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Rezensionen

Wegbegleiter für einen Ausflug in die Geschichte der Pneumologie
Nachdruck der Denkschrift „Die Heilstätten der Landesversicherungsanstalt Berlin bei Beelitz i/Mark“ von 1927, erschienen im Wasmuth Verlag, 2012.
von Jüttemann, Andreas (eine stark gekürzte Fassung dieser Rezension erscheint im Frühjahr 2013 in der Zeitschrift "Pneumologie")

Die im Jahre 1902 eröffneten Beelitzer Heilstätten gehörten zu den größten je in Deutschland gebauten Lungenkliniken. In den 1920er Jahren wurden 950 Betten für Tuberkulosepatienten und darüber hinaus noch einmal fast 400 Betten für Patienten mit „Nervenschwäche, Rheumatismus, Magen- und Herzleiden“ ([1], S.5) bereitgehalten. Die übliche Bettenzahl in vergleichbaren Heilstätten anderer Landesversicherungsanstalten lag selten über 300 [2]. Von 1902-1927 wurden über 100.000 Patienten in Beelitz behandelt. Das fast 200 Hektar große Klinikareal mit über 60 Gebäuden gliederte sich einst in vier Abteilungen: Die Gebäude zwischen Tuberkulösen und Nicht-Tuberkulösen sowie zwischen männlichen und weiblichen Patienten aufgeteilt. Nicht einmal ein Viertel der Anlage wird heute noch zu medizinischen Zwecken genutzt. Der Großteil der Gebäude steht seit 1994 leer und wartet auf eine neue Verwendung. 

Die Berliner Landesversicherungsanstalt wollte 1898 in Beelitz eine Musterklinik begründen. In den Berliner Hinterhöfen grassierte um die Jahrhundertwende die Tuberkulose. Das von der Versicherung angekaufte Waldgelände in Beelitz war von Berlin aus bequem mit Vorortzügen erreichbar und genügte den damals für den Neubau von Einrichtungen zur Tuberkulosebehandlung geltenden Anforderungen. Da es dennoch weit genug von den Ortschaften der Umgebung entfernt liegen sollte, entstand in Beelitz eine fast völlig autarke Infrastruktur. Dazu gehörten u.a. ein Kraft-Wärme-Heizkraftwerk, eine eigene Lebensmittelerzeugung mit Fleischerei, Bäckerei und Viehzucht sowie eine Wäscherei mit modernen Desinfektionsgeräten. Diese Ausstattung entsprach dem neusten Stand [3], [4].Die Landesversicherungsanstalt Berlin gab anlässlich des 25jährigen Bestehens der Heilstätte im Jahre 1927 eine Denkschrift heraus, die im vergangenen Jahr unverändert nachgedruckt wurde und wieder im Wasmuth-Verlag erschien. Diese Neuauflage ist sehr zu begrüßen, weil die alte Denkschrift auch heute noch einen guten Einblick in die Heilstättenbehandlung bietet, die Dr. Brehmer entwickelt hatte und die erstmalig 1854 in Görbersdorf (Schlesien) zum Einsatz kam. Die Therapie wird auch durch zahlreiche Aufnahmen aus dem Heilstättenalltag veranschaulicht. Es werden z.B. Patienten bei der Höhensonne, während der Liegekur, im Inhalationsraum und beim Kegelspiel gezeigt.Eingeleitet wird der Nachdruck mit einem Vorwort zu Geschichte und Gegenwart der Heilstätten, das Gerwin Zohlen verfasst hat. Darin wird vor allem die Faszination der historischen Fotos in der Denkschrift zutreffend beschrieben: „Gerade bei den Aufnahmen mit Personen wirken die Fotos seltsam statuarisch, als wären sie dem Fixierglas einer stillgestellten Zeit entnommen: Phrenicusexairese und Thorakoplastik, aber auch der 'Wäschewechsel im Pavillon' nehmen sich wie schockgefrorene Nachrichten einer ferner Vergangenenheit“ ([5], S. IX). 

