Sansui-kyō - Das Sutra der Berge und Wasser - Berge und Wasser der Gegenwart sind die Verwirklichung der Worte der alten Buddhas. Jede für sich, an ihrem eigenen Platze im Dharma, entfalten vollkommen all ihre Möglichkeiten. Weil Berge und Wasser schon vor dem Zeitalter der Leere wirkten, sind sie in diesem Augenblick lebendig. Weil sie vor dem Erscheinen von Form bereits das Selbst gewesen sind, verkörpern sie verwirklichte Befreiung. Weil Berge so weit sind und so hoch, wird ihr Weg des Wolkenreitens stets von dort aus verbreitet; die wundersame Kraft, in die Lüfte emporzuschnellen, kommt befreiend von den Bergen1. Der Priester Daokai vom Berge Furong sprach zu der Versammlung: „Die grünen Berge bewegen sich ständig; eine Steinfrau gebiert nachts ein Kind.“ Den Bergen fehlen keine Eigenschaften der Berge. Daher verweilen sie stets in Gelassenheit und bewegen sich ständig. Wir müssen uns einem ganz genauen Studium der Tugend dieser Bewegung widmen. Die Bewegung der Berge ist genau so wie die der Menschen2. Zweifle daher nicht an der Bewegung der Berge, selbst wenn sie anders aussehen mag als die von Menschen. Die Worte des Buddha-Ahnen deuten auf Bewegung hin. Dies ist grundlegendes Verstehen. Durchdringe diese Worte. Weil die grünen Berge sich bewegen, sind sie von Dauer. Obschon sie sich viel hurtiger bewegen als der Wind, jemand in den Bergen wird es weder bemerken noch verstehen. „In den Bergen“ bedeutet das Erblühen der gesamten Welt. Die Menschen außerhalb der Berge bemerken weder die Bewegung der Berge noch begreifen sie diese. Diejenigen, die keine Augen haben, um Berge zu sehen, können diese Wirklichkeit nicht bemerken, nicht verstehen, nicht sehen oder hören. Wenn Du daran zweifelst, dass die Berge sich bewegen, so kennst Du nicht Dein eigenes Gehen; es ist nicht, dass Du nicht gehen würdest, sondern Du kennst Dein eigenes Gehen weder noch verstehst Du es. Da Du Dein eigenes Gehen kennst, solltest Du voll und ganz die Bewegung der grünen Berge verstehen. Grüne Berge sind weder fühlend noch nicht fühlend. Du bist ganz gewiss weder fühlend noch nicht fühlend. Es ist unmöglich, die Bewegung der grünen Berge im jetzigen Augenblick zu bezweifeln. Du magst nicht wissen, dass Du die blauen Berge auf der Grundlage zahlreicher Dharma-Welten studieren musst. Untersuche die Bewegung der grünen Berge und Deine eigene ganz genau. Untersuche ebenso die Tatsache, dass das Gehen zurück und das Gehen nach vorne3 seit dem Augenblick vor dem Form erschien, seit dem Zeitalter der Leere4, nie aufgehört hat. Wenn das Gehen jemals aufgehört hätte, wären die Buddha-Ahnen nicht erschienen. Wenn das Gehen endet, kann der Buddha-Dharma die Gegenwart nicht erreichen. Vorwärtsgehen hört nie auf, Rückwärtsgehen hört nie auf. Das Gehen nach vorne behindert nicht das Gehen zurück. Das Gehen zurück behindert nicht das Gehen nach vorne. Dies wird der Fluss der Berge und die fließenden Berge genannt. Grüne Berge üben das Gehen durch und durch und östliche Berge üben das Gehen auf Wasser durch und durch. Daher sind diese Tätigkeiten die Übung der Berge. Seine eigene Gestalt behaltend, ohne Körper und Geist zu verändern, übt ein jeder Berg stets an jedem Ort. Beleidige die Berge nicht, indem Du sagst, dass ein grüner Berg nicht gehen kann und ein östlicher Berg nicht auf dem Wasser gehen kann. Wenn Deine Sichtweise oberflächlich ist, dann bezweifelst Du den Satz: „Die grünen Berge bewegen sich“. Wenn Du unerfahren bist und wenig weißt, dann bist Du überrascht durch die Worte von den „fließenden Bergen“. Ohne selbst die Worte „fließendes Wasser“ vollständig zu verstehen, ertrinkst Du in kleinen Sichtweisen und engem Verstehen. Daher stehen ihr Name und ihre Form5 für die angehäuften Tugenden der