ADHS und Depressionen bei Erwachsenen


 

 




Stationäres Behandlungsangebot für ADHS / Depressionen und komorbide Störungen mit entsprechender Schwerpunktsetzung auf die affektive Labilität, Erschöpfungsproblematik bzw. auch Schlafstörungen ab 1.8.2013 an der Saale Klinik 1 / Psychosomatik in Bad Kösen ! Weitere Infos per mail unter martin.winkler(at)rehaklinik.de 


In der folgenden Übersicht soll aus einer subjektiven Beschreibungsebene der Beeinträchtigungen höherer Orientierungs-, Wahrnehmungs- und Emotionsregulationsmechanismen beim Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivitätsssyndrom (mit oder ohne erkennbare motorische Hyperaktivität) ein Zusammenhang bzw. auch Abgrenzung zur herkömmlichen Psychopathologie depressiver Störungen (und auch Angstsymptomen) versucht werden.

Berücksichtigt man die hohe Prävalenz und bekannte sekundäre Auswirkung einer ADHS-Veranlagung auf die Entwicklung und Aufrechterhaltung sekundärer psychischer Störungen, so liegen bisher nur vergleichsweise wenige Untersuchungen zur Differentialdiagnose und Komorbidität ADHS und Depressionen vor. Dies überrascht insofern, weil ausgehend von der klinischen Beobachtung davon ausgegangen werden muss, dass gerade die derzeit stationär psychiatrisch behandelten Patienten mit kompliziertem oder "atypischem" Krankheitsverlauf, häufigen Komorbiditäten bzw. fehlendem Ansprechen auf ambulante Therapiekonzepte und Standardmedikationen eine extrem hohe Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer ADHS-Konstitution haben dürften.


Neurodynamik der Emotionsregulation bei ADHS



Obwohl emotionale Auffälligkeiten nicht zu den Kernsymptomen von ADHS in den Diagnosebeschreibungen auftaucht, gehören Stimmungsschwankungen doch zu den ganz typische Problemen bei ADS / bzw. ADHS. Häufig haben ADHSler aber auch selber eine gestörte Selbstwahrnehmung der Gefühle bzw. "leihen sich Gefühle von Mitmenschen" (C. Beerwerth).

 
Kennzeichnend für ADHS-Patienten sind neben den Leitsymptomen der Aufmerksamkeitssteuerungs-Problematik, der defizitären Impulskontrolle und der Selbstorgansationsprobleme vor allem auch eine Instabilität im Gefühlsbereich. Wie die Esslinger Psychologin Cordula Neuhaus sehr treffend beschreibt, hängt es dabei sehr stark davon ab, welche Vorfeldbedingungen stimmungsmässig vorliegen und eine Handlung prägen. Ob eine Situation oder eine Person VORHER als potentiell positiv, interessant, herausfordernd oder aber emotional anderweitig positiv beurteilt wird, entscheidet MASSGEBLICH ob eine ausreichend Aufmerksamkeit und auch Stabilität für die Handlungen verfügbar sein wird. Anders ausgedrückt : Wenn eine Situation als potentiell kränkend, negativ kontrollierend oder sonstwie als unangenehm, langweilig oder störend empfunden wird, sackt die Aufmerksamkeit und auch die Stimmung schon vor der konkreten Durchführung in den Keller.

Häufig erleben sich ADHSler entweder als extrem "gefühllos" oder aber extremen Schwankungen ausgesetzt, also übermässig emootional.  Dabei ist das Gefühl viel stärker von den Gefühlen von anderen Menschen als von der eigenen Gefühlssteuerung abhängig. Häufig präsentieren sich ADHSler so gegenüber unterschiedlichen Personen in völlig unterschiedlichen Stimmungen, Einstellungen und Verhaltensmustern und sind andererseits extrem von den Stimmungen ihrer Umgebung abhängig. Sie scheinen also mehr auf die äußere Stimmung bzw Spannungen, Ungerechtigkeiten oder Ambivalenz zu achten, als auf die eigene Innenwahrnehmung.


Neurobiologisch ist hierfür der sog. Mandelkern (lat. Amygdala) als Teil des limbischen Systems des Gehirns zuständig. Wird eine Aufgabe, eine Situation oder eine Person positiv bewertet, aktiviert dies die Bereiche im Gehirn im Vorderhirn (cingulärer Cortex), die für Planung, Motivation und Handlungskontrolle zuständig sind. Bewertet der Mandelkern jedoch eine Situation als angstbesetzt, negativ oder langweilig kann auf Grund der fehlenden Motivation und Aktivierung keine angemessene Umsetzung erfolgen.



