Fa So La!

Blog-Beitrag von Shirley-Anne McMillan, Übersetzung aus dem Englischen

Ich habe den Nachmittag in einem Quadrat verbracht, Dreiecke, Kreise, Rechtecke und Rauten betrachtet und gelernt, wie man das hier macht:


Es nennt sich Sacred Harp (oder "Shape Note") Singing und ist traditioneller vierstimmiger Harmoniegesang aus Amerika. Über Geschichte und Theorie erzähle ich nichts, weil ich nicht genug darüber weiß, aber der Link oben und dieser Artikel im "Guardian" erklären beides ganz gut.

Immerhin kann ich euch von meiner Erfahrung damit erzählen. An Sacred Harp ist einiges erstaunlich.

Es klingt unglaublich.
Die Youtube-Videos werden dem Sound nicht gerecht. Letztes Jahr habe ich in Belfast eine halbe Stunde in einer größeren Gruppe verbracht und nur zugehört. Stellt euch vor, in einem Haus aus Musik zu sein; so fühlt es sich an. Die Sänger sitzen einander im Quadrat gegenüber, jede Stimme ist gleichberechtigt und – LAUT. Es ist ein Erlebnis, mittendrin zu sitzen und das zu hören. Aber niemand muss sich auf das Zuhören beschränken...

Es ist zugänglich.
Ich kann keine Noten lesen; das konnte ich mal, aber es ist lange her. Immer wollte ich Mitglied eines Chores sein, aber immer war ich zu schüchtern für den ersten Schritt, denn ich wusste, ich würde den Noten nicht folgen können, abgesehen von einer vagen Vorstellung, wo die Melodie rauf oder runter geht.

Die Grundlagen der Shape Notes sind einfach, so dass man ziemlich schnell mitmachen kann. Andere Aspekte sind ein bisschen trickig. Auf jeden Fall aber fühlte ich mich sofort als Teil dessen, was geschah, obwohl mir Leute gegenübersaßen, die den Noten folgten, den Text sangen, mit den Händen wedelten (mehr dazu später) und die an der richtigen Stelle die richtige Kleinigkeit betonten, alles gleichzeitig.

Es ist komplex, eine Menge gilt es zu lernen.
Aber aus irgendeinem Grund ist es eher spannend als einschüchternd, weil du weißt, dass du jedes Mal sofort Teil des Ganzen bist und keine Angst davor haben musst, immer wieder alles durcheinanderzubringen, bis du es eines Tages endlich drauf hast.

Natürlich gibt es genug Gelegenheit, dummes Zeug zu machen. Aber in einem Haus aus lauter Musik fällt es überhaupt nicht auf. In dem Buch, das auch "The Sacred Harp" heißt, stehen eine Unmenge von Liedern; dabei sind schöne, langsame, die dir bald das Gefühl geben, ein richtiger Sänger zu sein. Andere Lieder sind fast ein bisschen "übergeschnappt"; du schaffst es kaum, den "Shapes" zu folgen, wenn sie vor deinen Augen vorbeiwirbeln.

Es ist egalitär.
Jeder aus der Gruppe kann in der Mitte des "Hauses aus Musik" stehen und ein Lied leiten, darüber entscheiden, welche Strophen gesungen werden, welche Wiederholungen, wie schnell – bei jedem Lied ist es jemand anders. Er hilft den anderen, richtig mit der Hand zu wedeln, dieser Methode des Takthaltens, die ich noch nicht beherrsche. Vielleicht liegt es daran, dass ich beim Trommeln auf dem Lenkrad meines Autos immer den zweiten Beat im Takt erwische; es gibt sicher einen Fachausdruck dafür, den ich nicht kenne, weil ich von Musik keine Ahnung habe... egal, ich schweife ab.

Sacred Harp ist traditionelle Musik. Kinder wuchsen damit auf und brachten sie ihren Kindern bei. Jeder kann teilnehmen, es gibt keinen "Leadsänger", keine der vier Stimmen ist lauter als die andere, und die Shapes helfen wirklich, mit drei anderen Stimmen im Ohr die eigene zu finden.

Es ist ideal für schüchterne Menschen.
Du wirst ermuntert, laut zu singen, aber das macht nichts, weil alle laut singen. Auch mit aller Mühe war ich nicht so laut wie mein Nebenmann, also konnte ich wirklich "Gas geben", ohne befangen zu werden (und ich bin sogar befangen, wenn ich allein bin; wir wohnen in einem Reihenhaus, die Nachbarn können mich hören, die Armen).

Aldo, der uns das alles beibrachte, sagte, es gäbe bei großen Sacred-Harp-Treffen (Conventions) die Tradition, dass als letztes Lied "Parting Hand" gesungen wird und sich alle Teilnehmer währenddessen umarmen und voneinander verabschieden. Ganz ehrlich, darüber denke ich lieber nicht allzulange nach und vermute, dass ich rechtzeitig in Richtung Klo verschwinden kann, sollte jemand auf diese Idee kommen.

P. S.: Gerade habe ich dieses Video von "Parting Hand" gefunden; es ist tatsächlich ein so schöner Einklang, dass ich vielleicht doch den Mut aufbringe, das Händeschüttel-Spielchen mitzumachen. Ich kann ja üben, gesellig zu werden...