Wind & Wolken Sangha

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Kazuaki Tanahashi: Über das Sutra der Berge und Wasser


Guten Abend, es ist sehr schön, an Eurer Praxis teilzuhaben.

Seit dem letztem Mal sind es mehr geworden, die gemeinsam üben, hier in diesem nördlichen Zipfel von Deutschland. Vielleicht werdet Ihr, wenn ich beim nächsten Mal wiederkomme, Euren Sangha-Tag in einem Fußballstadium abhalten!

Ich würde gerne aus einem Aufsatz von Meister Dōgen lesen, einem Zen-Meister und Mönch aus dem dreizehnten Jahrhundert. Ich beschäftige mich seit neunundvierzig Jahren mit seinen Werken. Ich denke, er ist wohl einer derjenigen, der am umfassendsten über Meditation geschrieben hat, und zwar durch alle spirituellen Traditionen hinweg und durch ihre gesamte Geschichte hindurch. Er schrieb Anleitungen für Anfänger, über den Meditationszustand, was mit unserem Körper und Geist passiert, wie wir in Gemeinschaft meditieren, und zwar über die verschiedenen Jahreszeiten hindurch.

Auf Deutsch gibt es nur eine Übersetzung Dōgens, aber im Englischen, so glaube ich, gibt es mittlerweile über sechzig Bücher, Primär,- und Sekundärliteratur zu Dōgen Zenji. Das bedeutet, dass hier ein großes Interesse besteht, viel Bedarf da ist, sei es nun auf rein intellektueller Ebene oder um wirklich diese Praxis, seine Praxis zu erlernen.

Als ich Dōgens’ Text zum ersten Mal studierte und dann begann, seine Schriften ins Neu-Japanische zu übersetzen, gemeinsam mit Soichi Nakamura Roshi, konnte ich das nicht ahnen. Ich war ganz einfach fasziniert von seinen Texten. Ich habe mich sofort und anhaltend in Dōgen verliebt, bis zum heutigen Tag und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich dies in meinem Leben einmal ändern wird.

Ich würde gerne den Original-Text lesen, auf mittelalterlichem Japanisch, und zwar aus dem Kapitel „Sansuikyo“. Dieser Text wurde zum ersten Mal von Carl Bielefeld übersetzt und dann in etwa zu Mitte der siebziger Jahre unter dem Titel „Berge und Flüsse Sutra“ veröffentlicht. Carl Bielefeld von der Stanford Universität gilt als der Vorreiter der wissenschaftlichen Aufarbeitung Dōgen Zenjis in der westlichen Welt. Dies war seine Doktorarbeit.

Lasst mich also den alten Text vorlesen:

Auf der anderen Seite haben von alters her weise Menschen und Heilige oft am Wasser gelebt. Wenn sie auf dem Wasser leben, dann fangen sie Fische, fangen sie menschliche Wesen, fangen sie den Weg. Dies waren alles traditionelle Wege auf dem Wasser, Wind und Strom folgend.

Darüber hinaus gibt es das Fischen des Selbst; es gibt jene, die das Fischen fischen; es gibt jene, welche vom Fischen gefischt werden und solche, die vom Weg gefischt werden.

Der Priester Decheng (1) verließ plötzlich den Berg Yao und lebte auf dem Fluß. Dort brachte er einen Nachfolger hervor, den weisen Heiligen von Fluß Huating. Ist dies nicht einen Fisch fangen, einen Menschen fangen, Wasser fangen oder das Selbst fangen? Der Schüler, der Decheng sieht, wird zu Decheng. Des Meisters Anweisungen an seinen Schüler bedeutet diesem Schüler wahrlich zu begegnen.

(1) Chuanzi Decheng (Sensu Tokujō), ca. achtes bis neuntes Jahrhundert. Übte unter Yaoshan Weiyan für dreißig Jahre, wurde sein Nachfolger. Unter der Verfolgung des Buddhismus durch den Kaiser Wu verkleidete er sich als Fährmann auf dem Fluss Wu in Huating, China und lehrte. Nachdem er seine Nachfolge an Jiasan Shanhui abgegeben hatte, drehte er sein Boot um und verschwand im Fluss.

Es ist wunderbar, dass dieses mittelalterliche Japanisch Dōgens jetzt sofort ins Neudeutsch übergegangen ist. Nur einen halben Meter Abstand zwischen diesen siebenhundert Jahren. Vielleicht zum ersten Mal, ohne irgendwelche anderen Sprachen, wie zum Beispiel das zeitgenössische Japanisch, gleich ins Hochdeutsch – das ist gut, ein gutes Zeichen.