Eine weitere in diesem Zusammenhang wichtige Hirnstruktur ist das Belohnungs- oder Suchtzentrum im Gehin, das auch als Nucleus accumbens bekannt ist. Für das Individuum subjektiv interessante oder spannende Dinge werden hier registriert bzw. das Gehirn dazu aufgefordert, "mehr davon" zu suchen. Immer wenn wir etwas Neues lernen, einen Highscore knacken oder aber Nervenkitzel suchen, ist dieser Gehirnbereich beteiligt. ADHSler sind nun häufig auf der Suche nach dem "Kick", der dieses Belohnungszentrum "zündet".



Letztlich kann man sich dies wie bei einem Bildschirmschoner eines Computers vorstellen. Bei neuen, herausfordernden oder anderweitig positiven Situationen oder Personen wird die Orientierung- und Stimmungsstabilität ausreichend sein und kann sich bis zum Hyperfokus steigern, den viele ADHSler als "Flow" kennen. Gerade scheinbar schwierige oder akut in letzter Minute einsetzende Aufgaben führen dazu, dass man sich in eine Aktivität regelrecht hineinsteigert und viel länger (und oft auch besser) als andere Menschen sich konzentriert oder kreative und ungewöhnliche Lösungsmöglichkeiten entwickelt.



Einige Experten sprechen im Zusammenhang mit ADHS auch von einem Belohnungs-Defizit-Syndrom (Reward-Deficit), da Erfolge nicht stabil wahrgenommen und auf die eigene Anstrengung zurückgeführt werden. Vielmehr erleben ADHSler zwar häufig ein Erfolgsgefühl, etwa nach einer bestandenen Prüfung. Dieses Gefühl ist jedoch nicht lange "haltbar" . Eine Kleinigkeit wie eine Bemerkung, ein Gesichtsausdruck oder auch nur der Vergleich zu einer anderen Person mit einer minimal besseren / anderen Leistung setzt eine Abwärtsspirale in Gang. Die Aufmerksameits-Steuerung ist auch hier "defekt". Es geling nicht ausreichend lange ein gutes Gefühl von Stolz oder Zufriedenheit zu halten. Vielmehr sackt der Emotionszustand sehr schnell wieder ab.


 


Andererseits werden monoton wiederkehrende, fremdbestimmte und als negativ (weil z.B. abwertend angenommene) Situationen oder Personen zu einem "Aussteigen" bzw. Abschalten führen. Wenn das limbische System eine Situation als negativ bewertet, wird sowohl die Aufmerksamkeit wie auch die Stimmungsstabilität fehlen. Häufig ist dann allenfalls ein Trotz oder aber eine "Dysphorie" = gereizte negative Stimmung festzustellen. Die Betroffenen scheinen geradezu im "negativen Hyperfokus" festzukleben oder sich zu "verbeissen" und verfallen in eine Art Nihilismus, bei der sie kaum zu erreichen scheinen. Typisch ist dabei auch, dass die Kritik an anderen Personen oder Umständen scheinbar viel interessanter ist als die konkrete Beschäftigung mit eigenen Handlungs- und Veränderungsmöglichkeiten.

Typischerweise geht es dabei gerade nicht mehr um die Wahrnehmung oder Auseinandersetzung mit der "Realität", sondern um eine "Was wäre wenn" , wobei in aller Regel ein völlig massloser Beurteilungsstil mit typischen Denkfehlern wie sie auch bei einer Depression bekannt sind auffällt. Im Gegensatz zu einer klassischen Depression ist jedoch die "affektive Labilität" bzw. "intermittierende Dysphorie" zunächst durch kurze, dafür aber sehr heftige Gefühlsschwankungen geprägt. Dies wird in den Leitlinien zu ADHS im Erwachsenenalter der Fachgesellschaft DGPPN wie folgt definiert :



"Gekennzeichnet durch den Wechsel zwischen normaler und niedergeschlagener Stimmung sowie leichtgradiger Erregung. Die niedergeschlagene Stimmungslage wird vom Patienten häufig als Unzufriedenheit oder Langeweile beschrieben. Die Stimmungswechsel dauern Stunden bis maximal einige Tage. (Hat das Verhalten bereits zu ernsthaften oder anhaltenden Schwierigkeiten geführt, können sie sich ausdehnen). Im Gegensatz zur "major depression" (endogene Depression) finden sich kein ausgeprägter Interessenverlust oder Begleiterscheinungen."


