Wind & Wolken Sangha

Neues:
Dōgen
  10.08.09
Wer wir sind
  29.06.09

Wer wir sind‎ > ‎

Eido Frances Carney Roshi in Lindau, Mai 2009

Hallo!

Sehr schön, Euch alle wiederzusehen. Es ist wunderbar, dass Ihr an einem Ort lebt, an dem immer soo schönes Wetter herrscht... (Gelächter).. wie dort, wo ich wohne (Gelächter)...

Wir sind wirklich mit wunderbarem Wetter gesegnet, seid ich hier bei Euch im Norden bin und Ihr zeigt dieses Feuerwerk des Nordens her, das ich schon allenthalben bewundern konnte. Es war eine wahre Freude, in diesen Tagen übers Land zu fahren, durch diese schöne Gegend, in der Ihr alle lebt.

Von der Schweiz aus ging es für mich dieses Jahr wieder nach Holland. Wir alle sind im gleichen Auto zurückgekehrt und als wir den Kanal überquerten, meinte Mechtild: „Nun sind wir zuhause“.

Es ist sehr schön für mich, an diesen Ort hier zurückzukehren. Es fühlt sich auch für mich wie ein zuhause an, dieses schöne Zendo, in dem wir uns letztes Jahr getroffen haben, einfach nur die Stille hierin zu fühlen, die Versenkung.

Heute war es auch sehr schön, die Übung, welche im Nachbarhaus stattfindet, zu fühlen, dort haben sie gestern mit der Dachrenovierung begonnen. Zuerst hatten wir etwas Sorge wegen des Lärms, aber schon bald sahen wir, dass sie alle als ein nachgeradezu symbolisches Team arbeiteten.

Das Dach ist das Wichtigste an einem Haus. Wir könnten wohl ohne Wände leben, aber wir brauchen ein Dach über dem Kopf. Ihre gemeinsame Zusammenarbeit zu verfolgen, ihre Harmonie, ihre unglaubliche Achtsamkeit beim Herumklettern auf diesem Dach, wie sie versuchten, auf den schmalen Balken zu balanzieren - ihre Achtsamkeit und ihr Gewahrsein macht uns ein bisschen unbehaglich, denke ich. „Die machen das wirklich“, könnte man meinen - wir hingegen sitzen hier nur so herum...

In dieser Zusammenarbeit der Übung ist große Sangha zugange. Die Geräusche, die wir von dort drüben hören, sind also sehr gut. Die Nagelpistole, die Zurufe zwischen Vater und Sohn und den Freunden der Familie, das Geräusch von der Plane, die zum Abdecken für die Nacht ausgebreitet wird – alle gemeinsam drücken eine gewisse Harmonie aus.

Natürlich haben wir eine andere Art der Harmonie hier als Sangha.

Das Thema meines diesjährigen Europa-Aufenthaltes stammt aus Dōgen Zenji’s Shōbogenzo, dem Sutra der Berge und Wasser (Sansuikyo). Es lautet: Berge wandern, Berge sprechen.

Diejenigen von Euch, welche die Übersetzung ins Deutsche gelesen haben, konnten ein Gefühl dafür bekommen, was er in diesem Kapitel gemeint hat. Heute drücken wir uns als Berge in unserer Übung aus und nebenan erklimmen sie den Berg des Dachstuhls.

Dieses Verständnis des Berges ist ziemlich wichtig in unserem Leben, denn jede Person hier drückt einen bestimmte Art von Berg im Leben eines jeden einzelnen von uns aus. Wenn wir uns Dōgen Zenji’s Betrachtungen in diesem Sutra genauer anschauen, so sehen wir, dass er sowohl zu dem Berg dort zeigt, als auch auf den Berg hier (deutet auf sich selbst) zeigt und sagt: ... 
den Berg zu studieren bedeutet, den Berg wirklich zu untersuchen“, - dies ist der Berg, den Du untersuchst, dies ist der Berg der Übung.

Wir schauen uns große Berge an und sagen: „Oh, wie überwältigend!“

Das ist relativ einfach. Viel schwieriger hingegen ist es für uns, das eigene Leben zu betrachten und die tiefgehende Natur des Lebens eines jeden einzelnen von uns zu verstehen, vollkommen zu verstehen.

Noch komplizierter wird es, wenn wir versuchen, den Großen Berg inmitten unserer selbst zu erfassen oder die Art und Weise, auf die er sich in jeder einzelnen Tätigkeit unseres Lebens verwirklicht.

