ADHS bei Erwachsenen

Stationäre Rehabiliation für Erwachsene

mit ADS / ADHS

am Beispiel der Klinik Lüneburger Heide, Bad Bevensen

1.      Welche Aufnahmekriterien gibt es ?

 

Für Versicherte der Gesetzlichen Krankenkassen gilt, dass wir eine Rehabiliationsklinik sind. Das bedeutet, dass ein Arzt mit Ihnen zusammen einen Antrag auf medizinische Rehabiliationsmaßnahme stellen muss bzw. dieser für unsere Klinik genehmigt werden muss. Meistens geht der Antrag zunächst zur Krankenkasse, die ihn aber häufig (bei Beruftätigen) an die zuständige Rentenversicherung weiterleitet. Hier wird jetzt formal und inhaltlich geprüft, ob eine Massnahme zielführend ist. Leider gibt es dabei aber bei Versicherten der Deutschen Rentenversicherung Bund (frühere BFA) das Problem, dass das bestehende Wunsch- und Wahlrecht für Kliniken im Bereich Rehabilitation sehr ungünstig von der Rentenversicherung interpretiert wird. In aller Regel wählt die DRV Bund andere Kliniken aus.

 

Aufnahmekritieren für uns sind :

- ADHS bzw. ADHS-Spektrum-Störungen (also damit zusammenhängende Folgeprobleme im Bereich Selbstwert, Selbstorganisation, Burnout, Depressionen, Persönlichkeitssstörungen, Traumata / Dissoziationen)

- Alter über 18 Jahren (oder ausreichende Reife für eine entsprechende stationäre Psychotherapie bei älteren Jugendlichen.)

- Suchtfreiheit (d.h. keine akute Suchterkrankung wie Alkohol- oder Drogenabhängigkeit)

- ausreichend soziale Bezüge (d.h. zumindest nicht obdachlos etc.)

- keine akute Psychose

- keine akute Suizidalität

- ausreichende Bereitschaft und Fähigkeit zur Mitarbeit bzw. zur Veränderung

- Schwerere Störungen des Sozialverhaltens (auch als Folge eines unbehandelten ADHS) bzw. antisoziale Verhaltensmuster / Deliquenz stellen häufig auch eine Kontraindikation dar

 

2.      Wie lange dauert durchschnittlich eine Behandlung ?

 

Wenn man einen Durchschnittswert nennen sollte, so liegt der wohl bei 6 Wochen oder 42 Behandlungstagen. Abweichungen nach unten bzw. häufiger nach oben sind möglich. In der Regel sollte eine Behandlung nicht länger als 10-12 Wochen dauern, im Einzelfall gibt es eine sogenannte fraktionierte Behandlung mit Wiederaufnahme nach einem halben oder einem Jahr.

 

3.      Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es überhaupt ?

 

ADHS ist ja (nicht nur) eine Störung, verursacht aber häufig lebenslange Störungen der persönlichen Möglichkeiten sein Potential im Alltag umzusetzen. Eine Behandlung gegen ADHS gibt es somit eigentlich definitionsgemäss nicht. ADHS ist eine neurobiologisch begründete Disposition, die zu Besonderheiten in (mindestens) 3 Kernbereichen führen kann

n      Entwicklungsstörung / Reifeverzögerung der Selbstregulation

n      Anpassungsstörung an Anforderungen

n      Störung des Selbstbildes und der Überzeugung, erfolgreich sein zu können

 

In einer stationären Behandlung geht es primär um die lebenslangen Auswirkungen bzw. „Narben“ der ADHS-Lebensgeschichte. Ein stationärer Aufenthalt dient zu einer Bestandsaufnahme. Häufig ist es für die Betroffenen schon schwierig, einen IST-Zustand zu beschreiben, geschweige denn ein Ziel zu formulieren. Häufig springen die Betroffenen ja von verschiedenen Themen bzw. Problembereichen, so dass ein aktives Eingreifen zum Strukturieren notwendig werden wird. Dabei ist es wichtig, realistische kleinschrittige und hier erreichbare Ziele zu definieren.
 