Typisch für ADHSler ist dabei, dass sie weit stärker auf negative Signale wie Mimik oder Tonfall eines Geprächpartners reagieren und dabei (häufig völlig unzutreffend) einen Zusammenhang mit eigenem Fehlverhalten vermuten. Dies wird in der englischen Fachliteratur auch als "worry" bezeichnet, d.h. Grübeln oder eine "negative Gedankenmühle" mit ständigen Kreiseln, mit sich ständig im Kopf durchschiessenden negativen Gedanken oder Befürchtungen, Gefühlen und Wahrnehmungen. Ein Durchbrechen dieser Kreisel ist jedoch weder mit herkömmlichen Methoden (z.B. Gedankenstoptechnik) möglich, sondern kann nur durch extreme Verhaltensmuster oder aber (eher unsystematisch einsetzbar) durch andere Personen bzw. äußere positive Affekte und neue Ziele erreicht werden.

Es gibt den Ansatz psychischen Stress bzw. eine Empfindlichkeit für Umgebungsfaktoren wie emotionale Spannungen, Konflikte, Ungerechtigkeit und andere Belastungen mit "noise" = "inneren Lärm  gleichzusetzen. Dieses "innere Rauschen" kann man sich durchaus dann so vorstellen, dass eben zu viele Gedanken und Eindrücke gleichzeitig im Gehirn rumschwirren (eben wie viele Geräuschquellen, deren Ortung und "Abschalten" nicht gelingt"). Typischerweise ist dieser Lärm subjektiv und damit sehr individuell durch emotionale Belastungen oder Erfahrungen zu triggern.


Der ganz normale Alltag



Klienten mit ADHS haben einen anstrengenden Alltag, der die "innere Gedankenmühle" anheizt und das Abschalten verunmöglicht.

Hier ein Beispiel einer Patientin, für einen eigentlich ganz normalen Tag, der "stressig" wie immer ist. Üblicherweise würden Psychotherapeuten nun Stressbewältigung und Entspannungstherapien empfehlen oder über kognitive Therapieansätze eine Identifikation von dysfunktionalen Annahmen, Gefühlen und Körperreaktionen bzw. Handlungskonsequenzen erarbeiten. Darin könnte eine ADHSlerin ihren Therapeuten Fortbildungen geben, da ihr die Zusammenhänge mehr als deutlich vor Augen sind. Anders formuliert :

ADHS ist die Lücke zwischen Theorie und Praxis.



Patientinnen können sehr wohl die Zusammenhänge (seltener aber die Auslöser) erkennen, nicht aber wirklich verändern.



Sie erlebt sie im Gegensatz zu einer "echten" depressiven Patientin nicht als mehr oder weniger "automatische" und unbewusst ablaufende Handlungen, sondern eher als ein immer und immer wieder vor Augen stehender Film, den sie aber nicht wirklich beeinflussen kann. Es ist wie in dem Kinofilm "Und täglich grüsst das Murmeltier" : Selbst Veränderungen und magisches Denken oder "Anpassungsversuche" verändern den Grundablauf und das Wiederholende nicht wirklich.

Hier ein Beispiel einer Patientin :


8.15 Sitze im Auto : Mich noch noch Tanken ? Habe ich die Zigaretten dabei ?
8.55 Angst wieder einmal zu spät zu kommen...
9.00 Schon wieder zu spät
9.05 Habe ich meinen Firmenausweis überhaupt dabei? Sitzt heute der nette Pförtner am Tor, der mich auch so durchwinkt?
9.10 Schon wieder aufgefallen, dass ich zu spät bin ?
9.15 Habe ich eine Konferenz vergessen oder verpasst?
9.20 In den Emails irgend eine Hiobsbotschaft?
9.30 Mit was fange ich eigentlich an ?
12.00 Mist. Schon Mittag und ich habe noch nichts geschafft...
12.30 Ich bin hundemüde
13.00 Kantine. Viel zu viel Geräusche und zu viele Gerüche. Ich muss hier raus, ich habe eine Glocke über den Kopf, die gleich platzt. Sehe alles im Nebel.
14.00 Ich könnte nach Hause gehen, ich schaffe mal wieder gar nichts
14.20 Zurechtweisung vom Chef

14.45 Gedanken an Tochter. Hat sie was gegessen ? Was ist da wieder in der Schule passiert ? Ist sie wieder abgehauen?
17.25 Der Tag ist eigentlich vorbei,aber darf ich wirklich wagen zu gehen. Besser ich gehe als Letzte...
18.00 Besser nochmal fragen, ob ich gehen kann oder noch was zu erledigen ist.
18.15 Habe ich Geld, Schlüssel, Handy dabei?
19.00 Muss ich wirklich noch einkaufen?
19.15 Was muss ich heute noch machen?
19.30 Was kann ich essen?
20.00 Müde
20.30 Psychotherapiestunde ... Mit folgender späteren Schilderung einer Patientin