Berge - wir könnten die Feuerwerke des Nordens ebenso nennen- ganz und gar geschenkt, uns einfach nur geschenkt. Wir schauen sie an und wir wissen, dass sie ein großes Geschenk bedeuten und dass wir mit derartiger Schönheit um uns herum leben. An diesen Morgen heute, als ich Euch soeben betrachtete, dachte ich an die Bergkette, die wir bilden. Ich dachte an aller Euer Leben und an die Art und Weise, auf die der Berg sich in Eurem Leben zeigt.

Die täglichen Handlungen unser aller Leben sind der reine Ausdruck des Berges. Wenn ich mich hier im Raum umschaue, so kenne ich natürlich nicht alle so genau, nur einige wenige und auch die nur ein bisschen. Ich weiß, dass einige von Euch Künstler sind, wir haben Ärzte, einen Töpfer, einen Staatsanwalt, wir haben Köche und die, die sich um Kinder kümmern – wir haben all diese Aktivitäten. Sie stellen die natürliche Handlung der Berge dar, die natürlichen Tätigkeiten des Lebens. Sie finden ihren Ausdruck in einem Berg der Übung.

So – Dinge, die einen Raum einnehmen. Während unseres Zazen kam eine Fliege herein- es ist erstaunlich, wie viel Raum eine kleine Fliege in unseren Köpfen einnehmen kann!

Das ist ganz einfach unser Leben, das Leben des Berges und die Art und Weise, wie ein Augenblick auf den anderen folgt, den Berg umgibt: Vögel fliegen umher, Insekten tummeln sich auf ihm. Das ist alles miteinbezogen in dem „Still Sitzen wie ein Berg“ und damit dem Berg erlauben, den Raum innerhalb unserer selbst zu füllen.

Die Ausdrucksformen des Berges sind endlos, es gibt ihrer kein Ende. Jede unserer Handlungen ist ein vollkommener Ausdruck der Übung, aber wir verstehen die Reichweite und die Dynamik unserer Leben nicht wirklich.

Ab und zu bekommen wir eine Ahnung, doch das wahre Verstehen und Erkennen dessen, wer wir wirklich sind, ist für uns meist schwer erfassbar.

Heute möchte ich über eine spezielle Art von Berg sprechen, denn wir erklimmen andauernd Berge. Wir haben Berge in unserem Leben, die sehr schwere Momente sind. Wir finden uns bisweilen auf einem stark abschüssigen Pfad in den Bergen wieder und wir befinden uns mehr als einmal im Unterschlupf, in der Warteschleife sozusagen. Wir können im Rahmen des Frage und Antwort-Teils noch mehr darüber sprechen, aber der Berg, über den ich heute in erster Linie sprechen möchte, das ist Jukai.

Wenn wir zur Übung kommen, dann erklimmen wir den Berg, indem wir das erste Mal an der Schwelle erscheinen, in dem wir zum ersten Mal ein Zendo oder unseren Meditationsraum betreten.

Da ist der Eindruck einer Öffnung, eines zu erklimmenden Berges, wenngleich wir nicht ganz genau wissen, was genau passiert. Wir mögen größte Zweifel deswegen hegen, bei mir war das ganz bestimmt so. Ich weiß, dass ich viele, viele Berge im Laufe meiner Übung erklommen habe, manchmal mit großer Furcht, manchmal mit ganz beträchtlichem Zögern und starker Verunsicherung, manchmal ganz leicht, sozusagen mit einem Abenteuergeist.

Ich denke, dass all diese Wege relativ normal und natürlich sind, - jenes Zögern zu empfinden, oder manchmal eben auch jenen Mut, das Grosse Geheimnis zu betreten. Wenn wir zum ersten Mal in eine derartige Umgebung wie die heute hier kommen, dann beginnen wir allmählich zu erfassen, dass niemand für uns entscheiden kann, ob wir den Berg betreten sollen, wann der beste Zeitpunkt dafür ist, wie lange wir darin verweilen wollen oder welchen Berg wir überhaupt zu stürmen vorhaben. Niemand kann das für uns beantworten.

Langsam beginnen wir zu erkennen, dass es eine Verantwortung uns selbst gegenüber, unserem eigenen Leben und unserer ureigenen Spiritualität gegenüber gibt.

Das ist eine ganz und gar persönliche Entscheidung. Ich kenne Menschen, die zwanzig Jahre lang geübt haben und immer noch sagen: „Nein zu Jukai!“. Wir sollten das nicht beurteilen, jedenfalls nicht nachhaltig, wenngleich ich persönlich das sehr bedauerlich finde.

