Die Musik in der Sprache

Eine Übungsanleitung

von Blanche Kommerell

„Das Verständliche an der Sprache ist nicht das Wort selber, sondern Ton, Stärke, Modulation, Tempo, mit denen eine Reihe von Worten gesprochen wird- kurz, die Musik hinter den Worten, die Person hinter dieser Leidenschaft.“
Friedrich Nietzsche

Einfacher gesagt, der Ton macht die Musik. Was aber bedeutet die Musik in der Sprache? Erwarten Sie jetzt bitte keine wissenschaftliche Abhandlung, ich möchte ein wenig aus meiner jahrelangen Erfahrung mit meiner eigenen Stimme und Aussprache als Schauspielerin und Rezitatorin, aber vor allem von meiner Unterrichtstätigkeit an der Universität Witten/Herdecke berichten. Dort versuche ich Menschen unterschiedlicher Herkunft und Studienrichtungen beizubringen, die deutsche Sprache zu lieben und sie bestmöglich an die Frau oder den Mann zu bringen und durch eigene Erfahrung für sie selbst fühlbar werden zu lassen: Die Stimme spiegelt unsere Seele wider und die Sprache unsere Persönlichkeit.

Ein bekanntes Sprichwort gab mir meine Mutter mit auf meinen Weg: Wie man in den Wald reinschreit, so kommt es heraus. Wir konnten uns beide wundervoll anschreien, zwei Schauspielerinnen, die wußten, wie es geht und damit spielen konnten. Für fremde Menschen war das unverständlich und sie hielten uns nun für immer verfeindet. Aber wir probierten nur unsere Werkzeuge aus, um am Abend auf der Bühne unsere Rollen gut und verständlich zu sprechen.

Was möchte ich mit der kurzen Abschweifung sagen? Jeder Mensch wird durch seine Herkuft geprägt, der erste gleichgeschlechtliche Elternteil ist das erste Sprachvorbild. Welche Verantwortung für alle Eltern und Erzieher. Auf den Mund schauen uns Augen. In der Kindheit, aber auch später, wirkt auf uns unbewußt das Verhältnis von Augen und Mund. Temperamentvolle Augen über einem unbeweglichen Mund, der undeutlich in einer Tonlage sehr leise und schnell etwas murmelt - wie meinen Sie, wirkt das und was von der Mitteilung kommt beim Gegenüber an?
Probieren Sie es aus und beobachten Sie, wie solche Menschen auf Sie wirken.
Keine Musik in der Sprache. Oder die Schnellsprecher: schnellstmöglich alles sagen, Zeit ist Geld. Auch da fehlt die Musik und vor allem auch die Verstehbarkeit. Vielleicht steckt auch noch etwas anderes dahinter. Wollen diese so Sprechenden überhaupt etwas sagen, wollen sie einem anderen mitteilen?
Dabei denke ich: wie einsam diese Menschen sein müssen oder auch, wie egoistisch oder wie arm, wenn sie es so und nicht anders gelernt haben... Das Leben selbst ist auch in diesen Fällen ein Lehrer und manchmal ein schlechter. Doch auch Enttäuschungen, kummervoll Erlebtes, Verbitterung verschließen die Lippen oder lassen die Musik aus der Sprache verschwinden.

In den Jahren des Lehrens sind mir die unterschiedlichst sprechenden Menschen begegnet, in meinem Alltag, im Unterricht, auf der Bühne, und haben meine Erfahrungen für das Wesen hinter den Worten geschärft. Auch ich selbst bin durch eine harte Schule gegangen.

Was kann ich also von meinen Erfahrungen weitergeben? Handwerkliche Kenntnisse und Übungen, um dann aus eigenen Erfahrungen lernend bei anderen etwas zu ändern. Der Wille und die Fähigkeit, etwas an sich selbst zu ändern ist die Voraussetzung jeder Lehre.
Ich hatte eine hohe Kinderstimme noch nach meinem Schauspielstudium, ein scharfes S ( im Volksmund: ich habe gelispelt), konnte als Berlinerin kein sauberes Ch sagen, habe Endungen verschluckt, mein I klang wie Ü, ein Ä gab es auch nicht und meine Mutter schrie immer auf die Bühne: „Ich ersticke“ oder Ich versteh nichts“, „Viel zu leise!“ - na ja. Und überhaupt hatte ich die Schönheit der deutschen Sprache nicht wirklich entdeckt, durch zu viel Schreckliches war sie hindurchgegangen und zu sehr war sie mißbraucht worden.