"Hauptgesprächspunkte der heutigen Therapiestunden waren u. a. meine Unfähigkeit, meinen Haushalt in Ordnung zu halten, das ständige "Völlegefühl" im Kopf, mein Schamgefühl über meine chaotischen Zustände in meinem Haushalt (aber auch in meinem Kopf), die Einflüsse auf meine berufliche Tätigkeit, um nur die wichtigsten zu nennen. Als Beispiel nannte ich ihr folgende Gedanken- und Verhaltensweisen: Seit Tagen steht der Wäscheständer mit (inzwischen "super"trockenen) Handtüchern auf dem Balkon. Und ich stellte mir die Frage, wieso ich es nicht schaffe, die Handtücher abzunehmen, zusammenzulegen und an ihren Platz im Badregal zu legen. Meine Gedankengänge: bevor ich die Handtücher zusammenlegen kann, muss ich den Küchentisch aufräumen und säubern, um dafür Platz zu haben. Um aber den Küchentisch aufzuräumen, muss der Geschirrspüler ausgeräumt werden. Und wenn ich dann das Geschirr in den Küchenschrank stelle, fällt mir aber wieder auf, dass ich eigentlich auch mal die Küchenschränke auswischen müsste, was wiederum (um diesen Gedankenkreis zu schließen) voraussetzt, dass ich die Schränke ausräumen und dazu der Küchentisch frei sein muss, um das ausgeräumte Geschirr darauf abstellen zu können. Ausserdem fällt mir ein, dass ich auch das Badregal, in dem die Handtücher wieder ihren Platz finden sollen, reinigen müsste. Wenn ich dann aber dabei bin, das Regal zu reinigen, sollte ich auch den Fußboden unter dem Regal (und selbstverständlich im kompletten Bad) wischen, was wiederum voraussetzt, dass vorher die Ablagen, die Badewanne und die Toilette geputzt wurden. So, oder so ähnlich, passiert es mir immer wieder, was nicht selten darin endet, dass ich gar nicht erst anfangen mag, das Chaos zu beseitigen (da ich es sowieso nicht schaffe, diese Perfektion zu erreichen) und ich mich total antriebslos fühle. Nach meiner Schilderung dieser, zugegeben "gestörten", Gedanken- und Verhaltensweisen, äußerte meine Therapeutin den Verdacht, ich könnte unter Zwängen leiden."





Wenn man diese Beschreibung Ärzten bzw Therapeuten ohne eigenes ADHS vorträgt, reagieren sie amüsiert oder verunsichert. Auch hinsichtlich der Zuordnung zu Diagnosen sind Psychiater und Psychologen dann sehr "kreativ". Von Anpassungsstörungen, endogene Depressionen, manisch-depressive (bipolare) Depressionen, über generalisierter Angststörung, Zwängen oder Persönlichkeitsstörungen dürften so ziemlich alle möglichen und unmöglichen Diagnosezuschreibungen kommen. Es entstehen dann interessante "Kombinationsdiagnosen", etwa wenn ein Psychologe von einer " zwanghaft-perfektionistischen Persönlichkeitsstörung mit histrionischen Zügen" spricht und gleichzeit abhängige und narzistische Persönlichkeitsstörungen feststellt oder andere sich eigentlich doch diamentral entgegengesetzt zu verstehende Diagnosekategorien gleichzeit gestellt werden.



Typisch ist, dass diese Patienten häufig über Jahre andauernde Behandlungsversuche mit verschiedensten schulmedizinischen Verfahren (Tiefenpsychologie über mehr als 100 h, Verhaltenstherapie) aber auch dann eine Zuwendung zu den diversen Angeboten der Heilpraktiker hinter sich haben. Es fällt Psychotherapeuten dann recht  leicht Deutungen oder Interpretationen wertend zu geben bzw.  deskriptiv zu behaupten, WAS diese Patientin falsch macht. Aber sie können nicht vermitteln, WIE sie es anders machen KANN (Was auch ein Unterschied ist zu   : "Wie sie es machen sollten"). Psychotherapie hilft durch das Feedback, die Strukturierung und die Empathie der Therapeuten. Eine Veränderung im Kern tritt jedoch meistens nicht ein.
Die "Hilfestellung" durch professionelle Therapeuten ist damit auf die Dauer meist nicht wesentlich hilfreicher als die zahlreichen gutgemeinten Ratschläge von Partnern, Familie und Arbeitskollegen. Sie verpufft in dem Moment, wenn der Patient die Praxis oder Klinik verlässt und die emotionale Fremdstrukturierung wegfällt.