Bemerkenswert sind auch die in den Fotografien enthaltenen Auskünfte über die hygienischen Vorschriften jener Zeit, so dass anscheinend „bei der hoch infektiösen Tbc seinerzeit noch ohne Mundschutz operiert wurde“ ([5], S. IX).Der Architekt Heino Schmieden, der durch zahlreiche Krankenhausbauten (z.B. DRK-Klinkum Berlin-Westend, Wenckebach-Krankenhaus Berlin-Neukölln, Johanniter-Heilstätte Sorge, Reichsbahnheilstätten Moltkefels und Melsungen) bekannt geworden war und der junge Regierungsbaumeister Boethke erhielten den Auftrag zur Gestaltung der Beelitzer Anlage. Sie wurden angewiesen, nur die erlesensten und langlebigsten Materialien zu verwenden [3]. Aufgrund dieser Vorgaben befindet sich die Anlage trotz fast jahrzehntelanger vorheriger sowjetischer Militärnutzung mit Investionsstau, zwanzig Jahren Leerstand und Vandalismus immer noch in einem erstaunlich „gut“ erhaltenen Zustand. Dieser Umstand erklärt auch die Tatsache, dass einige Gebäude noch jüngst für zahlreiche Filmdreharbeiten genutzt werden konnte. In der Denkschrift ist die Ästhetik der liebevoll bis in Detail ausgearbeiteten Architektur auf historischen Schwarzweißfotografien wirkungsvoll dargestellt. Jubiläumsdenkschriften von Krankenhäusern stellten eine beliebte Möglichkeit dar, auf Heilerfolge hinzuweisen. Im Bereich der Heilstätten wurde die Prunkbauten der Gründerzeit, die meist in den 1920er Jahren im Besitz der Landesversicherungsanstalten waren, hervorgehoben. Voraussetzung für die Aufnahme eines Tuberkulösen in eine Heilstätte der Landesversicherungsanstalten (heute Deutsche Rentenversicherung) war, „daß es sich um die Verhütung von Invalidität oder Wiederherstellung von Erwerbsfähigkeit nach schon eingetretener Invalidität handelt“ ([1], S.5). Schwerstkranke wurden in der Regel also nicht behandelt, sondern oftmals an ihre Familie zurückverwiesen. Oft waren die Heilstätten auch nur für Patienten der Arbeiterschicht vorgesehen. Mittelständler, die in der Kaiserzeit häufig nicht einmal versichert waren, mussten auf teure Privatsanatorien ausweichen. Sie standen manchmal für längere Zeit auf den Wartelisten der wenigen für sie bestimmte Einrichtungen (im Umkreis von Berlin gab es nur eine einzige solche Heilstätte).Das Jahr 1927, in dem die Denkschrift erschien, markiert zugleich einen wichtigen Umbruchprozess im Heilstättenwesen. Die Heilbehandlungen unter rein hygienisch-sozialmedizinischen Gesichtspunkten, wie sie von 1854 bis dato üblich waren, traten gegenüber den chirurgischen Behandlungen immer weiter in den Hintergrund. Seit dem ersten Weltkrieg fand außerdem die sozialmedizinische Aufklärung immer mehr in amtsärztlichen Fürsorgestellen statt. Die „klassische“ Heilstätte wandelte in den Folgejahren zu einem pneumologischen Krankenhaus.  

Doch im Jahre 1927 war „die neue Zeit“ in Beelitz noch nicht ganz angekommen: „Wenn auch die Behandlung in einer Lungenheilstätte längst nicht mehr die einzige Waffe im Kampf gegen die Volksseuche der Tuberkulose ist, (…) so kann man doch auch heute noch die Behandlung in der Lungenheilstätte als das Rückgrat der Tuberkulosebekämpfung sehen“ ([1], S.5). Erst in den Jahren 1928-30 reagierten die Beelitzer Heilstätten auf die Änderung der Behandlungspraxis. In diesen Zusammenhang hinein gehört auch die Errichtung eines modernen Tuberkulosekrankenhauses (Architekt Fritz Schulz) für Patienten beider Geschlechter [4]. Auch dieses Gebäude befindet sich heute – wie drei Viertel der gesamten Heilstättenanlage - in einem äußerst desolaten Zustand. Zu dieser Entwicklung hat möglicherweise auch die große Verbreitung von Fotos beigetragen, die in den Medien gezeigt wurden und die einen „morbiden Charme“ ausstrahlten. Der Bekanntheitsgrad der Beelitzer Heilstätten, der auch durch die Verwendung als sowjetisches Militärhospital und den zeitweiligen Aufenthalt von Erich Honecker gesteigert wurde, zog in den letzten Jahren leider nicht nur medizin- und architekturhistorisch interessierte Besucher an. Der aktuelle Besitzer, ein Potsdamer Architekt, der den Umbau der Anlage zu einem Hochschulcampus beabsichtigt, musste sogar die Bewachung mehrmals verstärken. Auch auf diese Vorgänge geht Zohlen in seinem Vorwort ein und berichtet z.B. über Metalldiebstähle (Rohre und Regenrinnen) und über eine Vielzahl von Unfällen. Selbst kriminelle Ereignisse wurden publik: Es gab sogar mehrere Mordfälle ([5], S. XIV). Das sollte jedoch Interessierte nicht davon abhalten, sich zu einer Besichtigung der Beelitzer Heilstätten anzumelden. In diesem Zusammenhang bietet die Heilstätten-Expertin Irene Krause eine historische Führung an (Besucherinformationen siehe [6]). Als Vorbereitung ist die vorangehende Lektüre der vorgestellten Denkschrift aus dem Wasmuth-Verlag sehr zu empfehlen.

Literaturverweise
[1] Landesversicherungsanstalt Berlin. Die Heilstätten der Landesversicherungsanstalt Berlin bei Beelitz i/Mark. Denkschrift herausgegeben von der Landesversicherungsanstalt Berlin anläßlich des fünfundzwanzigjährigen Bestehens der Heilstätten. Berlin: Ernst Wasmuth; 1927.

[2] Deutsches Zentral-Komitee zur Bekämpfung der Tuberkulose. Verzeichnis der deutschen Einrichtungen für Tuberkulöse. Berlin; 1930.

[3] Lemburg P, Volkmann T. Die Beelitzer Heilstätten - Entwicklungsgeschichte und Beschreibung. In: Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege, Hrsg. Die Beelitzer Heilstätten Potsdam: Potsdamer Verlags-Buchhandlung; 1997. (wiederveröffentlicht unter [6])

[4] Frank W, Hubenstorf M. Die Lungenheilstätten der Landesversicherungsanstalt Berlin in Beelitz (1898 – 1998). Pneumologie 2005; 59(8): 562-567.

[5] Zohlen G. Vorwort. In: Nachdruck der Denkschrift „Die Heilstätten der Landesversicherungsanstalt Berlin bei Beelitz i/Mark“, herausgegeben 1927 von der Landesversicherungsanstalt Berlin anläßlich des fünfundzwanzigjährigen Bestehens der Heilstätten. Tübingen: Ernst Wasmuth; 2012.

[6] diese Webseite
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