VCD: Etikettenschwindel um Neubaustrecke nicht hinnehmbar

veröffentlicht um 14.01.2017, 10:23 von VCD Landesverband Niedersachsen   [ aktualisiert: 01.02.2017, 06:19 ]

Umfahrungen der Orte Lüneburg, Deutsch Evern, Bad Bevensen und Uelzen.
Umweltverband fordert weiter alternative Prüfung einer A-7-Variante.


14.01.2017

Hannover/Lüneburg. Nach dem Willen des Bundesministeriums für Verkehr und der Deutschen Bahn soll entgegen dem Beschluss des Dialogforums Schiene Nord nun doch zwischen Hamburg und Celle eine Neubaustrecke entstehen. Diese Planung stellte die Deutsche Bahn am 12. Januar in Lüneburg vor, bezeichnete die Neubaumaßnahmen allerdings als aufeinanderfolgende “Ortsumfahrungen”. VCD-Landesvorsitzender Hans-Christian Friedrichs: “Es ist erfreulich, dass auch das Niedersächsische Verkehrsministerium seine Verweigerungshaltung gegenüber Alternativen zur unzureichenden und belastenden “Engpasslösung” Lüneburg – Uelzen aufgibt. Inakzeptabel ist aber neben mangelnder Transparenz, dass nun wieder eine Neubaustrecke quer durch die Ostheide umgesetzt werden soll. Die in der Region geforderte Streckenführung entlang der A 7 wird dagegen kategorisch vom Land abgelehnt und nicht geprüft.”

Hintergrund: Was bis vor Kurzem im Projektinformationssystem “PRINS” des Bundesverkehrsministeriums als “optimiertes Alpha” unter anderem mit “ABS Lüneburg – Uelzen” beschrieben wurde, heißt nun in der Version 2-003-V03 “ABS/NBS Hamburg – Hannover”, also nicht mehr nur Ausbaustrecke, sondern auch Neubaustrecke. Genau so ist das wichtigste und umfangreichste Teilprojekt des “Alphas” dann auch am 23. Dezember im Bundesschienenwegeausbaugesetz festgeschrieben worden. Dabei hatte das Niedersächsische Verkehrsministerium doch stets betont, dass es den Auftrag des Dialogforums umsetzen und am Prinzip “Ausbau vor Neubau” festhalten wolle.

Im PRINS findet sich auf der Streckenkarte zwischen Hamburg und Celle keine Trassenführung, sondern nur ein grober Suchkorridor, der in seiner gekrümmten Form an eine Wurst erinnert. In der schriftlichen Begründung der Dringlichkeit ist etwas konkreter die Rede von “Umfahrungen der Orte Lüneburg, Deutsch Evern, Bad Bevensen und Uelzen”.

Nach gut anderthalb Stunden kam es dann bei der Informationsveranstaltung der Deutschen Bahn in Lüneburg fast zum Eklat, als klar wurde, dass keine weiteren Details zu einer Trassenführung genannt werden sollten. Die Deutsche Bahn veröffentlichte noch während der Veranstaltung in einer Pressemitteilung, dass “Lüneburg und Deutsch Evern intensiv an den Planungen zum Bahnprojekt Hamburg/Bremen-Hannover beteiligt werden”. Tatsächlich sollen die Städte und Gemeinden von Lüneburg bis Uelzen nun an runden Tischen unter Regie der Deutschen Bahn selbst festlegen, wo denn ihre “Ortsumfahrungen” gebaut werden sollen.

“Die Veranstaltung entsprach überhaupt nicht den Erwartungen der meisten Teilnehmenden. Denn wer ein exakt berechnetes Nutzen-Kosten-Verhältnis NKV von genau 1,0 und viele Faktoren bis auf Nachkommastellen genau benennen kann, muss auch eine halbwegs genaue Trassenführung zugrunde gelegt haben. Diese den zahlreichen Gästen aus der Region vorzuenthalten ist nicht hinzunehmen”, so Friedrichs. Weiteren Streit gab es um die Definition der Bauvorhaben. Frank Limprecht von der Deutschen Bahn sprach dabei von “Ortsumgehungen”, die lediglich eine Ausbaumaßnahme der bestehenden Strecke darstellten, insbesondere wenn die Entfernung von der Bestandsstrecke nur gering wäre. Vorteil für die Planer wäre ein vermeintlich verzichtbares Raumordnungsverfahren. Die Frage nach den für die Ortsumfahrungen vorgesehenen Kurvenradien blieb unbeantwortet.

Siehe auch unten “Exkurs Kurvenradien und Ortsumfahrungen”

Friedrichs: “Für uns entsteht der Eindruck, dass zum Einen den zahlreichen Anliegern an der Bestandsstrecke mit sogenannten Ortsumgehungen ein Angebot gemacht werden soll, wie sie von den Belastungen des drei- bzw. viergleisigen Ausbaus verschont werden könnten. Andererseits sollen und müssen die Gemeinden angesichts der geografischen Faktenlage an runden Tischen offensichtlich selbst darauf kommen, dass für sie eine der ursprünglichen Bypass-Lösungen die beste wäre.