 

Leider ist es so, dass ein Psychotherapeut meist nur danach fragt, WAS passiert ist. Vielleicht noch welche Gedanken und Gefühle oder Körpersignale aufgetreten sind. Ein kognitiver Verhaltenstherapeut würde aus dem Tagesablauf der Patientin beispielsweise schliessen, dass sie zu viele negative Gedanken hat, sich zu wenig abgrenzt (assertive Defizite), kaum Pausen macht (Genussdefizit) und überhaupt mal entspannen müsste.

Das jedoch weiss die Patientin selber. Hat sie über mehrere Monate probiert und es funktioniert nicht. Das "Kreiseln" wird verstärkt bei Erschöpfung und Müdigkeit, letztlich aber auch gerade bei freier Zeit wie ein Wochenende oder die erste Woche eines Urlaubs. Auch ungelenkte Zeiten (d.h. ohne klare äußere Zeit- und Strukturvorgaben) beinhalten die Gefahr, dass sie handlungsunfähig aufgrund der inneren Kreisel wird. Daher hat sie auch ihren Tagesablauf minutiös verplant und kann mit Veränderungen schlecht umgehen. Hier reichen aber schon Zyklusveränderungen der weiblichen Periode im Sinne eines zusätzlichen prämenstruellen Syndroms oder auch jahreszeitliche Schwankungen (ähnlich einer saisonalen affektiven Störung), um schwere Krisen auszulösen. Je länger diese Symptomatik anhält, desto anfälliger wird die Klientin für äußere Störungen bzw. Stressoren, die sie sonst gut kompensieren konnte.

Zwischenzeitlich hat die Klientin selber einige "Tricks" herausgefunden, damit umzugehen. So würde z.B. ein "Hyperfokus" mit einer intensiven gedanklichen Herausforderung helfen einen "Klick" im Kopf mit einem Umschalten auf eine innere Aktivität zu erreichen. Arbeiten geht nur "exzessiv" und ohne wirkliche Pausen, die Gefahr eines Burnout oder einer Mobbing-Wahrnehmung sind vorprogrammiert.

Sicher, auch regelmässiger Sport, Duschen, Nervenkitzel ("Kick")  oder auch spontaner Sex kann hilfreich sein, dafür ist jedoch zumeist kein Antrieb mehr vorhanden.  Alkohol und Cannabis betäubt das Gehirn, während Heisshungeranfälle eher einen Kick erzeugen, dann jedoch mit Schuldgefühlen gekoppelt sind. Ähnlich einem Auto, dass nur noch den 1. und 5. Gang schaltet kann man nicht mehr wirklich dosiert in seinem Leben handeln und fährt praktisch immer zu hochtourig und kurz vor dem Burnout.



So fällt es ihr zunehmend schwerer, positive Zustände selber herbeizuholen und die spontanen positiven Zustände werden mit der Zeit immer seltener bzw. kurzzeitiger wirksam. "ADHSler leihen sich die Gefühle von anderen Menschen" (nach C. Beerwerth) und fallen häufig dadurch auf, dass sie sich mit abhängigen (dependenten) Interaktionsmustern bei gleichzeitiger sehr individueller Lebensgestaltung scheinbar paradox verhalten.


Safren et al haben ein grundsätzlich plausibles verhaltenstherapeutisches Störungsmodell zur ADHS-Problematik im Erwachsenenalter vorgestellt :


Dieses Modell geht von einer neurobiologischen Veranlagung von ADHS mit den Leitmerkmalen der Aufmerksamkeitsstörung und mangelnde Impulskontrolle (=Inhibition) sowie erheblichen Problemen der Selbstregulation aus. Diese (wohl überwiegend) angeborene Veranlagung wird jedoch durch Umfeldbedingungen bzw. Lernerfahrungen so beeinflusst, dass der subjektive Belastungsgrade der funktionellen Beeinträchtigungen wechselnd und schwankend sein kann. Das Modell geht davon aus, dass man die genetische Prädisposition letztlich nur über die Medikation mit Psychostimulanzien bzw. ggf. Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (ggf. in Kombination mit anderen Medikamenten) verändern kann. Letztlich gibt es zwar einige Einflussfaktoren auf die Neuropsychiatrische Kernsymptomatik (z.B. Schlaf, ausreichende Aktivität, regelmässiges Essen), eine ganz grundlegende Veränderung ist jedoch im Sinne der Verhaltenstherapie psychotherapeutisch nicht zu erwarten.


Nun prägen negative Vorerfahrungen und auch eine häufigeres negatives Auffallen in Schule, Ausbildung und Beziehungen zu anderen Menschen lebenslang das Erleben der Betroffenen. Immer wieder spüren sie, "anders als die Anderen" zu fühlen, wahrzunehmen, zu handeln. Besonders Entscheidungen, Umgang mit Kritik und Autoritäten und das Vorwegahnen einer als elend langweilig empfundenen Routine führen zu Problemen.