Berge, sie sind ihre Lebensader6. Da ist Gehen, da ist Fließen, und da ist der Augenblick, an dem ein Berg eines Berges Kind gebiert. Da Berge Buddha-Ahnen sind, erscheinen die Buddha-Ahnen auf diese Weise. Selbst wenn Du ein Auge hast, um Berge zu sehen als Gräser, Bäume, Erde, Steine, oder Wände, so bezweifle dies nicht und sei nicht weiter darob bewegt; dies ist nicht vollkommenes Erkennen. Selbst wenn es einen Moment geben mag, zu dem Du die Berge als der sieben Schätze7 Reichtum siehst, dies ist nicht zum Ursprung zurückkehren. Selbst wenn Du Berge verstehst als das Gebiet, in dem alle Buddhas üben, ist dies nicht etwas, an dem Du hängen solltest. Selbst wenn Du das höchste Verstehen von Bäumen als Inbegriff der wundersamen Eigenschaften aller Buddhas haben solltest, die Wahrheit ist nicht nur dies. Jede dieser Sichtweisen geht einher mit einer jeweiligen Situation und deren spezieller Welt. Dies entspricht nicht dem Verständnis der Buddha-Ahnen, sondern es ist lediglich so, wie durch ein Bambusrohr ein Himmelsloch anschauen. Der große Heilige rügt es sehr, wenn Du Deine Umstände und Dein Wesen hin und her wendest8. Geist und Wesensnatur zu erklären ist mit den Buddha-Ahnen nicht vereinbar. Den Geist zu sehen und seine eigene Natur zu sehen ist das Geschäft von Menschen außerhalb des Weges. Sich auf Worte und Sätze zu beschränken ist nicht die Sprache der Befreiung. Da ist etwas, das frei ist von all jenen Sichtweisen. Das ist: „Grüne Berge sind ständig in Bewegung“, und „Östliche Berge gehen auf dem Wasser“. Untersuche dies ganz genau. „Eine Steinfrau gebiert nachts ein Kind“, bedeutet, dass der Moment, zu dem eine unfruchtbare Frau ein Kind gebiert, Nacht genannt wird. Es gibt männliche, weibliche und nicht-männliche nicht-weibliche Steine9, welche die Lücken im Himmel und auf der Erde ausfüllen. Wenn sie sich im Himmel oder auf der Erde befinden, werden sie himmlische und irdische Steine genannt. Obschon darüber im Alltag gesprochen wird, ist es etwas, wovon die wenigsten wissen. Verstehe die Bedeutung von "ein Kind gebären". In dem Moment, in dem ein Kind geboren wird, ist die Mutter getrennt vom Kinde? Untersuche nicht nur, dass Du zur Mutter wirst, wenn Dein Kind geboren wird, sondern ebenso, dass Du zum Kinde wirst. Dies stellt die Verwirklichung der Geburt eines Kindes in Übung-Erkenntnis dar. Studiere und untersuche dies gründlich. Yunmen, Großer Meister Kuangzhen, sagte: „Östliche Berge gehen auf dem Wasser“10. Die Bedeutung dieser Worte ist, dass alle Berge Östliche Berge sind und alle Östlichen Berge auf Wasser gehen. Daher erscheinen die Neun Berge11, der Berg Sumeru und andere Berge vollkommen und haben Übung-Erkenntnis. Diese werden die „Östlichen Berge“ genannt. Jedoch, konnte Yunmen Haut, Fleisch, Knochen und Mark der Östlichen Berge und ihre lebendige Übung-Erkenntnis durchdringen? Nun, im China des großen Königreiches der Song gibt es sorglose Gesellen, welche Gruppen bilden; sie können nicht durch die wenigen wahren Meister zurechtgewiesen werden. Sie sagen Dinge wie: „Die Östlichen Berge gehen auf Wasser“, oder Nanquans Geschichte von der Sichel12 sei mit dem Verstande nicht zu erfassen; was sie meinen ist, dass jedwede Worte, welche mit Nachdenken zu tun haben, nicht die Worte der Zen Buddha-Ahnen sind und dass einzig und allein unsinnige Geschichten der Buddha-Ahnen Ausdruck seien. Auf diese Weise betrachten sie Hungbos Gebrauch des Stocks und Linjis Schrei - da sie schwer mit dem Verstande zu erfassen sind - als Worte der großen Erleuchtung, welche dem Erscheinen von Form vorangehen. Sie sagen: „Die alten Meister haben oft Sätze, welche Verstrickungen lösen, als hervorragende Lehrmethoden verwandt, da sie nicht vom Verstande zu erfassen