Friederike hat die einzelnen Zeichen, ihre Bedeutung, Wort für Wort studiert und wir sind das dann gemeinsam durchgegangen, ihre Fragen. Zen Mountain Monastery hat uns dabei geholfen, und natürlich die insgesamt in etwa fünf, sechs anderen Übersetzungen, so dass man vergleichen kann. Bevor dies also ins Deutsche ging, so, wie Ihr es jetzt vor Euch habt - viel, viel Arbeit. Wahrscheinlich ist das auch nicht die letzte Version. Eine Übersetzung ist eigentlich nie zuende. Denken und auch Kreativität sind gefragt, Feingefühl. Als Übersetzer weiß ich ein wenig, wie das ist.

„Fischen“ ist eine interessante Metapher für die spirituelle Suche, für das Verfolgen des spirituellen Weges. Wir müssen warten beim Fischen und es gibt keine Garantie, dass auch ein Fisch anbeißen wird. Wir brauchen Geduld und Ausdauervermögen. Wir sind in der Natur und wir sind dies in Stille. Wenn wir uns laut unterhalten oder Musik hören, wird der Fisch ebenfalls nicht kommen.

Dōgen sagt: „Du kannst einen Fisch fangen, einen Menschen, den Weg“.

Einen Menschen fangen, das ist für jeden Zen-Lehrer wichtig, das Warten auf einen guten Schüler, warten, während tägliche Verrichtungen stattfinden, warten auf einen Nachfolger, eine Nachfolgerin. Eines der Ziele besteht also darin, gute Schüler, gute Nachfolger zu haben. Menschen, die das Dharma möglichst wahrhaftig weitertragen. Sonst säßen wir heute nicht hier. Die spirituelle Übung wird nicht nur wegen der Einsichten, die ich dabei für mich selbst gewinne, unternommen, sondern auch, um diese zu teilen. Vielleicht ist letzteres sogar wichtiger.

Daher sagt Dōgen: Du kannst einen Menschen fangen oder Du kannst den Weg fangen.

Darüber hinaus, kannst Du Dich selbst fangen, Dein wahres Selbst, oder Du kannst das Fischen fangen, die Handlungen, indem Du sie vollkommen ausfüllst, Dich ihnen ganz widmest. Das Fischen fischen.

Fischen ist dennoch eine eher ich-bezogene, von mir selbst hervorgebrachte Art der Handlung. Wenn wir aufgeben, dann können wir gefischt werden. Oder wir können während unseres Fischen, sozusagen vom Fischen, gefischt werden oder wir können vom Weg gefischt werden. Es ist also nicht länger eine geplante Art der Handlung, sondern es kommt von woanders. Es kommt von etwas Größerem.

Dann gibt Dōgen das Beispiel von Decheng und dessen Schüler Jiashan. Dieser war ein in der Übung schon weit fortgeschrittener Schüler, der letztendlich auch Lehrer wurde und später ein Kloster leitete.

Dann kam ein Mönch vorbei und sagte zu ihm: „Du bist kein guter Lehrer. Du hast nicht die Reife, die es dazu braucht. Du solltest nicht lehren.“ Jiashan war überrascht und fragte: „Was soll ich tun?“

Der Mönch sagte: „Da gibt es einen großartigen Zen-Lehrer, der keine Schüler hat. (Gelächter). Suche ihn auf und werde sein Schüler:“

Jiashan schloss daraufhin sein Kloster, entließ alle seine Schüler zu anderen Lehrern und suchte Decheng auf. Zu dieser Zeit verfolgte der Kaiser Wu die Buddhisten, was dazu führte, dass sich diese vor ihm versteckten.

Decheng wurde ein Fährmann, der andere über den Fluss brachte. Als er also wieder einmal auf zukünftige Schüler wartete, kam Jiashan zu ihm und es entwickelte sich eine Unterredung, woraufhin dieser sein Schüler wurde.

Deswegen sagt Dōgen: „Decheng brachte einen Nachfolger hervor, den weisen Heiligen von Fluß Huating. Ist dies nicht einen Fisch fangen, einen Menschen fangen, Wasser fangen oder das Selbst fangen?“

Dōgen fährt fort:

Es ist nicht nur, dass es Wasser auf der Welt gibt, sondern es gibt auch eine Welt im Wasser. Nicht nur im Wasser verhält es sich so. Es gibt eine Welt der fühlenden Wesen in den Wolken. Es gibt eine Welt der fühlenden Wesen in der Luft. Es gibt eine Welt der fühlenden Wesen im Feuer. Es gibt eine Welt der fühlenden Wesen auf der Erde. Es gibt eine Welt der fühlenden Wesen in der Welt der Erscheinungen. Es gibt eine Welt der fühlenden Wesen in einem einzigen Grashalm (2). Es gibt eine Welt der fühlenden Wesen in einem Stab (3).