Betroffene ADHSler versuchen nun zunächst Kompensations- und Vermeidungsstrategien zu entwickeln, um die lebenslange Veranlagung auszugleichen. Vermeidungslernen ist bei ADHSlern durchaus zu beobachten und führt zu einer negativen Selbstwirksamkeitserwartung. Die ständige Erfahrung mit eigener Anstrengung und Willen eben nicht das gesetzte Ziel mit angemessenem Aufwand zu erreichen, führt zur Resignation. Es kann und wird durch eigenes Zutun dauerhaft besser. Eher wie in einer Endlosspirale kommt der ADHSler immer wieder an einem sehr ähnlichen Punkt an.

Tatsächlich kann es jetzt zu einer zusätzlichen "echten" reaktiven Depression kommen. Dies wäre entweder eine klassische "Erschöpfungsdepression", weil einfach alle Reserven aufgebraucht sind und das ständige Ankämpfen nicht mehr gelingt. Wahrscheinlich würden aber Psychiater nach der herkömmlichen Psychopathologie-Klassifikation eher an eine "Atypische Depression" (bzw. Depression Nicht näher bezeichnet) denken, da die Betroffenen eben gerade nicht typische depressive Verhaltensmuster zeigen und auch das typische Gefühl der "inneren Leere" oder "Gefühl der Gefühllosigkeit" fehlt. Dafür imponieren Gedankenrasen und "Aktivismus" im Wechsel mit Erschöpfung.  Auch typische somatische Begleitsymptome sind abgesehen von Schlafstörungen eher selten. Zwar kann es bei ADHSlern eine Antriebsminderung am Morgen geben, die jedoch auf nicht erholsamen Schlaf bzw. Verschiebung der Tag-Nachtrhythmik zurück geführt werden kann. Ein typisches Morgentief wie bei der Depression bzw. eine Besserung über den Tag findet sich deshalb nicht. Eher geben Patienten an, nachmittags und abends müde und erschöpft zu sein, andererseits aber eben auch nicht Schlaf zu finden.

Allerdings kann es sein, dass bei Überlastung des "Systems" die Klienten eher ein diffuses Nebelgefühl im Kopf, ein Druck ("Taucherglocke" um den Kopf) bzw. Spannungen (einseitige Kopfschmerzen wie bei einer Mischung aus Spannungskopfschmerz und "Migräne" ohne Pulsieren). Analog des oben dargestellten Vergleichs von "innerem Lärm" (noise) reichen jetzt bereits kleinste emotional geprägte Auslöser, um das System zu stören. "Rauschfrei" kann man dann kaum noch zurecht kommen. Dies kann sich tatsächlich in Form von Tinnitus (Ohrgeräusche) oder anderen psychosomatischen Syndromen zeigen, bei denen eine Reizfilterschwäche vorliegt. Andererseits kann eben ein Suchtverhalten eine "Rausch"-Kompensation mit entsprechenden Langzeitfolgen liefern.

 

Bleibt man in der Analogie der Computerwelt, so kann man diesen Zustand vielleicht mit einem Computermonitor vergleichen, bei dem zu viele Fenster auf sind bzw Dateien falsch abgespeichert sind. Immer wieder wird man abgelenkt von eigentlich wichtigen Dingen, möglicherweise "springen alte Fenster" noch zusätzlich auf. Die Arbeitsgeschwindigkeit sinkt rapide, die Fehlerhäufigkeit im Gesamtsystem steigt und früher oder später kommt es zum "Einfrieren" des Bildschirms bis hin zum Absturz. Computerexperten sprechen dann davon, dass die Arbeitsgeschwindigkeit des Systems immer langsamer wird. Bei Windows-Rechner wäre das Problem in der sog. Registrierungsdatenbank ("Registry") zu suchen, wo sich Dateifragmente befinden. Selber kann man (als Laie) diese Eintragungen nicht verändern oder löschen. Es gibt aber Möglichkeiten, diese "offenen Kreisel" zu finden und zu löschen. Dazu kann man man mit unserem Verfahren kleine Handlungsanweisungen für die Profis erstellen und dann sogar ein automatisch laufendes Reinigungssystem anbieten, dass der Klient dann regelmässig selber anwenden kann.


ADHS oder Bipolare Störung ?