sind“. Diejenigen, die so sprechen, haben noch nie einen wahren Meister zu Gesicht bekommen und sie haben kein Auge des Verstehens. Sie sind unreife, törichte Kerle, nicht einmal des Betrachtens wert. In diesen zwei oder dreihundert Jahren hat es in China viele derartiger Teufelskerle und jene gegeben, die sich wie die Horde der sechs glatzköpfigen Schurken13 aufführen. Wie bedauerlich! Die große Strasse der Buddha-Ahnen zerfällt. Menschen, die derartige Sichtweisen aufrechterhalten sind noch nicht einmal so gut wie die Shravakas der Kleinen Wägen14 und sind törichter noch als jene außerhalb des Weges. Sie sind weder Laien noch Mönche, weder Menschen noch himmlische Wesen. Sie sind dümmer noch als Tiere, die den Buddha-Weg erlernen. Die sinnlosen Geschichten, welche von solch glatzköpfigen Gesellen erwähnt werden, sind nur unlogisch für sie, nicht jedoch für Buddha-Ahnen. Obschon sie diese nicht verstehen, so sollten sie den Pfad des Verstehens der Buddha-Ahnen nicht vernachlässigen. Selbst wenn es am Ende jenseits des Verstehens ist, so ist ihr gegenwärtiges Verstehen doch weit jenseits von Gut und Böse. Ich persönlich habe viele derartige Menschen im Königreich der Song in China gesehen und gehört. Wie erbärmlich, dass sie nicht um der Worte des logischen Denkens oder um das Durchdringen von logischem Denken mittels von Worten wissen! Als ich ob ihrer in China lachte, hatten sie keine Antwort und blieben still. Ihre Vorstellung von unsinnigen Worten ist nur eine verfehlte Sichtweise. Selbst wenn es keinen Lehrer gibt, um ihnen die ursprüngliche Wahrheit zu zeigen, ihr Glaube an plötzliche Erleuchtung ist eine Sichtweise außerhalb des Weges. Wisse: „Östliche Berge gehen auf Wasser“ sind Mark und Bein der Buddha-Ahnen. Alle Wasser erscheinen am Fuße der östlichen Berge. Daher reiten alle Berge auf Wolken und wandern durch den Himmel. Alle Berge sind Wasserkronen und indem sie hinauf- oder hinabsteigen ist ihre Wanderung „auf dem Wasser“. Die Zehenspitzen aller Berge durchkreuzen die Gewässer und bringen sie zum Tanzen. Daher gibt es im Gehen sieben vertikale und acht horizontale Pfade. Dies ist Übung-Erkenntnis. Wasser ist weder stark noch schwach, weder nass noch trocken, weder bewegt noch unbewegt, weder heiß noch kühl, weder vorhanden noch nicht vorhanden, weder verblendet noch erleuchtet. Verfestigt ist Wasser härter als Diamant. Wer kann es brechen? Wenn Wasser schmilzt, ist es weicher als Milch. Wer kann es zerstören? Zweifle nicht daran, dass dies Eigenschaften von Wasser sind. Denke über den Moment nach, an dem Du das Wasser der zehn Richtungen als das Wasser der zehn Richtungen erkennst. Dies bedeutet nicht, nur den Augenblick zu untersuchen, zu dem Menschen und himmlische Wesen Wasser sehen; dies bedeutet, den Moment zu untersuchen, an dem Wasser Wasser sieht. Da Wasser sich als Wasser übt und erkennt, drückt sich Wasser als solches aus. Verwirkliche den Weg, auf dem das Selbst dem Selbst begegnet. Geh nach vorne und zurück, herausspringend jenseits des Lebenspfades, auf dem andere einander durchdringen. Nicht alle sehen Berge und Flüsse auf gleiche Weise15. Manche sehen, was wir „Wasser“ nennen als funkelnde Halskette, aber sie betrachten eine funkelnde Halskette nicht als Wasser. Wie, als welche Form, würden wir das betrachten, was sie als Wasser erachten? Wir sehen ihre funkelnden Halsketten als Wasser an. Manche betrachten Wasser als wundersame Blüten, aber sie benutzen Blüten nicht als wären sie Wasser. Hungrige Geister betrachten Wasser als wütendes Feuer oder Eiter und Blut. Drachen und Fische betrachten Wasser als Palast oder als Pavillon. Manche betrachten Wasser als die sieben Schätze oder als einen Wünsche erfüllenden Edelstein. Manche sehen Wasser