht, weil sie es nicht könnte, sondern weil dem Gegenstand dadurch Gewalt angetan würde. Als Germanist fragt man sich, geradezu reflexhaft, um welche Gattung es sich dabei eigentlich handelt. Prototypisch ist diese Art des Schreibens, das seinen Gegenstand in der spezifischen Wahl von Wörtern und Sätzen erst hervorbringt, für literarische Texte.

Elfmal schlug mein 
Herz dir entgegen
sprengte die Brust
erschreckte den 
schlafenden Salamander 
die Toten lachten

Was in Blanche Kommerells Gedicht Auf dem Friedhof von Soglio mit diesen Worten gesagt ist, lässt sich nicht genauso mit anderen Worten sagen. Die Bedeutung des Textes liegt nicht außerhalb seiner selbst, irgendwo in der Welt, wie es etwa bei einer Gebrauchsanweisung der Fall ist, die ihren Gegenstand im konkreten beschriebenen Gerät hat, dessen Bedienung sich auf unterschiedliche Weise durch Sprache vermitteln lässt. Viele von Blanche Kommerells Texten sind in dieser Hinsicht Mischformen. Der Übergang von einer berichtenden zu einer auch gestaltenden Sprache ist fließend, und die Frage, was sich besser dazu eignet, die Dinge treffend zu beschreiben, der nüchterne Fachterminus oder die dichterische Metapher, ist müßig. In jedem Fall ist Sprache, im wahrsten Sinne des Wortes, unumgänglich. „Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache“ heißt es bei dem bereits zitierten Hans-Georg Gadamer. Über die Sprache führt der Weg zum Sein derjenigen, denen sich Blanche Kommerell in ihren Texten und Lesungen nähert, und maßgeblich über die Sprache führt auch der Weg zu Blanche Kommerell, für andere wie auch für sie selbst, in ihren Gedichten und Prosatexten.

In diesen, ihren eigenen literarischen Texten spricht sie nicht nur, sondern macht sie Sprache immer wieder zum Thema. Der erste Satz des Textes Träume: „Wochenlang ohne Träume, schwarze Welten waren die Nächte, un-durchdringlich, schweigsam, stumm“. Der Text Immer reiht in einem Bericht über das (auch metaphorisch zu verstehende) Fahren im Zug die Existenzformen der Sprache, das Reden und Schweigen, aneinander: „Ich fahre, ich verlasse die Bleibenden, ich verlasse die Kommenden. Meine Sprache ist ein stummer Blick des Abschieds geworden. Ich ertrage den Schmerz jedesmal und meine doch zu bersten; selbst die Taubstummen haben es besser, sie bleiben in ihrem Tal und hören und sagen nichts. Ich muß alles hören und ich muß alles sagen und bin doch blind und taub und stumm in meiner Klosterzelle“.

Bislang habe ich über die schreibende Blanche Kommerell gesprochen, wenn auch die Unmittelbarkeit ihrer Texte bisweilen fast den Eindruck an mündlich vorgetragene Berichte und Erzählungen entstehen lässt. Eben deshalb ist der Übergang zu den Lesungen leicht. Auch hier mischen sich unterschiedliche Formen der Vermittlung: das Vorlesen des Textes und seine vorwiegend mimische Verkörperung. Beides geht unmerklich ineinander über. Die hohe Intensität des Vortrags wird zum einen über die Kontrolle erreicht, die Blanche Kommerell zu jedem Zeitpunkt über Lesen und Verkörperung hat, zum anderen über die absolute Klarheit der Artikulation. Der Text wird höchst pointiert präsentiert, nie jedoch von der Lesenden dominiert, nie in den Hintergrund gedrängt. So gerät die Darbietung nicht zum Lesungs-Pendant dessen, was man bei der Bühne „Regiethater“ nennt: bei Blanche Kommerell ohne Zweifel mehr Regie als bloßes Vorlesen, aber bei größtem Respekt vor Autor und Text.


