Gedanken über "Raum", von Eido Frances Carney Roshi Guten Abend! Wir müssen aufpassen, welches Thema wir wählen, denn ganz bestimmt wird sich etwas damit entfalten und das Thema der heutigen Nacht lautet Raum. Ich werde versuchen, über Raum zu sprechen. Raum ist etwas, das sich in unseren alltäglichen Überlegungen abspielt. Wir alle sprechen über Raum in unserem Leben, Raum in unseren Wohnungen und Häusern, Raum in unseren Familien. Wir möchten mehr Raum, wir möchten nicht ganz so viel Raum. Ich werde auf eine etwas spirituellere Art und Weise versuchen, darüber zu sprechen. Fast alle von uns hören Musik. Alle von Euch hören jetzt gerade meiner Stimme zu. Die ganze Musik wohnt im Raum. Der Klang der Regentropfen wohnt im Raum. Ohne Raum gibt es keine Musik. Ohne Raum gäbe es meine Stimme jetzt gerade gar nicht. Wir haben kulturellen Raum, wir haben kulturelle Gepflogenheiten darüber, wie nah wir einander kommen. Amerikaner haben ein sehr großes Raumbedürfnis, wir mögen nicht gerne zu nah beieinander stehen. In Japan hingegen ist es ganz anders. Wenn man mit einem Fahrrad eine Brücke überquert, so weit wie etwa so (macht eine kleine Handbewegung), dann werden da drei Menschen nebeneinander fahren. Du gewöhnst Dich daran, Dein Lenker in unmittelbarer Berührung mit dem eines anderen. Japan ist ein relativ kleines Land und sie haben nicht viel Platz, die Menschen kommen einander nahe. Wir haben also unsere Vorstellungen davon, was für uns bequem ist. Die meisten dieser Vorstellungen - nicht so sehr die Musik und der Klang - sondern die Gelegenheiten, in denen wir mehr Raum haben möchten, beziehen sich dabei auf ein bestimmtes Denken. Es ist das Denken von uns selbst als „ich“ und den anderen als „denen“, was nichts anderes bedeutet, als dass wir die Dinge um uns herum zu Objekten machen. Andere werden zu Objekten im Raum. Wir tragen alle bestimmte Vorstellungen davon in uns, was Raum ist. Aber hört doch nur einfach mal Musik und ich wette, Ihr empfindet alle genauso wie ich, dass Musik ganz einfach aus dem Raum kommt, dort in seiner wundervollen Schönheit verbleibt und durch ihn hindurchreist. Kurz daraufhin verschwindet sie, um für den nächsten Ton Platz zu schaffen, für das nächste Lied, das hervortreten möchte. Wir mögen uns vielleicht an die Töne erinnern, aber in Wirklichkeit bewegt sich die Musik ganz einfach durch uns hindurch. Wenn wir darüber nachdenken, wo wir jetzt gerade sind, wo dieses Zendo ist, alle von uns, die hier sitzen, es befindet sich im Raum. Wir erfinden den Begriff eines Ortes, einer Strasse: viele von Euch kamen hier an, als es bereits dunkel war, es ist wunderbar, dass Ihr Euren Weg hier hinaus gefunden habt, wo es hier doch stockdunkel ist wie auf dem Lande. Wir benennen Orte der Einfachheit halber. Aber eigentlich sind wir einfach nur hier im Raum. Dieses Zendo hat etwas ganz besonderes. Eine besondere Gegenwart, vielleicht könnten wir sagen, etwas Unvergleichbares, eine unbeschreibliche Gegenwart. Es ist etwas, das wir nicht benennen können, etwas, das wir nicht sagen können. Es ist ein Ort, aber eigentlich ist es nur Raum, nur ein Raum im Raum. Natürlich denken wir, dass wir dies sind (klopft auf Holz), etwas ganz festes, etwas solides - was auch immer es ist - wir sind nur der Raum selbst. Raum im Raum. Wir können dies nicht glauben oder davon überzeugt sein, wenn wir es nicht erfahren haben, wenn wir nicht ganz einfach Raum als Raum an sich erfahren haben. Dōgen Zenji sagt, dass es mehr als 84.000 verschiedene Arten von Raum gibt. Wir haben inneren Raum, äußeren Raum, Raum inmitten von Raum, wir haben keinen Raum, Raum ohne Raum, es geht immerfort. Der Raum, der wir sind, ist eine besondere Art von Raum. Dieser Tisch ist eine besondere Art von Raum. Er sieht aus wie er aussieht, es ist ein besonderer Raum. Uns selbst gibt es als Raum, im Raum und in all jenem, was wir Raum nennen und all das, was in der Mitte des Raumes ist oder wie auch immer wir es bezeichnen wollen - sie alle haben eine gemeinsame Grenze im Raum. Der Raum, der ich bin, hat ebenso diese Grenze des Raumes. Rujing, Dōgen Zenjis verehrter Meister, schrieb “Das Windspiel Gedicht”, und die erste Zeile darin lautet: “Der