als Wald an oder als eine Wand. Manche betrachten es als die Dharma-Natur der reinen Befreiung, den wahren menschlichen Körper oder als die körperliche Form und die reine Natur des Geistes. Die Menschen sehen Wasser als Wasser. Wasser wird je nach den Umständen und Gründen des Betrachters als tot oder lebendig angesehen. Daher haben nicht alle die gleiche Sichtweise. Du solltest dies jetzt in Frage stellen. Gibt es viele Arten, auf die man ein Ding betrachten kann oder ist es ein Fehler, viele Formen als ein Ding zu betrachten? Verfolge dies jenseits der Grenzen des Verfolgbaren. Daher sind Unternehmungen in der Übung-Erkenntnis des Weges nicht beschränkt auf ein oder zwei Seiten. Der letztendliche Bereich hat eintausend Weisen und zehntausend Wege. Wenn wir über den entscheidenden Ansatz dieser Lehre weiter nachdenken, so scheint es, als ob es Wasser für verschiedene Wesen gäbe, aber dass es kein ursprüngliches Wasser gibt - da ist kein Wasser, dass allen Lebewesen gemein ist. Das Wasser für diese verschiedenen Wesen hängt nicht von Körper oder Geist ab, es entsteht nicht aus Karma, ist nicht abhängig von dem Selbst oder von anderen. Die Freiheit des Wassers hängt nur vom Wasser ab. Daher ist Wasser nicht Erde, Wasser, Feuer, Wind, Raum oder Bewusstsein. Wasser ist nicht blau, gelb, rot, weiß oder schwarz. Wasser ist nicht Form, Klang, Geruch, Geschmack, Berührbares oder Geistesobjekt. Nichts desto trotz: Wasser erscheint als Erde, Wasser, Feuer, Wind, Raum und dergleichen und verwirklicht sich spontan. Da dem so ist, fällt es schwer zu sagen, wer dieses gegenwärtige Land und diesen Palast geschaffen hat oder wie diese Dinge erschaffen wurden. Zu sagen, dass die Welt auf dem Rad des Raumes oder dem Rad des Windes ruht, ist eine Unwahrheit gegenüber uns selbst und anderen. Eine solche Aussage beruht lediglich auf einer kleinen Sichtweise voller Vermutungen. Die Menschen sprechen so, weil sie denken, dass es den Dingen unmöglich sei, irgendwo zu verweilen, ohne einen Ort der Ruhe und der Verbundenheit zu haben. Der Buddha sprach: „Alle Dinge, schlussendlich befreit, haben keinen Ort, an dem sie dauerhaft verweilen16.“ Wisse, dass obschon alle Dinge schlussendlich befreit und an nichts gebunden sind, so verweilen sie doch in dem ihnen eigenen Zustand. Jedoch betrachten die meisten Menschen Wasser als etwas, das fortwährend fließt. Dies ist eine begrenzte menschliche Sichtweise; tatsächlich kann dieser Fluss ganz viele Formen annehmen. Wasser fließt durch die Erde, im Himmel, es fließt aufwärts und es fließt abwärts. Wasser fließt um eine einzige Kurve oder in tiefe Abgründe. Wenn es aufsteigt, so wird es Wolke. Wenn es niederfällt, so bildet es Seen. Wenzi sprach: „Es ist der Weg des Wassers, zum Himmel aufzusteigen, Regen und Tau zu bilden und auf die Erde zu hinabzufallen und Ströme und Flüsse zu bilden17“. Selbst eine weltliche Person kann derartiges von sich geben. Ihr, die ihr Euch Abkömmlinge der Buddha-Ahnen nennt, solltet Euch schämen, unwissender zu sein als ein gewöhnlicher Mensch. Der Weg des Wassers wird vom Wasser selbst nicht bemerkt, sondern vom Wasser verwirklicht. Er ist nicht unbemerkt vom Wasser, sondern wird vom Wasser verwirklicht. Wenn es zum Himmel aufsteigt, wird es zu Regen und Tau, bedeutet, dass Wasser zum Himmel aufsteigt und Regen und Tau bildet. Je nach Welt sind Regen und Tau verschieden. Zu sagen, dass es Orte gibt, an die das Wasser nicht reicht, ist die Lehre der Shravakas der Kleinen Wagen oder die irregeführte Lehre von jenen außerhalb des Weges. Wasser reicht bis in die Flammen, bis in unser Denken und Handeln, bis in unsere Vorstellungen hinein. Wasser reicht auch bis in das Erkennen der Buddha-Natur hinein. „Wenn es hinabfällt, bildet