Wo auch immer es eine Welt an fühlenden Wesen gibt, gibt es eine Welt an Buddha-Ahnen. Untersuche diese Bedeutung gründlich.

(2) Ikkyōsō, siehe auch: Blaue Felswand, Fall 4. oder Hongzhi’s Leitverse, Fall 4: Der Welthochverehrte ging gemeinsam mit seiner Gemeinde. He deutete auf die Erde und sprach: „An diesem Ort sollt ihr einen Tempel bauen“. Dann steckte Indra einen Grashalm in die Erde und sprach: „Ich habe einen Tempel errichtet“. Die versammelte Gemeinde schmunzelte.
(3) Shujō, ein langer Wanderstock, der von einem reisenden Mönch benutzt wurde oder der Stab eines Zenlehrers. Symbol für jemanden, der übt und lehrt

Natürlich besteht die herkömmliche Sichtweise darin, dass es eine Welt gibt und in dieser gibt es an einigen begrenzten Stellen Wasser. Aber Dōgen kehrt diese Sichtweise herum: inmitten des Wassers gibt eine Welt. Und nicht nur innerhalb des Wassers, sondern auch innerhalb der Wolken gibt es eine Welt der fühlenden Wesen. Ebenso in der Luft, inmitten von Feuer. Das ist nicht einfach vorzustellen: Feuer verbrennt alles und vielleicht gibt es nichts im Feuer. Aber wenn es nichts im Feuer gibt, dann brennt es auch nicht.

Selbst in der Erde, in der Welt der Erscheinungen, in einem Grashalm, in einem Wanderstab, gibt es eine Welt. Wenn es Welten fühlender Wesen auf diese Art und Weise gibt, dann gibt es eine Welt an Buddha-Ahnen, eine Welt des Dharma.

Dieser Abschnitt kann auf verschiedene Weisen gedeutet werden, wissenschaftlich, philosophisch, oder im Hinblick auf die Verbundenheit aller Wesen, im Hinblick auf das Dharma. Das hängt ganz von unserem eigenen Vermögen ab.

Oder es könnte auch das bekannte Zen-Paradox oder Zen-Unsinn sein.

Dōgen sagt zum Beispiel auch: „Sehr klein ist sehr groß. Sehr groß ist sehr klein“.

In einem kleinen Partikel, da geschieht so viel. Die Wissenschaft braucht Jahrzehnte und abermals Jahrzehnte, um dies Stück für Stück immer besser zu verstehen. Das heißt zum Bespiel auch: „Sehr klein ist sehr groß.“

Häufig, wenn wir buddhistische Schriften lesen, stoßen wir auf Indra’s Netz. Ein kleines Ding, und darin befinden sich noch kleinere Dinge und jeder Teil davon reflektiert das gesamte Universum und so weiter. Und in diesem ganzen Universum gibt es ein Teilchen, inmitten dieses Teils ist ein weiteres Universum und das gibt wiederum alles wieder. Alle Dinge spiegeln einander wider auf unzählige und ganz erstaunliche Weise.

Wir könnten es unter dem Blickwinkel der Handlung genauer betrachten: wenn wir eine relativ kleine Handlung nehmen, wie zum Beispiel das gemeinsame Sitzen, eine relativ kleine Anzahl von Menschen, die gemeinsam sitzen, heute hier. Dies kann alle möglichen Arten von Handlungen und von Verständnis hervorbringen und multiplizieren und ungeahnte Bedeutung haben, Folgen haben. Folgen, welche wir nicht unbedingt kennen müssen.

In meinem eigenen Leben trifft das bestimmt zu. Vermeintlich kleine Handlungen von einer meist nur sehr geringen Anzahl von Menschen brachten ungeahnte Folgen hervor, schlugen Wogen, wurden vervielfacht – und plötzlich wurde ein drohender Krieg abgewendet, Gewalt vermindert oder Dinge geschahen, welche die Welt auf eine gewisse Art und Weise verändert haben.

Dōgen spricht hier nicht über eine Veränderung der Welt, an anderen Stellen tut er dies. Er spricht auch durchaus über soziale Verwandlung und die Möglichkeiten eines jeden einzelnen hierfür.