Global ausgedrückt kann ein stationärer Aufenthalt dazu dienen, die syndromtypischen Stärken und Probleme bzw. Besonderheiten der Regulation von Aufmerksamkeit, Gefühlen bzw. Impulsen und den Auswirkungen im Alltag zu verstehen und möglichst auch günstig für sich (bzw. weniger störend für das Umfeld) steuern zu lernen bzw. sich dann auch konkrete Ziele für eine weitere ambulante Betreuung zu setzen und sie verfolgen zu können.
 
 
Hierzu gibt es u.a. folgende Ansätze :

 

n      Aufklärung um Scham und Unverständnis zu reduzieren und neue konstruktive Handlungsalternativen zu finden.
In der Klinik findet 3 mal wöchentlich eine ADHS-Gruppe zur Information und Erfahrungsaustausch statt. An 2 weiteren Tagen gibt es ein spezielles Soziales Kompetenztraining / bzw. Coaching nur für ADHSler.

n      Medikamente filtern und sortieren Reize und helfen Überblick zu entwickeln und Probleme zu sehen
Hier spielen nicht nur die Stimulantien (Methylphenidate, D-L-Amphetaminsulftat) oder Atomoxetin (Strattera) eine Rolle. Zur Behandlung der Folgeprobleme kann es auch um die Behandlung von Schlafstörungen, Depressionen oder Ängsten gehen, so dass eine individuelle adaptative Pharmakotherapie und natürlich Aufklärung erfolgt.

 

n      Coaching um vor Ort realistische Aufgaben in Teilschritte zu übersetzen und Umsetzung zu überprüfen (in der Klinik nur ansatzweise möglich, da der Alltag ja woanders spielt). Eine Mitarbeiterin entwickelt aber gemeinsam mit den Patienten individuelle Ansätze für Veränderung. Dies wird durch unseren Sozialdienst praktisch unterstützt. Wichtig beim Coaching ist : Nicht der Coach löst das Problem oder räumt die Probleme weg, sondern er / sie leitet zu verbesserten Problemlösungen an. Coaching ist also eine zeitlich begrenzte Begleitung zur Selbsthilfe bei (scheinbar) selbstverständlichen Alltagsanforderungen.

n      Psychotherapie für ADHS-Folgeprobleme (Selbstwertgefühl, Versagensängste, Traumata / Dissoziative Störungen etc.).
4 mal in der Woche findet eine sog. Basispsychotherapie-Gruppe statt, die bei uns "störungsbildhomogen" bzw in 2 Altersklassen eingeteilt ist. In aller Regel werden (zumindest überwiegend) ADHS-Patienten untereinander syndromtypische Auswirkungen bzw. Folgeerkrankungen der lebenslangen ADHS-Konstitution thematisieren und konstruktive Lösungsmöglichkeiten entwickeln. Dabei geht es einerseits um die verbesserte Selbstwahrnehmung (auch von Problemen bzw. egozentrischen Sichtweisen) aber auch negatives Selbstwerterleben oder aber zwischenmenschliche Schwierigkeiten. Die Klinik ist dabei auch der Erlebnisraum in dem sich eben häufig wiederkehrende Probleme oder Konflikte ergeben, die dann in der Gruppe aufgearbeitet werden können.

n      Austausch unter Mitpatienten / Patientinnen
Verständnis und gegenseitige Unterstützung
Lotsenfunktion um wirksame Hilfe zu finden

Eine stationäre Rehabiliationsmaßnahme ist in aller Regel eine Art Standortbestimmung. In einem Zeitraum von 6-8 Wochen können nicht alle Probleme, Erfahrungen, Alltagsprobleme oder Skills oder ein „guter Rat fürs Leben“ vermittelt werden. Vielmehr versuchen wir, aus dem Gefühl der Resignation und Irritation über sich selbst heraus zu leiten und den Patienten wieder in die Lage zu versetzen, Probleme eigenständig zu bewältigen bzw. sich die entsprechende Unterstützung im weiteren ambulanten Bereich zu suchen.