es Flüsse und Ströme“ bedeutet, dass Wasser zu Flüssen wird, wenn es den Boden berührt. Der Kern der Flüsse und Ströme wird zu einem weisen Menschen. Gewöhnliche und mittelmäßige Menschen denken heutzutage, dass Wasser stets in Flüssen, Strömen und Ozeanen sei, aber dem ist nicht so. Es gibt Flüsse und Ozeane inmitten des Wassers. Daher, selbst wenn es keinen Fluss oder Ozean gibt, so gibt es Wasser. Es ist nur, dass Wasser, wenn es zu Boden fällt, sich als Fluss und Ozean verhält. Auch solltest Du nicht denken, dass es dort, wo Wasser Ströme und Flüsse bildet, es keine Welt und kein Buddha-Land18 gibt. Zahllose Buddha-Lande erscheinen selbst in einem einzigen Wassertropfen. Daher ist es nicht so, dass da nur Wasser im Buddha-Land sei oder ein Buddha-Land im Wasser. Wo Wasser ist, das hat nichts mit den drei Zeiten Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft oder den Dharma-Welten zu tun. Und dennoch ist Wasser die Verwirklichung des Wesentlichen. Wohin die Buddha-Ahnen auch reichen, Wasser kommt immer auch dorthin. Wohin auch immer Wasser reicht, versäumen die Buddha-Ahnen nie, ebenfalls gegenwärtig zu sein. Daher nehmen die Buddha-Ahnen Wasser immer auf, machen es zu ihrem Körper und Geist, ihren Gedanken. Daher werden die Worte „Wasser fließt nicht stromaufwärts“ weder in buddhistischen noch in nicht-buddhistischen Schriften gefunden. Der Weg des Wassers fließt stromaufwärts, abwärts, horizontal und vertikal. Dennoch heißt es in einem buddhistischen Sutra: „Feuer und Luft strömen aufwärts, Erde und Wasser strömen abwärts“19. Dieses aufwärts und abwärts verlangt der Untersuchung. Untersuche dies vom Standpunkt des Buddha-Weges aus. Obschon Du das Wort abwärts benutzt, um zu beschreiben, in welche Richtung Erde und Wasser sich bewegen, so gehen Erde und Wasser tatsächlich jedoch nicht abwärts. Ebenso wird die Richtung, in die sich Feuer und Luft bewegen, aufwärts genannt. Diese Dharma-Welten werden nicht durch auf, ab oder die vier Richtungen begrenzt. Sie werden vorläufig gemäß der Richtungen geschaffen, in die sich die vier, fünf20 oder sechs21 großen Elemente bewegen. Der Himmel-Ohne-Gedanken22 sollte nicht als oben und die Avīchi-Hölle nicht als unten bezeichnet werden. Die Avīchi-Hölle23 ist die gesamte Dharma-Welt; der Himmel-Ohne-Gedanken ist die gesamte Dharma-Welt. Jedoch, wenn Drachen und Fische Wasser als Palast sehen, so mag es so sein, wie wenn die Menschen einen Palast sehen. Sie mögen nicht denken, dass er fließt. Wenn ein Außenstehender ihnen erzählt: „Was Du als Palast betrachtest, ist fließendes Wasser“, so mögen die Drachen und Fische verwundert sein, genauso wie wir, wenn wir die Worte hören: die Berge fließen. Dennoch mag es einige Drachen und Fische geben, die verstehen, dass die Geländer, die Treppen und Säulen der Paläste und Pavillons fließendes Wasser sind. Überlege dies und denke still darüber nach. Wenn Du nicht lernst, Deine oberflächlichen Sichtweisen zu durchdringen, wirst Du vom Körper und Geist einer gewöhnlichen Person nicht frei sein. Dann wirst Du das Land der Buddha-Ahnen oder selbst das Land oder den Palast der gewöhnlichen Menschen nicht vollkommen erfahren. Obschon wir sagen können, dass die Menschen heutzutage wissen, dass das, was sich im Ozean oder in den Flüssen befindet, Wasser ist, so wissen sie doch noch nicht, was Drachen, Fische und dergleichen als solches wahrnehmen und gebrauchen. Sei nicht so töricht zu denken, dass das, was wir als Wasser betrachten als solches von allen Wesen benutzt wird. Ihr, die ihr mit Buddha studiert, solltet Euch nicht auf menschliche Sichtweisen beschränken, wenn ihr Wasser seht. Geht weiter und studiert das Wasser des Buddha-Weges. Untersucht, wie ihr das Wasser seht, welches