Auch eine elterninfo kann für unterhaltung sorgen

Kennen Sie das auch? Sie haben sich vorgenommen, in den eigenen vier Wänden mal wieder für etwas Ordnung zu sorgen. Heute widmen Sie sich den Kellerräumlichkeiten. Schliesslich haben Sie genug davon, dass Sie diese nicht mehr betreten können, weil Sie zuletzt alles, was Sie nicht mehr gebraucht haben, dort irgendwo gelagert haben. Mit gutem Vorsatz steigen Sie die Treppe hinab und beginnen mit einer Entsorgungsaktion.

Alte Pfannen… Weg damit. Schliesslich haben meine Frau und ich diese in den letzten fünf Jahren nicht mehr benutzt. Eine Kartonschachtel voller Musik-CDs… Brauche ich nicht. Ich habe ja auch keinen CD-Player mehr. Ob die CDs wohl Sammlerwert haben? Bravo Hits 6… Ich schaue mir die Songliste an. „Living on my own“ von Freddie Mercury. Das waren noch Zeiten. Ein Set alter Weingläser, deren milchige Gläser ich niemandem mehr zumuten kann. Weg damit. Und so geht das Entsorgen munter weiter. Schnell lichtet sich der Keller und man kann sich wieder etwas freier bewegen. Für Menschen mit Klaustrophobie ist das nichts hier. Ich entdecke Bücher, noch in Folie verpackt. Habe ich dieses Buch einst gekauft? Ich lese auf der Rückseite. Der spanische Dan Brown… Interessant. Aber das gehört nicht mir. Ich lege das Buch zu den Dingen, welche den Weg vom Keller ins Erdgeschoss schaffen werden. Die Entsorgungsaktion geht weiter, bis mir eine rosarote Broschüre in die Hände fällt. Ich lese deren Titel: Die Sekundarschule Laufen: Eine Sammlung von Informationen für Eltern, Schülerinnen und Schüler der Klasse 5C 1995/96. Nein, dieses Werk gönne ich nicht dem Papiereimer.

Ich verlasse den Keller und setze mich auf das Sofa in meinem Aufenthaltsraum im Untergeschoss. Eine kleine Pause sei mir gegönnt. Ich öffne voller Vorfreude das kleine Büchlein. Schliesslich liebe ich es, in alten Dokumenten zu stöbern. Ich entdecke ein Vorwort von Klassenlehrer Josef Liechty, der seine neue Klasse begrüsst. Die Telefonliste lässt mich daran erinnern, dass damals die Vorwahl 061 noch nicht eingegeben werden musste. Spannend ist auch ein Blick in den Stundenplan. KUK… Kirchlicher Unterricht für Katholiken… Ja, das waren noch Zeiten. Die Schule wird vorgestellt. Einige der damals unterrichtenden Lehrpersonen sind auch heute noch aktiv. Wow, die haben es aber lange hier ausgehalten… Dann wird der Abwart, heute Hauswart genannt, erwähnt. Auch Abwartsfamilien haben gerne eine Mittagspause, heisst es. Zwischen 12 und 13 Uhr wollen auch sie in Ruhe essen.

Ich blättere weiter, komme zu den Feiertagen. Aha, Maria Himmelfahrt und Fronleichnam waren noch Feiertage und damit schulfrei. Wer hat uns diese weggenommen, frage ich mich. Nicht so wichtig. Gespannt blättere ich weiter. Ich lese den Titel „Die Unfallversicherung für Schüler… Das basellandschaftliche Schulgesetz schreibt vor, dass alle Schülerinnen und Schüler gegen Unfälle in der Schule, auf dem Schulweg, in Lagern und bei Schulveranstaltungen versichert sein müssen. Die Kosten für diese Versicherung müssen die Eltern tragen (Fr. 28.- pro Jahr).“ Wie ist das heute? Ehrlich gesagt… Ich weiss es nicht genau. Zwei Seiten weiter. Es geht um Hausaufgaben. Ich nehme zur Kenntnis: Hausaufgaben erfreuen sich weder bei Schüler/innen, noch bei Eltern besonderer Beliebtheit. Dennoch werden wir die Schüler/innen damit „beglücken“. Sensationell, diese Formulierung! Wieder muss ich schmunzeln. Eltern habe keine Freude an Hausaufgaben. Wie bitte? Und dann beglücken wir die Jugendlichen damit. Ich werde nächstes Mal darauf achten, meinen Schülerinnen und Schülern mitzuteilen, dass ich sie nun mit Aufgaben beglücken darf.