Was bedeutet es: „...inmitten des Feuers, eine ganze Welt“. Ich denke, das ist für viele von uns ein wunderbares Koan.

Im Text geht es hiermit weiter:

Auf diese Weise ist Wasser der Palast des wahren Drachens (4). Es ist nicht nur das Abwärtsfließen. Wasser als nur fließend zu betrachten ist die Beleidigung des Wassers mit dem Wort fließen. Dies wäre dasselbe als darauf zu bestehen, dass Wasser nicht fließt. Wasser ist einfach nur das wahre Sosein (5) des Wassers. Wasser ist des Wassers vollkommene Eigenschaft; es ist nicht fließen. Wenn Du das Fliessen und das Nicht-Fliessen von einer Handvoll Wasser untersuchst, so wird die durch und durch gehende Erfahrung aller zehntausend Dharmas sofort verwirklicht.

(4) Steht oft für eine erleuchtete Person
(5) nyoze, die Wahrheit wie sie ist, die Dinge, so wie sie sind

Ich denke, was Dōgen sagt, ist: sieh Wasser nicht nur als „See“, sondern sieh Wasser auf tiefere Art und Weise, durch das Dharma. Wasser ist nicht nur einfach etwas, das fließt oder nicht fließt. Wenn Du nur das Wasser verstehst, ganz und gar erfasst, tief darüber sinnierst, dann könntest Du die zehntausend Dinge vollkommen verstehen. „Zehntausend Dinge“ und „Zehntausend Dharmas“ sind das gleiche Schriftzeichen.

Das Wasser erklärt das Dharma und nur durch das tiefe Schauen und Betrachten des Wassers könntest Du das Dharma, die Übung verstehen.

Wir übersetzen den Titel gerne mit „Berge und Wasser Sutra“, „San“ bedeutet „Berge“ und „Sui“ ist „Wasser“. Üblicherweise hingegen, wenn wir sagen: „Sansui“, so bedeutet das für gewöhnlich „Berge und Flüsse“.

Zum Beispiel meinen wir mit „Karesansui“ trockene Berge und Flüsse, zum Beispiel eines Zen Gartens. Das sind dann nur Steine und Sand.

Dōgen spricht hier aber auch über den Ozean, so dass ich denke „Berge und Wasser“ ist eine ebenso gute Übersetzung. „Sutra“ ist eigentlich eine Lehrrede des Shakyamuni Buddha, und meistens beginnt sie mit den Worten: „So habe ich gehört...“

Wenn es hier also heißt „Sutra“, dann ist das weniger eine Vermessenheit Dōgens, als die Andeutung auf eine Rede, die von Bergen und Wassern empfangen wurde.

Frage: Sind das zwei verschiedene Meister, diejenigen, die in den Bergen leben und diejenigen, die auf dem Wasser leben?

Antwort:
Ich denke, er spricht von geschichtlichen Ereignissen. Die meisten sind in die Berge gegangen, auch Klöster wurden überwiegend auf Bergen gegründet. Historisch betrachtet, waren es unterschiedliche Menschen. Nicht sehr viele haben auf dem Wasser gelebt.

F:
Was bedeutet: „Der Schüler, der Decheng sieht, wird zu Decheng. Des Meisters Anweisungen an seinen Schüler, bedeutet diesem Schüler wahrlich zu begegnen“.

A: Jemanden sehen, bedeutet, jemanden zu treffen, jemandem wirklich zu begegnen. Das ist nichts Oberflächliches hier, auf keinen Fall rein physisch zu betrachten.

Es bedeutet vielmehr: das Wichtigste zu teilen im Hinblick auf Verstehen, die wahre Person sehen. „Der Schüler, der den Lehrer sieht“, bedeutet, dass der Schüler zum Lehrer wird. Der Lehrer, der anleitet – „Sessui“ ist wie „Sesshin“.

„Sessu“ bedeutet: berühren, den Geist, das Herz. „Berührung“ ist oberflächlich, die tiefere Bedeutung ist hier: „Anleitung“, dasselbe Schriftzeichen. Den Geist leiten, ihn sammeln, das ist „Sesshin“.

Der Lehrer, der den Schüler berührt, bedeutet, den Schüler zu treffen. Zu treffen, hier auch in einer tieferen Bedeutung - sich mit ihm zu vermischen. Es meint, das Verstehen ineinander fließen zu lassen, die beiden Leben miteinander vermengen. Ein Lehrer wird dann zum Lehrer, wenn er oder sie Schüler hat.