von den Buddha-Ahnen gebraucht wurde. Untersucht, ob es in dem Haus der Buddha-Ahnen Wasser gibt oder nicht. Von der grenzenlosen Vergangenheit bis zur grenzenlosen Gegenwart hin waren Berge ein Aufenthaltsort der großen Weisen. Weise Menschen und Heilige haben alle Berge zu ihrem innersten Raume gemacht, zu ihren Körper und Geist. Auf Grund der weisen Menschen und der Heiligen werden die Berge verwirklicht. Du magst denken, dass in den Bergen viele weise Menschen und große Heilige zusammenkommen. Aber nachdem Du in die Berge gelangt bist, begegnet kein einziger Mensch dem anderen. Es gibt nur die lebendige Handlung der Berge. Es verbleibt keinerlei Spur von jemandem, der in die Berge gelangt ist. Wenn Du die Berge von der Alltagswelt aus betrachtest und wenn Du den Bergen begegnest, während Du in ihnen verweilst, so werden Scheitelpunkt und Auge der Berge sehr verschieden betrachtet. Deine Vorstellung und Deine Sichtweise von den nicht fließenden Bergen ist nicht die gleiche wie die der Drachen oder der Fische. Menschliche und himmlische Wesen haben im Bezug auf ihre eigenen Welten einen Standpunkt erreicht, welche andere Wesen entweder bezweifeln oder vielleicht nicht die Fähigkeit haben zu bezweifeln. Verharre nicht in Verwirrung oder in Zweifel, wenn Du die Worte vernimmst: „Berge fließen“; sondern untersuche diese Worte gemeinsam mit den Buddha-Ahnen. Wenn Du es auf die eine Weise betrachtest, so fließen die Berge, wenn Du es auf eine andere Weise betrachtest, so fließen die Berge nicht. Einmal fließen die Berge, ein andermal fließen sie nicht. Wenn Du dies nicht völlig begreifst, so verstehst Du das wahre Dharma-Rad des Tathagatas nicht. Ein alter Buddha sprach: „Wenn Du Dir nicht das Karma der endlosen Hölle aufladen möchtest, so beleidige das wahre Dharma-Rad des Tathagatas24 nicht“. Kerbe diese Worte tief in Deine Haut ein, in Fleisch, Knochen und Mark; auf Deinen Körper, Geist und Umgebung; auf Formloses und auf Form. Sie sind bereits eingeritzt auf Bäumen und Steinen, auf Feldern und Dörfern. Obschon die Berge dem ganzen Land gehören, so gehören Berge doch den Menschen, die sie lieben. Wenn Berge ihre Meister lieben, dann betritt solch ein tugendhafter Heiliger oder solch ein weiser Mensch die Berge. Da Berge den Heiligen und den weisen Menschen gehören, welche in ihnen leben, entstehen überreichlich Bäume und Steine. Vögel und Tiere werden zu ihrer ganzen Entfaltung angeregt. Dies ist so, weil die Heiligen und weisen Menschen ihre Tugenden auf sie ausdehnen. Wir sollten wissen - Berge mögen weise Menschen und Heilige. Die Mächtigen haben die Berge besucht, um den weisen Menschen ihre Referenz zu erweisen oder um die großen Heiligen um ihren Rat zu bitten. Derer gibt es viele gute Beispiele aus der Vergangenheit und Gegenwart. Zu solchen Zeiten haben die Mächtigen die Heiligen als Lehrer behandelt, in Missachtung des gesellschaftlichen Protokolls. Über die weisen Menschen in den Bergen hat die kaiserliche Macht keine Hoheit. Berge sind weit entfernt von der menschlichen Welt. Zu der Zeit, als der Gelbe Kaiser den Berg Kongdong besuchte, um Guangcheng seine Reverenz zu erweisen, ging er auf seinen Knien, berührte mit seiner Stirne den Boden und bat um Unterweisung25. Als Shakyamni Buddha den väterlichen Palast verließ und in die Berge ging, so zürnte sein Vater, der König, weder den Bergen noch hegte er jenen gegenüber Misstrauen, die den Prinzen in den Bergen unterrichteten. Die zwölf Jahre der Übung des Weges verbrachte Shakyamuni Buddha zumeist in den Bergen, sein Eröffnen des Weges geschah ebenso in den Bergen. Mehr noch: nicht einmal sein Vater, ein das Rad drehender König, gebietet über die Berge. Wisse, dass Berge weder im Bereich von Menschen noch