Langsam nähere ich mich dem Ende dieses so unterhaltsamen Dokuments, komme aber nicht darum herum, darin noch die Bedingungen für das Bestehen des Probejahres zu lesen. „Von den zwölf Fächern, in welchen die Schülerinnen und Schüler in der 5. Klasse unterrichtet werden, sind deren sechs sogenannte Promotionsfächer. Es sind dies: Deutsch, Französisch, Mathematik, Geschichte, Geografie und Naturlehre.“ Bedingungen, damit das Zeugnis genügend sind: 1. Der Notendurchschnitt aller Promotionsfächer muss mindestens 4.0 betragen. 2. Von den sechs Promotionsfächern dürfen höchstens zwei ungenügend sein. 3. In der Fächergruppe Deutsch, Französisch und Mathematik darf nur eine einzige ungenügend sein. Ich nehme die Bedingungen zur Kenntnis und überlege mir, was dies heute bedeuten würde. Wären alle meine Schülerinnen und Schüler auch in meiner Klasse, wenn wir das alte Reglement hätten? Lange kann ich mir nicht Gedanken machen. Schliesslich will ich ja meinen Keller auf Vordermann bringen.

Noch zwei Seiten bleiben in der rosaroten Broschüre. Es geht noch um Aktivitäten ausserhalb des Schulhauses: Es steht: Die Sekundarschule Laufen führt Skilager während der Schulzeit durch. Aha, die Finanzen sind also noch im Lot. Die Skilagerwoche zählt als Schulwoche. Ist ja logisch. Deshalb sind die Skilager obligatorisch. Klar! Schülerinnen und Schüler können vom Skilager dispensiert werden, wenn die Eltern nachweisen können, dass sie in genau dieser Woche mit der Familie ihre Skiferien verbringen. Ob dies heute noch so machbar wäre? Weiter wird über Landschulwochen geschrieben und über die Papiersammlung. Dazu steht: „Vielleicht empfinden Sie es als seltsam, wenn wir von unseren Schülerinnen und Schülern erwarten, dass sie jede Woche einen Bund Zeitungen mit zur Schule bringen.“ Ich kann mich erinnern. Auf dem Gepäckträger meines orangen Mofas transportierte ich es damals auch, das Papier. Zeigte die Waage des Klassenlehrers sechs Kilogramm (ich meine, es wurde immer abgerundet!), wusste ich, dass ich die kommenden beiden Wochen vom Papierbringen erlöst war. Die letzte Seite widmet sich dem freiwilligen Schulsport, genauer dem Schwimmwettbewerb und der Schüler-Volleyballmeisterschaft. Grandios. Die beiden Sportanlässe haben sich bis heute gehalten. Nicht überlebt haben die Monatswanderungen. Schade. Den Jugendlichen würde dieser Tag sicherlich nicht schaden. So heisst es in der Broschüre: „Mit dem Kantonswechsel kommen wir in den Genuss einiger Wandertage. In jedem Monat, in dem keine Ferien liegen, muss eine Monatswanderung durchgeführt werden. Diese Wanderungen dienen dem Kennenlernen der näheren Umgebung. Es soll eine körperliche Leistung erbracht werden. Grosse Reisen wird es an diesen Tagen nicht geben. Im Schuljahr 1995/96 sind drei solche Wandertage vorgesehen.“

Mit einem kurzen Schlusssatz endet die Broschüre, die mich sicherlich eine halbe Stunde unterhalten hat. Ich lege sie zu dem Buch des spanischen Dan Browns und begebe mich wieder in den Keller. Schliesslich will ich noch weiter aufräumen. In meinen Gedanken verfolgen mich neben den Monatswanderungen, dem Promotionsreglement und dem Skilager auch der Song „Living on my own“. Den Ohrwurm werde ich so schnell nicht mehr los…

Kommentar von Mathias Kressig