Der Berg spricht zu uns auf ganz bestimmte Art und Weise. Wir müssen uns selbst zuhören, wir müssen lauschen, welche Schritte wir vorhaben. Wenn wir einen Berg besteigen, so können nur wir selbst sagen, wie wir über bestimmte Spalten und Abgründe hinwegkommen und wie wir unsere Haken plazieren sollen.

Die Frage des Jukai also – Ju bedeutet „geben oder nehmen“ und kai, das sind die Richtlinien für Ethisches Handeln oder eine Art von Ozean- den Ozean des Dharmas geben und empfangen.

Die Richtlinien für Ethisches Handeln, oder Precepts, oder die Drei Schätze, wurden vom Buddha an seine Sangha gegeben, als diese sich langsam zu entwickeln begann. Das kennt Ihr auch von Euch: als Eure Sangha sich langsam zu entwickeln begann, da habt Ihr die eine oder andere Regel aufgestellt, um reibungsloser voran zu kommen. Das fördert die Harmonie, so dass der Strom, zum Beispiel beim Kinhin, vergleichsweise sanft dahin fließen kann.

Für diejenigen von Euch, die Kinder haben: da gibt es zunächst überhaupt keine Regeln, wenn sie ganz klein sind. Erst wenn sie dann erwachsen werden und langsam beginnen, Dinge im Raum umherzutragen, beginnen die Regeln. Langsam, wenn sie dann ins junge Erwachsenenalter kommen, entstehen mehr Regeln und immer mehr Regeln. Wenn wir dann älter werden, dann haben wir eine ganze Litanei von Vorschriften, nach denen wir uns zu richten haben.

Das gleiche geschah mit dem Buddha. Hunderte von Menschen kamen zu ihm, und um die Harmonie in der Sangha aufrechtzuerhalten, mussten bestimmte Vorschriften aufgestellt werden. Schließlich entstand der Vinaya, mit Hunderten von Regeln, vierhundertfünfzig, um genau zu sein.

Ananda, der alles im auswendig konnte, was der Buddha sagte, erhielt an des Buddhas Totenbett letzte Anweisungen. Eine von ihnen lautete: „Ananda, es ist in Ordnung, wenn Du ein paar der Regeln wieder verlässt.“

Aber, er sagte ihm nicht, welche. Der Buddha starb, und einige dieser Regeln, die sich auch zum Beispiel bei Dōgen Zenji wiederfinden, schreiben vor, wie lang Deine Fingernägel sein sollen, wie Du Dein Gesicht waschen sollst, wie lang Dein Haar sein darf und so weiter. Es gibt unzählige Richtlinien dafür, wie sich Mönche und Laien verhalten sollen, wie sie sich pflegen sollen, wie sie sich in der Übung verhalten sollen.

Mit der Zeit wollte die Sangha einige dieser Regeln etwas erleichtern. Socken im Sommer oder nicht? Es gibt da so manch ziemlich nebensächliche Dinge, die genauestens vorgeschrieben werden.

Wie immer, so entwickelten sich hierzu zwei Seiten. Die einen meinen: „Nein, wir können unmöglich die Regeln brechen!“ Und die anderen sagen: „Natürlich sollten wir sie brechen!“

Der Mahayana-Weg wurde zu der Seite, die sich für eine Entspannung der Regeln aussprach. Das Befolgen der Precepts wurde der entscheidende Bestandteil, mit dem Ziel der weiteren Entwicklung und Erhaltung gegenseitigen Verstehens. Es wurden die Regeln hochgehalten, die besonders gut in die Laienübung passten und die für unsere sozialen und ethischen Beziehungen untereinander entscheidend waren. Diese Richtlinien müssen für uns Sinn machen und sie müssen fortwährend an unsere Gegebenheiten angepasst werden.

Die zentrale, allem unterliegende Grundlage der Richtlinien für Ethisches Handeln stellen die Drei Schätze dar: Buddha, Dharma, Sangha. Das Erkennen dieser Bedeutung ist entscheidend.

Was heißt es, ein Leben in Buddha zu leben, im Guten des Herzens Buddhas zu sein - nicht wie Buddha lebte, sondern im Guten des Herzens Buddhas sich zu bewegen? Was heißt es, im Guten des Herzens der Schriften zu leben und im Guten des Herzens der Menschen zu leben, derer vor allem, mit denen wir gemeinsam üben?