Leider denken einige Psychiater auch an eine Manisch-depressive Störung: Dies sei anhand des folgenden Beispiels einer Ehefrau (aus dem Psychologie-Portal Web4health) verdeutlicht :



"Mein Mann und ich kennen uns seit 20 Jahren, wir sind beide Anfang 40 und haben 2 Söhne, die von ADHS betroffen sind. Im letzten Jahr machte mein Mann eine m.E. sehr schwere Midlife Crisis durch. Er wollte sich von der Familie trennen, kaufte erst ein Flugzeug, dann ein Cabrio und begann anschließend, über mehr als eine Handvoll Partner-Portale intensiv nach einem Ersatz für mich zu suchen. Er war in einer totalen Hochstimmung und Aufbruchphase, nahm 15 kg ab, schlief kaum. Er hätte der Familie nun genug Zeit geopfert, war seine Meinung, seine Kinder müssten das schon verkraften, da sei schließlich wichtiger, dass er glücklich sei.

Ca. 3 Monate später war die Hochstimmung verflogen, er hatte Kopfweh, Gelenkschmerzen, Konzentrationsprobleme und wohl auch Selbstmordgedanken. Er gab Fehler zu, er wolle seine Familie nicht verlieren und so weiter. Ich war bereit mich darauf einzulassen, schon unserer Kinder wegen. Ich hatte die Kinder gerade durch umfangreiche Therapien auf einen guten schulischen Weg gebracht - das wollte ich nicht aufs Spiel setzen. Ich ahnte auch damals das Ausmaß seiner Eskapaden nur bedingt, aber als dies dann tröpfchenweise ans Licht dümpelte, warf es mich von den Füßen und ich rutschte in eine Depression. Zum Glück fand ich schnell einen guten Arzt und bekam Medikamente. Jetzt habe ich eine Therapie bei ihm begonnen, und er fragt mich natürlich nach meiner Ehe!

Ja, sage ich, mein Mann ist jetzt super nett, hilft mir im Haushalt und mit den Kindern, versucht Vertrauen aufzubauen, indem er Zuverlässigkeit beweist. Könnte eigentlich kaum besser sein, wenn dieses letzte Jahr nicht wäre, und es ist mir nicht klar, wie jemand der intelligent ist, so den Kopf abschalten kann.



Da fragt er mich, ob mein Mann schon früher Stimmungsschwankungen mit Höhenflügen und Tiefen gehabt hat - ich sage: ja, eigentlich war er schon immer sehr stimmungslabil. Wenn ihm eine fixe Idee in den Kopf springt, kauft er schnell mal eben z.B. 10 dicke Bücher über Börsen-Investment oder 20 über Militärflieger im 1. Weltkrieg, die ihn nicht mehr interessieren, sobald sie im Schrank stehen. Wie ein Drachen an der Schnur, dachte ich schon früher manchmal: solange man die Schnur festhält, fliegt er super - ein bisschen zuviel Wind und er reisst sich los, und dann passiert nichts Gutes.

Dann wieder hat er Phasen, da sitzt er wie eine Salzsäule bewegungslos und starrt Löcher in die Luft. Da sagt mir mein Arzt, dass mein Mann vielleicht eine Bipolare Störung oder eine Zyklothymie hat, gibt mir ne Broschüre mit - ich soll mal mit ihm reden, dass er sich behandeln lassen sollte.

Mein Gott - wie soll ich das denn nun machen? Ich dachte immer, da wir 2 ADHS-Kiddies haben und mein Mann auch als Kind in diese Richtung auffällig war, dass es sich hier um die typische Impulskontroll-Schwäche handelt.

Ich weiss jetzt wirklich nicht, wie ich vorgehen soll, immer kriege ich die schwierigen Aufgaben. Gibt es einen Tipp, den man mir oder ihm geben kann. Ich bin mit der Sache überfordert, ihn zum Arzt zu bringen, habe eigentlich genug mit mir zu tun. Andererseits könnte es vielleicht auch eine Chance sein?"


Dies ist nun sicher keine manisch-depressive Störung (vielleicht könnte man alternativ auch psychopathologisch eher eine narzistische Persönlichkeitsstörung vermuten?). Egal, wie man das nun bezeichnet. Es ist eine sehr passende Beschreibung, wie sich ein unbehandeltes ADHS nicht nur auf den Mann sondern auch auf seine Ehefrau bzw. das Familiensystem auswirken kann und wird. Häufig sieht man in einer derartigen Situation auch die Ehefrau "depressiv" dekompensieren, da sie letztlich neben 2 ADHS-Kindern auch noch eine sich kindlich-regressiv verhaltenden Mann mit extremer affektiver Labilität und Neigung zu extremen Verhaltens- und Gefühlsschwankungen zu "dressieren" hat.