Doch ich wollte Lesungen machen, vor dreißig Jahren gab es das noch nicht wie heute, Hörbücher auch nicht. Also betrat ich Neuland und ging auf Entdeckungsreise in die Literatur in mir selbst.

Erst jetzt entdeckte ich, daß ich völlig falsch atmete, die Schultern hochzog und überhaupt keine gute Haltung hatte. Schaufenster sind als Überprüfungsspiegel sehr zu empfehlen. Das Brustbein ist für alle Kommunikation sehr wichtig, es soll vor den Schultern sein , dem Gesprächspartner zugewandt, dadurch ist der ganze Oberkörper flächiger und für den Gesprächspartner offener. Aber man beachte, man selbst ist auch verletzbarer. Der Oberkörper ist eher dem Gesprächspartner zugeneigt, damit werden auch eine Bereitschaft zuzuhören und ein Mitteilungsbedürfnis sichtbar.

Ein schönes Bild aus „Über das Marionettentheater „von Heinrich von Kleist, ist das der Puppe, die gehalten wird am richtigen Faden und so frei und leicht agieren kann. Daran sollten Sie immer denken, wenn sie vor Menschen stehen und etwas zu sagen haben: sie werden gehalten.
Dann wäre es gut, an die Atmung zu denken. Sehr nützlich ist die“ Bettübung“, denn dann ist der Körper am entspanntesten. Für alle Arten von Atmung und natürlich auch für das Sprechen ist eine entspannte äußere und innere Haltung 
Voraussetzung. Also entspannen und atmen, am besten mit den Händen auf dem Bauch. Stellen Sie sich vor, Sie atmen gegen die Hände. Beobachten Sie, wie die Hände sich senken und heben. 
Dann stellen Sie sich ihren Mund und die ganze Mundhöhle vor ,groß und weit : dahinein lassen Sie Bilder aller Vokale und hören innerlich den Klang, schön und melodiös. Wo bilden sich in Ihnen die Vokale, welche Farben würden Sie ihnen geben, welche Stimmungen vermitteln Ihnen die einzelnen Laute. Sie werden bald spüren, daß jeder Vokal eine ganz eigene persönliche Ausstrahlung bekommt. Damit haben Sie eine der Grundvoraussetzungen für die Musikalität in der Sprache erfahren: die Vokale sind maßgeblich beteiligt am Klang, anders ausgedrückt, wenn Sie jeden Vokal anders und neu klingen lassen, dann können Sie nicht mehr vor sich hinnuscheln.
Ein schöner Vokal braucht einen wenigsten daumenbreit geöffneten Mund. Das können Sie dann beim Zähneputzen ausprobieren und zum Wachwerden verziehen Sie Ihr Gesicht vorher in alle möglichen Verrenkungen. denken : Zitrone und dann ein JA; dabei können sie den Mund weit aufreißen. Das wäre die Frühgymnastik für die Gesichts- und Mundmuskulatur. Und wenn sie schon dabei sind, wie verkrampft lächeln Sie bei jeder Begrüßung und wie unbeweglich oder beweglich ist Ihr Kiefergelenk. Den dort fängt es ja schon an: ein verkrampfter Mund kann keine schön klingenden Laute hervorbringen und meist ist die Stimme davon mitbetroffen und sitzt irgendwo in einem engen Hals, wo die frei schwingen sollenden Stimmlippen, so verkrampft wenig schwingen können . Wieder keine Musik in der Sprache.