Das Erfassen jedes Einzelnen, nämlich dass ein jeder von uns die Totalität der drei darstellt ist ganz entscheidend- es ist nicht so, dass der Buddha etwas außerhalb unsere selbst darstellt, oder das Dharma, oder die Sangha- jede Person ist die Vollendung der Drei Schätze. Jeder Berg, der heute hier sitzt, jeden Tag, überall, jeder ist die Totalität der Drei Schätze.

Unsere Übung besteht darin, das Erscheinen der Drei Schätze in den verschiedenen Dynamiken im Zusammenhang mit unseren Handlungen zu sehen. Manchmal handeln wir wie der Buddha, als jemand, der stark inmitten einer bestimmten Situation dastehen muss. Manchmal bieten wir jemandem unsere Lehre, unsere Schriften an, wir erlauben dem Dharma, aus unserem Mund hervorzutreten. Manchmal handeln wir als Sangha und unterstützen uns gegenseitig, so wie gerade eben während der gemeinsamen Arbeit. Wir fegen und handeln als ein Körper, um den Ort unserer gemeinsamen Übung zu reinigen und zu säubern.

Und langsam, langsam, beginnen wir, Ursache und Wirkung unserer jeweiligen Handlungen zu sehen. Indem wir wachsen und durchs Leben gehen, sehen wir auch, wie etwas, das wir tun, große Folgen haben kann und dann sehen wir, dass wir, wenn wir in der Übung bleiben, eine Wahl haben. Wir können diejenigen Handlungen auswählen, welche die jeweils beste Auswirkung auf die Sangha, auf unser Arbeitsleben, auf unsere Familie haben. Wir können hierdurch, das, was gut ist, gut und harmonisch sich anfühlt, in unser Leben miteinbringen.

Wir haben dafür im Wesentlichen drei Bereiche zur Verfügung:

den des Geistes, wo wir etwas Furchtbares aushecken könnten. Wir könnten es einfach nur denken und nicht danach handeln. Wir können etwas Schreckliches über jemanden anderen denken, und es aussprechen. Und drittens können wir Handlung ergreifen, die Schaden anrichten könnte. Die Verbindung zwischen Denken, der Handlung des Geistes; der Handlung der Sprache; ihrer Umsetzung in tatsächliche Handlung – sie alle sind tief miteinander verwoben.

Wenn wir zu sehen beginnen, dass der Keim jeder Handlung in unserem Denken liegt, dann sehen wir, was für eine schwere Arbeit uns bevor steht. Ich spreche über mich selbst. Diese schwere Arbeit gilt der Verwandlung unserer selbst, damit wir gute Handlung in die Welt bringen, denn die Keime hierfür liegen ausschließlich in uns selbst. Die Keime unserer geistigen Aktivitäten haben ein unglaubliches Potential – sie können Gutes tun oder sie können schrecklichen Schaden anrichten. Immer arbeiten wir mit diesen drei Ebenen. Und während unser Leben so dahinströmt, erscheint es mir so, als ob wir oft von rückwärts her arbeiten: zurück von der Handlung und ihren Auswirkungen zur Sprache, zum Geist. Wir lernen, nicht ausfallend zu handeln, nicht ausfallend zu sprechen und, letztendlich, nicht ausfallend zu denken – nichts anzurühren, was dem Herz Buddhas unwürdig wäre.

Die Entscheidung für Jukai besteht darin, die Moral unserer Handlungen in der Welt in Frage zu stellen und uns der Übung der Ethik, der Meditation und der Weisheit zu verpflichten. Wir erkennen sie als die Grundlagen unseres Lebens an. So einfach ist das. Sie stellen die drei Wege dar, auf denen wir unseren Pfad im Leben sozusagen fortwährend verhandeln. Die Precepts sind auch die Anerkennung von Buddhas ethischer Verwandlung.

Das Nähen des Rakusu, das am kommenden Sonntag drei von Euch erhalten und empfangen werden, stellt das Symbol neuer Kleidung dar. Ostern kommt, Frühling kommt – wir ziehen neue Kleider an. Genauso ist es hier, es ist das Nähen der Robe Buddhas, die eine kleinere Ausfertigung dessen hier darstellt (deutet auf ihre Ō-Kesa).

Mit jedem Stich dringen wir tiefer ein in Buddha, Dharma, Sangha. Mit jedem Stich dringen wir tiefer ein in die Drei Schätze - tiefer, tiefer, tiefer.

