Seit vielen Generationen wird dieser Bettelmönch des frühen
neunzehnten Jahrhunderts als "Ryōkan-san" bezeichnet, wobei der Anhang
"san" liebevolle Zuwendung und Respekt ausdrückt.
In Japan ist
Ryōkan ein Nationalheld. Zeitweise bestand ein wahrer "Ryōkan būmu",
ein Ryōkan-Boom. Kein Buchladen ohne Werke von ihm, kein Tag ohne eine
Veröffentlichung über ihn. Die Ryōkan-Studiengesellschaft wurde 1978
gegründet (Ryōkan kai), ihre Mitglieder verteilten sich rasch über das
gesamte Land. Die japanweite Ryōkan-Gesellschaft, der alle beitreten
können, organisiert regelmäßig Konferenzen und Ausstellungen, gibt
Schriften heraus, und sammelt für Forschungsprojekte.
Ryōkan ist
bis heute wohl derjenige unter den Zen-Mönchen, der den Herzen der
Japaner an nächsten steht. Zunächst mag das beim Betrachten des
heutigen Japan widersprüchlich erscheinen. Ein derartiger Nationalheld
in einer Kultur, die von vielen Japanern selbst als zwanghaft
konformistisch bezeichnet wird? Und dennoch wird Ryōkan in Japan als
"sehr japanisch" und auch als "sehr Zen" bewundert. Er hat keine
Traktate verfasst, formale Schüler gehabt oder Klöster gegründet. Sein
Leben bezeugt weitgehende Freiheit von sozialen und religiösen
Konventionen. Seine Fürsorge für die Umgebung, ob es ein alter Pinsel
ist, den er mit seinem Atem wärmt, oder ein Liebesgedicht an eine neue
Vase, berühren. Seine Gedichte sprechen immer wieder von zutiefst
menschlichen Sorgen und Nöten. Die Werte, die Ryōkan verkörpert -
Einfachheit, Güte, Vertrauen - sind tief im japanischen Kulturgut
verwurzelt. Sie mögen in der Realität genauso häufig oder selten
anzutreffen sein wie anderswo auch, aber es sind Ideale, die das
Selbstbildnis der Japaner entscheidend geprägt haben. Ryōkan
ist in vielem eine Ausnahmeerscheinung. Der Erstgeborene, aus
wohlhabendem Hause stammend, entzog sich schon früh den von ihm
erwarteten Pflichten und verließ seine Familie noch in jungen Jahren,
um Mönch zu werden. Nach dem Tode seines Meisters mit der Nachfolge des
renommierten Soto-Klosters Entsūji betraut, zog er ein raues
Wanderleben vor, bis er sich in einer Waldhütte niederließ. Obschon
Ryōkan lebenslang ein feuriger Verehrer des Begründers seiner
Zen-Schule, Dōgen Zenji, blieb, war seine buddhistische Übung bei
weitem nicht auf reine Zen-Texte beschränkt. So liebte er das
Lotus-Sutra, ein bekannter Text, der im Soto-Zen nicht besonders betont
wird, aber als wichtigste Schrift der Tendai- und Nichiren-Schule gilt.
Er las Konfuzius, Tao und mochte Buddha Amida, der in der Reine
Land-Schule verehrt wird.
Ryōkan tat nichts, um seine eigene
Zen-Linie fortzusetzen. Er nahm zeitlebens keine offiziellen Schüler
an, noch wissen wir von Vorträgen oder Predigten, die er gehalten
hätte, um sein Leben als Bettelmönch zu unterstützen. Er nannte sich
selbst nie einen Lehrer, wurde aber früh von anderen als solcher
anerkannt. Ryōkan scheint es sein Leben lang sorgfältig vermieden zu
haben, über Zen zu sprechen. Anstatt dessen drückte er sich durch
Gedichte aus, die er eigenhändig schrieb und welche bereits zu
Lebzeiten von seiner Umgebung hochgeschätzt wurden. Ryōkan hat
seine Gedichte überwiegend für sich selbst und zu seinem Vergnügen
verfasst, ein größeres Publikum für seine Werke hat er nie gesucht.
Während er lebte, wurde nichts von ihm veröffentlicht. Nach seinem Tode
tauchten Gedichtsammlungen in der Gegend von Echigo auf und gegen Ende
des neunzehnten Jahrhunderts erschienen erste "kanshi" und "waka" in
Druck.
Ryōkans freier Lebensstil bildet einen großem Kontrast
zur klösterlichen Strenge des japanischen Zen. Insbesondere nach dem
Verlassen von Entsūji stand er der Soto Zen-Hierarchie und den
traditionellen Klosterregularien sehr zurückhaltend gegenüber. Dem
Buddhismus und seinem Mönchtum hingegen blieb er lebenslang zutiefst
verpflichtet. Er beklagte sich oft, dass die Lehren Dōgens nicht mehr
richtig verstanden würden. Biographen und vor allem seinen Gedichten
zufolge liebte er Zazen und übte äußerst regelmäßig, auch auf seinen
oft ausgedehnten Reisen, oder wenn er bei Freunden übernachtete.