ganze Körper ist wie ein im Raum hängender Mund.” Ein offener Mund, der sich leert. Der ganze Körper ist so. Der ganze Körper ist wie ein Mund, der im Raum hängt. In Wirklichkeit hängen wir nur im Raum. Namen und Bezeichnungen der Einfachheit halber. Das mag vielleicht ein wenig beunruhigend sein, aber in Wirklichkeit ist es eine große Erleichterung, wenn wir Raum erfahren können. Es ist eine wunderbare Erfahrung, weil Du in Dein wahres, unverfälschtes Selbst eintreten kannst, ein Selbst, das ganz natürlich ist – ohne all den Ballast, den wir mit uns herumtragen. Eintreten in den Raum. Uns selbst erlauben, Raum als reinen Raum zu erfahren. Ein Mönch Namens Eizo fragte einen anderen Mönch Namens Seido: “Verstehst Du, wie Raum erfasst werden kann?” Seido sprach: “Ja, ich verstehe, wie Raum zu erfassen ist.“ Eizo sprach: “Wie erfasst Du ihn?” Seido reicht in den Raum hinein, und beginnt, ihn zu packen, zu fassen. Eizo sagt: “Tut mir leid, aber Du verstehst es nicht.” Seido sprach: “Nun gut, Bruder.” (Bruder bedeutet, daß Eizo der ältere ist). Eizo greift nach vorne und packt ihn an der Nase. Seido sagt: “Aua! Das tut weh! Es ist gemein, jemanden so zu packen, aber ich konnte ganz frei werden. Ich habe etwas verstanden.“ Eizo sagt: “Feste zupackend, so haltend, hättest Du es von Anfang an begreifen sollen.” Das ist eine kleine Koan-Geschichte über Raum. Eizo sagt: “Verstehst Du, wie Raum erfasst werden kann?” Verstehst Du, wie Raum erfasst werden kann? Und Seido sagt sofort: “Ja, ich verstehe, wie Raum zu erfassen ist.“ Eizo weiß augenblicklich, dass er nicht versteht, dass er nichts vom Raum versteht. Denn wenn er sagt, dass er begreift, bedeutet dies, dass er eine Vorstellung von Raum hat, eine gedankliche Idee von Raum. Darum geht es nicht. Das ist es nicht, wonach Eizo fragt. Wonach fragt Eizo, wenn er sagt: “Verstehst Du, wie Raum erfasst werden kann?” Er meint hiermit: "Hast Du Dich vollkommen im Raum erkannt? Hast Du Deinen eigenen im Raume hängenden Körper erkannt? Hast Du Dich gelöst, hast Du Dich befreit, von all Deiner Bedingtheit, all Deiner Konditionierung?" Letzte Woche haben wir uns über Bodhidharma unterhalten. Es ist genau so, wenn der Kaiser Bodhidharma fragt: “Wer ist es, der da vor mir steht?” Bodhidharma sagt: “Ich weiß es nicht”. Seht Ihr das edle Zeugnis Bodhidharmas, hängend im Raum? “Ich weiß es nicht”. Raum im Raum. Nur mittels dieses tiefen Erkennens konnte er eine Frage beantworten wie: “Wer ist es, der da vor mir steht?” “Oh, ich bin Eido und ich lebe im Olympia Zen Center …” und so weiter. Das ist für gewöhnlich unsere Antwort. Wir verbinden uns, wir norden uns ein. Bodhidharma kann weit darüber hinaus gehen und sagen: “Ich weiß es nicht”. Eizo kann nach vorne greifen, diesen Mönch packen, an der Nase fassen und in diesem Augenblick erkennt Seido sich selbst, kommt er zu einer Erleuchtung. Wir haben also demnach dieses konkrete Problem des Selbst. Wenn ich hier nach vorne greife und sie bei den Haaren packe... „Au“, Ich meine „Au!“ Das ist eine ganz natürliche Antwort. Dieser Raum reicht in jenen Raum und rempelt ihn an. Er stößt mit ihm zusammen, verletzt diesen Körper, indem er sie bei den Haaren packt oder ihn bei der Nase. Wir haben daher das Problem, wie das alles zustande kommt, den Auslöser für das Ziehen der Haare. Wir haben auch die Frage des Seido, der in den Raum greift und Raum im Raum aufzeigt. Seido sprach: “Ja, ich verstehe, wie Raum zu erfassen ist.“ Dieses Verstehen kommt aus den Gedanken, aus dem Intellekt. In unserer Zen-Übung halten wir diesen Zusammenstoß im Raum. Wir können es Farbe im Raum nennen, Beschädigung im Raum. Wir können es alles von dem nennen. Denn wenn wir eine gedankenlastige Antwort hervorbringen, so fällt das Erkennen von Raum als vollkommen verwirklichte Buddha-Natur in sich zusammen. Wir beengen den Raum, wir verschließen ihn, wir demontieren ihn. Das Heikle daran ist, dass es sehr wichtig ist, dieses Erkennen auszusprechen. Jedoch kann das Dharma nicht im Sinne von Raum sprachlich erfasst werden. Es ist ein Raum, in dem die Matriarchen und Patriarchen und Buddhas erscheinen. In diesem Raum erscheinen alle Matriarchen und Patriarchen gemeinsam