V. ist heute nicht hier, also können wir über ihn ein wenig reden (Gelächter). V. ist nicht mehr so jung und daher war es eine gewaltige Anstrengung, das Nähen auf sich zu nehmen. Wenn Du es zunächst anschaust, dann denkst Du: „Niemals schaffe ich das!“.

Wir nähen es von der Mitte her und arbeiten uns dann seitwärts vor, bis wir letztendlich bei der Umrahmung angelangt sind. Ihr könnt also V.s Rakusu anschauen, das ist gut. Ich möchte, dass Ihr dies tut, denn das Nähen stellt eine Spiegelung unserer eigenen unvollkommenen Daseinsform und unserer insgesamt überaus wackeligen Unvollkommenheit dar. Unsere eigene Ungeduld, die scharfen und rissigen Ecken des Berges, unsere Furcht, Wut, Freude – alles, was wir sind, fließen ein in das Nähen unseres Rakusu. Wenn Ihr also V.s Rakusu anschaut, in der Mitte- ohje- und dann weiter außen-naja- und dann bei den äußeren Umrahmungen- vielleicht- und dann, bei den letzten Umrandungen- gerade! Schnurgerade und deutlich! Voller Vertrauen. Wunderbar!

Das Rakusu eines jeden ist wunderschön und hervorragend gefertigt, ganz wie wir selbst. V.s Rakusu ist ein gutes Beispiel für seinen Zugewinn an Vertrauen, deutlich bei den letzten klaren Umrandungen. Ganz besonders schön.

Als wir neulich V. zuhause besucht haben, da habe ich die Geschichte einer amerikanischen Zen-Lehrerin erzählt, die eine sehr gute Näherin ist. Sie nähte ein Rakusu und ging nach Japan, übte dort in einem bekannten Frauenkloster und zeigte eines Tages, als alle beisammen saßen, dieses schöne, perfekte Rakusu herum. Die japanischen Nonnen betrachteten es genau und dann sagte eine von ihnen: „Ein klein wenig zu perfekt“.

Die Töpfer oder Maler unter Euch wissen: ein wenig zu perfekt und es wird nicht gelingen. Es muss ein wenig, ein klein wenig nur, außer der Reihe sein, als Geschenk an die Götter zum Beispiel.

Während wir nähen, beginnen wir zu erkennen, dass alles „Geist“ ist. Das Nähen dieses Rakusu stellt mein Kommen in den Geist Buddhas dar. Auch zeigt es mir, wer ich bin. Es zeigt mir meine Menschlichkeit und alle Aspekte meiner selbst. Es erlaubt mir, sie, jede für sich, Stich für Stich anzunehmen.

Jukai beinhaltet diese Art der Verwandlungs-Übung. Gleichzeitig birgt Jukai auch den Aspekt der Bestätigung der Sangha. Wir bestätigen den Buddha in uns selbst, Buddha, Dharma und Sangha in uns. Wir bestätigen sie auch in der Gesellschaft jener, mit denen wir üben. Als ich das erste Mal das Rakusu empfing, trat mein Lehrer an mich heran und meinte: „Du wirst in einigen Wochen Jukai haben“. Er gab mir das erste Rakusu, erst später habe ich eines selbst genäht. Ich legte meine Gelübde, die Bodhisattva-Gelübde, ab. Sie bestehen darin, zu versprechen, Buddha Dharma und Sangha zu ehren. Danach wusste ich nicht genau, was geschehen war. Ich bemerkte, dass ein großes Geheimnis in mein Leben eingetreten war, welches ich nicht genau benennen konnte.

Du gehst nach Hause mit Deinem Rakusu und Deiner Ahnenlinie – es ist nicht wie heiraten- aber Du versprichst: ich werde mich mein ganzes Leben daran halten! Jukai birgt eine tiefes Potential der Verwandlung in sich und irgendwie weißt Du: auf eine bestimmte Art und Weise hat sich Dein Leben verändert.

Du stellst fest, dass Du begonnen hast, einen Berg zu erklimmen. Es gibt keinen anderen Weg. Alles, was Du hast, ist dieser Berg, das Tal ist verschwunden und Du weißt, dass Du ihn wirst erklimmen müssen. Du wirst auf der anderen Seite wieder hinunterkommen. Es ist das einzige, was Du tun kannst und es ist sehr geheimnisvoll.