Typisch für ein lang anhaltendes ADHS ist durchaus, dass die Betroffenen scheinbar in zwei (oder mehr) Zuständen leben und diese Zustände aus scheinbar heiterem Himmel "kippen". Auch wenn sich die Verhaltensweisen vielleicht "submanisch oder sogar "manisch" in der Meinung von Laien darstellen, so fehlt es doch an den typischen Kennzeichen einer entsprechenden Störung. Wenn nun ein Patient bzw. Angehörige einen Arzt oder Psychologen aufsuchen, wird dieser aber eben nur aus der Schilderung eine Erhebung der Psychopathologie bzw. eine beschreibende Diagnostik vornehmen und in seine bekannten "Schubladen" einordnen. Wenn sich eine besorgte Ehefrau zusammen mit einem derartigen "Patienten" in einer Klinik oder Praxis vorstellt, sind Vorurteile und bekannte Schemata der Therapeuten naheliegend. Dies wird durch das Verhalten der Ehepartner bzw. der besorgten (aber durchaus auch aufdringlich ungezügelten) Nachfrage der Frau und häufig für Aussenstehende extreme Verhaltensmuster zwischen intensiver Sorge und rigidem Abgrenzen noch verstärkt. Tatsächlich beeinflussen sich gerade in einer derart emotional belasteten Situation die Gefühlsschwankungen bzw. auch Wahrnehmungsprobleme sowohl des Patienten, der Angehörigen - aber natürlich auch der Therapeuten (zumal, wenn diese nichts von einer möglichen ADHS-Konstitution wissen). (Mehr zum Thema Auswirkungen von ADHS auf das Interaktions- und Therapeutenverhalten.....). Die Situation schaukelt sich immer weiter auf...

 

 
 
In der folgenden Übersicht versuche ich häufige Fragen um das Thema ADHS und / oder Depressionen im Erwachsenenalter zu beantworten.

1. Mein Arzt meint, dass man vor der Behandlung von ADHS im Erwachsenenalter eine Behandlung mit einem Antidepressivum vornehmen sollte, weil alle ADHSler in der Folge der lebenslangen Beeinträchtigungen eine Depression entwickeln. Stimmt das ?

Jein. Tatsächlich ist es eine häufig zu treffende Beobachtung, dass die alleinige Gabe von Methylphenidat bei Erwachsenen mit ADHS zu einer (scheinbaren ?) depressiven Grundstimmung führen kann. Einer Phase der anfänglichen Euphorie (die vermeindliche Erklärung für alle möglichen Probleme oder Konzentrationsprobleme gefunden zu haben) kann anschliessend eine Ernüchterung folgen. Stimulantien wie Methylphenidat wirken "ent-täuschend" : Sie öffnen einen Blick auf die Innenwahrnehmung, die man aus den verschiedensten Gründen bisher nicht registrieren wollte / konnte. Und dabei können natürlich jede Menge Verletzungen oder Traumatisierungen zu Tage kommen, die wiederum mit Unruhe einhergehen. Häufig wird nun diese Unruhe bzw. Unfähigkeit zur Entspannung unter der Medikation mit den eigentlichen ADHS-Symptomen verwechselt, was zu einer erheblichen Irritation hinsichtlich der richtigen Behandlung führen kann.


Diese Phase der Ernüchterung folgt häufig eine Hinterfragen der Diagnostellung oder der Behandlungsmethode mit eher ziellosem Vorgehen. Fehlt es hier an einer engmaschigen Austauschmöglichkeit zwischen Arzt und Klienten (alternativ einer psychotherapeutischen Begleitung oder zumindest professionellem Coaching) kann eine sehr problematische Konstellation entstehen. Anders ausgedrückt : Die alleinige Gabe von Metyhlphenidat oder Amphetaminsulfatsaft kann gehörig schief gehen.

Umgekehrt bedeutet es aber nun auch nicht, dass jeder ADHS-Erwachsene zunächst antidepressiv mediziert werden sollte !

Vielmehr geht es um eine sehr individuelle und differenzierte Beurteilung und Behandlung. Aus meiner persönlichen klinischen Erfahrung heraus würde ich behaupten, dass häufig eine antidepressive Medikation eben gerade nicht das Beschwerdebild deutlich verändert - schon allein deshalb, weil keine klassische Depression vorliegt (mehr dazu siehe weitere unten).
 
2. Antidepressiva verursachen bei mir Depressinonen ! Kann das sein ?
 
Eine weitere häufige Beobachtung von Klienten mit ADHS ist, dass sie unter Antidepressiva zwar eine kurzzeitige Besserung der Stimmungsschwankungen erleben, dann aber sich "wie abgeschnitten" vom emotionalen Erleben fühlen oder sogar ein Gefühl von Traurigkeit, Einsamkeit bzw. Frustration auftaucht, das sehr schwer auszuhalten ist.




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