im Bereich von himmlischen Wesen liegen. Du kannst sie nicht mit den Vorgaben menschlicher Gedanken bemessen. Wenn Du das Fliessen der Berge nicht mit dem menschlichen Verständnis des Fliessens bemisst, dann wirst Du das Fliessen der Berge und das Nicht-Fliessen der Berge nicht bezweifeln. Auf der anderen Seite haben von alters her weise Menschen und Heilige oft am Wasser gelebt. Wenn sie auf dem Wasser leben, dann fangen sie Fische, fangen sie menschliche Wesen, fangen sie den Weg. Dies waren alles traditionelle Wege auf dem Wasser, Wind und Strom folgend. Darüberhinaus gibt es das Fischen des Selbst; es gibt jene, die das Fischen fischen; es gibt jene, welche vom Fischen gefischt werden und solche, die vom Weg gefischt werden. Der Priester Decheng verlies plötzlich den Berg Yao und lebte auf dem Fluß26. Dort brachte er einen Nachfolger hervor, den weisen Heiligen von Fluß Huating. Ist dies nicht einen Fisch fangen, einen Menschen fangen, Wasser fangen oder das Selbst fangen? Der Schüler, der Decheng sieht, ist Decheng. Das Anleiten der Schüler Dechengs ist die Begegnung mit einer wahren Person. Dechengs Anweisungen an seine Schüler ist seine Begegnung mit einem [wahren] Menschen. Es ist nicht nur, dass es Wasser auf der Welt gibt, sondern es gibt auch eine Welt im Wasser. Nicht nur im Wasser verhält es sich so. Es gibt eine Welt der fühlenden Wesen in den Wolken. Es gibt eine Welt der fühlenden Wesen in der Luft. Es gibt eine Welt der fühlenden Wesen im Feuer. Es gibt eine Welt der fühlenden Wesen auf der Erde. Es gibt eine Welt der fühlenden Wesen in der Welt der Erscheinungen. Es gibt eine Welt der fühlenden Wesen in einem einzigen Grashalm27. Es gibt eine Welt der fühlenden Wesen in einem Stab28. Wo auch immer es eine Welt an fühlenden Wesen gibt, gibt es eine Welt an Buddha-Ahnen. Untersuche diese Bedeutung gründlich. Auf diese Weise ist Wasser der wahre Palast des Drachens29. Es ist nicht nur das Abwärtsfließen. Wasser als nur fließend zu betrachten ist die Beleidigung des Wassers mit dem Wort fließen. Dies wäre dasselbe als darauf zu bestehen, dass Wasser nicht fließt. Wasser ist einfach nur das wahre Sosein30 des Wassers. Wasser ist des Wassers vollkommene Eigenschaft; es ist nicht fließen. Wenn Du das Fliessen und das Nicht-Fliessen von einer Handvoll Wasser untersuchst, so wird die durch und durch gehende Erfahrung aller zehntausend Dharmas sofort verwirklicht. Es gibt Berge, welche in Schätzen verborgen sind. Es gibt Berge, welche in Sümpfen verborgen sind. Es gibt Berge, welche im Himmel verborgen sind. Es gibt Berge, welche in den Bergen verborgen sind. Es gibt Berge, welche im Verborgensein verborgen sind. So üben wir. Ein alter Buddha sprach: “Berge sind Berge, Wasser sind Wasser.“ Diese Worte bedeuten nicht, dass Berge Berge sind; sie bedeuten, Berge sind Berge. Daher solltest Du diese Berge gründlich erforschen. Wenn Du die Berge gründlich untersuchst, so wird dies zur Bemühung inmitten der Berge. Derartige Berge und Wasser werden von sich aus zu weisen Menschen und Heiligen. Vortrag an die Gemeinde des Kannondori Kosho Horin Klosters zur Stunde der Ratte [Mitternacht], am achtzehnten Tage im zehnten Monat im ersten Jahr der Ninji Periode [1240]. 1 „Wolkenreiten“ und „Aufsteigen in die Lüfte“ steht hier für einen Zustand der Freiheit in Meditation 2 im Zustand der Einheit sind Berge und Menschen nicht getrennt voneinander 3 taiho hotai. Dōgen dreht hier die Schriftzeichen um und bricht so mit ihrem herkömmlichen Gebrauch. Für ihn bedeutet „Gehen zurück“ für gewöhnlich das innere Voranschreiten, oder die Freiheit von Angestrebtem. 