Wie ich am Anfang gesagt habe: ein jeder von uns kommt auf seine ihr oder ihm eigene Art und Weise und Geschwindigkeit dazu – falls wir überhaupt in diesem Leben dazu kommen, denn wir alle haben einem eigenen Weg zu folgen. Wir müssen jenem Weg zuhören, den unser Leben uns zeigt.

Der Berg, zu dem wir kommen als einem Ort, er ist auch gleichzeitig nichts anderes als unser eigener Körper und Geist. Es gibt da absolut keinen Unterschied.

Der Berg des Jukai, er ist die Entfaltung unserer selbst- genauso wie die Rapsfelder erblühen, sie öffnen sich auf einmal und werden gelb. Jukai ist ganz einfach jenes Erblühen unserer Selbst in unserem Leben.

Vielen Dank.

Gibt es Fragen?

Frage: Könnten Sie etwas über Koans sagen? Sie sehen wie ein unüberwindbarer Berg aus.

Antwort: Nun, natürlich bist Du schon mittendrin im Koan-Training. Wir alle lösen Koans. Wir alle versuchen, uns den rohen Ecken unserer Selbst zu stellen, die unser Leiden ausmachen. Das ist das größte Koan von uns allen, dass ein jeder von uns in sich trägt. Wie wir da hindurchsehen können, wie wir die Teile unserer selbst verlassen können, die genau das eben für uns und für andere so schwierig machen. Dies ist das grundlegende Koan von uns allen, ob wir es nun mögen oder nicht. Die klassischen Koans stellen einen anderen Weg dar, dies zu lösen. Es gibt beträchtliche Meinungsunterschiede darüber, ab der Weg der klassischen Koans wirklich dazu führt, Dein Leben zu verwandeln, es von Grund auf zu verändern.

Dōgen Zenji benützt im Shōbogenzo etwa 500 Koans und arbeitet mit ihnen, allerdings auf eine andere Art und Weise als im klassischen Koan-Training.

Im Soto-Zen versuchen wir, die Probleme, die sich uns in unserem Leben stellen, wie ein Koan zu behandeln. Wir versuchen, ihnen so entgegenzutreten: mit dem Raum zwischen dem Problem und uns selbst, um in der Lage dazu zu sein, dieses jeweilige Problem bei der Wurzel zu packen und es für uns zu lösen, eine Veränderung zu bewirken. Nicht einfach nur eine metaphorische Frage zu beantworten, sondern zu erreichen, dass unser Koan eine Veränderung in unserem Leben bewirkt.

Die Gefahr des klassischen Koan-Trainings liegt meiner Meinung darin, dass es Schlausein hervorbringt, „Cleverness“ erzeugt. Wohingegen wir, um das Koans unseres eigenen Lebens zu packen, wir tief in eine ungemein schlecht schmeckende Ehrlichkeit eintauchen müssen und das Unkraut, dass wir angesammelt haben, mitsamt allen Wurzeln aushebeln müssen.

Trotzdem sind die klassischen Koans wunderschön. Es ist erstklassige Literatur, mit hervorragenden Lehrstücken und äußerst bemerkenswerten Einsichten.

F: Ich mag das Bild des „Üben wie ein Berg“ - stark und fest wie ein Berg zu sitzen und ich mag auch das Bild des Berges als Habitat für alle möglichen Wesen, Vögel, Insekten und so weiter. Was mir hingegen fehlt, ist der Aspekt der Leichtigkeit, der Grenzenlosigkeit, des Auslöschens. Ist das ein anderer Berg oder ist dieser Berg darin miteingeschlossen?
A: Nun, der Berg hat kein Gewicht. Kein Berg, weder Deiner noch meiner noch irgendeiner hat ein Gewicht. Die gesamte Erde wiegt nichts. Wir stellen einfach nur einen Haufen Materie dar, die im All herumschwirrt.

Du kannst diese Eigenschaft der Schwere dem Berg verleihen, Deiner Übung - aber dann, im nächsten Moment, ist der Berg Leichtigkeit, ganz aus sich allein heraus. Wenn wir jetzt alle einen Moment mal die Augen schließen und uns den Berg vorstellen, wie viel wiegt er wohl?

Nichts!

Der Berg wiegt nichts, weder der Berg, den Du angeschaut hast noch der Berg der Übung. Er ist nicht schwer, er kann nicht schwer sein. Wenn ich Übung als einzig und allein „Verantwortung“ oder „Verantwortungsbewusstsein“ definiere - das ist zu schwer, das kann man nicht lange aushalten.