Der
Berg Kugami wurde für 26 Jahre zu seinem zuhause. Obschon die meisten
seiner Gedichte undatiert sind, beziehen sich viele wörtlich auf die
dortige Umgebung und sind wahrscheinlich hier entstanden. Allerdings
bleibt dies, wie so vieles in seinem Leben, spekulativ. Selbst der
genaue Ort seiner Hütte Gogō-an am Berg Kugami ist unbekannt.
Ryōkan
liebte das Leben in seiner Einsiedelei, pflegte aber auch einen regen
sozialen Austausch. Seine tägliche Routine war wetterabhängig. An
verregneten Tagen oder wenn seine Hütte unter Schnee begraben war,
blieb er drinnen, las buddhistische Texte, die japanischen und
chinesischen Klassiker, meditierte, übte Kalligraphie und schrieb
Gedichte. An klaren Tagen machte er sich zu Tagesanbruch auf
mit seiner Schale und seinem Stab, den steilen Pfad hinunter ins Dorf.
Da er ein Mönch ohne Kloster oder Schüler war, war Betteln die einzige
Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aus seinen Gedichten
wird klar, dass das Betteln für ihn nicht nur eine Notwendigkeit
darstellte, sondern eine Quelle besonderen Stolzes und der Freude war,
welche ihm die Möglichkeit gab, Buddhas Erleuchtung mit anderen zu
teilen. Im Gegensatz zum traditionellen Betteln der Mönche, welche in
einer Prozession durch die Ortschaften ziehen, war Ryōkan stets dazu
bereit, seine Runde für ein Gläschen Reiswein, einen Plausch mit den
Bauern oder ein Spiel mit den Kindern zu unterbrechen.
Oftmals
vergaß er dabei seine kostbare Schale oder andere seiner
Habseligkeiten. Ryōkans chronische Vergesslichkeit, seine Neigung,
selbst die liebsten Gegenstände zu verlieren, waren legendär. Er vergaß
seine geliebte Schale, seinen Stab, seine Gedichtbände, seine Bücher,
seine Kleidung. In zahlreichen Briefen beschreibt er seine Versuche,
diesem Übel Einhalt zu gebieten: auf manches schrieb er "das gehört
mir" oder, auf Anraten seiner Freunde hin, fertigte er eine Liste der
Dinge an, die er immer bei sich trug - wie Schale, Geld und Spielball,
um die gesamte Liste sofort liegen zu lassen. Sie kann noch heute im
Hause seines Freundes Suzuki Bundai betrachtet werden.
Ryōkans
Verhältnis zu seiner Umgebung war nicht nur auf Betteln beschränkt.
Unbenommen seiner hohen religiösen und künstlerischen Bildung verspürte
er eine tiefe Zuneigung zu den einfachen Menschen seiner Umgebung und
sie scheinen ihn, wo immer er auch hinkam, herzlich willkommen geheißen
zu haben. Als fester Bestandteil des Lebens einer Dorfgemeinde konnte
man Ryōkan bei Dorffesten tanzend finden oder wie er in Schänken mit
den Bauern zusammensaß, erzählte, Pfeife rauchte, spielte und trank. Er
pflegte einen weiten Freundeskreis: einfache Bauern, Amateurliteraten,
Ryōkans Bruder Yoshiyuki, chinesische Gelehrte wie Suzuki Bundai und
dessen Bruder Ryūzō, die Reisweinbauern Abe Sadayoshi und Yamada Tokō,
viele Ärzte und Händler. Er besuchte sie oft und freute sich auf deren
Besuch in seiner Hütte.
Trotz dieser Annehmlichkeiten war das
Leben auf dem Berge Kugami äußerst beschwerlich. Wasser und Holz
mussten auf den verschlungenen Pfaden herangeschafft werden, im Winter
war Ryōkan oft wochenlang eingeschneit. Von Almosen abhängig, war er
ständig, wie auch seine Dorfbewohner, von Hungersnöten bedroht.
Zeitgenossen
beschreiben ihn als "dünn wie eine Sardine im Frühling", die Haut vom
Leben in der Natur pechschwarz, was ihm den Beinamen "Rabe" eintrug.
Die meisten seiner etwa zweihundert noch erhaltenen Briefe sind
Dankes-, oder Bittbriefe an Freunde, die ihn auf vielfältige Weise mit
Nahrung, Kleidung, Möbeln und manchmal auch etwas Geld unterstützten.
Als vielbegehrter Kalligraph und bereits zu Lebzeiten renommierter
Dichter war Ryōkan in ständiger Materialenge. Sein Freund und Biograph
Bundai erinnert sich an Besuche in Ryōkans Hütte, wo er an dem kleinen
Tisch mehrere völlig abgenützte Pinsel findet und Stapel von Papier,
das so dicht beschrieben war, dass es fast ganz schwarz wirkte.
Ryōkans
Liebe zu Kindern ist legendär. Einmal befragt, wieso er so gerne mit
ihnen spiele, soll er geantwortet haben: "Ich mag ihre Aufrichtigkeit.