Man kann das alles natürlich auch am Tage üben. Das Wichtigste beim Atmen, (wann und wo sie das auch tun), atmen Sie durch die Nase ein und durch den Mund aus. Ist ja sowieso gesünder. Wenn Sie sich dabei vorstellen, einen Luftballon auf zu blasen, geben Sie so viel Luft ab, um dann ganz von allein genug Luft an den richtigen Stellen wieder einzuatmen. Versuchen Sie auch im Stehen Ihre Bauchmuskulatur locker zu lassen, nicht verkrampft zu lächeln, das Kiefergelenk beweglich werden zu lassen und überhaupt den Atem fließen zu lassen.

Das wäre eine gute Pausenbeschäftigung. Setzen sie sich bequem auf Ihren Stuhl, achten Sie auf Ihre Knie, sind sie warm und unverkrampft, reiben Sie sie ein wenig, erzeugt Wohlgefühle und stellen sich vor, Ihr ganzer Körper wird beatmet. Wenn Sie dabei einschlafen , auch gut. Stellen Sie sich vor, der Atem fließt durch die Nase, über Ihren Hinterkopf, Ihren ganzen Rücken hinunter, verweilt im Oberkörper, breite Schulterblätter, dann im Becken, geht in die Arme bis zu den Fingerspitzen und eben so in die Beine bis zu den kleinen Zehen. Spüren Sie den weichen warmen durchbluteten ganzen Körper. 
Dann lassen Sie tiefe Atemzüge folgen um die Muskulatur zu entspannen, um den Körper einzustimmen auf den schönen Klang Ihre Stimme und der Aussprache der nächsten Laute.

In der nächsten Übung geht es um Ihren Namen. Wie oft müssen Sie ihn sagen und wie oft versteht das Gegenüber nichts, fragt nach oder läßt es beim Nichtverstehen. 
Also, wenn Sie wieder aufgewacht sind, ( vielleicht mit Zitrone und JA und ein paar Dehnungen des Körpers ) stellen Sie sich erst nur in ihrem Inneren Ihren Vor- und Nachnamen vor. Dann sagen Sie ihn leise vor sich hin. 
Leider bin ich nicht dabei, um jeden von Ihnen verliebt in seinen Namen zu machen. Aber so muß es auch gehen : also ich fange an : Ich bin Blanche Kommerell, und außerdem heiße ich noch Astrid und Mercedes, was die besseren Übe-Namen wären. Nun gut : A S T R I D , Wunderbar, ein A am Anfang, also Mund auf und ein schönes klingendes A ( Vorsicht, nicht zu hart einsetzen, schön das A schleifen lassen, vielleicht erst mit einem H anhauchen).Das A wird aufgefangen von einem harten S ( jetzt kommen auch die Konsonanten ins Spiel).Bei diesem Laut müssen Sie auf Ihre Zunge achten, die vollführt richtige Kunststücke. Tut sie das nicht, besteht die Gefahr des berühmten Lispelns. Den Mund nicht vergessen, das lockere Kiefergelenk, denn der Mund muß soweit geöffnet sein, daß die Zunge genug Platz für alle Bewegungen hat.