Gleichzeitig gibt es keinen Zweifel darüber: als Shakyuamuni Buddha erwachte und diese große Einsicht ins Leiden hatte und er die Verbindung von Ursache und Wirkung wirklich sah, er sich auch der ungeheuren Verantwortung bewusst wurde, die er fortan tragen würde. Sie ist so groß, da ist eigentlich nichts, was wir dem entgegenzusetzen hätten.

Wenn wir mal unser Leben betrachten, es ist dermaßen groß und weit, da können wir gar nicht anders als sagen: Ich gebe auf!

Ich kümmere mich einfach nur noch um Heute, und wieder Heute, Tag für Tag. Denn wir können auch noch nicht mal im Ansatz den Berg erklimmen.

Es ist wie mit dem perfekten Rakusu. Der Pfad, auf dem wir uns bewegen, wenn wir zu sehr in Verantwortung stecken bleiben, er ist zu eng. Das Beste, was wir tun können, für uns und für andere, besteht darin, eine wirklich weite Strasse einzurichten. Dann befinden wir uns auch noch dann auf dem Weg, wenn wir ein wenig ins Wanken kommen. Dann können wir immer noch ein wenig auf ihr umherwandern.

Tenkei Roshi und ich hatten eine ganz ähnliche Diskussion bei Tisch, es ging ums Essen.

In den Richtlinien für Ethisches Handeln geht es auch um „Nicht Töten“. Wir alle kennen die Diskussionen über „Fleisch oder kein Fleisch, Fisch oder nicht?“.

Viele Klöster haben die Erfahrung gemacht, dass ihre langjährigen Mönche nach einer Gelegenheit suchen werden, zum Beispiel wenn sie einmal das Kloster verlasse dürfen, um sich einen Hamburger zu bestellen.

Das bedeutet, dass der Weg für sie zu eng ist. Ganz gewiss gibt es jene, und ich persönlich finde das zutiefst bewundernswert, für die sich ein weiter Weg innerhalb dessen finden lässt, diesem Gesichtspunkt des „Nicht Tötens“, diesem etwas enger gefassten Befolgen der Richtlinie des „Nicht Tötens“.

Wir können nicht einander anschauen und Empfehlungen aussprechen. Genauso wie bei Jukai – wir müssen jede und jeder für uns selbst schauen und dann unsere eigene Wahl treffen.

Wenn wir die Precepts für uns annehmen, so nehmen wir sie mit unserem jeweiligen Verständnis an. Wenn wir also den Pfad so eng gestalten, dass wir sie nicht halten können, dann werden wir schon bald feststellen, dass wir sie nicht so befolgen.

Natürlich können wir auch nicht sagen: „Na gut, dann kann ich alles machen, dann kann man auch nichts unterlaufen.“ Das ist keinesfalls der Weg. Wir werden uns ganz einfach zutiefst der Wahl bewusst, die wir jeweils treffen und wie diese Wahl die Welt beeinflusst, in der wir leben.

An einem Tag wie heute kommen wir zurück zum schmalen Pfad. Wir kommen zurück, weil sich einige von uns auf einem relativ weiten Weg befinden. Wir kommen zurück, an einem Tag des Sitzens wie heute, um zu schauen, wo unsere Wahl jeweils liegt.

Diese Wahl ist eine Erinnerung daran, wie wir leben, nach welchen Richtlinien wir unseren Alltag ausrichten.

Es ist immer eine Art des inneren Abwägens und Verhandelns. Dieses Wort hilft uns vielleicht in unserem Verstehen, wie der Geist arbeitet und wie wir wirklich in Verhandlung treten, gerade auch in unserem Zazen. Manchmal entdecken wir, wie wir nur Denken, Denken, Denken. Dann entdecken wir uns wieder auf der ganz anderen Seite: Nicht Denkend, Nicht Denkend.

Augenblick für Augenblick sehen wir uns einer Wahl gegenüber gestellt. Soll ich dieses tun oder jenes? Soll ich diesem Obdachlosen etwas geben oder nicht? Sol ich dem helfen oder nicht? Augenblick für Augenblick, haben wir eine schier unglaubliche Anzahl an Auswahlmöglichkeiten. Und wir haben immer vor allem eine Wahl: an uns selbst festzuhalten oder uns vollkommen abzugeben.

Den Weg finden, abzuwägen, andauernd, das ist unsere Aufgabe. Annehmen, dass wir abwägen müssen. Wenn wir das nicht tun, werden wir zu festgefahren mit nur jeweils einem Weg.