Das passiert völlig unabhängig von offiziellen Wegen oder Formen. Wie wir vorhin gehört haben, hat es viele Lehrer gegeben, die im Verborgenen gelehrt haben. Oft die Besten. Dōgen sagt auch: Dharma Übertragung geschieht von Lehrer zu Schüler, aber auch: die Übertragung des Dharmas geschieht von Schüler zu Lehrer. Das ist eine Verbindung in beide Richtungen, keine Einbahnstrasse. Es muss in beide Richtungen geschehen, sonst ist es wertlos, sagt Dōgen. Natürlich, der Schüler verbeugt sich und das alles, aber auf eine tiefere Art und Weise gibt es keine Rangordnung, keine Hierarchie, keine alleinige Richtung.

Diese Übertragung ist nicht nur die oberflächliche Weitergabe von einem zum anderen, sondern - nach Dōgen - nur dann echt, tragfähig und wahrhaft, wenn beide zusammen tragen, geben und weitergeben.

F: Was bedeutet „der Palast des wahren Drachens“?

A: Drachen gibt es nicht, es sind Fabelwesen. In der buddhistischen Symbolik ist es oft ein herausragender Schüler, der Halter des Juwels, der Perle des Dharmas. „Wahrer Drache“ bedeutet hier jemand, der wahrhaftig übt. Wasser ist das Gebiet der Erleuchtung und alle seine folgenden Aussagen drehen sich darum. Wir sprechen nicht über Wasser im physikalischen Sinne, sondern im Sinne des Dharmas.

F: Was bedeutet, „ob es in dem Haus der Buddha-Ahnen Wasser gibt oder nicht“?

A: Ich weiß nicht. (Gelächter). Ich denke, es bedeutet, wir sollten alle Drachen werden. Warum sonst lebt Ihr hier alle am Wasser? Oder nicht?

F: „Wanderstab“ – Welt der fühlenden Wesen... Zuerst spricht er über Grosses wie Wolken, Feuer, Luft. Dann nimmt er so etwas Alltägliches wie im heutigen Sprachgebrauch vielleicht meine Teetasse. Wieso?

A: Ich denke, er spricht über „Intersein“. Heute morgen haben wir, wie auch während des Kurses im Schloss, das Kapitel „Tsuki“ gelesen, „Mond“.

Darin kommt dieser Abschnitt vom Mondlicht vor, und seinen Objekten. Das ist alles miteinander verbunden, wir können es nicht trennen. Die Welt der fühlenden Wesen ist groß. Darin gibt es verschiedenste Dinge, groß und klein. Das ist die Alltagssicht. Wir können immer darin bleiben. Wir können darin bequem verharren, und in dieser Welt gut leben, relativ gut. Die Gewohnheitswelt, die Alltagswelt.

Meditieren wir hingegen, - ich meine, meditieren wir so, wie es Dōgen meint -, so werden auf einmal die Dinge verschoben, ver-rückt, auf den Kopf gestellt.

In dem einem Augenblick erfahren wir etwas so Großes, Zeitloses, dann wiederum können wir uns einfach innerhalb etwas sehr Kleinem bewegen, wir können uns draußen befinden, ein großer Berg, der Ozean.

Wir werden grenzenlos, schrankenlos im Laufe unserer Meditation, sowohl im Hinblick auf die Zeit, als auch auf den Raum.

Wir können es unser Bewusstsein nennen, ein Bewusstsein, welches die Möglichkeit hat, allumfassend zu werden. Wir können uns damit innerhalb von etwas sehr Kleinem bewegen, wir können uns darin schrankenfrei bewegen, grenzenlos werden, frei werden – wenn wir es frei sein lassen.

Natürlich haben wir alle die Neigung zu sagen: „Oh, dies sollte so und jenes so sein“. Oder: „Dies sollte so oder so gesehen werden“. Oder: „Das ist die falsche Sichtweise“. Oder: „Ich weiß, wie das funktioniert.“ Das ist sehr bedauerlich, aber Menschen machen das.

In der Meditation jedoch, werden die Dinge von innen nach außen bewegt, von oben nach unten.

Genauso wie in der Welt der Poesie, deswegen ist sie so wichtig. „Regen strömt aus seinen Augen,“ haben wir heute Morgen beim Frühstück gelesen, aus einem Gedicht von Guillaume Apollinaire.

Im herkömmlichen Sinn ist das ein Rätsel, in der Welt der Poesie jedoch macht es absolut Sinn. Das ist auch unsere Welt, die Welt der Meditation.

Vielen Dank.

- Vortrag am Pfingstmontag 2009, Lindau, Schleswig-Holstein -
 

© Wind & Wolken Sangha, 2009