Kleine Abschweifung zur Lage der Zeit. Immer mehr Menschen leiden unter ihrem „scharfen S „ oder die sie Hörenden. Das schnelle Sprechen, gibt der Zunge nicht mehr die Zeit, sich richtig zu bewegen und aus Bequemlichkeit bleibt sie einfach liegen, verkrampft sich dann noch beim Lächeln der Kiefer und der Mund ist breitgezogen, kann nur ein scharfes oder böse gesagt ein gelispeltes S herauskommen. Meist ist in diesen Fällen auch das CH und das SCH unsauber und nicht wirklich in ihren für den schönen Klang richtigen Wertigkeit ausgesprochen.
Sie merken schon, nicht nur die Vokale sind Klangträger sondern aus die Konsonanten. Sie geben unser Aussprache die Struktur. Stellen Sie sich die lasche Hand vor, die sie begrüßt, nicht angenehm, aber der zu starke Händedruck schmerzt auch. So ist es auch mit den Konsonanten, jeder ist anders, jeder ist wichtig.
Hören Sie weiter, auf mein S folgt jetzt ein T, das ist ein ganz starker und wichtiger Laut. Er gibt Struktur und ist als Übe-Laut seht wirksam. Die Zunge liegt erst am oberen Gaumen und schlägt, wenn sie es denn tut, mit Kraft nach unten, (das D ist weicher, aber ebensogut zum Üben geeignet). Probieren Sie das so oft wie möglich und Sie haben die beste Zungengymnastik. 
Nun folgt das R – ein schwieriger Laut, der oft ausgelassen wird, Kinder sagen AAM statt ARM, oder in den Dialekten, wird ein anderer Laut zu Hilfe geholt, z. B. ORT wird zu OAT.
Ja, da habe ich mir ein Übe-Wort überlegt, alle sagen es immer richtig und gern : A R S C H. Probieren Sie, nur keine falsche Scham. Es geht . Und je öfter desto besser. 
Jetzt folgt wieder ein Vokal, ein I, der hellste und schärfste Vokal. Bitte nicht den Mund verziehen, nicht verkrampfen, der Mund behält seine schöne A-Öffnung und die Zunge liegt an den unteren Schneidezähnen, ist ein wenig nur gerollt und stößt zu, dann klingt das I hell und voll, ohne Anstrengung. Alles ist vorbereitet für das nun folgende D, die Zunge bewegt sich an den oberen Gaumen und mit aller Zärtlichkeit, die Ihnen möglich ist, lassen Sie sie nach unten lallen und hören den schönen weichen Klang. Dann fassen sie alle Buchstaben zusammen ASTRID.
Haben Sie meinen Ansatz und meine Lehre verstanden? Jeder Buchstabe, den wir aussprechen ist ein kleines Kunstwerk und muß auch einzeln gesehen und beachtet, im schönsten Falle geübt werden.

Die deutsche Sprache ist eine harte und genaue Sprache, also müssen wir auf die Resonanzmöglichkeiten besonders achten, aber auch die Struktur ist wichtig ebenso wie die verschiedenen Vokalklänge.
Die Voraussetzung für das Sprechen ist der richtige Atemansatz, dafür wieder muß mein Körper so durchlässig wie möglich sein und meine Muskulatur unverkrampft. Das alles klingt ja erst sehr anstrengend, aber ich hoffe durch meine Beispiele Ihnen Möglichkeiten in die Hand gegen zu haben, wie sie einfach und ohne große Mühe, wenn sie wollen, etwas an Ihre Sprache verändern können. 
Ich bin nicht auf einzelne Berufszweige eingegangen, denn die Ansätze gelten für alle Menschen, egal , ob ein Arzt seine Patienten begrüßt, eine Therapeutin mit Kindern arbeitet, ein Lehrer Gedichte vermitteln will oder man sich nur vorstellen muß. Die Liebe zum Buchstaben, zum Satz, zum ganzen Sprachgefüge ist die Voraussetzung. Denn wenn ich den einzelnen Buchstaben ernst nehme, werde ich das Wort nicht verschleifen, den ganzen Satz wichtig nehmen und mir seine Wertigkeit vorstellen in meinem Reden. Und wenn ich mich wichtig nehme mit meiner Art zu sprechen, dem Gegenüber wirklich etwas zu sagen habe, dann wird auch die Musik hinter den Worten , die Musik der Sprache hörbar werden.

Eine Bitte zum Schluß, machen Sie sich mit Ihrer Stimme vertraut, mit Ihrer ganz eigenen Sprache, mögen Sie Ihre Stimme, dann geht alles leichter, auch das Üben.
Die Füße stehen auf gutem Grund. Ihre Körper wird gehalten. Ihr Atem fließt. Der Kiefer ist locker und beweglich. Ihre Gesichtsmuskulatur ist entspannt. Ihre Mundhöhle weit. Der Mitteilungswille ist vorhanden. Vielleicht haben Sie auch geübt. Nun kann die Musik der Sprache beginnen. Viel Freude für Sie und Ihre Zuhörer.