4 die vier Stadien in einem Weltzyklus sind Erscheinen, Verweilen, Vergehen und Leere. Der Buddha, welcher in den Leeren Eonen erscheint, wird König der Leere genannt, als Symbol für das ursprüngliche Antlitz 5 gyōmyō, wörtlich: Formen und Namen 6 myōmyaku, gleichbedeutend mit kechimyaku, der fortwährenden Übertragung des Dharmas durch alle Buddha Ahnen. 7 shippō, Gold, Silber, Lapislazuli, Mondstein, Achat, Koralle, Bernstein. Die Liste ist in Abhängigket des jeweiligen Sutras unterschiedlich 8 dieser Ausdruck meint für gewöhnlich die Freiheit der Bindungen an Geist und Objekt, aber hier wird die Dualität von Objekt und Geist suggeriert, in der keine vollkommene Freiheit vorhanden ist. 9 In China gibt es Legenden, nach denen Männer zu Steinen wurden und aus Steinen Frauen wurden (Shuyi-ji) 10 aus: Unmon Kyōshin Zenji Kōroku, (1076 veröffentlicht) 11 Sanskrit: (Shumi) der indischen Mythologie nach gibt es neun Berge und acht Ozeane auf der Erde, welche die vier Kontinente umgeben, in deren Mitte der Berg Sumeru steht. 12 Bekanntes Koan 13 sechs Mönche zu Zeiten des Buddhas, deren Fehlverhalten in die Einführung von Mönchsregeln mündete 14 nijō, wörtlich: zwei Wägen. Die Lehren der Shrāvakas und Pratyeka- Buddhas. Zwei der drei Wägen, Hīnayāna Buddhismus 15 issui shiken. Asvabhāva (ca.450-530), ein Indischer Buddhistischer Lehrer, sagt in seinem Kommentar von Asanga’s Traktat über das Aufkommen des Mahāyāna: „Es ist wie Wasser, dessen Natur unverändert bleibt. Aber da himmlische Wesen, menschliche Wesen, hungrige Geister und Fische auf Grund vergangenen Karmas nicht die gleiche Wirkung haben, sehen sie alle Wasser unterschiedlich. Himmlische Wesen sehen es als Juwel, Menschen in der Welt sehen es als Wasser, hungrige Geister sehen es als Eiter und Blut und Fische sehen es als Palast. 16 Aus: Dabaoji-jing, eine Mahāyāna Schrift aus dem sechsten Jahrhundert, zusammengetragen von Bodhiruchi 17 Aus: Tongxuan Zhenjing 18 sanzen sekai, Billionen Welten. Wörtlich: dreitausend Welten, was bedeutet: eintausend Mal eintausend Mal „eintausend Welten“. Dieses „Universum“ wird als der Bereich betrachtet, der durch die Lehre eines Buddhas beeinflusst wird. Daher wird dieses Land Buddha Land genannt. 19 Aus: Suvarna Prabhāsottama Sūtra. In Ostasien wurde diese Mahāyāna Schrift oft zum Schutze des Landes rezitiert oder in einem Schrein aufbewahrt 20 godai, die Vier Grossen Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft) plus Raum 21 rokudai, Erde, Wasser, Feuer, Luft, Raum und Bewusstsein 22 Musōten, Sanskrit: Āsamjnika, der Bereich in der Meditation, in der alle geistige Aktivität aufgehört hat 23 Mugen, Sanskrit: Abi, die schlimmste aller Höllen 24 Aus: Lied der Verwirklichung des Weges von Yongjia Xuanjue 25 Aus: Zhuangzi, Kapitel 4 26 Chuanzi Decheng (Sensu Tokujō), ca. achtes bis neuntes Jahrhundert. Übte unter Yaoshan Weiyan für dreißig Jahre, wurde sein Nachfolger. Unter der Verfolgung des Buddhismus durch den Kaiser Wu verkleidete er sich als Fährmann auf dem Fluss Wu in Huating, China und lehrte. Nachdem er seine Nachfolge an Jiasan Shanhui abgegeben hatte, drehte er sein Boot um und verschwand im Fluß. 27 Ikkyōsō, siehe auch: Blaue Felswand, Fall 4. oder Hongzhi’s Leitverse, Fall 4: Der Welthochverehrte ginbg gemeinsam mit seiner Gemeinde. He deutete auf die Erde und sprach: „An diesem Ort sollt ihr einen Tempel bauen“. Dann steckte Indra einen Grashalm in die Erde und sprach: „Ich habe einen Tempel errichtet“. Die versammelte Gemeinde schmunzelte. 28 Shujō, ein langer Wanderstock, der durch einen reisenden Mönch benützt wurde oder der Stab eines Zenlehrers. Symbol für jemanden, der übt und lehrt. 29 Steht oft für eine erleuchtete Person 30 nyoze, die Wahrheit wie sie ist, die Dinge, so wie sie sind
Übersetzung aus dem Originaltext: Kazuaki Tanahashi und Friederike Boissevain, © 2008 |