F: Ich denke immer, ich hätte gerne jemanden, der mir sagt: hier lang oder da lang. Dies ist gut, dies ist falsch. Ich hätte einfach gerne jemanden, der mir sagt, wo es lang geht. Das ist im Zusammenhang mit den Precepts ganz schön schwierig, auch deswegen, weil ich dann in die Nähe der zehn Gebote komme.

A: Nun, wenn es jemanden gäbe, der Dir sagt: mach dies, mach das, dann würdest Du sicher antworten: Nein!

Du könntest das natürlich alles so tun. Du könntest in ein Kloster eintreten und es würde ziemlich bald relativ klar werden, zumindest in bestimmten Klöstern. Dann musst Du Dich um nichts dergleichen mehr kümmern, alles wird für Dich geregelt.
Wenn wir uns hingegen vollkommen darüber klar werden, was die Precepts wirklich bedeuten, so haben wir sie nicht länger vor uns als richtig oder falsch, denn darum geht es keineswegs.

Worum es bei den Precepts geht: Buddha Geist zu wählen.

Nichts anderes sind die Precepts. Sie handeln von der vollkommenen Anerkennung aller Folgen unserer Handlungen.

Du könntest alles in der Welt tun, so lange Du Dir dessen bewusst bist und solange Du willens bist, die Konsequenzen Deiner Handlungen zu tragen.

Ich möchte mein Leben nicht im Gefängnis verbringen, also gibt es eine Reihe von Dingen, die ich nicht tun werde. Ich würde sie auch so nicht begehen. Die Frage der Richtlinien für Ethisches Handeln steht irgendwann nicht mehr so vor Dir – richtig/falsch und so weiter. Und ganz einfach deswegen, weil Du Dich sozusagen in das Herz Buddhas eingewickelt hast und darauf vertraust, dass das Leben Dich tiefer und tiefer in dieses Herz hinein führen wird. Es ist wie der Weg in die Herzenskammer Buddhas. Du vertraust darauf und Stück für Stück wirst Du dadurch verwandelt. Es geht hier ganz und gar nicht um „richtig“ oder „falsch“.

Um also auf die Koans zurückzukommen: die ersten beiden Koans sind wirklich alles, was Du brauchst.

Das erste lautet: Was ist Mu? Was ist Leerheit?

Das zweite lautet: Bin ich der Kausalität unterworfen?

Wir können eine großartige Erfahrung der Leerheit haben, eine Öffnung, bei der sich die gesamte Welt auftut - und wir können den Fehler begehen, dass es dies (lässt ein Heft auf den Boden fallen) nicht gibt. Wir müssen beides haben.

Das Erfassen dessen, dass wir nichts anderes sind als Leerheit. Wir schweben einfach nur so dahin, es gibt kein Selbst, es gibt kein Nicht-Selbst. Wir können all dies vollkommen verstehen, wenn wir jedoch den zweiten Teil nicht kennen, dann können wir leicht dem Irrtum verfallen, dass es keine Regeln gäbe.

Die Gesamtheit unseres Lebens besteht darin, diese beiden Aspekte zusammen zu verstehen. Sie zusammenzufügen. Zu verstehen, dass es keine Regeln gibt. Zu verstehen, dass es Regeln gibt.

Unser gesamtes Leben in der Übung besteht darin, uns zwischen diesen beiden großen Koans zu bewegen. Den Weg abwägen, der Relatives und Absolutes zusammenbringt in die eine Gesamtheit des Lebens, so dass jegliche Trennung zwischen den beiden aufgehoben wird.

Dies ist Leerheit. Alles ist relativ. Und dann: alles zusammen trifft zu.

Es ist sehr schwer, dieses Leben, sehr schwer.

Eure Übung ist so wunderbar. Es ist sehr schön, hier einfach hereinzukommen. Es ist so vertraut für mich. Ich komme hinein, setze mich hin.

Ich weiß nicht so genau, wo ich bin, wenn ich Zazen sitze, dann öffne ich meine Augen und sehe: oh, ich bin in Deutschland!

In dieser Erde, ganz erstaunlich, wie wir uns hier zu diesem gemeinsamen Treffpunkt zusammenfinden. Wir können jederzeit, überall, an jedem Ort, auf diese Art und Weise zusammenkommen.

Es gibt keine Entfernung.

Vielen Dank für Eure Übung in diesem Jahr.


Lindau, Schleswig-Holstein, Mai 2009


© Wind & Wolken Sangha, 2009