mit uns, sie treten fortwährend im Raum hervor. Und das Erkennen der Gegenwart der anderen bedeutet, sich einander als Raum bewusst zu sein. Dies ist nichts anderes, als einander als Buddha zu erkennen, einander als Buddha-Natur zu erkennen. Es ist Raum, was wir hören, wenn wir in Zazen sitzen - dieser Regen, Zazen, regnet das Dharma. Klänge des Raumes. Das Wichtige, das Seido erkennen muss, ist dass das Wahre Selbst geübt werden muss. Wir müssen das Selbst im Raum üben; es muss geübt werden. Das ist das Wahre Selbst, ein Selbst, das geübt werden muss, in Zazen, wisst Ihr, im Leben. Es ist das Leben. Daher ist dieses Windspiel-Gedicht von Rujing recht bekannt. Es lautet: “Der ganze Körper wie ein Mund, hängend im Raum. Nicht fragend Ost, West, Süd oder Nord. Für alle anderen gleichermaßen, klingelt es Prajna-Weisheit”. Roshi singt: “Ching chung chang ching, ting tang tung”. Noch einmal: “Der ganze Körper wie ein Mund, hängend im Raum. Nicht fragend Ost, West, Süd oder Nord. Für alle anderen gleichermaßen, klingelt es Prajna-Weisheit. Ching chung chang ching, ting tang tung”. Wir werden versuchen, über diese Zeit im Raum zu sprechen, Raum als die letzte Barriere. Vielleicht gibt es keinen Ort, an den wir gehen müssen, wenn wir Raum erkennen. Gibt es hierzu Fragen? F: (von einem der Teenager, die im Rahmen ihres Unterrichtes über Weltreligionen an dem Abend teilnahmen) …über Leere? A: Es ist die Leere unserer selbst, die uns vollkommen lebendig werden lässt, die uns voll und ganz nützlich werden lässt in unserem Leben. Bereit, voll und ganz zu leben. Wir denken, es sei genau andersherum: anhäufen, lernen, anhäufen, den ganzen Kram - und das nur, um die Schule verlassen zu können. (auf die jungen Zuhörer zeigend): Ihr müsst die Schule fertig machen! Wenn Ihr leer sein könnt und erkennt, so ist es ein leichtes, die Schule zu verlassen. Aber in vollkommener Leere ist es auch ein Leichtes, zu lernen. Du kannst das richtiggehend genießen. Wir hingegen machen immer weiter, häufen an, tun dies und jenes. Wenn ich das tue, dann erreiche ich dies und so weiter... Wenn wir voll und ganz unserem unbedingten, nicht konditionierten Selbst vertrauen, dann können wir wirklich in ganzer Fülle leben. Wenn wir uns frühzeitig, als junge Menschen, um unser spirituelles Leben kümmern, so ist das ganz wichtig. Es ist gut, oft wegweisend, dies zu tun, bevor wir wichtige, oft quasi endgültige Dinge in unserem Leben entscheiden, etwas Zeit in tiefer spiritueller Kontemplation zu verbringen. Dies zu tun, bevor wir voreilige Dinge tun und in etwas hineingeraten, das vielleicht unsere Mütter oder Väter von uns gerne hätten oder das wir dabei sind zu tun, weil uns nichts Besseres einfällt. Es ist gut, zu warten. Es ist gut, Zeit zu verbringen in tiefem Bedenken der Größe dessen, wer wir sind; ein jeder von uns, die oder der hier heute Abend sitzt: Leere im Raum. Weisheit, in uns, verfügbar, edle Heiligkeit, reines Erkennen, verfügbar jetzt gerade hier vor uns. Es ist gut, diese Klasse in Weltreligionen zu belegen und vielleicht einen Geschmack und ein bisschen ein „aha“ zu bekommen mit dem Gefühl, dass ich soeben etwas Weisheit erfahren habe. Jede einzelne der Weltreligionen birgt Weisheit für uns. Wir können versuchen, uns davon berühren zu lassen, wir können versuchen, dass hier kleine Wurzeln entstehen. Zum Wohle unseres eigenen Lebens. Ganz wichtig. Es ist für die jungen Menschen auch ganz besonders notwendig, sich zu achten, bevor wir zu viele dumme Entscheidungen treffen, wie die ganzen Älteren hier im Raum. (Lachen) Ich denke, dass wir sie getroffen haben. Ein paar. In Wahrheit jedoch gibt es keine Fehler. Nur schlechte Wahl. Oft sind, was wir als schlechte Wahl betrachten, derartig große und wundervolle Lehren, dass wir für sie dankbar werden, sehr dankbar sogar - wenn wir nur lang genug leben. Es gibt keine Fehler. Aber es gibt sicherlich weise Entscheidungen, weise Wahlmöglichkeiten. Ich würde Euch gerne alle in zwanzig Jahren wiedersehen. Aber zunächst möchte ich Euch heute gerne nach Hause gehen lassen. Vielen Dank. Olympia Zen Center, November 2007 © Wind & Wolken Sangha, 2008
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