Sehr häufig geht ihr Blick ins Publikum, bleibt lange dort, während sie spricht. In diesen Momenten erinnert nur noch der aufgeschlagene, in den Händen gehalte-ne Text daran, dass es sich eigentlich um eine Lesung handelt. Doch wäre dieses eigentlich unangebracht, weil es die Präsentation in die Grenzen einer einzelnen Gattung verweisen würde. Die Grenzen solch einzelner Gattungen zu über-schreiten, ist aber gerade Blanche Kommerells Anliegen. Würde man nach dem Besuch einer ihrer Lesungen nach Hause kommen und gefragt werden „Welches Stück hast Du gesehen?“, dann würde einem die korrigierende Antwort „Kein Stück gesehen - eine Lesung gehört!“ womöglich gar nicht ohne Weiteres über die Lippen kommen. Denn man hat sehr wohl auch etwas gesehen, etwas auf dem Weg zu einem Theaterstück, aber ohne, dass es unvollständig wirkte. Oder, anders herum: Man hat ein Theaterstück gesehen, auf eine wesentliche Dimension reduziert: auf den Text und das ihm angemessene Sprechen.

Dieses außergewöhnliche Sprechen war Blanche Kommerell nicht in die Wiege gelegt. Im Kindesalter, so bekennt sie selbst, habe sie eine hohe Stimme gehabt und zudem gelispelt. Als Berlinerin „konnte [ich] […] kein sauberes Ch sagen, habe Endungen verschluckt, mein I klang wie ein Ü, ein Ä gab es auch nicht und meine Mutter schrie immer auf die Bühne ‚Ich ersticke!’ oder ‚Ich versteh nichts’, ‚Viel zu leise’!“. Dann aber fährt sie fort: „Und überhaupt hatte ich die Schönheit der deutschen Sprache nicht wirklich entdeckt, durch zu viel Schreckliches war sie hindurchgegangen und zu sehr war sie mißbraucht worden“. Mit dieser Bemerkung greift sie eine Frage auf, die viele Deutschsprechende nach 1945 beschäftigt hat: Kann eine Sprache als solche durch das belastet sein, was in ihr gesagt wurde? Die Bemerkung ist nicht untypisch für Blanche Kommerell, in deren Kommentaren zu sprachlichen Dingen gelegentlich auch ein gesellschaftliches Moment anklingt. Sicher hängt das auch mit ihren Erfahrungen als Künstlerin in der DDR zusammen. Diese Erfahrungen schließen ein, dass eine zunächst problemlos erscheinende Karriere als Schauspielerin nicht problemlos verfolgt werden konnte. Zwangsläufig suchte sie andere Möglichkeiten, die schließlich zu dem führten, was hier über sie gesagt wurde, was sie auszeichnet (und wofür sie ausgezeichnet wurde: Der Deutsche Sprachpreis wurde Blanche Kommerell vor allem für Leistungen auf Gebieten verliehen, in die sie erst die politischen Umstände ihrer Zeit geführt haben. Die damals erlebten Zwänge werden dadurch im Nachhinein nicht geringer, aber vielleicht vermag die Auszeichung den Eindruck zu verstärken, dass der gewählte Weg gut und richtig war).