Wenn die Kinder glücklich sind, dann bin ich auch glücklich, alle sind
glücklich. Es gibt kein besseres Glück als dieses!". Wo immer Ryōkan
hinkam, war er sofort von Kindern umgeben. Sie schwärmten um ihn herum,
fassten ihn am Ärmel und forderten ihn auf, mit ihnen zu spielen.
Manchmal verbrachte er den ganzen Tag damit und vergaß dabei seine
Bettelrunde. Manchmal wurde er auch ihrer überdrüssig, dann stellte er
sich tot, und wenn sie von ihm abließen, stand er auf und ging einfach
weg. Noch heute wachsen japanische Kinder mit zahllosen Anekdoten um
Ryōkan auf. Die Spiele, die er mit ihnen spielte, gibt es immer noch.
Im
Alter von 69 Jahren lernte Ryōkan die buddhistische Nonne Teishin
kennen. Ihre Liebe ließ Ryōkan aufleben. Die Liebesgedichte der beiden
gehören mit zu den schönsten der Weltliteratur. Die Freundschaft beider
überstrahlte Ryōkans letzte Jahre, die von zunehmenden körperlichen
Gebrechen gezeichnet waren. Teishin ist es zu verdanken, dass ein
großer Teil von Ryōkans Gedichten erhalten sind, bis zu ihrem Tode
wurde sie nicht müde, sein Lebenswerk zu sammeln und herauszugeben.
Was
kann uns Ryōkan heute sagen, die wir mit gut gefüllten Kühlschränken
leben, warme Kleidung im Überfluss, das Gewünschte nur einen Mausklick
entfernt? Was können wir lernen von einem asiatischen Außenseiter im
vorletzten Jahrhundert, von einem Priester in einer Religion, in die
wir nicht geboren wurden, von einem Menschen, der sich seinen
gesellschaftlichen Strukturen weitgehend entzog? Das kann nur jeder
für sich selbst herausfinden, ein Blick auf seine Gedichte ist hierbei
ein guter Anfang. Eigenschaften Ryōkans, die bis heute viele Menschen
ansprechen, sind zum Beispiel:
Einfachheit. "Ein
einfaches Leben führen" wird in den letzten Schriften von Shakyamuni
Buddha und Dōgen Zenji als Vorraussetzung für Glück und Zufriedenheit
genannt. Dazu müssen wir heute nicht unbedingt in einer Grashütte im
Wald wohnen. Unser Leben zu vereinfachen und immer weiter zu
vereinfachen, unsere Prioritäten neu zu setzen und uns danach
auszurichten - darin kann Ryōkan ein gutes Beispiel sein.
Kreativität. Ryōkan
war Künstler. Kreativität ist ein ganz wichtiger Ausdruck unseres
Menschseins, unserer Spiritualität. Gerade wir hier im Westen, die
wir so stark im Kopf verhaftet sind, können viel davon lernen. Einsamkeit. Phasen
der Einsamkeit und des Rückzugs sind für Menschen, die sich auf einem
spirituellen Weg befinden, von ganz entscheidender Bedeutung. Es
braucht eine reife Persönlichkeit, um mit dem Alleinesein, mit sich
selbst umgehen zu können. Für unseren gemeinsamen Weg ist ein
Erwachsenwerden auf diesem Gebiet, auf dem wir alle uns meist besonders
unsicher fühlen, lebenswichtig. An vielen seiner diesbezüglichen
Schwierigkeiten und Freuden, an seinen Wintertagen und Sommerabenden,
hat uns Ryōkan teilhaben lassen und wir können uns immer wieder hierin
an ihn wenden.
Ausgeglichenheit. Ryōkan war viel
alleine, und hat darunter auch immer wieder sehr gelitten, ein
Einsiedler im klassischen Sinne war er aber nicht. Er traf sich gerne
mit Freunden, trank auch mal ein Gläschen, spielte mit den Kindern oder
mit seinen Bekannten. Sein Leben lang scheint er, so gut es ihm möglich
war, um einen Ausgleich zwischen Einsamkeit und Geselligkeit bemüht
gewesen zu sein.
Lebensfreude und Humor. Viele
seiner Gedichte sprechen von großer Freude und Bewunderung für die
Natur, für die einfachen Gegenstände, die ihn umgaben. Viele der
Anekdoten um ihn sind ausgesprochen lustig und wenngleich sie nicht
ganz wahrheitsgetreu sein mögen, so liefern sie doch ein gutes Bild für
Ryōkans Fähigkeit, sich selbst und andere leicht zu nehmen.
Hingabe und Entschlossenheit. Ryōkan
war mit Leib und Seele Zen-Mönch. Er liebte Zazen, Meister Dōgen,
buddhistische Schriften und war stolz, Priester zu sein. Sein
Lebensstil war für ihn hierfür der beste Ausdruck. Allen Widrigkeiten
zum Trotze zweifelte er nie an seiner Lebensentscheidung.
© Wind & Wolken Sangha, 2007
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