Der VCD geht davon aus, dass neben den Hansestädten Hamburg und Lüneburg auch die Gemeinde Deutsch Evern und weitere an ihrer Forderung nach einer alternativen Trasse in einem Korridor mit der Autobahn 7 festhalten werden. Die neuen alten Planungen der Deutschen Bahn schafften nicht nur Gewinner, sondern auch neue Betroffenheiten, die von den jeweiligen Gemeinden nicht hingenommen werden. Aus Sicht des VCD ist eine neue Auseinandersetzung zwischen Anliegern der Bestandsstrecke und solchen, die von einem Bypass betroffen wären, unbedingt zu vermeiden. Der Bau der Strecke wäre zeitraubend und auch im Sinne guter nachbarschaftlicher Beziehungen kontraproduktiv. “Mit unserem eigenen Vorschlag beim Dialogforum ging es uns darum, wenig genutzte und ehemalige Trassen wiederzubeleben und auf Flächenverbrauch und Zerschneidung weitgehend zu verzichten und mit innovativen Ideen die Anzahl der Züge zu minimieren. Auch wenn diese Variante am Raumwiderstand gescheitert ist, hält der ökologische Verkehrsclub weiter an den Prinzipien für eine möglichst umweltverträgliche und effiziente Lösung zur Stärkung der Schiene im Norden fest. Der VCD fordert daher weiter die ernsthafte und zügige Prüfung einer Trassenführung entlang der A 7 auf ihre Eignung und Umweltverträglichkeit. Einen eingehenden Vergleich aller Trassenvorschläge ist das Dialogforum schuldig geblieben. Die als “Ortsumfahrungen” getarnte Neubaustrecke quer durch die Ostheide lehnt der Umweltverband auch wegen erheblicher zu erwartender Umweltschäden ab. Der Vorstoß des Bundesverkehrsministeriums und der Deutschen Bahn, die unzureichende Kapazität der bisherigen Ausbauplanungen des Alphas anzuerkennen und durch weitere Maßnahmen zu verbessern wird grundsätzlich begrüßt.

Rückfragen:
Hans-Christian Friedrichs, VCD-LV Niedersachsen • Fon 0160 5541402 • www.vcd-niedersachsen.de

Exkurs Kurvenradien und Ortsumfahrungen

In allgemein zugänglichen Quellen wird bei 250 km/h ein minimaler Kurvenradius von 2.800 m genannt. Durch eine entsprechende Überhöhung ist eine solche Strecke aber nur für schnell fahrende Personentriebzüge (z. B. ICE) geeignet. Für langsam fahrende Güterzüge ist nur eine geringere Überhöhung möglich, was bei Mischbetrieb zu größeren Kurvenradien führt. So ist bei Mischbetrieb ein Kurvenradius von mindestens 4.000 m erforderlich.

Legt man für die Neu- bzw. Ausbaustrecke Hamburg – Hannover ähnliche Anforderungen wie für andere Neubaustrecken zugrunde, die für Mischbetrieb und eine Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h vorgesehen sind, dann müsste die erste “Ortsumfahrung” vereinfacht ca. vier Kilometer vor Lüneburg abzweigen, um etwa vier Kilometer südlich der Hansestadt wieder die Hauptstrecke zu erreichen. Für die explizit genannten Orte Deutsch Evern, Bad Bevensen und Uelzen gilt das gleiche. Beim jeweiligen Ein- und Ausfädeln wären dann auch noch insgesamt acht aufwendige Überwerfungsbauwerke (Brücken) erforderlich.

Tatsächlich beträgt die Entfernung zwischen den Ortslagen Lüneburg und Deutsch Evern auf der Schiene aber nur etwa drei Kilometer. Eine bzw. zwei Ortsumfahrungen mit den genannten Maßen sind hier, von den weit nach Süden reichenden Lüneburger Ortsteilen Rettmer und Häcklingen mal ganz abgesehen, nicht machbar. Südlich von Deutsch Evern schließt sich nach etwa sieben Kilometern die Gemeinde Bienenbüttel an, nach weiteren sieben Kilometern kommen Medingen und Bad Bevensen, nach neun Kilometern Uelzen und weitere neun Kilometer südlich von Uelzen Suderburg. Das Prinzip einzelner Umfahrungen der genannten Ortschaften scheint also bei angestrebten Geschwindigkeiten von 250 km/h bereits im Norden des Suchraums nahezu ausgeschlossen. Mit Bienenbüttel käme ein weiterer Kandidat für eine Ortsumfahrung hinzu. Zudem würde sich die Streckenlänge nicht reduzieren, sondern erhöhen, was die angestrebte Reisezeitverkürzung im Fernverkehr erschwerte.

Anders sieht es aus, wenn mehrere Ortslagen mit einer einzigen westlich gelegenen Trasse umfahren werden. Sie brächte eine insgesamt kürzere Strecke zwischen Hamburg und Hannover und machte deutliche Reisezeitverkürzunge möglich. So werden Parallelen zu den im Dialogforum vorgestellten Varianten Ashausen – Unterlüß und Ashausen – Suderburg deutlich. Diese hatten in der Bewertung nach dem klassischen “Y” mit den Bestnoten “++” und “+” abgeschnitten.