Zurück zum Sprechen und damit zu einer der ganz zentralen Tätigkeiten Blanche Kommerells: dem Unterrichten. Beobachtet man sie dabei (wenn auch nur durch das Medium einer Videoaufzeichnung) und liest man ihre Kommentare dazu, dann erkennt man eine für sie sehr charakteristische Verbindung von Technisch-Handwerklichem und Persönlichkeitsbildendem. Das Technisch-Handwerkliche: „Mit Kisten und Kasten, ohne zu rasten, hasten die Reste der Gäste durch die Wüste zur Küste“ – „Weiche wehendem Wind auf Wiesenwegen“. Liest und hört man, was Blanche Kommerell ihren Studenten zum richtigen Sprechen sagt, kann man fast nicht umhin, sich zu fragen: Wie spreche ich eigentlich? Ein wenig eigenartig ist es schon, vor ihr zu sprechen und dabei zu wissen, dass sie jeden Atemfehler bemerkt. Doch dann beruhigt man sich wieder, indem man sich sagt: Das wird sie nicht tun, sie wird nicht in ihrer Erwiderung sagen: ‚Vielen Dank für die freundlichen Worte, die allerdings noch besser geklungen hätten, wenn man sie nur richtig hätte verstehen können’. Aber bei all ihrer Nähe zur Reflexion und bei all ihrer Vorsicht und Umsicht bei der Annäherung an die Person eines Autors macht Blanche Kommerell im Sprechunterricht absolut deutlich, wie man auf der Bühne oder im Vortrag zu artikulieren hat. Nuscheln fällt bei ihr in die Kategorie des Modischen und ist nicht erlaubt. Angesichts dieses im besten Sinne des Wortes bodenständigen Umgangs mit Sprache glaubt man ihr sofort, was sie einmal zu einer Journalistin sagte: „Ich sehe romantisch aus, aber ich bin es nicht“.

Beim Üben des Sprechens unter ihrer Anleitung ist der Körper immer beteiligt. Seine Stellung insgesamt, seine Teile, oft in Bewegung, stützen die Artikulation („kein Hohlkreuz“, „die Knie immer weich“, „Füße müssen hüftbreit auseinander stehen“…). Die Methode zielt, so Blanche Kommerell, „auf Spracherfahrung als Körpererfahrung, auf Haltung und Präsenz, mithin auf die Entwicklung von Selbsterfahrung und Selbst-Bewusstsein“. Damit ist der Schritt zum Bilden der Persönlichkeit getan. Die enge Verbindung von Sprechen und Persönlichkeit ist von Kindheit an gegeben und ihre Wahrnehmung fest in uns verankert. „Temperamentvolle Augen über einem unbeweglichen Mund, der undeutlich in einer Tonlage sehr leise und schnell etwas murmelt – wie meinen Sie, wirkt das?“

Die Arbeit mit den Studenten geht über das reine Üben des Sprechens weit hinaus und schließt Theateraufführungen und szenische Lesungen ein. In Witten trifft man sich im „Häuschen mit Garten“ und erschließt gemeinsam ein Werk, nähert sich seinem Autor, indem man Material über ihn zusammenträgt und seinen Text genau liest. Es folgen die Proben, erst als Einzelproben, dann in der Gruppe, meist im Richtersaal in der Stockumer Straße. Als Höhepunkt schließlich die Aufführung. Über eine Aufführung des Woyzeck durch das Studententhater der Universität Witten/Herdecke unter Blanche Kommerells Leitung schreibt Alexander Weigel: „Die Inszenierung von Blanche Kommerell erreichte es zum wiederholten Mal, durch eine durchgehend hör- und sichtbare intensive Text- und Bewegungsarbeit, die Darsteller in jene richtige ‚Mitte’ zu führen, die weder rührend laienhaft noch routiniert professionell ist, weder falsche Identifikation zuläßt noch kalte Distanz, in der Geist und Seele des Fragments, Büchners Sprache, weder Bewegtheit und Bewegung hindert, noch in ihnen untergeht.“

Blanche Kommerell verbindet in ihrer Arbeit mit und in der Sprache die Außenseite dieser Sprache – ihre Laute und deren Erzeugung – mit der Dimension ihrer Bedeutung, Letzere vorwiegend am Beispiel literarischer Texte. Sie tut dies in der interpretierenden Rezeption dieser Texte, die, alleine oder mit musikalischen Begleitern und Studenten, zu Lesungen und Inszenierungen führt, wie auch in einer Produktion, die ohne Vorlagen arbeitet, vor allem von Gedichten. Für das Ganze dieser ebenso attraktiven wie kunst- und niveauvollen Spracharbeit gebührt Ihnen, sehr verehrte Blanche Kommerell, der Deutsche Sprachpreis, zu dem ich Ihnen ganz herzlich gratuliere.