In unserer Klinik wird einerseits in der Psychotherapiegruppe eher auf Grundlage von tiefenpsychologischen und systemischen Verständnisansätzen gearbeitet. Allerdings steht doch die Gegenwart (und Zukunft) bzw. syndromtypische Problemsituationen im Mittelpunkt. Typisch dabei wäre, dass (auch) in der Klinik auftretende Konflikt- und Problemsituationen (hohe Erwartungen, Perfektionismus, Konflikte mit Therapeuten oder Mitpatienten) exemplarisch aufgegriffen werden und unter dem Blickwinkel der ADHS-Symptomatik konstruktivere Problembewältigungsmöglichkeiten entwickelt werden.

In der ADHS-Gruppe werden daneben eher verhaltenstherapeutische Bausteine (u.a. aus den Programmen von Safren et al bzw. Hesslinger und Phillipsen) aufgegriffen. Zusätzlich wird ein regulationsdynamisches Verständnis von ADHS vermittelt und hieraus abgeleitet Möglichkeiten zur Selbsthilfe bei inneren Konflikten bzw. Blockaden entwickelt und zur Veränderung von lebenslangen schlechten und wiederkehrenden Erfahrungen beizutragen.. Hier gilt es, Ressourcen (Stärken) im Bereich von Vorstellung, Kreativität und Spontanität in den Therapieprozess einzubinden bzw. ADHS nicht nur als Störung und Behinderung zu missverstehen.

 

 

4.      Möglichkeiten / Hilfestellung im beruflichen Bereich

Die Mehrzahl unserer Patienten wird mit dem Behandlungsauftrag einer medizinischen Rehabiliation von den Rentenversicherungen zur Behandlung geschickt bzw. haben selbstständig über diesen Kostenträger eine Aufnahme beantragt. Das bedeutet, dass die weitere Ausbildungs- und Berufsfähigkeit bzw. eine sozialmedizinische Beurteilung eine Kernaufgabe der Rehabilitation darstellt. Mehr oder weniger steht damit das Ermitteln von eigenen Stärken und Defiziten auch unter dem Blickwinkel Beruf als Thema in der Reha an. Allerdings stehen Eignungstests oder Arbeitserprobungen bzw. gezielte Beratung zur Berufswahl nicht im Mittelpunkt einer medizinischen Reha sondern sind Kernbestandteile einer häufig anschliessenden beruflichen Rehabiliationsmaßnahme (etwa in einem Berufsbildungs- oder Berufsförderungswerk). Hier wird häufig mit Hilfe unseres Sozialdienstes eine Vorarbeit geleistet. Antragsstellung bzw. die eigentlichen Maßnahmen zur sog. Teilhabe am Arbeitsleben können aber erst im Anschluss an die stationäre medizinische Rehabilitationsmaßnahme eingeleitet werden.

Welche Hilfestellung gibt es für den Alltag ?

So verständlich diese Frage ist, so schwer lässt sie sich allgemein beantworten. Nach unserer Erfahrung wäre es unehrlich zu behaupten, dass man sich nach einer stationären Behandlung nun allein im Alltag „aus einem Sumpf ziehen kann“. Vielmehr würde es darum gehen, bestehende Hilfen wie Coaching, ambulante Therapien oder auch Beratungsstellen besser zu nutzen. Aber auch Stolperfallen im Alltag frühzeitiger zu erkennen bzw. Hilfsmittel im Alltag (Organizer, Farben, Listen, Delegation von Aufgaben, Frühzeitiges Einfordern von Hilfe, Pausen) auch mit einzusetzen bzw. eigene Grenzen und Möglichkeiten etwas realistischer zu sehen. Dies kann sich beispielsweise auch auf das miteinander Reden in der Partnerschaft oder am Arbeitsplatz beziehen, auf die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel oder Einfühlen in andere Menschen oder aber den Umgang mit Konflikten. Wir versuchen dabei sogenannte funktionelle Beeinträchtigungen aufzugreifen, können aber meist nur beispielhaft aus einzelnen Bereichen Problemstellungen aufgreifen. Typische Bereiche sind hier Umgang mit Organisationsproblemen, Ablenkbarkeit und Reizoffenheit bzw. emotionale Labilität, negative Gedanken bzw. rigide Einstellungen, Hilfen im Bereich Kommunikation und Konfliktmanagement sowie das Wiedererlangen von eigenen Stärken und Ressourcen.